Berlin - Jetzt beginnen die großen Winterfeiertage – Weihnachten, Silvester und das alte russische Neujahrsfest im Januar –, die in der russischsprachigen Community in Berlin von großer Bedeutung sind. Ich habe mir dies zum Anlass genommen, um mal zu hinterfragen, ob russischsprachige Menschen in Deutschland tatsächlich so viel mehr Alkohol trinken als der Rest der Gesellschaft. Oder ob das ein Klischee ist.

Als Mensch, der im jungen Alter nach Deutschland aus der Ukraine eingewandert und hier sozialisiert worden ist, aber ständig zwischen der deutschen und russischsprachigen Welt wandert, hatte ich viele Möglichkeiten, vergleichende Beobachtungen anzustellen. Ich habe unzählige Familienfeiern, Hochzeiten und andere Feste im Freundes- und Bekanntenkreis gefeiert.

Es wird sicherlich niemanden überraschen, dass sich das Trinkverhalten von Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion tatsächlich von dem der Deutschen unterscheidet. Meiner Beobachtung nach gibt es drei fundamentale Abweichungen.

Ein ganzer Kasten Bier am Abend?

Erstens trinken russischsprachige Menschen nach wie vor anderen, stärkeren Alkohol als deutsche Mitbürger. Neben dem klassischen Wodka kommen heute viel Whiskey, Rum oder Cognac auf den Tisch. Dabei beobachte ich nicht selten, dass man mittlerweile viel mehr auf die Qualität des Alkohols achtet. Der legendäre Stolichnaya wird gern gegen guten französischen Grey Goose Wodka oder schottischen Whiskey getauscht. Schnaps ist in Deutschland zwar auch ein gängiges Getränk, aber eher als ,,Absacker“ gedacht. Man bevorzugt Kräuterliköre oder mittelstarke Alkohole.

Meine zweite Beobachtung wird manch einen überraschen: Deutsche trinken mehr Alkohol als russischsprachige Menschen – wenn man die Menge in Litern betrachtet. Ich habe selten erlebt, dass bei einem Essen in der russischsprachigen Community ein Kasten Bier oder ein paar Weinflaschen am Abend geleert werden.

Natürlich, beim hochprozentigen Alkohol erreicht man bei geringeren Mengen einen größeren Effekt.  Der deutsche Sänger Hans Rolf Rippert, ein Spandauer, der sich auf der Bühne Ivan Rebroff nannte und über Jahrzehnte russische Lieder in Deutschland sang, formulierte es folgendermaßen: „Wodka macht aus allen Menschen Russen.“

Meine dritte Beobachtung ist, dass sich der kulturelle Aspekt des Trinkens wirklich stark unterscheidet. In der osteuropäischen Tradition ist es praktisch eine Pflicht, vor dem Anstoßen einen Trinkspruch, auf Russisch ,,Toast“, auszusprechen. Darin geht es fast immer um große existenzielle Fragen von Leben und Tod, Liebe und Hass, mindestens aber um Traurigkeit oder Heiterkeit.

Ich habe neulich in der Wodka-Cocktailbar 100 Gramm Bar in Berlin-Mitte einen sehr treffenden Satz gelesen: ,,Wir mögen keine Betrunkenen, wir trauen Nicht-Trinkern nicht.“ Damit wird einem im Vornhinein klar, dass Trinken oft eine Frage der Haltung und nicht nur des Rausches ist.

Weniger Kopfschmerzen, mehr Spaß

Wenn man sich in der Community umhört, werden meine Beobachtungen weitgehend geteilt. Meine Mutter zum Beispiel bevorzugt bei Feiern lieber ein, zwei Gläschen Wodka als Wein. ,,Man hat weniger Kopfschmerzen und mehr Spaß“, erklärt sie mir.

Mein russischer Nachbar Wassiliy sagt mir: ,,Für uns Russen ist Trinken ein Mittel zur Kommunikation. Es schafft Vertrauen.“ Er fügte hinzu, dass ,„der Zustand des Betrunkenseins bei Russen sehr breit definiert ist“ und definitiv nicht an dem Punkt ende, an dem man merkt, dass man betrunken ist. „Im Gegenteil: Ab dort beginnt das wirklich Interessante“, sagt Wassiliy.

In deutschen Freundeskreisen wird der Konsum von Alkohol weniger mit (vermeintlichem) Tiefgang aufgeladen, so scheint es mir. Der Alkohol wird entweder genossen oder eben zum Betrinken genutzt. Der Aspekt, Alkoholkonsum zur Lebensphilosophie zu umdeuten, fehlt. Unser Familienfreund Simon, auch er gehört zur russischsprachigen Welt, kommentierte das deutsche Trinkverhalten etwas abwertend: ,,Die Deutschen trinken nicht. Sie spielen lieber Trinkspiele.“

Ich muss zugeben, dass ich bei russischsprachigen Freunden nie irgendwelche Trinkspiele erlebt habe, höchstens wird mit unterschiedlichen Methoden des Eingießens und Trinkens angegeben.

Zum Glück wird inzwischen in der russischsprachigen Community insgesamt weniger Alkohol getrunken als noch vor einigen Jahren. Zum einen orientieren sich die Menschen wohl an Putins erfolgreicher Anti-Alkohol-Kampagne, zum anderen achtet man mehr auf die Gesundheit. In Russland selbst gibt es immer noch viele Menschen, die an den Folgen ihres Alkoholkonsums sterben, was oft mit gepanschtem Alkohol zu erklären ist. Ausnahmslos jede russische Marke hat eine in Russland verkaufte und eine Export-Version, die um einiges besser ist.

Der russische Regisseur Ilja Chrschanowski urteilt über den Alkoholkonsum der jungen Generation im Vergleich zur Sowjetunion folgendermaßen: „Alkohol und Sex, das waren die einzigen Möglichkeiten, sich frei zu fühlen. Die junge Generation trinkt kaum noch, sie macht Yoga.“

Was aber nach wie vor bei den wenigsten auf Ablehnung stoßen wird, sind 100 Gramm Wodka, umgerechnet 100 ml. Diese Größe entstand an der Front im Zweiten Weltkrieg, als offizielles Maß, welches an Soldaten der Roten Armee seitens der Armeeführung zumeist vor Attacken ausgegeben wurde. Zwar hat man das nach dem siegreichen Ende des Krieges eingestellt. Dennoch bleiben die ,,Frontowije 100 Gramm“ in guter Erinnerung.

Der Autor Michael Groys stammt aus einer jüdisch-ukrainischen Familie und lebt seit seiner Kindheit in Deutschland. Er arbeitet als Politikberater in Berlin.

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