Berlin - Zum Fundament einer lebendigen und pluralistischen Demokratie gehört eine lebendige Debattenkultur, so wie Bier zum Fußball. Ist das nicht eine total männlich dominierte Perspektive? Es würde mich nicht wundern, wenn über diese Frage eine weitaus größere Diskussion losbrechen würde als über die eigentliche Aussage des ersten Satzes, also über die Bedeutung einer offenen, toleranten, unvoreingenommenen Rede- und Streitkultur.

Damit wären wir mitten im Thema der verschobenen und in Teilen absurden Debatten hierzulande.

Wir diskutieren oft über Nichtigkeiten und Befindlichkeiten anstatt über wirklich fundamentale Richtungsfragen unserer Gesellschaft. Jemand hat einen falschen Halbsatz gesagt, also kommt eine Welle von Empörung auf, schwillt an, meistens digital. Bald diskutiert das halbe Land den Halbsatz. Gleichzeitig werden anderswo Fakten umgedeutet, gar geleugnet, ohne dass es jemanden interessiert. Die Holocaustleugnung, die man an vielen Stellen im Internet findet, ist nur eins von vielen Beispielen.

Politisch korrekt oder vollkommen irre

Das Erstarken der Rechtspopulisten hat diesen Trend befeuert, aber sicherlich nicht hervorgebracht. Die Philosophin Hannah Arendt bemerkte das Phänomen bei den Deutschen schon im Jahr 1950: „Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt jedoch in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen.“

Die Ursache dafür heute ist aus meiner Sicht eine zum einen fragile und zum anderen unehrliche Gesellschaft. Unschöne Realitäten und unangenehme Wahrheiten werden kollektiv verklausuliert, relativiert oder verdreht. Die hebräische Redewendung beschreibt es ganz treffend mit der humoristischen Aussage: ,,Eine halbe Wahrheit ist eine ganze Lüge.“

Es zieht sich wie ein roter Faden durch unzählige Debattenbeiträge, ob sie sich mit der Gedenkpolitik befassen, mit Fragen der Antidiskriminierung oder Gendergerechtigkeit, dem Thema des sozialen Aufstiegs. Meine vorsichtige Beobachtung ist, dass Wahrheiten, in einer angemessenen Form ausgesprochen, nicht unbedingt gewollt sind.

Stattdessen liest und hört man mehrheitlich entweder Beiträge, deren Ton und Inhalt als Political Correctness benannt werden können – oder die sich in entgegengesetzter Richtung vollkommen in der Tonalität vergreifen und in den Irrsinn abwandern. Viele Menschen geben bereits Gesagtes wieder, ohne einen Funken eigener Gedanken beizutragen. Andere wiederum haben sich in einer gedanklichen Parallelwelt eingerichtet, die auf falschen Grundannahmen und auf Gefühlslagen anstelle von Fakten basiert.

Beide Phänomene haben sich in den beiden Pandemiejahren verschärft und lassen die verängstigte Gesellschaft weiter auseinandertreiben. Dabei würde allen Beteiligten geholfen sein, wenn darüber Einigkeit herrschen würde, worüber man jeweils eigentlich diskutiert und was die roten Linien sind. Im Kindergarten lernt man auch Spielregeln. Sie würden sich auch für Diskussionen unter Erwachsenen empfehlen.

Ungeschönte Wahrheiten im Osten

Ich komme aus einer härteren und unangenehmeren, aber dafür ehrlicheren Gesellschaft. Im postsowjetischen Raum wird einem die Wahrheit ins Gesicht geworfen, grob und nicht verschönert. Der amerikanische Bestsellerautor Mark Manson, der sehr erfolgreiche Selbsthilfebücher verfasst, beschreibt seine Bewunderung für die ungeschönte Wahrheit, die ihm erst nach vielen Jahren Selbstfindung und Reflexion erst in St. Petersburg widerfahren ist.

Ich bin damit aufgewachsen und vermisse sie hierzulande. Übrigens haben viele Ostdeutsche eine ähnliche Haltung, wo das Leben einfacher und ehrlicher gesehen wird. Diese Mentalität war vor allem einem verlogenen System der kommunistischen Staaten geschuldet, in dem man sich eben auf Menschen, Loyalitäten und ja, Ehrlichkeit verlassen musste, um zu leben oder zu überleben. Das ist bis heute geblieben.

Hinter der schönen und partizipativen Fassade der Bundesrepublik liegen unüberwindbare Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten. Es ist kaum möglich, Debatten darüber ehrlich zu führen, so, dass sich alle mitgenommen fühlen. Wiederrum scheinen sich viele Intellektuelle in einer inneren Migration zu befinden oder sind einfach nicht bemerkbar.

Bei den meisten Themen dominiert ein aufgebrachter digitaler Mob, der sich mit seinesgleichen sehr wohl fühlt und keinen Schritt auf die jeweils andere Seite zugeht. Weil es grundsätzlich einfacher ist, übereinander herzuziehen, als miteinander zu reden, und das noch auf einer Plattform wie Twitter.

Ich persönlich versuche, die sozialen Netzwerke dazu zu nutzen, die Debattenvielfalt zu befördern und Räume zu schaffen, mit Regeln, in denen sich unterschiedliche Menschen austauschen und auch streiten sollen. Das vermisse ich auf einem übergeordneten Niveau sehr.

Gleichzeitig fehlt es mir an moralischen Instanzen, an Personen, deren Urteil von allen Seiten akzeptiert und respektiert wird. Dabei sehne ich mich nicht nach einem autoritären Geist, der Meinungen festlegt, sondern einem gesellschaftlichen Anker oder Kompass. Früher erfüllten Menschen wie Ignatz Bubis, Marcel Reich-Ranicki oder auch Helmut Schmidt eine solche Rolle, um einige wenige zu nennen.

Sie haben ihre Positionen noch in mehreren Sätzen, in Reden erklärt, nicht in abgehackten Tweets. Wir werden die Pandemie überwinden, auch andere Krisen und Probleme, dennoch erscheint mir die Zukunft düster, wenn gesellschaftliche Debatten weiter so verkürzt und verhärtet verlaufen wie heute.

Der Autor Michael Groys stammt aus einer jüdisch-ukrainischen Familie und lebt seit seiner Kindheit in Deutschland. Er arbeitet als Politikberater in Berlin.

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