Berlin - Es ist Winter, es ist Omikron, und die Hauptstadt wird von einem grauen Nieselregen betäubt. Ein fantastischer Tag also, um in einem der größten Kinokomplexe Berlins einen bunten und schreienden Kinderfilm zu sehen –Nachokrümel und Extrakäsesoße inklusive. Die Kinder sind begeistert. Und ich als Mutter fange an, den Besuch so detailliert wie nur möglich zu planen. Nicht, weil ich eine pedantische Neurotikerin bin, sondern weil ich meinem zwölfjährigen Sohn, der sich im Rollstuhl durch sein Leben bewegt, so viele verletzende Situationen wie nur möglich ersparen möchte, die täglich vor unserer Haustür auf ihn lauern.

Es geht los mit der Onlinebuchung der Tickets. In Corona-Zeiten eine fabelhafte Idee, denke ich, da sparen wir doch sicherlich Zeit und laufen nicht Gefahr, uns in einer bedrängenden Extraschlange möglicherweise das Virus einzufangen. Geschweige denn Extrablicke von Leuten, die in ihrem Paralleluniversum Menschen wie uns mit Museumsartefakten verwechseln.

Pustekuchen. Menschen, die ein Anrecht auf einen Rollstuhlplatz im Kinosaal haben, müssen ihren Ausweis direkt am Kinoschalter vorweisen, erst dann können die Tickets gekauft werden. Ich verstehe das. Schließlich könnten wir ja schummeln und meinen Sohn extra in den Rollstuhl gesetzt haben, nur um den von allen heiß begehrten Rollstuhlplatz (ein Kinoplatz ohne Sitz, praktisch eine Leerstelle) zu ergattern.

Also nochmal 20 zusätzliche Minuten einplanen. Trotz vollständiger Impfung muss ein tagesaktueller Test her. Zwei Kinder und zwei Erwachsene, das bedeutet nochmal 30 Minuten zusätzlich. Denn neben dem puren Testereignis wäre da noch die Transferzeit einzurechnen: Kind assistierend aus dem Rollstuhl ins Auto setzen, Rollstuhl auseinanderlegen, im Kofferraum verstauen, das Gleiche in umgekehrter Reihenfolge dann nochmal, anschließend gefühlt noch 53 Mal. Ein Klacks.

Wo ist der Behindertenparkplatz?

In der Teststation arbeiten Menschen, die so nah am medizinischen Handwerk dran sind wie ein Gärtner an einer Mondfahrt. Für uns heißt das im Klartext: Eine Person, die an diesem Tag erstmalig probiert, das Teststäbchen in Gesichtsöffnungen zu schieben, versteht nicht die Bohne davon, dass mein Sohn durch seine Grunderkrankung und die zahlreichen medizinischen Eingriffe höllische Angst vor körperlichen Manipulationen hat.

In einem Ambiente voller Highspeedhektik und moderner Ungeduld macht sich das Gefühl breit, nie im Leben erklären zu können, was es braucht, damit mein verängstigter, aber tapferer Sohn den Corona-Test übersteht. Der Typ dort schnallt wirklich nichts. Bei dem schreienden Kind werden Nase als auch Hals abgestrichen, immer tiefer gedrängt, missbilligend mit dem Kopf geschüttelt, Metatext: Der soll sich nicht so haben. Bei meiner Tochter nebenan wird nur die Nase im vorderen Bereich untersucht.

Wir wollen ja aber nun mal ins Kino. Das heißt: Tränen abwischen, trösten, festhalten. Dabei auf die Uhr schauen und feststellen: Wir könnten es noch schaffen! Also los, Lächeln aufsetzen, freudige Perspektiven auf ein Ausnahmeerfrischungsgetränk mit Zuckerüberdosis eröffnen und weiter geht‘s.

Am Potsdamer Platz angekommen, dem T-Rex unter den Dino-Kinos, stellen wir fest: Mist, kein Behindertenparkplatz. Wie ist das möglich? Müssen wir übersehen haben. Also fahren wir viermal im Kreis, bis klar wird – nein, es gibt tatsächlich keinen. Wir verstehen: Menschen, die sich ausschließlich mit Unterstützung und Assistenz fortbewegen, können im Zentrum der Stadt nicht darauf hoffen, gleichberechtigt an kulturellen Ereignissen teilzunehmen.

Wir halten an unserer Mission fest. Gott sei Dank sind wir heute zwei Erwachsene. Einer kann weiterfahren. Ich steige mit den Kindern aus. Irgendwann sehen wir uns bestimmt wieder. Am Eingang angekommen, wissen wir, es gibt eine Eingangstür, die mit dem Schaltsystem funktioniert. Sie kennen das: der riesige Knopf mit dem tollen Rollstuhl-Icon darauf. Das ist die Tür der Selbstbestimmung. Die Tür, durch die wir ohne Probleme, Gedränge und mehrfaches Bitten fremder Leute durchkommen.

Nehmen Sie die Treppe!

Tun wir aber nicht. Die Automatik funktioniert nämlich – wie so häufig – gerade nicht. Also doch zu der anderen Tür, an der, Überraschung, gedrängelt wird und unsere Bitten – die Tür aufzuhalten – ignoriert werden. Pech gehabt.

Es ist 15 Uhr, die Vorstellung beginnt jetzt, wir sind im Foyer angekommen. Losgefahren sind wir 13.30 Uhr. Reine Fahrtzeit wären 15 Minuten. Egal, ich rechne nicht, dafür gibt es keine Zeit, denn nun gilt es, schnell die Tickets zu besorgen und ab ins schillernde oder auch schrille Familien-Leinwanderlebnis. Wir stehen eine Weile in der Warteschlange, bis wir an der Reihe sind.

Natürlich habe ich es mir angewöhnt, so nett und so deutlich wie möglich mit Dienstleistungsmenschen zu sprechen. Einerseits, um auf unsere Bedürfnisse aufmerksam zu machen und die beste Unterstützung zu bekommen, andererseits, um niemanden zu verschrecken. Denn wir wissen aus Erfahrung: Fordern wir elementare Grundrechte im öffentlichen Raum ein, kann das mit einer Provokation verwechselt werden.

Wir sind dran, es ist 15.10 Uhr, halleluja, wir verpassen nur die Werbung. Die Tickets werden uns verkauft, der Behindertenausweis wird gnädig zur Kenntnis genommen, mein Sohn kurz begutachtet. Auf die konkrete Frage, wo der Kinosaal sei und wie wir dahinkämen, erhalten wir die Antwort: Untergeschoss, nehmen Sie die Treppe.

Ich starre die maximal desinteressierte Kassiererin an und frage freundlich, ob sie uns erklären kann, wie wir mit meinem Kind im Rollstuhl zu dem Kinosaal gelangen sollen. Ach ja, um die Ecke gibt es einen Fahrstuhl.

Mittlerweile sind wir wieder zu viert, wir haben Tickets, wir haben einen Snackplan, wir sind bereit. Jetzt würden wir eigentlich aufatmen, während wir die Kinosaaltür 6 aufmachen und den Duft der Filmwelt einsaugen. Doch dann: Direkt hinter der Eingangstür wartet eine steile Kinosaaltreppe von circa 20 Stufen. 20 Stecknadeln im Herzen. 20 Schreie ins Ohr. 20 Unmöglichkeiten in einer Abfolge unmöglicher Geschehnisse der letzten zwei Stunden.

Das Kind bleibt tapfer, das Geschwisterkind umklammert meine Hand so fest, dass ich seine Gedanken nicht überhören kann. Wir gehen rückwärts raus. Suchen nach Angestellten, irgendjemandem, der oder die uns eine Lösung anbietet. Niemand da. Bis auf eine junge Reinigungskraft, die ich ab dem Moment nur noch mit bebender Stimme anspreche, ob sie uns helfen könne, in dieses Kino reinzukommen. Sie versteht meine Sprache nicht.

Zum Glück verstehe ich ihre. Und sie kann zaubern. Sie begleitet uns erneut zum Fahrstuhl, fährt mit uns zurück nach oben. Lotst uns an der Kassiererin vorbei, die plötzlich maximal interessiert ist, aber nicht an uns sondern an Candy Crush. Bis wir über eine geheime Hintertür wie durch Zauberhand in unseren Kinosaal gelangen.

Wir sind da. Mindestens ein Erwachsener weint heimlich in die laute Dunkelheit hinein. Mindestens ein weiterer Erwachsener spürt einen Berg voller Wut und Enttäuschung, die nicht rausdürfen. Beide Kinder haben Nachos mit Käsesoße und vergessen sofort die letzten zwei Stunden. Denn das war der Plan. Sich mal wieder durch die Hölle des ableistischen Alltags zu kämpfen, um einen kurzen Moment von Leinwand-Zauber zu erleben.

Erst wenn der Film vorbei ist, entscheiden wir, ob wir stark genug sind, wieder rauszugehen. Und wie wir rausgehen. Und wo wir rausgehen. Und wem wir in welcher Form welches Feedback geben. Und wie pädagogisch sollte es und wie entlarvend darf es sein. Aber vor allem stellt sich für uns die Frage: Wie schaffen wir es bis zur nächsten sicheren Insel, die Bitterkeit von unseren Herzen fernzuhalten?

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