„Eisern und zart“ – das bewegte Leben der Fotografin Tina Modotti

Tina Modotti war eine herausragende Fotografin, Schauspielerin und Revolutionärin. Bis Anfang Februar können Interessierte ihre Arbeit in Kreuzberg bewundern.

Johan Hagemeyer, „Tina in San Francisco“, 1921
Johan Hagemeyer, „Tina in San Francisco“, 1921Johan Hagemeyer

Das Besondere dieser Frau war es, dass sie viele Rollen verwirklicht hat: die der Femme fatale, der Künstlerin, der Revolutionärin, ohne auf einer Stufe ihres Lebens hängengeblieben zu sein oder vergangene zu verleugnen. Sie vereinigte alle diese in sich, so eine Monografin über sie.

Tina Modotti entstammte einer proletarischen, sozialistisch engagierten Familie. 1896 wurde sie in Udine im Friaul geboren. 1913 folgte Tina ihrem Vater und ihrer älteren Schwester Mercedes in die USA, nach San Francisco. Dorthin war der Vater einige Jahre zuvor ausgewandert. Tina Modotti arbeitete zunächst als Textilarbeiterin und Schneiderin. In ihrer schmalen Freizeit – damals galt die 57- bis 60-Stunden-Arbeitswoche – besuchte sie die Bühnen und Musikgruppen der Arbeiterorganisationen, die zahlreich im Little Italy von San Francisco entstanden.

In dieser Umgebung lernte sie den jungen frankokanadischen Dichter und Maler Roubaix de l’Abrie Richey, genannt Robo, kennen. Sie heirateten 1917. Durch ihn fand sie Eingang in die Welt der Künstler und bürgerlichen Intellektuellen. Gespräche über Kunst, Sozialismus und aktuelle politische Ereignisse formten ihr politisches Bewusstsein. Eine neue Phase ihres Lebens begann, als sie Edward Weston begegnete, dem amerikanischen Meister der modernen Fotografie.

Tina Modotti, Calla-Blüten, 1925
Tina Modotti, Calla-Blüten, 1925Tina Modotti

Mit ihm ging sie nach Mexiko, wo beide in enger Arbeits- und Ideengemeinschaft lebten. Zunächst war sie seine Schülerin, dann Mitarbeiterin und schließlich begann sie selbst zu fotografieren. Bald löste sie sich von Westons Stil. Weston postulierte die Reinheit des Ausdrucks und die Verfeinerung des Objekts bis hin zur Abstraktion.

Tina Modotti fand eigene Ausdrucksmöglichkeiten, die der mexikanische Fotograf Manuel Álvarez Bravo so beschrieb: Als Tina in Mexiko angekommen war, befand sie sich noch in der romantischen Phase, aber kaum hier, stand sie mit Weston unter dem Einfluss der Künstler, die sich für eine ästhetische Revolution engagierten, die für eine moderne, in der Tradition verwurzelte Kunst kämpften. Sie nahm für die moderne Fotografie das auf, was schon in der hergebrachten Fotografie enthalten ist.

Tina Modotti, Frau mit Fahne, Mexiko-Stadt, 1928
Tina Modotti, Frau mit Fahne, Mexiko-Stadt, 1928Tina Modotti

Tina Modotti nahm aktiv am politischen Leben teil

So begann die Begeisterung für Materie und Form. Sie vermischte Poesie mit Abstraktion und schaffte Werke von technischer Vollendung und plastischer Solidität. In Mexiko vollzogen sich in jenen Jahren nach der Revolution von 1910 bis 1917 soziale Veränderungen: die Agrarreform mit der Enteignung des Großgrundbesitzes und der Verteilung des Bodens, die Alphabetisierungskampagne, die beginnende kulturelle Revolution. Mit den dabei aktiv beteiligten Künstlern wie Orozco Romero, David Alfaro Siqueiros, Diego Rivera und Clemente Orozco verband Tina Modotti eine enge Freundschaft.

Tina Modotti, Hände eines Bauarbeiters, Mexiko, 1926
Tina Modotti, Hände eines Bauarbeiters, Mexiko, 1926Tina Modotti

Über diese politischen Avantgardisten und Gründer der Kommunistischen Partei Mexikos hinaus hatte sie Verbindungen zu einem großen Kreis progressiver mexikanischer Intellektueller. Vor allem nach der Trennung von Weston nahm sie immer aktiver am politischen Leben teil. Sie arbeitete für die Internationale Rote Hilfe und trat 1927 in die Kommunistische Partei Mexikos ein. Sie fotografierte und übersetzte für El Machete, die Zeitung der KP Mexikos.

In dieser Zeit entstanden einige ihrer bekanntesten Arbeiten wie das Foto, das die Hände eines Landarbeiters zeigt, der eine Schaufel hält oder die Fotos, auf denen Sichel, Patronengürtel und Gitarre – Symbole der mexikanischen Revolution – ein Stillleben ergeben. Als im Dezember 1929 in Mexiko City die Ausstellung ihrer Werke stattfand, wehrte sie sich dagegen, als Künstlerin gesehen zu werden: „Ich betrachte mich als eine Fotografin, mehr nicht und wenn sich meine Fotografien von dem unterscheiden, was allgemein auf dem Gebiet gemacht wird, so deshalb, weil ich eben gerade versuche, nicht Kunst zu produzieren, sondern ehrliche Fotografien, ohne Tricks oder Manipulationen, während die Mehrheit der Fotografen noch immer nach künstlerischen Effekten oder nach der Imitation anderer bildnerischer Darstellungsweisen sucht …“

Tina Modotti, Gitarre, Patronengürtel und Sichel, 1927
Tina Modotti, Gitarre, Patronengürtel und Sichel, 1927Tina Modotti

„Unter guter (Fotografie) muss man jene verstehen, die alle der fotografischen Technik innewohnenden Grenzen akzeptiert und alle Möglichkeiten und Merkmale nutzt … Und wenn dazu noch Sensibilität und Sachkenntnis kommen und vor allem eine klare Orientierung hinsichtlich ihrer Stellung innerhalb der historischen Entwicklung, dann ist das Ergebnis, wie ich glaube, würdig, einen Platz in der gesellschaftlichen Produktion einzunehmen, zu der wir alle einen Beitrag leisten müssen.“

Während ihrer Mitarbeit an El Machete lernte Tina Modotti den jungen kubanischen Revolutionär Julio Antonio Mella kennen. Ihre Liebesbeziehung währte nur wenige Monate; im Januar 1929 wurde Mella an ihrer Seite auf offener Straße von Attentätern im Auftrag des kubanischen Diktators Gerado Machado erschossen. Im Frühjahr 1930 wurde sie aufgrund ihrer politischen Aktivitäten für die Kommunistische Partei Mexikos und die Internationale Rote Hilfe aus dem Land gewiesen.

Tina Modotti, Frau aus Tehuantepec, 1929
Tina Modotti, Frau aus Tehuantepec, 1929Tina Modotti

Die vielen Stationen von Modottis Leben

Sie reiste nach Rotterdam, von dort aus nach Berlin, wo Freunde ihre Einreise in die Sowjetunion organisierten. Im Oktober fuhr sie zu ihrem Kampfgefährten, dem italienischen Kommunisten Vittorio Vidali – ihn hatte sie auf einer Solidaritätskundgebung für Sacco und Vanzetti kennengelernt – in die Sowjetunion. Inzwischen fest engagiert in der revolutionären Bewegung entschied Tina Modotti, auf ihre Arbeit als Fotografin zu verzichten, um sich ganz ihrer politischen Tätigkeit in der lateinamerikanischen Sektion der Roten Hilfe zu widmen.

Sie arbeitete als Übersetzerin und verfasste Berichte über die Situation in den lateinamerikanischen Ländern. Ende 1933 verließen Vidali und Modotti Moskau mit dem Auftrag, in Paris das Auslandszentrum der Roten Hilfe aufzubauen. Später folgte sie Vidali nach Spanien, wo er die Gründung einer Volksarmee im Spanischen Bürgerkrieg nach dem Franco-Putsch von 1936 befördern sollte. Unter dem Namen „Maria“ arbeitete Tina Modotti mit großem Talent als Organisatorin der Roten Hilfe und als Sanitäterin während der Kriegsjahre.

Dabei hielt sie stets den Kontakt zu den antifaschistischen Intellektuellen, den Kommunisten, Sozialisten und Republikanern. 1937 nahm sie in Valencia am II. Internationalen Kongress zur Verteidigung der Kultur gegen den Faschismus teil. Nach der Niederlage der republikanischen und demokratischen Kräfte im Spanischen Bürgerkrieg suchten Modotti und Vidali in Mexiko Asyl. Sie nahm ihre Arbeit als Übersetzerin wieder auf, übersetzte Varga und Lenin.

Tina Modotti, Flor de manita, 1925
Tina Modotti, Flor de manita, 1925Tina Modotti

Die beiden wohnten in einer winzigen Wohnung in Mexiko-Stadt, in die es bei Regen hereintropfte. Das Geld reichte gerade für die nötigsten Dinge. Dennoch wurde ihre Wohnung zum Treffpunkt der Emigranten. Zu ihren Freunden gehörten der Bauhaus-Architekt Hannes Meyer, die Schriftstellerinnen Constancia de la Mora und Anna Seghers, Pablo Neruda und Frida Kahlo.

Am 5. Januar 1942 starb Tina Modotti in einem Taxi an Herzversagen. Der Dichter Pablo Neruda schrieb daraufhin ein Gedicht auf ihr „zerbrechliches Leben“. Eingemeißelt in ihre Grabplatte auf dem Friedhof Panteon Civil de Dolores in Mexiko-Stadt besingt er das „eiserne, … so zart(e) Gefüge“ ihrer Persönlichkeit. Derzeit ist die Ausstellung „Tina Modotti – Revolution und Leidenschaft“ in der Galerie F³ – Freiraum für Fotografie in Berlin-Kreuzberg bis zum 5. Februar zu sehen. Es ist nach 1989 in Berlin-Friedrichshain die zweite Ausstellung für diese Fotografin in Deutschland.

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