Zum 4. Mal nun sieht es so aus, als würde das nächste Semester größtenteils als Online-Semester stattfinden. Ich, der jetzt sein 3. Semester anfangen wird, konnte in zwei Semestern einmal einen Hörsaal von innen sehen, kenne meine Studienstadt Berlin nur einigermaßen, weil ich meine ersten sieben Lebensjahre hier verbracht habe, kenne nur höchstens zwei oder drei (von knappen 500) der Kommilitonen in meinem Studien- und Jahrgang etwas enger.

Noch schlimmer ist es vielleicht für diejenigen, die jetzt das 5. Semester anfangen, die also ein Semester lang Präsenzlehre genießen durften, bevor sie zu Hause an ihre Schreibtische verbannt wurden, die einen Vergleich haben.

Wenn man von der Universität nichts wüsste, außer das, was in den letzten zwei Semestern passiert ist, könnte man meinen, dass sich ihr lebendigster Teil auf dem Gang zwischen Bett und Schreibtisch abspielt.

Präsenzanteil an der Uni von nur 20 Prozent?

Drei Mal hat man das vielleicht noch willig mitgemacht: Corona ist schließlich nicht zu verharmlosen, es ist eine tödliche Krankheit und viele der Maßnahmen, auch die an den Universitäten, waren bestimmt sinnvoll. Jetzt stellt sich die Situation allerdings anders dar: Die Impfkampagne macht – selbst unter Studenten – Fortschritte, die Maßnahmen werden in sämtlichen Lebensbereichen gelockert, selbst die Fußball-Europameisterschaft wurde wieder vor vollen Stadien ausgetragen.

Da ist man doch düpiert, wenn etwa in einem universitätsinternen Konzeptpapier der Vizepräsidentin für Forschung und Lehre  für das Wintersemester mit einem Mindestpräsenzanteil von nur 20 Prozent bis 30 Prozent gerechnet wird!

Nun könnte man freilich einwenden: Das ist alles Jammern auf recht hohem Niveau, wie es ja auch schon hinreichend oft gesagt wurde. „Vergleichen Sie Ihre Situation mit der anderer Menschen. Dann werden Sie sehen, dass es keinen Grund dafür gibt, depressiv zu werden“, hieß es von Winfried Kretschmann vor ein paar Monaten. Und obgleich eine repräsentative Umfrage der Donau-Uni Krems am Anfang des Jahres ergab, dass die Hälfte der 18- bis 24-Jährigen Symptome einer Depression aufwies, kann man immer noch sagen, dass das für Studenten nichts Spezifisches ist.

So formuliert wäre es aber auch richtig: Wir werden in der Pandemie mit unseren psychischen Problemen, seien es nun Ess-, Zwangs-, andere Störungen, Depressionen oder nur die zermürbende Einsamkeit, genauso verlassen wie alle anderen auch. Es stellt sich also die Frage: Was ist spezifisch für die universitäre Lehre, das auf die Präsenz menschlicher Körper angewiesen ist? Und warum kann das nicht einfach durch andere Kontaktmöglichkeiten ausgeglichen werden, etwa durch die Öffnung von Clubs oder Bars?

Vorlesung im Wald: Von Patentrecht bis Petrarca

Ich will versuchen, diese Fragen kurz anhand der Erfahrung einer von der NichtNurOnline-Initiative organisierten Summer-School an einem Wochenende zu erläutern. Dabei ging es um ein öffentliches Treffen in einem Waldstück hinter einem Lidl-Parkplatz im Wedding, zu dem Professoren und Professorinnen sowie Studenten unterschiedlichster Fachrichtungen eingeladen wurden, um über ihre Forschung zu reden: von Patentrecht zu Petrarca.

Was sich zeigte, war, dass in der Präsenzsituation eine Hemmung verschwand, ohne die die Online-Lehre gar nicht zu denken ist, nämlich die Hemmung, die eigene Stimme zu erheben, die Hemmung, in einen Diskurs einzugreifen, Fragen zu stellen, Kritik zu üben; und dadurch erst ein Mitglied der universitären Gemeinschaft zu werden.

Die große Schwierigkeit an der Online-Lehre ist doch, dass es unmöglich ist, die Dinge jenseits des Mediums des Computers zu erleben. Alles, was man durch die Online-Lehre mitkriegt, ist sozusagen bereits in Textform umgewandelt, ihm wohnt bereits eine Ordnung inne, es ist, allein dadurch, dass es technisch vermittelt ist, bereits vorstrukturiert.

Die Logik des Computer-Mediums sperrt sich gegen Unschärfen, gegen den Witz, gegen die Erscheinung von Personen, weil der absolute Kontext eines technischen Apparates immer schon da ist. Damit möchte ich nicht behaupten, dass man in Präsenz einen „authentischeren“ oder „wahreren“ Blick auf die Dinge hat; aber die Präsenzsituation ist getragen von diesen Unschärfen, die gar nicht medialisiert werden können, seien es nun die Gespräche mit dem Banknachbarn, sei es das Hallen der Stimme des Professors im Hörsaal, sei es das Lachen oder das gemeinsame Biertrinken nach der Vorlesung.

In Präsenz gibt es die Möglichkeit, dass neben der Wissensvermittlung noch ein „Rest“ erscheint. Die eben erwähnte Hemmung, seine eigene Stimme zu erheben, verschwindet also in Präsenz, weil es erst dieser Rest, diese Unschärfe, diese völlige Zerbrechlichkeit eines jeden Diskurses ist, die es dem Einzelnen erlaubt, in den Diskurs einzugreifen und daran teilzunehmen. Und erst durch dieses gemeinsame Gespräch entsteht das Band von Freundschaft und Autorität der professores und studiosi, das historisch im 12. und 13. Jahrhundert die Universitäten begründete und das bis heute nie ganz verschwand.

Eine Gemeinschaft, die an der Präsenzlehre hängt

Und so scheint es, dass die Universitas in ihrer ursprünglichen Form hinter dem Parkplatz im Wedding mehr erschien als in irgendeinem Universitätsgebäude in den vergangenen Semestern. Es ist diese besondere Gemeinschaft, die an der Präsenzlehre hängt und die als eine Gemeinschaft gemeinsam denkender Menschen durch keine andere ersetzt werden kann.

Deshalb wiegt es so schwer, dass die Universität vielleicht auch noch im nächsten Semester vermutlich weitgehend geschlossen sein wird, und deshalb ist den Studierenden erst wirklich geholfen, wenn die Universität in einen vollständigen Präsenzbetrieb zurückkehrt. Es gilt, was Walter Benjamin einst schrieb: Die „Universalität gewinnt man nicht, indem man dem Juristen literarische, dem Mediziner juristische Fragen vorträgt […], sondern indem die Gemeinschaft sorgt und von selbst es bewirkt, daß vor aller Besonderung des Fachstudiums […], über allem Betriebe der Fachschulen, sie selbst, die Gemeinschaft der Universität als solche, Erzeugerin und Hüterin der philosophischen Gemeinschaftsform sei“.