Das vergangene Schuljahr begann mit der Einschulung meines Sohnes. Die Feier fand auf dem Schulhof statt, die Familien saßen aufgrund des Hygienekonzeptes an weit voneinander entfernten Tischen. Die Erstklässler zogen mit Masken in die Schule ein. Es war ein feierlicher Beginn des Schuljahres.

Als Klassenlehrerin einer 5. Klasse freute ich mich, dass nun wieder alle gemeinsam im Präsenzunterricht waren. „Präsenzunterricht“ – erst in der Pandemie wurde ein Begriff für Unterricht mit physisch anwesenden Schülern etabliert. Wir gingen den Schulstoff, den wir im vorigen Schuljahr im Distanzlernen erarbeitet hatten, im Klassenraum noch einmal durch.

Als Lehrerin habe ich im Präsenzunterricht den Überblick, wer wie arbeitet, wo noch Erklärungen notwendig sind oder was schon gut verstanden wurde. Im direkten Kontakt können Nachfragen schnell geklärt werden und die Schüler öffnen sich leichter.

Im Homeschooling haben sich viele gut organisiert

Wir sprachen in Reflexionsrunden über das Lernen zu Hause. Viele haben sich gut organisiert, andere waren durch die notwendige Eigenständigkeit überfordert. Unterstützung durch die Eltern war sehr ungleichmäßig gegeben. In den folgenden Wochen behandelten wir im Unterricht Methoden zum selbstständigen Erarbeiten von Texten, zum Zeitmanagement, zum Umgang mit PC-Programmen.

Im Kollegium entwickelten wir Pläne für den Fall eines erneuten Lockdowns: einen Stundenplan für Videokonferenzen, damit die Plattform nicht mehr überlastet ist; Absprachen zur Organisation der Lernplattform; einen Plan zur Fortbildung in Digitalisierung.

Es ging auf die Herbstferien zu, die Inzidenzzahlen stiegen. Wir saßen ohne Masken mit 24 Kindern in der Klasse. Nur auf den Fluren herrschte Maskenpflicht. Viele Kollegen begannen, im Unterricht privat gekaufte Masken zu tragen. Auch ich fürchtete mich vor einer Infektion mit dem Coronavirus.

Nur hatte ich gerade zwei dritte Klassen in Frühenglisch übernommen, sie mussten doch meine Mundbewegungen sehen? Die Wörter in ihrer ersten Fremdsprache deutlich hören, um sie nachzusprechen? Ich nahm meine Maske ab, wenn ich an der Tafel stand und setzte sie auf, wenn ich den Schülern näher kam. Aber immer mit diesem unguten Gefühl, in den vier von mir unterrichteten Klassen könne das Virus längst in der Luft sein. Tests auf das Virus standen nicht zur Verfügung, hin und wieder nieste oder hustete ein Kind und als einzige Gegenmaßnahme konnten wir alle 20 Minuten die Fenster öffnen und querlüften.

Die Schüler saßen dicht an dicht in Wollmützen, Schals und Jacken

Im November und Dezember wurden an manchen Tagen über 1500 Neuinfektionen in Berlin gemeldet. Die Schüler saßen dicht an dicht in Wollmützen, Schals und Fleecejacken bei offenen Fenstern in eisig kalten Klassenräumen und lernten etwas über Satzglieder und die Berechnung von Flächeninhalten. Mein Rücken verspannte sich, weil ich in kalter Zugluft stand und ich fror jeden Tag im Klassenraum.

Der Senat beschloss im Dezember einen erneuten Lockdown, „Distanzunterricht“ für zwei Wochen. Nach den Weihnachtsferien sollte es  in der Schule weitergehen. Daraus wurde eine Stück für Stück bis in den März verlängerte Schulschließung. Diese kurzfristigen Verlängerungen waren zermürbend. Eine Planung für sinnvolle Schutzmaßnahmen in der Schule, den Einbau von Luftfiltern während der Sommerferien oder Ähnliches gibt es bis heute nicht. Wir Lehrkräfte sind mittlerweile geimpft, also werden die nächsten Virusmutationen die Kinder treffen und ich werde zunehmend wütend, weil von der Politik tatenlos abgewartet wird.

Wir Lehrkräfte haben unsere Arbeit im Lockdown neu erfunden. Vom direkten Austausch mit den Schülern zum Arbeiten am heimischen PC, vom Klassenraum ins Homeoffice. Zunächst habe ich Buchseiten oder Arbeitsblätter online gestellt. Die Schüler haben sie ausgedruckt, bearbeitet, eingescannt und mir per E-Mail zugesendet. Ich habe die Arbeitsblätter dann für mich ausgedruckt, korrigiert, wieder gescannt und den Schülern einzeln per E-Mail gesendet. Das war unfassbar zeitaufwändig und oft frustrierend, wenn der Scanner wieder nicht so wollte, der Toner gewechselt werden musste oder das WLAN ausfiel. All das musste privat am Laufen gehalten werden.

Ich habe in diesem Schuljahr viel gelernt

Geholfen hat vor allem der gute Zusammenhalt und Austausch im Kollegium. Im Laufe der Zeit habe ich mehr und mehr interaktive Übungen eingesetzt, eigene Learning-Apps erstellt, Vokabeln im Internet mit Aussprachehilfe hinterlegt, Youtube-Erklär-Videos und Powerpoint-Präsentationen produziert sowie Tonaufnahmen eingesprochen. Ja, ich habe in diesem Jahr viel gelernt und nehme dieses Wissen für die nächsten Schuljahre mit.

Auch für meine Kinder waren Schule und Kita geschlossen. Meine dreijährige Tochter verbrachte ihre Zeit am liebsten auf meinem Schoß, während ich am PC arbeitete. Dabei litt meine Konzentration, ich wurde ständig in meiner Arbeit unterbrochen und habe vieles erst erledigen können, wenn mein Mann von seiner Arbeit nach Hause kam. Er ist im Gesundheitswesen tätig und konnte daher nicht im Homeoffice arbeiten. Unser Familienleben fand praktisch nicht mehr statt, außer dass wir abends gemeinsam aßen, bevor ich mich wieder an den PC setzte und mein Mann die Kinder ins Bett brachte. An den Wochenenden habe ich durchgearbeitet und mich mehr als einmal gefragt, woran man eigentlich einen Burn-out erkennt.

Viel zu oft musste ich meine Kinder vertrösten und warten lassen, weil ich noch die Präsentation für die nächste Videokonferenz fertigstellen, Mails beantworten oder den Stapel ausgedruckter Einsendeaufgaben korrigieren musste. Mein sechsjähriger Sohn spielte glücklicherweise viel allein mit Lego und ließ mich arbeiten, aber er bekam Aufgaben von der Schule und so wanderte ich zwischen meinem und seinem Schreibtisch, erarbeitete mit ihm die Buchstaben, übte die ersten Plus-und-Minus-Aufgaben und lernte, als der Lockdown Woche um Woche verlängert wurde, schließlich mit ihm in Sachkunde die Frühblüher kennen.

Immer mehr Kinder kamen in die Notbetreuung

Ab März konnte ich meine Tochter in die Notbetreuung der Kita geben, um in der Notbetreuung der Schule mitzuarbeiten. Dort unterstützten die Erzieherinnen und Erzieher Woche für Woche mehr angemeldete Kinder bei den Schulaufgaben und fingen sie auf, wenn sie sich Sorgen machten.

Den Rest des Schuljahres verbrachten wir bis auf die letzten zwei Wochen im Wechselunterricht. In der Zeit musste ich für acht verschiedene Lerngruppen Unterricht in der Schule durchführen und dazu passende, aber allein zu bewältigende Übungsaufgaben für die Tage zu Hause planen. Auch die Bewertung der Schüler für die  Zeugnisse war schwierig. Wie sollte man dem, was die Kinder in diesem Jahr geleistet haben, gerecht werden und dies in nur einer Zahl ausdrücken?

Die Schülerinnen und Schüler haben meiner Meinung nach allesamt die höchsten Auszeichnungen verdient, weil sie unter den Herausforderungen der Pandemie weiter gelernt und gearbeitet haben. Ihre Eltern haben sich zwischen Berufstätigkeit, Sorgen um die Gesundheit und Hilfslehrerdasein aufgerieben. Eigentlich brauchen wir Eltern-Kind-Kuren für alle Familien des Landes.

Als ich meinem Sohn am Ende seines ersten Schuljahres erzählte, dass es früher in der Schule keine Masken gab, sah er mich erstaunt an. „Aber doch wenigstens auf den Fluren?!“, fragte er.

Sabine Hauke ist Grundschullehrerin und freie Autorin, lebt und arbeitet in Berlin. 

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