Selten wurde Weltpolitik mit so viel Comedy betrieben. Das lag an dem umtriebigen, kauzigen und oft selbstherrlichen Botschafter der Sowjetunion, Pjotr Abrassimov, dessen Ablösung Erich Honecker in Moskau gleich nach Abschluss des neuen Viermächteabkommens über Berlin erwirkte.

Bei den Verhandlungen, die im März 1970 begannen und vor 50 Jahren, am 3. September 1971, endeten, hatte der bis dahin mächtigste Deutschland-Experte des Kreml eine ebenso maßgebliche wie schillernd-erheiternde Rolle gespielt. Regelmäßig – zuweilen Woche für Woche – trafen sich die Deutschland-Botschafter der vier Siegermächte des Zweiten Weltkrieges im ehemaligen Alliierten Kontrollratsgebäude an der Potsdamer Straße, davor Sitz des Berliner Kammergerichts und im August 1944 Schauplatz von Freislers Volksgerichtshof im Verfahren gegen Widerständler vom 20. Juli.

Wenn die Limousinen der vier Diplomaten vorfuhren, sprang der quirlige Abrassimov stets als einer der Ersten aus dem Wagen, fröhlich das Heer der Fotografen, Kameraleute und Reporter grüßend. Wir alle, die da versammelt waren und auf Neuigkeiten warteten, dachten, bei derart guter Laune könne nichts schiefgehen. Für Abrassimov, den US-Unterhändler Kenneth Rush als antiwestlichen Hardliner einstufte, war ganz Berlin die Hauptstadt der DDR und es galt, West-Berlin von der Bundesrepublik abzutrennen.

Viermächteabkommen beschrieb Abrassimov mit deutschen Sprichwörtern

Solcherlei Meinungsverschiedenheiten kleidete Abrassimov dann beim Verlassen des Verhandlungsgebäudes in deutsche Spruchweisheiten. Mit der Zeit und der zunehmenden Dauer der Verhandlungen hatten wir uns ein gewisses Ritual angewöhnt. Wenn er nach einer Verhandlungsrunde durch das Summen im Gewühl der drängelnden Reporterkollegen schritt, hielt ich ihm das Mikrofon hin und er reagierte für die deutschen Fernsehanstalten mit einem Spruch aus dem Land der Dichter und Denker, das er seit dem „Vaterländischen Krieg“ weitgehend verachtete. So zitierte er in der schwierigen Phase der Verhandlungen mit freundlicher Miene kurz Eugen Roth: „Keine Rose ohne Dornen!“ Sprach’s und entschwand.

Sicher hatte ihm Valentin Falin, Sowjetbotschafter in Bonn und Abrassimovs ständiger Berater bei diesen Verhandlungen, solche Sprüche nicht mit auf den Weg gegeben. Die Charaktere zwischen dem Bauernsohn und einstigen Partisanenkämpfer Abrassimov und dem Germanisten und Buchautor Falin konnten unterschiedlicher nicht sein. Falin war der zurückhaltende Diplomat und geschätzte Gesprächspartner von Willy Brandt und Egon Bahr, der ihm nach dem Zerfall der Sowjetunion einen Wohnsitz in der Nähe von Hamburg und eine Beschäftigung am dortigen Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik verschaffte.

Abrassimov liebte in der Politik die harte, aber ebenso die komödiantische Gangart. Oft musste er sich in Diplomatenkreisen für seine Formulierungen entschuldigen oder beleidigende Passagen in seinen Redemanuskripten – wenn er sie höheren Stellen vorzulegen hatte – vorab streichen.

Bei den Viermächte-Verhandlungen 1970/71 in Berlin ging es den Westmächten um die Sicherheit West-Berlins und den ungeminderten Erhalt ihrer militärischen Präsenz. Dafür musste die Zugehörigkeit des Westteils der Stadt zum Wirtschafts-, Rechts- und Gesellschaftssystem der Bundesrepublik Deutschland garantiert werden.

Die Sowjetunion bestand darauf, dass Bonn seine politischen Aktivitäten in West-Berlin einschränkte. Beispielhaft war sogleich die Gründung des Umweltbundesamtes mit Sitz in Berlin-Grunewald am Bismarckplatz. Es sollte zunächst „Bundesumweltamt“ heißen. Auf östlichen Protest wurde der Name einvernehmlich in „Umweltbundesamt“ geändert, was bis heute beibehalten wurde.

Letzter Auftritt in Berlin: „Ende gut – alles gut“

Noch einmal hatte Pjotr Abrassimov dann im Sommer 1971 vor dem Kontrollratsgebäude einen kabarettreifen Auftritt. Bevor er als Botschafter aus Berlin abberufen wurde, um in dieser Funktion nach Paris zu gehen und 1975 in die DDR zurückzukehren, konnte er entspannt vor das Reporterheer treten und mit seinem breiten Lächeln ins Mikrofon schnurren: „Ende gut – alles gut!“ Mit der Unterzeichnung des Schlussprotokolls trat das Viermächteabkommen am 3. Juni 1972 in Kraft und war bis zum 3. Oktober 1990 – dem Tag der Deutschen Einheit – ein hilfreiches und verlässliches Dokument. Im Jahr 1971 wurde ein Transitabkommen zwischen der Bundesrepublik und der DDR vereinbart. 1972 kam es zum Grundlagenvertrag zwischen beiden deutschen Staaten. Der Entspannungsprozess und Brandts „Neue Ostpolitik“ nahmen ihren Lauf, 1970 markant eingeleitet durch den Moskauer und den Warschauer Vertrag. Dass Walter Ulbricht am 3. Mai 1971 seinen Rücktritt von nahezu allen Ämtern erklärte, wurde in diesem Zusammenhang damals von politischen Beobachtern lediglich als Marginalie bewertet.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.