Berlin - Bei Recherchen zu einem geplanten Buch über den Maler Adolf Rettelbusch stieß ich im Goslarer Stadtarchiv beiläufig auf eine Anfrage zum Verbleib von Professor Otto Morgenstern. Auf einem Vordruck vom 8. Juli 1943 kam aus dem Berliner Melderegister die Antwort: „Otto Morgenstern, 2.2.60 Magdeburg geb., ist seit 8.7.42 mit unbekanntem Ziel abgemeldet.“ Der Name und das Datum der „Abmeldung“ machten mich hellhörig und ich begann, in Berliner Archiven und Bibliotheken nach weiteren Informationen über Morgenstern zu suchen.

Otto Morgenstern entstammte einer erfolgreichen jüdischen Kaufmannsfamilie aus Magdeburg, die 1859 zum protestantischen Glauben konvertierte und Anfang der 1860er Jahre nach Berlin zog. Nach dem Abitur am Friedrichswerderschen Gymnasium erhielt Otto Morgenstern als bester Schüler die „Reformationsmedaille“ der Stadt Berlin und begann ein Studium der Philologie in Tübingen und abschließend in Berlin. 1885 legte er erfolgreich die Staatsprüfungen in Latein, Griechisch, Deutsch, Geschichte und Erdkunde ab und begann am 1. April 1888 seine Lehrertätigkeit am Pro-Gymnasium zu Groß-Lichterfelde (ab 1905 Schiller-Gymnasium), dem er als Lehrer und ab 1921 als Stellvertretender Rektor bis zur Pensionierung im April 1925 treu blieb.

Morgenstern, der nie verheiratet war, steckte seine gesamte Energie in den geliebten Lehrerberuf, in die Kommunalpolitik, in seine Aufgaben im Kirchenvorstand der evangelischen Paulusgemeinde sowie in seine Aktivitäten in Gesellschaften und Vereinen (es sollen um die 40 gewesen sein).

Morgenstern war ein begnadeter Lehrer. Er beließ es in seinen schulischen Aktivitäten nicht nur bei den Pflichtfächern. Nebenbei bot er seinen Schülern Unterricht in Archäologie, Stenografie, Englisch und Hebräisch an. Wegen seiner profunden Kenntnisse wurde er von der Schulverwaltung mit der Weiterbildung von Lehrern in Griechisch und Latein betraut. Seine pädagogischen Artikel, insbesondere in der Zeitschrift „Das Gymnasium“, wurden in ganz Deutschland gelesen. Bald wurde er als Mitglied der Deutschen Philologischen Gesellschaft in den Vorstand gewählt, die ihn 1935 auch zu ihrem Ehrenmitglied ernannte.

Die Nürnberger Rassegesetze holten ihn ein

Nach einem Schulausflug mit seiner Abiturklasse 1909 in den Harz war er von der Natur so begeistert, dass er 1912 in die „Brocken-Silvester-Gemeinde“ eintrat. Hier fand er viele Gleichgesinnte – Lehrer, Künstler, Industrielle, Kaufleute, Hausfrauen, nahm an Treffen und Wanderungen teil, schrieb Abhandlungen und Gedichte für die Vereinszeitschrift „Brocken-Post“.

In der Gemeinde Groß-Lichterfelde engagierte sich Morgenstern für kulturelle Belange seines Ortes. Die 1904 in Lichterfelde gegründete „Volksbibliothek“ geht auf seine Initiative zurück. Im Jahre 1920 trat er in die DVP (Deutsche Volkspartei, Vors. Gustav Stresemann) ein und blieb über drei Wahlperioden Bezirksverordneter im Wahlbezirk 12 (Steglitz, Lichterfelde, Lankwitz, Südende). Als Vorsitzender des „Großen Berliner Opernvereins“ setzte er sich für die Gründung des „Deutschen Opernhauses“ in der Bismarckstraße und  nach dem 1. Weltkrieg für die Gründung des Schlossparktheaters ein - und im „Verein für die Volksbühne Lichterfelde-Dahlem“ für ein Kulturangebot, an dem alle Volksschichten teilhaben sollten.

Die Aufzählung seiner segensreichen Arbeiten ließe sich noch weiter fortsetzen. Sein Glück, seine ganze Lebensaufgabe sah Morgenstern darin, der Gesellschaft etwas Nützliches zu geben. Ja – bis ihn die Nürnberger Rassegesetze einholten.

Im September 1941 wurde Otto Morgenstern offiziell als „abstammungsmäßiger Jude“ eingestuft. Nun musste er, wie tausende seiner Leidensgefährten, den gelben Davidstern tragen und gehörte zu den Ausgestoßenen. Seine Pension wurde ihm auf Weisung des Berliner Oberbürgermeisters gestrichen, das Vermögen „des Juden Professor Otto Israel Morgenstern“ in einer am 14. Juli 1942 erzwungenen Vermögenserklärung erfasst und eingezogen. Alle Vereine, in denen er meist auch im Vorstand saß, schlossen ihn aus. Die evangelische Kirche seiner Paulus-Gemeinde, in der er lange im Kirchenrat war, musste sich von ihm distanzieren. Nur ein Pfarrer, Mitglied der Bekennenden Kirche, ließ ihn heimlich, an versteckter Stelle, am Gottesdienst teilnehmen.

Am 8. Juli 1942 wurde Morgenstern von einem LKW der Gestapo in seiner Wohnung Söhtstraße 2 abgeholt und in die Hamburger Straße gebracht. Von hier erfolgte die Überführung mit dem „17. Alterstransport“ in das KZ Theresienstadt, wo er am 28. November 1942 starb. Die von dem deutschen Arzt Dr. Max Adler unterschriebene Sterbeurkunde gibt an, dass der 82-Jährige an Altersschwäche gestorben sei. Wie ihm erging es seinen Schwestern Martha und Elisabeth, die ebenfalls nach Theresienstadt verschleppt wurden und dort starben. Ihren Tod führten die KZ-Ärzte auf Herzmuskelentartung und Darmkatarrh zurück.

All das, Morgensterns Wirken für Lichterfelde und Berlin, sein Engagement in den verschiedensten Funktionen und schließlich sein tragisches Ende veranlassten den Senat von Berlin im Jahre 1961, die ehemalige Bismarckstraße in Lichterfelde in „Morgensternstraße“ umzubenennen. Angeregt hatten diese Aktion geschichtsbewusste Bürger und Amtsträger aus Steglitz und Zehlendorf sowie Vertreter der West-Berliner Schulverwaltung. An Morgensterns letztem Wohnhaus in der Söhtstraße 2 wurde eine Gedenktafel für ihn angebracht und später vor dem Hause ein Stolperstein verlegt.

Morgenstern war eigentlich schon in jungen Jahren sensibilisiert für die Diskriminierungen, die Juden in der deutschen Gesellschaft zu ertragen hatten, obwohl er selbst dem Protestantismus eng verbunden war. 1881 gründete er mit Studienkollegen die „Freie Wissenschaftliche Vereinigung“, die den an der Berliner Universität aufkommenden Antisemitismus bekämpfen wollte. Die Vereinigung wurde bald in ganz Deutschland aktiv und verbündete sich mit Studentengruppen in Prag. Morgenstern war im Vorstand tätig und hielt Vorträge. Sympathisanten der Vereinigung waren der Historiker Theodor Mommsen und der Mediziner Rudolf Virchow.

Morgensterns politische Ausrichtung aber war immer rechts-national. Ein Schüler bezeichnete seine Haltung als „gutgläubigen Patriotismus“, der zur Haltung führte: „Was für das herrschende System gut ist, muss richtig sein und unterstützt werden“. So ist es für uns heute unverständlich, dass Morgenstern extrem rechte Tendenzen in der Schülerschaft tolerierte und den Führern des Kapp-Putsches Sympathie entgegenbrachte. Morgenstern versuchte sogar, dem aufkommenden Nationalsozialismus gute Seiten abzugewinnen.

Im Mai 1935, also in einer Zeit, da die Verbrechen der Nazis an Christen, Juden, Sozialdemokraten und Kommunisten nicht zu übersehen waren, hielt Morgenstern vor Absolventen des Schiller-Gymnasiums einen Vortrag unter dem Titel „Horaz und der Nationalsozialismus“. Zunächst bedauert er, dass unter den neuen Bedingungen der Griechisch- und Lateinunterricht zu Gunsten anderer Fächer reduziert worden sei. Den römischen Dichter Horaz müsse man wieder lesen, der mehr noch als Friedrich Nietzsche und Stefan George zu den Vordenkern des Nationalsozialismus gehöre, denn Horaz habe schon in den Kategorien „Führer und Gefolgschaft“ gedacht. Seine Schriften, so Morgenstein, sprächen von „Nationalgefühl“, von „vaterländischem Opfersinn“, von „Rassenstolz“, von „Staatsgesinnung und Volksgemeinschaft“, die er, Horaz, als Dichter vom römischen Volk für den geliebten Führer Kaiser Augustus eingefordert habe.

Das Lob für den Führer

Morgensterns in der „Brocken-Post“ abgedruckten Gedichte sind Huldigungen an die Natur und die Kameradschaft unter den „Brocken-Brüdern und -Schwestern“ - zunächst ohne jeglichen politischen Hintergrund. Wie zum Beispiel ein Gedicht, in dem er die Bedeutung des Rucksackes für die Wanderbrüder glorifiziert.

Doch in der Ausgabe von Silvester 1939/40 findet sich ein lateinisches und deutsches Gedicht, das er mit „Frieden und Krieg“ (Pax et bellum) überschreibt. Hier beglückwünscht er das deutsche Volk für dessen Führer, der es geschafft habe, friedlich Österreich, Böhmen und das Memelland „heimzuholen“, eine Leistung, die andere ähnlich nur durch Krieg erreichen konnten. Diese neidvollen anderen, die den Frieden verschmähen, „zwingen uns Deutschen nun das Schwert auf und graben sich damit selber das Grab.“

Während diese Ausgabe der Brockenpost zur Veröffentlichung kommt, arbeitet das System schon daran, die seelische und körperliche Vernichtung des „abstammungsmäßigen Juden“ Otto Morgenstern vorzubereiten.

Im Jahre 2016 wurde in der Schwartzschen Villa zu Steglitz die Ausstellung „Abgesägt“ gezeigt. Sie sollte an Kommunalpolitiker und -politikerinnen erinnern, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden. Gezeigt wurde auch eine Tafel zu Otto Morgenstern, auf der seine für Steglitz-Zehlendorf erbrachten Leistungen dargestellt sind. Hier kam ich mit einem der Initiatoren der damaligen Straßenbenennung ins Gespräch und berichtete ihm „von der anderen Seite Morgensterns“. Seine Empörung war groß, insbesondere über Morgenstern Vortrag „Horaz und der Nationalsozialismus“ und das den Führer verherrlichende Gedicht in der „Brocken-Post“. Als ich ihm die Fakten schriftlich vorlegte, war er fast so weit, einen Antrag zur Umbenennung der Morgensternstraße einzuleiten.

Wir diskutierten lange über den „Fall“. Schließlich siegte die Einsicht, alles so zu belassen. Der Straßenname gibt Anlass, sich mit seiner Person und seinem Schicksal zu befassen. Es ist ein Mosaikstein unserer Geschichte, der zeigt, wie ein Unrechtssystem mit einem klugen und aufrichtigen Menschen umgehen kann, der nicht ganz in seine Vorstellungen passt. Es zeigt aber auch, dass man nicht gutgläubig die Anfänge einer solchen Entwicklung tolerieren darf. Lehren, die heute aktueller sind denn je.

Ich respektiere das Anliegen von Frau Linz, die die Diskussion um die Robert-Rössle-Straße in Berlin-Buch angestoßen hat. Ich habe auch Respekt vor der Meinung des Nobelpreisträgers Bruce Beutler, der für die Umbenennung plädiert. Noch mehr schätze ich aber die auf Fakten basierende Beurteilung des Medizinhistorikers Udo Schagen, der eine Abwägung trifft zwischen dem Verhalten der Mehrheit der Deutschen und dem Verhalten von Robert Rössle im Dritten Reich, und der dessen anfänglichen Arbeiten zur Eugenik im Kontext zu der damals in vielen Ländern zu beobachtenden Entwicklung sieht. Dieser Einschätzung schlossen sich die Bürger von Berlin-Buch an, vertreten durch den Bürgerverein. Deren Entscheidung sollte man schließlich akzeptieren. Fremdbestimmt waren viele von ihnen lange genug.

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