Kinder bekommen, sich selbst verwirklichen: Wie soll das gehen?

Kinder passen nicht in ihr Leben, findet unsere Autorin, 23 Jahre alt. Wird sich das je ändern? Und wie geht es anderen aus ihrer Generation?

Eine Mutter im Berufsleben – wie soll das funktionieren?
Eine Mutter im Berufsleben – wie soll das funktionieren?imago/Sven Hagolani

Seit ich klein war, wollte ich immer Kinder haben. Ich bin mit drei Geschwistern aufgewachsen und für mich stand fest: mindestens zwei Kinder werden es, am besten sogar drei. Mit 23 Jahren sehe ich das ein bisschen anders, und während ich mir vor drei Jahren eine Mutterschaft total gut vorstellen konnte, kommen mir jetzt Zweifel. Woher weiß ich, ob ich wirklich Kinder bekommen möchte?

In meinem näheren Umfeld hat tatsächlich noch niemand Kinder, dabei geht mein Freund:innenkreis bis über 30 Jahre. Mit Anfang 20 beschäftigte ich mich viel mit Kindern, folgte einigen Mama-Influencer:innen, fand alle Babys süß und konnte es kaum erwarten, selbst Kinder zu bekommen. Während ich mir eine Schwangerschaft schon immer als absolutes Wunder vorstellte, ist das jetzt etwas, wovor ich sehr großen Respekt habe.

Aktuell passen Kinder in mein Leben so gut wie ein Job als Mathematikerin – nämlich gar nicht (ich kann absolut nicht mit Zahlen). Eine Schwangerschaft sehe ich immer noch als etwas ganz Besonderes, aber nicht für mich. Stattdessen frage ich mich, warum ausgerechnet ich, zumindest in einer heterosexuellen Beziehung, wie ich sie führe, das Kind austragen muss. Der Körper verändert sich in einer Schwangerschaft, zehn Monate lebt man unter Einschränkungen, hat im schlimmsten Fall mit Übelkeit und anderen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen und muss seinen Körper teilen. Und danach ist nichts mehr, wie es war.

Trotzdem gab es im März 2021 laut dem Statistischen Bundesamt 65.903 Geburten, das ist der höchste Wert seit 20 Jahren. Mehr als 65.000 Geburten habe es zuletzt im Jahr 1998 gegeben. Das Nachwuchskriegen kann also gar nicht so schlecht sein. Doch nicht nur meine oberflächigen Ängste von Veränderungen des Körpers sprechen gegen Kinder, auch berufliche Sorgen mischen sich in meine Überlegungen. Ich bin erst 23 Jahre alt, habe einen Bachelor abgeschlossen, stecke mitten in einem Volontariat und meine Karriere somit noch in den Kinderschuhen. Zum aktuellen Zeitpunkt kann ich noch nicht abschätzen, wann ich beruflich da bin, wo ich sein möchte.

Eine Mutter im Berufsleben – wie soll das funktionieren?

Allerdings müsste davor erst mal die Frage geklärt werden, wo ich überhaupt landen möchte. Inwieweit Kinder diesen Weg beeinflussen würden, beschäftigt mich sehr. Familie und berufliche Verwirklichung zu vereinbaren ist ein großes Thema, gerade für Frauen. Zwei Drittel aller erwerbstätigen Mütter stecken beruflich zurück und arbeiten in Teilzeit, das sind 65,5 Prozent. Bei Vätern sieht das eindeutig anders aus, dort arbeiten „nur“ 7,1 Prozent in Teilzeit. Anhand der Zahlen wird im Umkehrschluss deutlich: Auch 2022 leisten immer noch mehr Frauen Care-Arbeit zu Hause und arbeiten weniger in ihren erlernten Berufen.

Ich finde es hier wichtig zu betonen, dass es natürlich jedem Menschen freigestellt ist, ob und wie viel er oder sie arbeiten gehen möchte. Als kinderlose Frau kann ich es zwar selbst noch nicht beurteilen, aber auch Eltern sein ist Arbeit und sollte in der Gesellschaft viel mehr Anerkennung finden. Aus meiner naiven Sicht steht aber fest: Wenn, dann möchte ich beides, nämlich arbeiten und Kinder haben. Mir persönlich ist wichtig, dass die Care-Arbeit und Erziehung der Kinder gerecht aufgeteilt wird.

Schon vor dem Nachwuchs sollten also bestimmte Fragen untereinander besprochen werden: Kannst du dir vorstellen, auch zu Hause zu bleiben? Wie gestalten wir unser zukünftiges Arbeitsleben? Könnten wir es uns leisten, dass beide beruflich ein wenig zurücktreten? Auch in meinem Umfeld werden diese Fragen mittlerweile häufiger besprochen und nicht selten kommt es vor, dass wir beim gemeinsamen Essen über mögliche Kinder und Arbeit sprechen. Und da teilt sich die Meinung meiner Freund:innen: während ein paar von ihnen für sich zu 100 Prozent ausschließen, Kinder zu bekommen, ist es für andere zum Teil der Sinn des Lebens. Doch was sie alle vereint, ob mit oder ohne Nachwuchs, ist der Anspruch nach Selbstverwirklichung.

Man könnte es durchaus als egoistisch bezeichnen, deswegen auf Kinder zu verzichten, doch am Ende liegt die Entscheidung bei einem selbst und vor allem bei Frauen. Apropos Egoismus: Für viele ist es genau umgekehrt. Wer sich für Kinder entscheidet, handelt egoistisch. Und zugegeben, hinsichtlich der aktuellen Situation auf der Welt, den Kriegen und dem Klimawandel, der uns im Nacken sitzt, kommen auch diese Gedanken in mir hoch. Kann ich in diese Welt noch Kinder setzten? Wie wird das Leben in 50 Jahren aussehen und ist es dann noch lebenswert? Wie wird sich die aktuelle Situation in den nächsten Jahren verändern?

Valide Antworten darauf kann vermutlich niemand liefern, aber ein kleiner Denkanstoß vertreibt diese Sorge meist: Vielleicht trage ich mit meinem Nachwuchs dazu bei, dass diese Welt lebenswert bleibt, indem ich ihnen meine Werte vermitteln kann. Das sind zumindest die Hoffnungen, die ich habe. Aber eine große Frage bleibt dann doch bis zum Schluss: Woher weiß ich, ob ich eine gute Mutter bin?

Eine Arbeit ohne Lehre

Im Durchschnitt bekommen deutsche Frauen ihre Kinder immer später. Während 2010 Frauen in Deutschland ihr erstes Kind mit 29 Jahren geboren haben, wurden 2020 die meisten erst mit 30,2 Jahren das erste Mal Mutter. Dahinter stehen viele Gründe, persönliche, gesellschaftliche oder die oben genannten. Ich bin zwar noch nicht im Durchschnittsalter, dennoch hinterfrage auch ich, ob ich der Rolle als Mutter wirklich gewachsen bin. Immerhin wird man zur Mutter, ohne vorher Erfahrungen haben zu können, eine Arbeit ohne Lehre also – interessantes Konstrukt, das Elternsein. Potenziellen Vätern wird es vermutlich ähnlich ergehen. Aussagen wie: „Da wächst man rein“ oder „Das ist Instinkt, das läuft dann von selbst“, tragen übrigens auch nicht zur Entscheidung bei, denn was, wenn es nicht so ist?

Das Konzept „Regretting Motherhood“ bekommt in den letzten Jahren zum Glück mehr Aufmerksamkeit, denn nicht alle sind ausschließlich glücklich damit, Kinder bekommen zu haben. Stattdessen wünschen sie sich ihr vorheriges Leben zurück oder haben die Verantwortung einfach unterschätzt. Auch wenn das Thema unangenehm und verletzend sein kann, ist es enorm wichtig, darüber zu sprechen, Bewusstsein zu schaffen und damit Frauen zu zeigen: Ihr seid mit euren Gefühlen nicht alleine.

Nicht alleine bin ich bestimmt auch mit meinen Zweifeln. Deswegen sollten wir offen über die Sorgen und Ängste sprechen, die mit Elternschaft einhergehen. Schlussendlich kann ich weder sagen, ob ich sicher Kinder haben möchte oder nicht – doch das muss ich zum aktuellen Zeitpunkt auch nicht, denn Meinungen sind valide und können sich ändern. Vielleicht schreibe ich in ein paar Jahren darüber, wie mein Leben als Mutter ist.

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