Erste Apotheken verabschieden sich von der Geschichte, auch die Berliner M-Straße verabschiedet sich von ihrem Credo, Kolonialgeschichte brühwarm zu halten. Doch lauter noch als dieser anti-rassistische Protest ist der Aufschrei gegen eben diesen. Von Identitätsdebatten ist die Rede, die angeblich die Gesellschaft spalten würden; und dann wird heftig für das M-Wort gestritten – oftmals unbeleckt von historischen Fakten: Weil der heilige Mauritius verehrt wurde, könne das M-Wort nicht rassistisch sein? Das ist kein tautologischer, sondern ein paradoxer Zirkelschluss.

Tatsächlich wurde das M-Wort seit seiner frühesten Verwendung niemals anders als abwertend verwendet. Im Laufe der Geschichte diente es immer stärker als rassistischer Dolchstoß, wobei immer mal wieder tendenziell andere geografische Räume, Nuancen von ‚Hautfarbe‘ oder auch religiöse Prägungen gemeint waren. Im Kern aber bezeichnete das M-Wort immer die Anderen, und war dabei niemals wohlwollend, sondern immer despektierlich gemeint.

Schwarz als Farbe des Bösen und Dummen 

Das M-Wort geht auf das griechische Wort „μαυρο“ or „mavro“ zurück. Wortwörtlich ist es als „schwarz, geschwärzt oder verkohlt“ zu übersetzen. Es bezeichnete schwarze Dinge, aber eben auch Schwarze Menschen. In der griechischen und später auch der römischen Literatur finden sich zahlreiche Belege dafür, dass schwarz als Farbe des Bösen, speziell von Geistern und Dämonen (daimōn), die oft auch die Unterwelt repräsentieren, sowie als Farbe von Tod und Kummer steht. Das wiederum war eng mit den Klimatheorien des Aristoteles und anderer griechischer Denker verwoben. Die Sonne würde die Haut schwärzen, aber eben auch verbrennen, verkohlen – und dabei Haare wie Hirne austrocknen.

Diese klimatheoretische Verortung von Schwarzsein steckt etymologisch auch im griechischen Wort Aithiopier als geografisches Label für Afrika ohne Ägypten. Es leitet sich etymologisch von dem Griechischen [aethio] „ich brenne“ und [ops] „das Gesicht“, also „verbranntes Gesicht“ her. Schwarz als Farbe von Haut wird so klimatheoretisch mit ausgetrockneten Haaren und vertrockneten Hirnen zusammengedacht. In dieser Kausalkette rufen schwarz bzw. die etymologische Bedeutung des M-Wortes Assoziationen wie „töricht“ und „dumm“ auf. Zwar finden sich vereinzelt Belege für Konzeptionen von heute als Schwarz gelesenen Figuren als tugendhaft, etwa im Sinne der Treue von Odysseus’ Herold Eurybates. Häufiger werden sie jedoch erotisiert oder als Fruchtbarkeitssymbole stilisiert.

Vor allem aber finden sich in der griechisch-römischen Literatur zahlreiche Belege dafür, dass Schwarze böse [kakoētheian]‚ unzivilisiert [apolitikon], hässlich [aschimos / άσχημος] und unrein [ακάθαρτος / akáthartos] seien. Konkret schlägt sich das auch in dem vermutlich auf Aesop zurückgehenden und bis heute gebräuchlichen Sprichwort zurück, dass es vergebliche Liebesmüh sei, einen Äthiopier/M. zu waschen. Bei ihnen sei eben, so der rassistische Kern des Sprichwortes, Hopfen und Malz verloren: sie seien eben schwarz und als Schwarze all das, was dem aus der rassistischen Perspektive einverleibt ist.

So heißt es etwa auch in Jeremiah 13:23 des Alten Testamentes/der Thora (oft datiert auf 627 bis 587 v.u.Z.): „Kann etwa ein Äthiopier/M. … seine Haut wandeln oder ein Panther seine Flecken?“ Neben Dummheit und Schuld beherbergt das M-Wort zudem bereits im antiken griechischen Kontext, dass Schwarze ‚Barbaren‘ seien und als solche vernunftferne Wesen, die, Werkzeugen gleich, nur zum Sklavendasein dienten.

Mit der Erstarkung des Christentums wurde diese Setzung von Schwarz verfestigt und zwar zunehmend in Absetzung von ‚weiß‘ als farbsymbolischer Reinheit, Schönheit, Tugend und Göttlichkeit. Entsprechend meinte Schwarz nicht nur Afrika, sondern genereller noch fehlendes Christentum und in jederlei Hinsicht durchweg Negatives: Sünde, Schuld, Schande, die Pflicht zur Sühne bei gleichzeitiger Unfähigkeit zur Buße und Moral. All dies wird auch sexualisiert und etwa in Promiskuität übersetzt.

Dabei gibt es etliche Abhandlungen, die mentale und physische Hässlichkeit, oft als Abnormität beschrieben, als zwei Seiten der gleichen Medaille inszenieren. In diesem Zusammenhang entwickelt sich schwarz in der mittelalterlichen Farbsymbolik auch als symbolischer Schauplatz von Schmutz und Dreck – und auch dieses Dogma wird Schwarzen Körpern auf die Haut geschrieben. Dabei wird das antike Sprichwort von der vergeblichen Liebesmüh, einen Äthiopier (in der Regel wird das M-Wort verwendet) zu waschen, auch dahingehend neu gelesen, dass die den Schwarzen/Nicht-Christen einverleibte Schuld nicht abwaschbar sei und folglich auch eine Taufe bei Schwarzen ein vergebliches Unterfangen wäre.

Der heilige Mauritius war ein Märtyrer

Damit komme ich nun zu der vielzitierten Verehrung des heiligen Mauritius: Gemäß der ersten Überlieferung nach Eucherius kommandierte Mauritius die Thebäische Legion, die vornehmlich aus christlichen Soldaten bestand. 302/303 weigerten sie sich, dem Befehl Kaiser Maximilians Folge zu leisten und Christen zu töten. Und obwohl Mauritius Christ gewesen sein könnte, gilt er als M., was darauf schließen lässt, dass er ein Schwarzer war oder eben kein Christ. Geehrt aber wird er, weil er für sich und seine Legion den Tod wählte, um Christen das Leben zu lassen. Und auch, weil Kranke, der Legende nach, an seinem Grab Heilung fanden.

Der heilige Mauritius ist also kein Arzt, sondern ein Märtyrer. Und er wird nicht geehrt, weil er ein M. oder Schwarzer war, sondern weil er für weiße Christen starb und sorgte. So gesehen ist es nicht einmal verwunderlich, dass der ihm gewidmete Ehrenkult, wie er etwa aus sich (auf Mauritius berufenden) M-Apotheken spricht, sich einer rassistischen Terminologie und Visualisierung bedienen.

Diese mittelalterliche Diskriminierung gegenüber Schwarzen und durch das M-Wort spricht auch aus Wolfram von Eschenbachs Epos „Parzival“ (1200-1210). Parzivals Vater Gahmuret verliebt sich in eine Königin, die als M. bezeichnet wird. Als sie schwanger wird, verlässt Gahmuret sie, weil sie Muslimin und schwarz ist. Ihr Sohn Feirefiz kommt schwarz und weiß gescheckt wie eine Elster zur Welt. Und obwohl er Parzivals Gralssuche verstärkt und sich taufen lässt, schickt van Eschenbach ihn dahin zurück, wo er ‚hingehöre‘: in den ‚Orient‘ als geografischem Raum der als M. bezeichneten Gesellschaften.

Rassismen in Werken von „Othello “bis „Struwwelpeter“

In der Frühen Neuzeit bietet Shakespeares „Othello“ (1604) ein Beispiel dafür, dass das M-Wort rassistisch wirkte – und sich die Menschen dieser Wirkung bewusst waren. Als Othello noch hochgeschätzter General ist, reden die weißen Charaktere nur hinter seinem Rücken von ihm als M. In seiner Anwesenheit gebrauchen sie das Wort erst, nachdem er seine Frau Desdemona ermordet hat und sie ihrem Hass keinen Knebel mehr verpassen müssen.

Im Zuge der europäischen Versklavung von Afrikanern, für die Othello ein frühes Beispiel ist, kam die Rede von Schwarzen als ‚Rasse‘ auf. Sie diente auch als ideologisches Schwert der Maafa: aus dem Kiswahili stammend, benennt der Begriff die europäische Versklavung von Afrikanern samt deren Folgewirkungen als Katastrophe, schreckliche Begebenheit und große Tragödie. Im Kontext der Maafa und ihrer ‚Rassentheorien‘ wurde auch das N-Wort geprägt, das stärker noch als das M-Wort zuvor Schwarzsein und Versklavtsein zu einem gemeinsamen Wortsinn verflocht.

Je stärker das System der Maafa wurde und sich die koloniale Praxis in Afrika von der in Asien unterschied, umso mehr wurde Afrika vom (islamischen) ‚Orient‘ und das N-Wort vom (islamisch geprägten) M-Wort abgesetzt. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wuchsen das M- und das N-Wort jedoch wieder zusammen. Das M-Wort bezeichnete asiatische Räume und insbesondere auch den Islam, fand aber auch für Schwarze (aus Afrika) Verwendung und stand als koloniale Metapher für die Überzeugung, dass M. zum Dienen geboren seien. Daran erinnern viele unsägliche Figuren, aber auch Redewendungen wie „Der M. hat seine Schuldigkeit getan, der M. kann gehen“.

Auf den ersten Blick macht Heinrich Hoffmanns „Struwwelpeter“ Hoffnung. Wer über Schwarze lästert, wird bestraft. Allerdings besteht die Strafe darin, dass die lästernden Kinder (die anders als der M. individuelle Namen tragen) „viel schwärzer“ werden als das M.kind. Damit ist der Zirkelschluss zu schwarz als Strafe und Schauplatz des Bösen gezogen. Ideen wie diese bewirkten Gewalt, so etwa in Bayreuth: Ein Schwarzer Mann (es ist nicht überliefert, wer er war und woher er genau kam; und er wurde eben nicht Schwarzer genannt, sondern mit dem ‚M-Wort‘ tituliert) reiste, so die Legende, 1865 durch Bayreuth. Dort wurde er von einem aufgebrachten weißen Mob in den nahe gelegenen Mühlenbach gezerrt und einer Wäsche unterzogen, die auch als Zwangstaufe gelesen werden kann oder zumindest als Lynchexperiment, ob sich seine ‚Haut‘ aufhellen ließe.

Diese Geschichte wohnt dem M-Wort bis heute inne. Und zwar ungebrochen. Ungebrochen deswegen, weil es noch immer mehr Menschen gibt, die für den Erhalt des M-Wortes streiten als jene, die Rassismus beim Namen nennen. Ein Bayreuther Karnevalsverein nennt sich ‚M.wäscher‘, weil er es für eine witzige Anekdote hält, dass weiße Bayreuther glaubten, einen Schwarzen weißwaschen zu können – und empört sich darüber, deswegen für rassistisch gehalten zu werden. Übrigens: Wer auf dem Jakobsweg wandert, beschreitet unter Umständen Pfade, die dem spanischen Schutzpatron Santiago de Matamoros huldigen – Santiago, der M-Töter. 

Susan Arndt ist Sprach- und Literaturwissenschaftlerin an der Universität Bayreuth. Sie veröffentlichte u.a. „Die 101 wichtigsten Fragen. Rassismus“ (München, 2012) sowie „Sexismus. Geschichte einer Unterdrückung“ (München 2020).

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.