Während anderenorts zwei Studenten von Berlin nach Peking radeln müssen, um Social-Media-wirksam Spenden für den Bau einer Grundschule in Guatemala zu sammeln (die Doku „Biking Borders“ läuft auf Netflix), klotzt uns die Regierung hier in Potsdam voll ausgestattete Grundschulen ins Einzugsgebiet. Oft kann man in urbaneren Gegenden sogar zwischen Schulen wählen oder sich für alternative Schulformen von freien Trägern entscheiden. Schulsprengel, Schulpflicht und das Credo der Chancengleichheit sollen jedem Kind einen fairen Bildungsweg ebnen.

Lernen mit Freude. Jeder bekommt die gleichen Startbedingungen. Soweit die Theorie. Die Praxis sieht anders aus. Als ich mein erstes Kind mit einer Zuckertüte ausstattete, dachte ich zwangsläufig an meine eigene Kleinstadt-Schulzeit zurück. Noch in den letzten Zügen der DDR eingeschult, war ich über die Wende vor allem deswegen froh, weil der Unterricht am Sonnabend plötzlich wegfiel. Was für ein Unrechtsstaat jagt Eltern sonnabends in aller Früh aus dem Bett und Kinder in die Schule?

Mir fiel aus meiner Klasse T. ein, der nie eine Brotbox mithatte

Die Diktatur dankte ab und bei laufendem Betrieb wurde unser Schulsystem umgebaut. Die Sitzordnung durfte beibehalten werden. Ich erinnere mich vor allem an Freunde, Spaß und ein bisschen Angst wegen der Kopfnote im Betragen. Und an meine Klassenlehrerin Frau S., eine erfahrene Pädagogin mit Herz, die ein verheultes Grundschulgesicht schon mal tröstend an den überbordenden Mutti-Busen drückte. Das Mütterliche sorgte auch sonst für eine gute Lernumgebung und der Busen zudem für maximalen Aufprall-Schutz beim Bocksprung.

Schule wie bei Frau S. in der heimeligen Nachwende-Kleinstadt, das wünschte ich mir auch für meine kleine Tochter. Leider fiel mir die kindliche Verblendung meiner Schulzeit erst bei ihrer Einschulungsfeier auf. Plötzlich saßen hier nicht mehr nur Eltern in den Stuhlreihen vor den stolzen Abc-Schützen auf der Bühne, sondern die von Armut bedrohte, alleinerziehende Mutter, die Familie mit acht Kindern und der Alkoholiker-Vater. Da saßen jetzt Probleme – familiäre, finanzielle, fundamentale. Genau wie in meiner Grundschulklasse, dachte ich auf einmal.

Das Bild der Erinnerung weitete sich schlagartig. Mir fiel mein Klassenkamerad T. ein, der nie Schulmaterial dabeihatte oder eine Brotbox. Er störte den Unterricht und stank. Dann fehlte er wieder für Wochen. Wenn er da war, wollte niemand neben ihm sitzen. Er war der Aussätzige, schüchtern und uncool. Niemand lud ihn zu seinem Geburtstag ein. Als die Klasse sich einmal in seiner Abwesenheit über seine ungepflegte Erscheinung lustig machte, griff die Lehrerin ein und schilderte seine Lebenssituation: sechs Geschwister, die Eltern klassische Wendeverlierer und arbeitslos.

Lasst nicht die Kinder mit Motto-Geburtstagen die Maßstäbe setzen!

Die überforderte Familie lebte auf dem Dorf in einem verwahrlosten Bauernhaus, vermutlich ohne fließend Wasser. An diesem Nachmittag wurde es sehr still in der sonst so quirligen 3a. Am Ende des Schuljahres wurde T. nicht versetzt und verließ unsere Klasse. Bei der Zeugnisausgabe fühlten wir uns alle schuldig. Ich habe keine Ahnung, was aus dem Jungen wurde. Mein behütetes Mittelschicht-Dasein als Lehrer-Einzelkind hielt mich nach diesem kleinen Realitätsschock trotzdem in seiner chancengleichen Bildungsblase.

Und jetzt dämmerte es mir, mitten im Zuckertüten-Battle der Einschulungszeremonie wurde mir klar, dass sich auch hier die gleiche Dynamik einschleichen könnte. Die Bildungshaushalts-Friedrichs und -Hannas werden in Summe besser dastehen als die Kinder aus dem Migrationshaushalt oder den schwierigen Verhältnissen. Sie werden mit ihren Motto-Kindergeburtstagen, dem Zauberer-Entertainment, der dreistöckigen Geburtstagstorte und den prall gefüllten Goodie-Bags zum Abschied den Maßstab setzen. Die Eltern werden mit ihnen Hausaufgaben machen und sie zum Sport fahren. Sie werden coole Smartphones haben, lange bevor sie das Wort Cybermobbing buchstabieren können.

Beliebtheit ist immer noch das höchste Gut des Schülers. Da helfen kein Förderverein oder Teamstunden. Wenn die ersten Social-Media-Accounts dazukommen, ist der soziale Marktwert auch noch zählbar. Als dann der Name meiner Tochter aufgerufen wurde, war ich gleichzeitig stolz und ein bisschen beschämt ob der glitzernd überfüllten Schultüte, die ich selbst gebastelt hatte mit Zeit und Geld. Wir stecken schon bis zum Hals drin im Spiel: der fancy Schulranzen, das neue Outfit, die dicke Party im Anschluss. Die uncoole Micky-Maus-Mappe aus der 2. Reihe ist dagegen vielleicht gar keine eigene Wahl!?

Es sind nicht nur Tränen der Rührung, die mir jetzt auf die Bluse tropfen, es ist auch ein bisschen schlechtes Gewissen dabei und Verzweiflung. Wie erklärt man einem sechsjährigen Menschen, worum es hier geht? Dass nicht alle sorgenfrei aufwachsen können. Dass Bildung auch eine Frage der Herkunft und Teilhabe nicht für jeden vorgesehen ist. Immer noch nicht. Dass die Welt Probleme hat und Menschen Schicksale. Die Pandemie hat uns schmerzlich bewiesen, dass Kinder aus sozial benachteiligten Familien beim Lernen schneller abgehängt wurden, als Jeff Bezos eine Million machen kann. Die neuralgischen Punkte liegen offen, die Politik muss nun reagieren.

Die Schultüte sollte nicht das Einzige sein, was Größe zeigt

Spätestens mit der Einschulung büßen Eltern ihren dominanten Einfluss auf das Kind ein und die Produktionsstätte von Wissen übernimmt einen wesentlichen Teil der prägenden Macht. Die Aufgabe, das Kind zu formen und zu bilden, kann deswegen aber nicht vollständig an die Bildungseinrichtung abgegeben werden. Es braucht mehr als: „Wie war’s in der Schule?“ und ein Engagement für gute Noten. Wie also kann es gelingen, dass Kinder wie T. aus meiner Grundschulzeit besser integriert werden? Wie stärkt man das Gemeinschaftsgefühl einer Klasse und verhindert Mobbing?

Die institutionellen Lösungskonzepte scheinen nicht auszureichen. Es sind die reflektierten, gut situierten Elternhäuser, die ihren Kindern helfen müssen, keine miesen Ellenbogen-Primaten zu werden. Sie müssen ein Bewusstsein schaffen für die eigene privilegierte Welt, für das Zimmer voller Spielzeug, für die Familie voller Liebe, für die riesengroße Zuckertüte. Wir halten uns für superoffen und lieben Kreuzberg, weil’s so multikulti ist, aber wenn wir für das eigene Kind eine Beeinträchtigung in der schulischen Ausbildung wähnen, weil die Klasse eben auch multikulti ist, steigen die Yoga-Mamis und SUV-Papis dem Lehrpersonal auf’s Dach.

An den kommenden Wochenenden werden in Berlin und Brandenburg wieder Zehntausende Kinder eingeschult. Nicht jede Familie wird sich die komplette Grundausstattung leisten können. Nicht jedes Kind wird am Ende seiner Schullaufbahn studieren oder den Wunschberuf ergreifen können. Aber jedes Kind sollte die Erfahrung machen, dazuzugehören. Dafür müssen sich die Eltern ihre eigene Lebenssituation vergegenwärtigen und die Strukturen, die diese begünstigt haben. Wenn dabei rauskommt, dass Sie gut dastehen, besser als andere, geben Sie etwas zurück. Zeigen Sie Ihrem Kind, wie man etwas Nettes für jemand anderen tut, wie man aufeinander achtet, wie man hilft. Die Schultüte sollte nicht das Einzige bleiben, das Größe zeigt.

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