Wollte als Jugendlicher gern ein Punk sein: Edgar Rolfs.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinSeine Visitenkarte krönt ein Pop-Art-Relief des Gesichts von Mick Jagger. Allen Ginsbergs Ausspruch „Formschöne Kunst gleich formschöner Geist“ ist sein Motto. Zu seinen Vorbildern gehört der Autor, Dichter, Komponist und Musiker Captain Beefheart. Und seine Arbeiten fallen in Wohnungen, aber auch schon in öffentlichen Räumen auf.

In Prenzlauer Berg wohnt und lebt ein Kunstamateur, der im Pop-Art-Stil mittels Laser und CNC-Technik nach digitalen Entwürfen die Antlitze von Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Politik, aber auf Wunsch auch von Angehörigen und Freunden formt: Edgar Rolfs, 52 Jahre, gebürtiger Rostocker mit einer bewegten und bewegenden Laufbahn. Ich habe seine Bilder bei Facebook gesehen und ihn um ein Interview gebeten.

In seiner Wohnung nahe der Prenzlauer Allee macht er die ersten Handgriffe für seine Werke: Porträtfotos sind der Ausgangspunkt für den digitalen Entwurf auf dem Computer. In einer Werkstatt in Berlin und auch in seinem Refugium auf Rügen, in einem Atelier, das ihm ein guter Freund auf dessen Grundstück in einem ehemaligen Stall ausbaute, wird das Motiv gelasert und CNC-gefräst. Hunderte Einzelteile werden zu einem Mosaikrelief zu einem Gesicht oder ganzen Kopf zusammengefügt und mit coloriert. Eine Heidenarbeit nennt Rolfs die mit sehr viel Mühe und großem Zeitaufwand entstehenden Bilder. Weiterentwickelt hat er sein Schaffen durch vielteilige Glaspuzzles, zuvor auf Folie über einem Leuchttisch fixiert und mit feinen Keramiksägen zugeschnitten. Entstanden sind bisher Dutzende Wandbilder in der Größe von 90 x 90 cm, aber auch ganzflächige Türenbilder.

Lang ist die Liste der von Edgar Rolfs geschaffenen Gesichter: Die von David Bowie und Andy Warhol gehören dazu, aber auch von Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt, Nikola Tesla oder dem Soziologen Wilhelm Reich. Das Café Suzie Mambo in der Veteranenstraße schmückt sein Porträt der französischen Schauspielerin Béatrice Dalle. Seine erste Ausstellung im Galerie-Café Spinner und Weber in der Brüsseler Straße wird im Oktober eröffnet.

Edgar Rolfs: Aphex Twin.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Edgar Rolfs' Weg zum Künstlerischen war lang. 1967 wurde er in der Rostocker Kröpeliner-Tor-Vorstadt geboren, der Vater war Funkmechaniker, die Mutter wurde mit ihrer Mannschaft SC Empor Rostock zweimal DDR-Meister im Handball. Schon als Schüler der Rosa-Luxemburg-Schule träumte Edgar Rolfs davon, über die Weltmeere zu fahren und zu tauchen wie der französische Meeresforscher Jacques Yves Cousteau in den Filmen des DDR-Fernsehens. In der 8. Klasse begeisterten ihn die Songs der Neuen Deutschen Welle, er ließ sich zusammen mit weiteren Schulkameraden Igelfrisuren schneiden, legte Jazz-Schallplatten sowie Bob Dylan und Pink Floyd aus Vaters Sammlung auf. „Einen tiefen Eindruck hinterließ bei mir damals der sensationelle DEFA-Film ‚Bockshorn‘ über Punks in der DDR, so einer wollte auch ich werden“, gesteht Rolfs.

Aber zunächst musste 1984 für ihn eine Lehrstelle gesucht werden. Er fand sie beim VEB Geodäsie und Kartographie Schwerin, um zum Vermessungstechniker ausgebildet zu werden. „Das war zwar nicht mein Traumberuf, aber ich wollte draußen an der frischen Luft sein. Und so habe ich nach der Facharbeiterprüfung sogar den Überseehafen Rostock mit vermessen.“ Bald aber meldete sich die Nationale Volksarmee, „die für mich ein echter Alptraum war, obwohl ich einer Kompanie zur Vermessung und Kartographie zugeteilt wurde“, sagt er heute. Danach wollte er nicht mehr in seinen Beruf zurück, sondern half zunächst fast ein Jahr lang in einem Rostocker Gemüseladen, wo er registrierte, wie und an wen die knappen Bananenlieferungen verteilt wurden. Zugleich gehörte er – noch zu DDR-Zeiten - zu den ersten Hausbesetzern der Hafenstadt.

Im Frühjahr 1989 fuhr Edgar Rolfs „zum Urlaub machen“ mit Freunden nach Bulgarien. Am Schwarzmeerstrand erreichten ihn erste Berichte über gelungene Fluchten über Ungarn nach Österreich. Er trennte sich von der Reisegruppe und fuhr mit dem Zug durch Rumänien nach Ungarn. „Durch einen glücklichen Zufall lernte ich in Szeged den Intendanten des Nationaltheaters kennen, arbeitete mit an seinem Haus und verteilte Programmflyer“, erinnert er sich.

Nach einigen Wochen aber fand er keine Ruhe mehr. „Mit einem großen Stück Speck und Brot irrte ich durch Orte, Wälder und Felder, peilte unter dem Nordstern die österreichische Grenze an. Die letzte Strecke führte mich in der Nacht durch Mais- und Gemüsefelder. Aus der Ferne hörte ich Schüsse, hin und wieder Rufe. Vor mir am Horizont Lichter einer Siedlung und plötzlich Stacheldrahtzaun, zu meiner Überraschung durchlöchert. Zitternd und schwitzend schlängelte ich mich hindurch. Ich bildete mir ein, dass plötzlich schon alles anders aussieht, anders riecht. Stracks lief ich auf die Lichter zu, in einen kleinen Ort am Neusiedlersee. Auf dem ersten Straßenschild, das ich entdeckte, stand ausgerechnet Friedhofsgasse. In einer hell erleuchteten Kneipe gab es eine erste Zigarette und Leute, die wissen wollten, woher der verschmutzte, durchgeschwitzte Mann mit einem Brustbeutel kam“, erinnert sich Edgar Rolfs ganz genau. Am nächsten Tag Befragung durch Polizisten und eine Fahrkarte über Wien zum Flüchtlingsheim im hessischen Gießen. Eine neue Welt, ein neues Leben.

Noch 1989 bekam der Umsiedler in Hamburg nach einigen Wochen im Seemannsheim Krayenkamp eine Wohnung und eine Arbeit in einer Druckerei. Das Hauptprodukt waren Werbemittel durch Siebdruck. „Dieses Druckverfahren reizte mich schon Jahre zuvor durch die Erfindung der Pop-Art durch Andy Warhol“. Edgar Rolfs war nun in der Heimatstadt seiner inzwischen verstorbenen Urgroßeltern väterlicherseits, einer kommunistischen Familie, angekommen. Fünf Jahre blieb er an der Alster, 1994 zog es ihn an die Rostocker Warnow zurück. „Zuhause fand ich einen für mich idealen Job auf der MS Stubnitz, einem ehemaligen Kühlschiff der DDR-Hochsee-Fischfangflotte, das zu einem Kulturschiff für die verschiedenartigsten Events und Discos umgebaut wurde. Unter anderem habe ich dort für die Besucher T-Shirts mit maritimen Motiven des Stahl-Haute-Couture-Labels bedruckt.“

1998 packte den Rastlosen erneut der Wunsch, durchzustarten und seine künstlerischen und technischen Erfahrungen in einem für ihn neuen Projekt zu vereinen: Pop-Art und CNC-and-Lasercut. Und zwar in Berlin, der Heimat unzähliger Künstler und Kunstschaffender. Sein finanzielles Standbein fand er bei einer Kreuzberger Textildruckfirma, wo er T-Shirts bedruckte. Danach verdiente er sein Geld in Firmen für Solaranlagen und Messebau.

Senkrecht im Gegenlicht: Edgar Rolfs.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Doch ein familiärer Schicksalsschlag, bei dem sein achtjähriger Sohn Juri schwer erkrankte, bremste seine Pläne. Dem Hospiz „Sonnenhof“, in dem der Junge acht Jahre später im März 2020 starb, schenkte er sein erstes Kunstwerk, ein Porträt des amerikanischen Sängers und Gitarristen der Kultband Nirvana, Kurt Cobain - eine autodidaktische klassische Mosaikarbeit aus selbstgebrannter Keramik, für die er länger als ein halbes Jahr gebraucht hatte.

Inzwischen widmete Rolfs drei Viertel seines Lebens den Pop-Art-Bildern, hat er ausgerechnet. Er entwirft sie, fräst, schneidet, sägt und coloriert. Dabei ist ihm wichtig, nicht nur Prominente zu verewigen, sondern auch Menschen des Alltags wie du und ich.

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