Witold Mrozek arbeitet als Journalist für die linksliberale Zeitung Gazeta Wyborcza und berichtet als freier Korrespondent für die Berliner Zeitung. In Gesprächen mit der Redaktion über den Ukraine-Krieg äußerte er sein Missfallen über die Haltung der deutschen Bundesregierung im Ukraine-Krieg, obwohl er nach den Bundestagswahlen auf eine Entspannung in den deutsch-polnischen Beziehungen gehofft hatte. Wir baten ihn, seine Beobachtungen und persönlichen Gedanken aufzuschreiben.

In Warschau kann man aktuell eine Solidaritätsdemonstration vor der ukrainischen Botschaft beobachten und Protestaktionen vor der russischen. Aber nicht nur das: Am Freitag wurde in Polen auch vor der deutschen Botschaft protestiert. Auf einem der Transparente konnte man lesen: „Deutsche, warum ist Euch Swift wichtiger als Menschenleben?“

Das unentschlossene Vorgehen Deutschlands gegenüber Russland schadet dem Image Deutschlands in Polen, auch dem Glauben der Polen an die Handlungsfähigkeit der EU. Selbst Oppositionsführer Donald Tusk, seit Jahren ein Befürworter der deutsch-polnischen Annäherung, sprach von einer „Schande“, die der deutschen Regierung anzulasten sei. Politiker, die der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit von Jaroslaw Kaczynski (PiS) nahestehen, machen sich über Tusk lustig, weil er naiv gewesen sein soll, Deutschland zu vertrauen.

100.000 ukrainische Flüchtlinge in Polen

Aber es geht nicht nur um Tusk – es geht um viel mehr als das. Die Polen sind nicht schuldlos an der fehlenden Solidarität in der EU. Ja, sie sprechen sich jetzt massiv für die Aufnahme von ukrainischen Flüchtlingen aus. Es gibt zahlreiche Bürgerinitiativen, die Geld sammeln und Unterkünfte für die Neuankömmlinge in Privathäusern organisieren. Doch zuvor torpedierte Polen die Bemühungen der EU, um eine gemeinsame EU-Flüchtlingspolitik zu finden. Und obwohl die polnische Rechte jetzt triumphierend wiederholt: „Aber wir haben es euch doch gesagt, den Deutschen ist nicht zu trauen!“ und darauf hinweist, dass sie in ihrer Rhetorik seit Jahren Russland verurteilt und Nord Stream 2 kritisiert, hat sie in den letzten Jahren auch nicht wirklich viel für die Ukraine getan.

Olga Trembach
Proteste vor der deutschen Botschaft in Warschau

In Polen ist nicht nur der polnische rechte Flügel entsetzt über das deutsche Vorgehen. Auch die polnische Linke ist es. Die emotionalen Verwicklungen Polens in der Russland-Ukraine-Krise sind vielschichtig. Sie sind nicht nur das Ergebnis historischer Traumata, die alle drei Länder miteinander teilen. Es geht um mehr: Nach Schätzungen des Polnischen Wirtschaftsinstituts lebten vor dem russischen Einmarsch am 24. Februar 2022 etwa 1,5 Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer in Polen. Vielleicht sind es mehr. In den ersten Tagen des Krieges kamen etwa 100.000 ukrainische Flüchtlinge nach Polen. Es werden vermutlich bald Millionen sein.

Kein Verständnis für die deutsche Zurückhaltung

Diese Zahl der Ukrainer in Polen verändert die Einstellung der polnischen Frauen und Männer zum russisch-ukrainischen Krieg. Sie sind emotional involviert, weil sie jeden Tag Ukrainerinnen und Ukrainer um sich haben. Dieser Krieg betrifft die Nachbarn Polens ganz direkt, Arbeits- oder Universitätskollegen, Liebespartner oder Freunde. Auf Messenger-Diensten und Facebook sieht man Fotos aus Notunterkünften. Angehörige von ukrainischen Freunden berichten, wie sie in apokalyptischen Situationen versuchen, die Ukraine mit Kindern zu durchqueren und die polnische Grenze zu erreichen, vor der (auf ukrainischer Seite) bereits eine humanitäre Katastrophe beginnt. Diese Hilflosigkeit fühlt sich in Polen besonders schockierend an.

In einer solchen Situation gibt es und wird es kein Verständnis für deutsche Zurückhaltung geben, weder auf der rechten noch auf der linken Seite des politischen Spektrums in Polen. Die Polen sind nicht imstande, deutsche Argumente zu akzeptieren, demnach etwas Schlimmeres passieren könnte, wenn man jetzt harte Sanktionen gegen Russland verabschiedet. Für die Polen ist das „Schlimmste“ bereits geschehen. Mitten in Europa werden Menschen von Panzern überrollt.

Der deutsche Ruf in Polen steht auf dem Spiel

Der Protest in Warschau war keine Demonstration hysterischer Nationalisten oder der polnischen Rechten, die seit Jahren mit der angeblichen „deutschen Bedrohung“ drohen. Es waren auch viele Linke und Liberale dabei. Vor der deutschen Botschaft standen am Freitag Menschen, für die Deutschland in den vergangenen Jahren der wichtigste Partner Polens war. Menschen, die in dieser Partnerschaft mit Deutschland eine der Hoffnungen für die Lösung der heutigen Probleme der polnischen Demokratie sehen. Jetzt sind sie sehr enttäuscht.

Obwohl ein möglicher Wandel der deutschen Position zur Swift-Blockade am Samstag mit Erleichterung aufgenommen wurde, befürchten viele Polen, denen die Menschenrechte, die Solidarität und der Frieden am Herzen liegen, dass es weitere Enttäuschungen dieser Art geben könnte. Im Moment einer russischen Invasion in der Ukraine ist das Wichtigste das Schicksal der Ukrainer. Der Krieg in der Ukraine ist aber auch ein sehr wichtiger europäischer Test, der beeinflussen könnte, wie die Bundesrepublik in Polen und in den baltischen Staaten wahrgenommen werden wird. Bundeskanzler Olaf Scholz und Außenministerin Annalena Baerbock sollten bedenken, dass neben den ukrainischen Städten auch der deutsche Ruf an der Weichsel und das Vertrauen der polnischen Demokraten in Berlin auf dem Spiel stehen.

Dieser Text wurde von Tomasz Kurianowicz aus dem Polnischen übertragen.

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