Berlin - Nein, als besonders innovationsfreudig galt die Berliner Sportszene noch nie, aber erfolgreich war sie allemal. Und das nicht nur zu alten Zeiten, als die Kinder- und Jugendsportschulen der „Hauptstadt der DDR“ als verlässliche Garanten für die großen sportlichen Erfolge des untergegangenen Staates galten. Auch die Frontstadt Berlin-West begriff sich immer als besonders sportaffin und konnte sich vollumfänglich in das Sportgeschehen der alten Bundesrepublik einbringen.

Nach der Vereinigung träumten die Funktionäre von großen Synergieeffekten: In den späten 1990ern profitierte man in der Tat noch vom äußerst effektiven Fördersystem des DDR-Sports, versäumte es allerdings, das eigene System zu hinterfragen, zu modernisieren und gegebenenfalls anzupassen. Mit dem Scheitern der Olympiabewerbung Berlins für die Spiele 2000 war ein Tiefpunkt erreicht, den die selbst ernannte Sportstadt Berlin offenbar nur schwerlich wieder verlassen kann.

Dabei waren und sind die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Arbeiten nach wie vor exzellent. Mit mehr als drei Millionen Einwohnern in der Stadt verfügt Berlin über ein großes Potenzial an jungen, dem Sport zugewandten Menschen, die für eine Ausbildung im Leistungssport infrage kommen. Mit großen Sportanlagen für den Leistungssport vor allem in Hohenschönhausen und Charlottenburg, einem breit aufgestellten Olympiastützpunkt und engagiert agierenden Vereinen verfügt Berlin über eine überragende Sportinfrastruktur. Mit drei Eliteschulen des Sports sind die Voraussetzungen für eine frühzeitige und systematische Ausbildung im schulischen und sportlichen Bereich gegeben.

Das schwache Abschneiden in Tokio

Wenn nach dem schwachen Abschneiden bei den Olympischen Spielen von Tokio deutschlandweit nun der Ruf nach einer Radikalkur für den deutschen Spitzensport laut wird, so kann man diese Gedanken durchaus auf die Berliner Situation herunterbrechen. Auch hier ist es dringend geboten, ein effektives Talentsichtungssystem zu entwickeln. Die Berliner Erfolge in Tokio bleiben überschaubar. 60 Berliner Athletinnen und Athleten (ohne Paralympics) kehrten mit acht Medaillen – zweimal Silber und sechsmal Bronze – zurück: die schlechteste Ausbeute, die es für Berliner Sportler und Sportlerinnen bei Olympia seit 2004 gab. Von den verbleibenden 52 nach Tokio geschickten Berlinern erreichten 19 einen Platz unter den ersten zehn eines Wettkampfes, sind also insoweit durchaus der Weltspitze zuzuordnen. Allerdings verschwanden 33 Sportler im geschlagenen Feld, das ist mehr als die Hälfte.

Erklärte Aufgabe der drei Berliner Eliteschulen des Sports ist es, den leistungssportlichen Nachwuchs zu rekrutieren, dual auszubilden und Spitzenleistungen zu generieren. Dazu werden die Schulen in erheblichem Maße staatlich subventioniert. So erfahren gegenwärtig weit über tausend Berliner Mädchen und Jungen in diesem Verbundsystem von Schule und Sport eine hochwertige Ausbildung. Jeder Sportschüler kostet das Land Berlin mehr als doppelt so viel wie ein „normaler“ Gymnasiast. Daraus wird deutlich, welcher Anspruch sich aus dieser Förderung ableitet: sportliche Erfolge auf internationaler Ebene.

Schon bei näherer Betrachtung des Berliner Olympiakaders fällt auf, dass die ehemaligen oder noch in der Sportschule befindlichen Teilnehmer und Teilnehmerinnen darin keineswegs ein Übergewicht haben. Vielmehr haben 33 von 60 eine herkömmliche Schule besucht, die meisten ein Gymnasium. Die verbleibenden Tokio-Teilnehmer besuchen oder besuchten eine der drei Berliner Eliteschulen des Sports: zwölf das Schul- und Leistungssportzentrum (Hohenschönhausen), acht die Flatow- Oberschule (Köpenick), sieben die Poelchau- Oberschule (Charlottenburg). Die Zahlen entsprechen auch in etwa den Schüleranteilen der drei Sportschulen.

Medaillen und Platzierungen auf niedrigem Niveau

Acht Medaillen brachten Berliner Athleten und Athletinnen mit zurück. Zwei der Medaillengewinner besuchten keine Eliteschule des Sports. Weitere 19 Tokio-Fahrer konnten sich unter den zehn Weltbesten platzieren. In dieser Gruppe waren zwölf Nicht-Eliteschüler. Auch wenn die wenigen Medaillen überwiegend von den Eliteschülern errungen wurden, kann die Gesamtbilanz vonseiten der Eliteschulen des Sports nicht überzeugen. Offenbar gelingt es Schülern von herkömmlichen Berliner Gymnasien etwa in gleichem Umfang, sich unter den Weltbesten zu etablieren. Somit stellt sich die Frage nach der Effizienz der Berliner Eliteschulen des Sports einmal mehr.

An öffentlicher Kritik am mangelnden Innovationsgeschehen an den drei Schulen hat es in den vergangenen Jahren nicht gemangelt. Allerdings nahmen die Protagonisten diese nicht produktiv zur Kenntnis, sondern setzten auf Zeit und Ignoranz. Jetzt kann man – die Misserfolge vor Augen – nicht wie gewohnt weitermachen.

Auch die Einschulungszahlen zeigen seit sieben Jahren kontinuierlich nach unten. Im vergangenen Schuljahr wurde mit einer Auslastung von etwa 70 Prozent der vorläufige Tiefpunkt erreicht. Diese Entwicklung erscheint in mindestens zweierlei Hinsicht alarmierend. Zum einen ist der Schulplatz auf einer Eliteschule teuer, denn die Infrastruktur muss auch bei weniger Schülern vorgehalten werden. Zum anderen deutet der Rückgang auf eine mangelnde Attraktivität der drei Schulen oder des ganzen Systems hin.

Das muss zu denken geben. Auch die zunehmende Tendenz hin zu Sportarten, die im Profitum verhaftet sind, droht traditionelle Sportarten wie Leichtathletik, Schwimmen oder Turnen immer weiter zurückzudrängen. Wenn an den Berliner Sportschulen inzwischen jeder dritte Schüler dem runden Fußballleder nachläuft, bedarf diese Entwicklung der näheren Betrachtung. Schon jetzt wird beklagt, dass unangenehme Begleiterscheinungen der „Parallelwelt Profifußball“ in die Schulen hinüberschwappen.

Warum nicht gleich eine private „Hertha-Schule“?

Sollte man da nicht so ehrlich sein, und lieber gleich eine private „Hertha-Schule“ oder ein „Union-Gymnasium“ gründen? Das würde auch Steuergelder sparen. Im Hinblick auf die geringe Nachfrage nach Nicht-Profi-Sportarten hat es sich als folgenschwerer politischer Fehler erwiesen, dass aus ideologischen Gründen keiner der drei Schulen der Gymnasialstatus zugebilligt wurde: Das Sportgymnasium ist Standard und hoch anerkannt in zwölf Bundesländern. Vielleicht ist ein Umdenken in den neuen politischen Mehrheiten ja auch in Berlin wieder möglich?

Bei der Förderung der Eliteschulen ist besonders strategische Sorgfalt und soziale Verantwortung gefragt. Dazu gehört es auch, adäquate Antworten zu finden, wenn Schülerinnen und Schüler den Erwartungen nicht mehr entsprechen. Stattdessen wird an einem undurchsichtiges Einschulungs- und rigiden Ausschulungssystem festgehalten. Modelle zum Auffangen von Schülern, die im Land Berlin aus dem Leistungssport aussteigen, wurden immer wieder angemahnt, aber bisher nicht entwickelt.

Nur eine schonungslose Evaluation mit transparenten Ergebnissen kann hier weiterhelfen. Und der „Blick um die Ecke“, auf das erfolgreiche Standing der Potsdamer Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportschule, kann auch nicht schaden. Um ihren Bestand zu sichern, sind die Berliner Eliteschulen des Sports aufgerufen, neben der Leistungssportförderung Profile zu entwickeln, die sie begehrt und voneinander unterscheidbar machen. Es wird höchste Zeit, die Reset-Taste zu drücken.

Der Autor ist promovierter Sporthistoriker und war bis 2013 selbst Leiter einer Berliner Eliteschule des Sports.

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