Berlin - Es ist die zweite Freundin, die ich zu verlieren scheine. Auch sie lässt sich nicht impfen. Seit zwanzig Jahren kennen wir uns. Andrea* und ich sind zusammen zur Schule gegangen. Im letzten Herbst trafen wir uns noch zum Spaziergang mit Abstand und der gleichen Meinung zu Corona: Das ist furchtbar, wir schützen uns so gut es geht. Ich erinnere mich nicht, ob wir damals schon über die Impfung sprachen.

Vielleicht hat Andrea das Thema damals schon ausgespart. Sie kennt mich gut. Sie weiß, dass ich meine Sicht der Dinge vehement vertrete, wenn ich davon überzeugt bin. Und wenn ich von einer Sache überzeugt bin, dann ist es die Impfung gegen das Coronavirus. Ich bin eine Frau der Logik und des Verstandes. Alle bisherigen seriösen Studien sprechen für die Wirkung des Impfstoffs. Es geht auch nicht um eine Meinung, sondern um Fakten.

Laut Statistischem Bundesamt gehört Andrea zu den 34,4 Prozent der Bevölkerung in Deutschland, die noch keine Corona-Impfung erhalten haben. Anfang September waren 65,6 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal geimpft. Durchgeimpft waren 61 Prozent. Aber das Robert-Koch-Institut gibt an, dass es eine Impfquote von mindestens 85 Prozent der 12–59-Jährigen und mindestens 90 Prozent der über 60-Jährigen braucht, um einen Gemeinschaftsschutz zu erreichen. Denn auch darum geht es beim Impfen: Ich schütze nicht nur mich selbst, sondern andere, vor allem Menschen, die sich nicht impfen lassen können. Impfen hat für mich eine gesellschaftliche Dimension. So weit meine Meinung.

Was sagt jemand vom Ethikrat dazu?

Ich spreche mit jemanden, der sich mit ethischen Fragen auskennt. Professor Andreas Lob-Hüdepohl ist Mitglied des Deutschen Ethikrates. Er erklärt mir: „Die Entscheidung für oder gegen die Impfung ist auch eine Gewissensentscheidung, die andere letztlich zu respektieren haben.“ Aber bei einer Gewissensentscheidung müssten auch Fragen nach Gerechtigkeit, Fragen der Solidarität mit einbezogen werden. In Deutschland gäbe es 4,7 Millionen Menschen unter 12 Jahren, die sich nicht impfen lassen können. „Das ist eine große Gruppe, die wir nicht aus den Augen verlieren dürfen.“

Er kritisiert, dass es in der öffentlichen Diskussion meist um die angebliche Harmlosigkeit der Folgen einer Covid-Erkrankung für Kinder geht. „Wir wissen nicht genug über Long-Covid bei Kindern. Was wir mittlerweile wissen, ist die dramatische Folge für die Gesundheit von Kindern durch Isolation.“ Das Thema kenne ich gut. Ich habe im ersten Lockdown meine zweite Tochter bekommen. In meiner Elternzeit beobachte ich vom Sofa aus, wie das Land in den Lockdown ging. Wieder und wieder. Meine große Tochter war monatelang nicht in der Kita. Jetzt geht sie in die Schule und ich habe Bauchschmerzen dabei. Aber Kinder brauchen Kinder. Sie war so lange zu Hause. Auch der Einjährigen tut die Kita so gut.

Die Erzieherinnen und Erzieher dort sind alle durchgeimpft, das beruhigt mich ein wenig. Ob die Lehrerinnen in der Schule und die Hort-Erzieher meiner großen Tochter geimpft sind, weiß ich nicht. Dass die Bundesregierung es als Erfolg feiert, dass Mitarbeitende in diesen Bereichen ihren Impfstatus offenlegen müssen, finde ich unverschämt. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich für eine Impfpflicht bin – mindestens für die Berufe, in denen es Kontakte zu besonders gefährdeten Personengruppen gibt: Kinder, pflegebedürftige Menschen, Menschen mit Behinderung.

Zehn Prozent lehnen die Impfung komplett ab

Meine Freundin Andrea ist auch Grundschullehrerin. Ob die Eltern ihrer Schüler wissen, dass die Lehrerin ihres Kindes nicht geimpft ist? Warum meine Freundin sich nicht impfen lässt, will sie mir nicht erklären. Sie schreibt mir, ihre Entscheidung habe gewichtige Gründe. Sie freue sich, wenn sich andere impfen lassen und sie lasse sich regelmäßig testen.

Die Cosmo-Studie der Universität Erfurt betrachtet regelmäßig in einer Befragung die Einstellungen in der Gesellschaft zu Corona-Schutzmaßnahmen. Aus der Auswertung vom Juli 2021 ergibt sich, dass zehn Prozent der Befragten die Impfung komplett ablehnen. Und tatsächlich gibt es die Haltung meiner Freundin Andrea oft: „Wenn alle gegen Covid-19 geimpft sind, brauche ich mich nicht auch noch impfen lassen“, beschreibt es die Cosmo-Studie.

Andreas Lob-Hüdepohl hält die Argumente der Impfgegner nach seinen Kriterien von Solidarität und Gerechtigkeit für falsch. „Wenn wir uns als Gesellschaft abweichende Entscheidungen nicht leisten können, weil sie für andere hochgefährlich sind, dann müssen wir eine gesetzlich verbriefte Impfpflicht einführen.“ Dabei sei entscheidend, welche Durchimpfungsrate gebraucht werde. Jetzt stehe an, zu schauen, ob die Impfbereitschaft der Bevölkerung ausreiche, um eine solche Durchimpfungsrate zu bekommen oder eben nicht. 

Kann sich der Freundeskreis noch treffen?

Meine Freundin Andreas schreibt mir, sie sei keine Impfgegnerin und trage keinen Aluhut. Ja, die Verschwörungserzähler. Da will keiner dazugehören. Aber sind es nicht Falschinformationen der Verschwörungstheoretiker, die zur Impfskepsis beitragen. Ich schildere den Fall Tobias Meilicke. Er leitet die Beratungsstelle veritas für Betroffene von Verschwörungserzählungen in Berlin. Er erklärt mir: „Erst einmal sieht es nicht so aus, als sei ihre Freundin eine Verschwörungsgläubige. Wenn sie aktiv sagt, sie begrüße es, wenn sich Menschen impfen lassen, dann steht da keine Todesangst dahinter.“

Ich erfahre, dass verschwörungsgläubige Menschen den Drang haben, Menschen von ihrer Meinung zu überzeugen. Das ist bei dieser Freundin nicht der Fall. Bei uns steht ein Treffen im alten Freundeskreis der Schule an. Alle außer Andrea sind geimpft. Was mache ich jetzt? Ich will meine ungeimpften Kinder dieser Gefahr nicht aussetzen. Und will ich überhaupt mit einer Freundin zu tun haben, die über die für mich existenzielle Frage des Impfens gar nicht sprechen will? Sie wünsche sich einfach nur Akzeptanz, schreibt Andrea und sagt ihre Teilnahme am Treffen des Freundeskreises ab.

Als mir das erste Mal eine Freundin sagte, sie lasse sich nicht impfen, war für mich klar: Das kann ich nicht einfach so hinnehmen. Ich habe sofort recherchiert und Manuela* eine lange Mail mit Fakten geschickt. Manuela* glaubt, dass eine Impfung bei ihr und ihrem Freund negativen Einfluss auf ihre Familienplanung habe. Ich habe deshalb rausgesucht, was die Bundesregierung und der Verband der Gynäkologen und Geburtsmediziner dazu sagen. Die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) ist ebenfalls klar: Frauen mit Kinderwunsch sollten sich dringend impfen lassen, ist doch eine Corona-Infektion für Schwangere eine große Gefahr. Mittlerweile empfiehlt die Stiko sogar eine Impfung für Schwangere.

Erst mal fragen, was der andere denkt

Dieser Versuch, mit möglichst vielen Fakten zu überzeugen, war der völlig falsche Weg, erklärt mir Tobias Meilicke aus der Beratungsstelle. „Grundsätzlich ist das keine schöne Art, ins Gespräch zu kommen. So, ich erkläre euch jetzt mal die Welt, hat schon etwas Herablassendes.“ Er empfiehlt erst einmal ein Gespräch zu führen und zu fragen: Was sind deine Bedenken? Was sind deine Quellen? Und anschließend die eigene Sicht der Dinge und die eigenen Quellen zu nennen. „Wenn Ihre Freundin zu den Verschwörungsgläubigen gehört, dann sind Fakten aber nicht der Weg. Da kommen Sie nicht zusammen.“ Menschen, die Verschwörungserzählungen glauben und teilen, hätten ein „geschlossenes Weltbild“.

Meine Freundin Melanie hat mir eine lange Mail geschrieben. Darin erklärt sie, dass die Impfstoffe nicht genügend erforscht seien, gerade in Bezug auf die Familienplanung. Außerdem seien die Vorteile der Impfung nicht klar zu belegen. Auch Melanies Begründung kommt laut Cosmo-Studie vermehrt vor. Ungeimpfte schätzen die Effektivität einer Impfung höchstenfalls auf knapp 50 % ein, Geimpfte dagegen auf höchstenfalls 75 %. Melanie beschreibt, wie verschiedene medizinische Fachkräfte inklusive ihres Hausarztes von einer Impfung abgeraten haben. Wie dieser Hausarzt heißt, will sie mir nicht verraten. Und sie kritisiert, dass wir, die Geimpften, unsere Mitmenschen zu Außenseitern machten und sie stigmatisierten. 

Es geht darum, im Gespräch zu bleiben

Ihre Antwort zeigt mir: Menschen, die sich nicht impfen lassen, stehen mehr und mehr unter Druck. Tobias Meilicke aus der Beratungsstelle erklärt mir: Das Ziel eines Gesprächs sollte nicht sein, dass das Gegenüber sich impfen lässt. „Zumindest nicht sofort“, erklärt Tobias Meilicke. „Es geht vielmehr darum, im Gespräch zu bleiben.“ Denn wenn die betroffene Person eines Tages doch den Ausstieg aus den Verschwörungserzählungen sucht, braucht sie Freunde. Ich frage Andreas Lob-Hüdepohl vom Ethikrat, ob er eine Spaltung der Gesellschaft befürchtet. „Es wird an der Debatte über Impfen deutlich, wie sehr die Gesellschaft gespalten ist. Das bricht jetzt auf“, sagt er. Diese Sätze helfen mir.

Meine beiden Freundinnen und mich hat schon immer etwas getrennt. Die Überzeugung, dass Studien glaubwürdiger sind, als das, was ein Heilpraktiker oder eine befreundete Pflegerin sagen, vielleicht. Vielleicht auch die, dass Gerechtigkeit und Solidarität zu den höchsten Gütern zählen. Ich habe gelernt, dass jede und jeder einen eigenen Weg finden muss, mit ungeimpften Menschen umzugehen. Es hilft, das Gespräch suchen, Zuhören, Fragen stellen. Und dann die eigene Meinung zu sagen. Das würde ich beim nächsten Mal auch wieder machen – nachdem ich mehr über die Beweggründe erfahren habe.

*Namen geändert

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin in Berlin. Zu Beginn der Corona-Pandemie war sie Sprecherin der Berliner Gesundheitssenatorin.

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