Erstklässler in Berlin: Darf ich bitte einen ganzen Tag zuhause bleiben, Mama?

In Berlin kamen in diesem Jahr 37.050 Kinder zur Schule, auch der Sohn unserer Autorin. Er hat jetzt neue Sorgen - und neue Wünsche.

Schulanfänger müssen sich in den ersten Wochen an neue Strukturen gewöhnen.
Schulanfänger müssen sich in den ersten Wochen an neue Strukturen gewöhnen.imago/Frank Sorge

„Tschüss, mein Kleiner“, rufe ich vor dem Schuleingang. Es ist 7.52 Uhr – zwei Minuten nach der Zeit, in der man eintreffen soll, und acht Minuten vor Unterrichtsbeginn. Im Auto haben wir laut gesungen. Eigentlich liegen wir morgens immer gut in der Zeit und dann läuft sie uns zwischen Frühstück und Losgehen doch davon. „14 Uhr?“, fragt der Junge. „Ja, na klar.“ Ich weiß, jetzt dreht er sich noch mal um und wenn ich nicht signalisiere, dass ich im Begriff bin zu gehen, zögert er und kommt wieder zurück. Also schnell. „Mein schönes Schulkind, bring mir einen Buchstaben mit oder was anderes Kluges!“

„Ich freue mich auf die Schule“, hatte er am Morgen gesagt und macht mir damit ein großes Geschenk. Wenn ich das geahnt hätte, wäre mir im Vorfeld einiges an Sorge erspart geblieben. Aber es ist sicher nicht selbstverständlich und auch nicht bei jedem Kind so. Es war ein guter Schulanfang. Das Wort Schulkind ist noch immer wie eine Auszeichnung für den Jungen. Ich achte darauf, dass wir das Wort nur im positiven Zusammenhang verwenden. Sätze wie: „Du musst jetzt aber, weil du Schulkind bist“, vermeide ich.

Die ersten Wochen sind schnell vergangen. Vieles hat sich eingespielt. Mir fallen noch oft die Hinweise verschiedenster Menschen zum bevorstehenden Ernst des Lebens ein. Jetzt langsam kann ich mitreden. Und ja, die Situation ist anders, die Abläufe getakteter. Ernster ist es deshalb nicht geworden. Wir sind gut gelaunt wie immer und haben auch nicht vor, daran etwas zu ändern. Es bereitet mir Vergnügen, den Leuten, die mir diese Warnungen mit auf den Weg gaben, von der Fröhlichkeit der Dinge rund um die Schule zu erzählen. „Und wie ist es mit dem Aufstehen?“, werde ich gefragt. „Kein Problem. So wie vorher. Wir stehen gerne früh auf. Danke der Nachfrage, wir kriegen das gut hin.“

Man bekommt in den Tagen nach Schuleintritt vielleicht zum ersten Mal eine leicht schmerzende Ahnung davon, dass dies das eigene Leben des Kindes ist, was, je älter es wird, weniger mit einem zu tun haben wird. Aber denke ich darüber nicht allzu viel nach, fühlt es sich gar nicht so schlecht an mit der Schule. Nur die Zeit, die rast und rast. Es ist wirklich so, sie vergeht irgendwie schneller.

Für Kinder beginnt mit der Schule ein neues Leben.
Für Kinder beginnt mit der Schule ein neues Leben.imago/photothek

Das schwere Mutterherz ist beruhigt

Ich gehe nicht mehr mit schwerem Herz über den Schulhof, wenn ich ihn abgegeben habe. Denn ich merke, er ist angekommen. Nur einmal schmerzte das Mutterherz noch. Es war an einem dieser erwähnten 7.52 Uhr-Tage. Die Kinder rannten bereits zur Turnhalle. Die Lehrerin rief: „Nun aber schnell. Hol den Sportbeutel.“ Der Junge wusste nicht, was zu tun ist. Wohin mit dem Ranzen? Also stand er weinend mit der Tasche auf dem Rücken vor der Schule. Die Lehrerin rief mehrfach seinen Namen. Der Ablauf der Dinge war ihm nicht klar. Ich bin zurückgegangen, wischte ihm die Tränen aus dem Gesicht. „Wir machen das jetzt alles zusammen, eins nach dem anderen.“

Er beruhigte sich und ich brachte ihn zur Sporthalle. „Jetzt war es gar kein schöner Tagesanfang“, sagte er. „Doch. Wir wissen jetzt, dass wir keine Minute nach 7.50 Uhr kommen können, und wir haben noch ein bisschen Zeit zusammen verbracht. Alles ist in Ordnung und alles machst du gut.“ Ich nahm mir vor, ab dem nächsten Tag etwas früher zu kommen. Das klappt auch, zumindest am Sporttag. Seitdem drehe ich mich nach der Verabschiedung noch mal um, falls er doch dort steht.

Es gibt Kinder, die noch später angerannt kommen, und einige, die erst nach Unterrichtsbeginn in den Raum geschoben werden, Eltern, die weiterhin – unbeeindruckt von der Bitte, dass man sich vor der Tür trennen soll – ihre Abschiedszeremonie im Flur absolvieren. Mein Gefühl ist, je souveräner Eltern sich verhalten, desto weniger werden sie auf die Dinge hingewiesen. Oder ist man nur müde geworden, sie zu ermahnen? Ich finde den kurzen Abschied vor der Tür, den immer gleichen Ablauf gut für das Kind. Das gibt Sicherheit.

Vor der Schule ist Stau bis etwa 7.55 Uhr. Zwei Tage in Folge gab es kleine Auffahrunfälle mit Blechschäden. Einige parken zum Abgeben der Kinder in den Einfahrten von Schule und benachbarten Häusern. Hin und wieder steht ein Polizist morgens am Eingang. Dann bleiben die Einfahrten frei. Ich habe einen Platz vor der Eingangstür eines Grundstückes in der Seitenstraße gefunden. „Entschuldigung. Ich stehe hier manchmal“, rief ich dem Mann in dem Garten zu. Er sah mich an. „Das ist kein Problem. Die Kinder sollen sicher ans Ziel kommen.“ Es ist mein Geheimplatz und die Rettung, wenn es zeitlich wieder um die erwähnten zwei Minuten geht.

Die ersten beiden Jahrgänge sind in einem kleineren Haus gegenüber des Haupt-Schulgebäudes untergebracht. Es gibt dort eigene Zeiten und man ist noch separiert vom restlichen Schulgeschehen. Das ist ein großer Vorteil. Klassen- und Hortraum sind freundlich eingerichtet. Wenn ich den Jungen abhole, zeigt er mir, welche Veränderungen es gibt. Vieles ist anders als zu meiner Schulzeit. Heute lernt man erst einmal die Druckbuchstaben, schreibt mit einem Bleistift. Ich habe die unterschiedlichsten Anspitzer gekauft, um festzustellen, dass kaum einer etwas taugt. Die meisten Stunden werden VU genannt, was so viel heißt wie Vorunterricht. Da ist alles mit drin, Rechnen, Schreiben, Lesen. Hinzu kommen Musik, Sport, wahlweise Lebenskunde oder Religion und eine Stunde Englisch pro Woche.

An das erste gesprochene und geschriebene Wort der Kinder erinnern sich Eltern besonders gerne. Wie der Entwicklungsstand des Kindes ist, hängt aber von einigen Faktoren ab. Durch die vergangenen Corona-Jahre und die fehlende regelmäßige Betreuung in der Kita ist der Unterschied umso größer geworden.
An das erste gesprochene und geschriebene Wort der Kinder erinnern sich Eltern besonders gerne. Wie der Entwicklungsstand des Kindes ist, hängt aber von einigen Faktoren ab. Durch die vergangenen Corona-Jahre und die fehlende regelmäßige Betreuung in der Kita ist der Unterschied umso größer geworden.imago/McPHOTO

Ein A, ein L, ein O – in der Schule gibt es viele Geschenke

Die Lehrerin erklärte anfangs, die Kinder seien im Entwicklungsstand derart weit auseinander, dass es schwierig ist, einen gemeinsamen Einstieg zu finden. Verantwortlich sei dafür nicht nur das unterschiedliche Alter von fünf bis sieben Jahren. Hinzu kämen die Sprachschwierigkeiten der Kinder, die aus anderen Ländern kommen. Die Erzieherin fügte hinzu, man dürfe nicht vergessen, dass zwei Corona-Jahre hinter uns liegen, viele Kinder wochenlang die Kita nicht besuchen konnten. Wichtige Dinge sind da auf der Strecke geblieben.

Ungeduldig habe ich auf den ersten Buchstaben gewartet. „Schlepp mir doch endlich das A an“, sagte ich. Irgendwann kam er mit dem O nach Hause. Es folgte das L. „Olo“ stand an der Tafel – so nennen wir unseren Freund. Dann wurde dem Jungen klar, wie schön es sein wird, wenn er endlich lesen kann. Überall sieht er nun Worte, die er vorher nicht wahrgenommen hat, und versucht, sie zu entschlüsseln. Zu beobachten, wie er sich diese Welt erschließt, ist für mich nicht weniger aufregend als die frühen großen Entwicklungsschritte wie Laufen- und Sprechenlernen. Ich habe ihm erzählt, dass jeder Buchstabe ein Geschenk der Lehrerin ist. „Diese 26 Buchstaben sind Schlüssel für das ganze Leben. Sie werden dich für immer begleiten und dir alles ermöglichen.“ „Das macht 26 Geschenke in einem Jahr“, stellte der Junge fest.

Ein Glücksfall ist die Begleitung der Klasse durch eine Erzieherin. Sie ist nicht nur an der Gestaltung des Nachmittagshortes beteiligt, sie ist auch im Unterricht dabei, hat ein liebevolles Auge auf jedes Kind. Fällt die Lehrerin aus, springt sie häufig ein, liest vor, bastelt oder spricht mit den Kindern über wichtige Themen. Kolja mag sie besonders gern und wenn er am Nachmittag im Wohnzimmer seine Shows mit gebastelten Masken macht, steckt nun oft sie darunter. Das Hortangebot ist vielseitig und einladend. Ein Projekttag in der Woche bietet eine Vielzahl an Wahlmöglichkeiten. Kolja entscheidet sich immer für das Vorlesen, weil es die Erzieherin macht.

Das Schulessen schmeckt Kolja nicht besonders. „Ich habe den ganzen Teller gegessen“, erzählte er anfangs oft, bis ich dahinterkam, dass er sich eine Miniportion geben lässt. Ein ganzer Teller bedeutet also oft nur ein kleiner Löffel. „Kosten muss sein, und wenn es wenig ist“, habe ich gesagt. Das „Wenig“ hat er sich leider gemerkt.

Der Weg vom Kita-„Du“ zum Schul-„Sie“ scheint noch ein weiter zu sein. „Alle sagen Du zu den Lehrern“, meint der Junge und fragt mich, ob er mich zur Übung mal einen ganzen Tag siezen kann. „Na, mach doch.“ „Mama, können Sie mir bitte ein Stück Schokolade geben?“ Es fällt ihm so schwer, dass er es im Laufe des Tages lieber bleiben lässt. Wenn mir Kolja stolz seine Hefter und Bücher vorführt, verdeckt er mit der kleinen Hand die geschriebenen Zahlen, die ihm nicht so gut gelungen sind. „Zeig her die Zitterzahlen“, sage ich. Ich weiß, wie viel Mühe er sich mit allem gibt. Darauf kommt es im Moment an. Was noch nicht klappt, kann man fröhlich üben.

Die Umstellung ins Schulleben kann Kinder auch mal überfordern. Da ist es wichtig, besonders einfühlsam zu sein.
Die Umstellung ins Schulleben kann Kinder auch mal überfordern. Da ist es wichtig, besonders einfühlsam zu sein.imago images/Science Photo Library

„Wenn die Schule das Gute wegnimmt, wird sie zur Strafe“

Mein Junge wünscht sich viel Zeit zu Hause, auch mal einen ganzen Tag am Wochenende. Ich sorge dafür, dass er den bekommt, und lasse diese Tage weitestgehend unverplant. „Ein ganzer Tag“, ruft er morgens genüsslich und ist dann bis zum Abend beschäftigt. Er bastelt Masken, dreht Musikshows, denkt sich eigene Lieder aus. Er teilt sich die Stunden gut ein, damit er am Ende zufrieden ist. Ich denke, man sollte in diesen ersten Wochen beobachten und erspüren, was gerade gebraucht wird. Manch ein Kind hat gern viel Aktion, ein anderes mehr Verschnaufpausen. Wer noch gerne spielt, braucht Zeit dafür. Wer viel Schlaf benötigt, muss ihn trotz der frühen Aufstehzeit kriegen. Wenn Schule das Gute wegnimmt, wird sie zur Strafe. Klar, manchmal ist es unbequem. Das gehört dazu, aber das tricksen wir aus.

Der Schuleintritt ist ein riesiger Meilenstein. Das merkt man an jedem Tag. Mein Junge hat in den sieben Wochen einen großen Entwicklungssprung gemacht. Er ist nun eine Mischung aus großem Kind und noch immer kleinem. So legt er jetzt seine Kleidung abends ordentlich zusammengefaltet auf die rechte Sofalehne. Er fragt mich nach dem Einkauf, ob er was tragen soll. Er denkt anders mit. Gleichzeitig hat er Ängste, sichert sich abends mehrfach ab, dass ich die Wohnung nicht verlasse, nicht einmal Müll wegbringe. Er greift auf der Straße wieder öfter nach meiner Hand. Er braucht das sichere Gefühl, dass bei uns die Dinge genauso laufen wie vorher.

„Achtung, Sorge“, sagt Kolja, wenn ich ein Thema bespreche, was er nicht überblicken kann. „Achtung, Sorge“ haben wir als Code ausgemacht. Wenn er das sagt, weiß ich, ich muss aufpassen, erklären, was ich gerade gemeint habe, sonst schleicht sich das Thema abends vor dem Einschlafen mit in sein Bett. Ich habe ihm altersentsprechend von dem Krieg in der Ukraine erzählt und er weiß auch von den gestiegenen Preisen. Ich finde, das reicht. Ich achte darauf, dass ich vor ihm keine Erwachsenengespräche über finanzielle Sorgen oder eigene Ängste führe. Ich schalte die Nachrichten aus, wenn er dabei ist. Man muss mal versuchen, all das, was gerade von Medien und Menschen, egal welcher Meinungsrichtung, zu empfangen ist, mit Kinderohren zu hören.

Ob es um Umweltproblematik, Krieg, Existenznot, Corona geht: Wie sollen Kinder mit dem Aufgeschnappten umgehen? Wie können sie es einordnen, wenn nicht einmal wir in der Lage dazu sind? Wie sollen sie positiv in die Zukunft blicken, wenn wir nicht eine Spur der Hoffnung lassen? Wer glaubt, sie bekämen von all dem nichts mit, irrt sich, denke ich, gewaltig. Ich habe mir vorgenommen: So wacklig auch der Boden ist, auf dem wir im Moment stehen, solange ich noch für den Boden des kleinen Jungen verantwortlich bin, soll der für ihn nicht wackeln. Wir werden weiterhin und gerade jetzt das Kleine, Besondere, Schöne, Liebens- und Lebenswerte finden und zwar jeden Tag.

Am Nachmittag zieht Kolja einen Stein aus der Jackentasche. „Guck mal, ist der nicht schön?“, fragt er. Auf einer Schulhofbank hatte ein Mädchen seiner Klasse einen sehr begehrten Steinladen aufgemacht. „Da hab ich ihn gekauft.“ – „Und was hast du bezahlt?“ – „20 kleine Steine kostete er. Ich habe eine halbe Stunde gesucht. Kurz vor Ende der Pause hatte ich endlich alle zusammen. Es gab noch einen großen Stein, aber der kostete 100 Steine. Das hätte ich nicht geschafft.“

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.