„Schleichender Genozid“: Wiederholt sich in Haiti die Geschichte auf grausame Weise?

Seit November schiebt die Dominikanische Republik Erntehelfer in das von Krisen betroffene Haiti ab. Unser Autor zieht Parallelen zur Vergangenheit.

Eine Haitianerin, die in der Dominikanischen Republik als Erntehelferin arbeitet
Eine Haitianerin, die in der Dominikanischen Republik als Erntehelferin arbeitetimago/ZUMA Press

Geschichte wiederholt sich nicht – oder doch? Am 6. Dezember 1492, auf den Tag genau vor 530 Jahren, ankerten drei spanische Karavellen an der Nordwestküste Haitis, das Kolumbus wegen seiner vermuteten Ähnlichkeit mit Spanien Hispaniola nannte; die Bucht heißt noch heute Môle St. Nicolas. Dreißig Jahre später war die aus dem Orikono-Delta stammende Urbevölkerung der Insel weitgehend ausgerottet. Die „Entdeckung“ Hispaniolas führte zu einem Völkermord, der eine nie getrocknete Blutspur durch die Geschichte zog und bis heute nicht beendet ist.

Ich fange am Ende an: Luis Abinader, Präsident der an Haiti grenzenden Dominikanischen Republik, erließ kürzlich ein Dekret zur Ausweisung seit Generationen hier lebender Haitianer, die sich als Erntehelfer verdingen und, wahllos zusammengetrieben, mit Gewalt über die Grenze abgeschoben werden – angeblich stellen sie ein Sicherheitsrisiko dar.

Ohne die rassistisch diskriminierten, notorisch unterbezahlten Saisonarbeiter aus Haiti wäre die von Zuckerbaronen beherrschte Dominikanische Republik nie zu einem Touristenmagnet geworden. 50.000 Haitianer mit und ohne Ausweispapiere wurden in den letzten drei Monaten mit Militärlastwagen zur Grenze gekarrt und gegen ihren Willen ins bitterarme Nachbarland expediert; 150.000 weitere warten in Polizeigewahrsam auf die Abschiebung.

Das fremdenfeindliche Dekret 668-22 vom 11. November rief nicht nur Menschenrechtsaktivisten auf den Plan. Auch die Botschaft der USA protestierte gegen die rassistischen Übergriffe und wurde von Abinader daran erinnert, dass und wie US-Ranger zu Pferde an der Grenze zu Mexiko haitianische Asylbewerber in den Rio Grande gejagt hatten. (Dass Abinader von Auswanderern aus dem Osmanischen Reich abstammt, die in Santo Domingo Personae non grata waren, sei in Klammern hinzugefügt.)

Luis Abinader
Luis Abinaderimago/Agencia EFE

Haiti: Ein Ort vieler tragischer Geschichten

Das Ganze ist ein Déjà-vu. Vor 85 Jahren, im Herbst 1937, ließ der dominikanische Diktator Trujillo, ein Bewunderer Hitlers und Mussolinis, von seiner der SA nachempfundenen Miliz bis zu 20.000 Erntearbeiter aus Haiti, einschließlich Frauen und Kinder, mit Macheten massakrieren – nicht nur, um Munition zu sparen, sondern um die Morde den Opfern in die Schuhe zu schieben. Das Massaker hatte ein tragikomisches Nachspiel: Trujillo entschuldigte sich später beim Staatschef Haitis und zahlte eine Entschädigung von umgerechnet einem Dollar für jeden Getöteten, wovon kein Cent je die Betroffenen erreichte – ein Deal, der verdeutlicht, wie wenig ein Menschenleben auf Hispaniola wert ist.

Um sein ramponiertes Image aufzubessern – amerikanische Missionare hatten über das Pogrom berichtet –, schickte er seinen Schwiegersohn, den Playboy Porfirio Rubirosa, zur internationalen Flüchtlingskonferenz nach Évian und erklärte sich bereit, Veteranen des Spanienkriegs und deutsche Juden, die in den USA nicht willkommen waren, in der Dominikanischen Republik aufzunehmen. Trujillo hielt Wort, und so kam das Paradox zustande, dass ein faschistischer Diktator Gegnern von Hitler und Franco Asyl bot und damit ihr Überleben sicherte.

Zurück nach Môle St. Nicolas. Im Dezember 1763 wateten 2000 elsässische Siedler hier an Land, die Frankreichs Marineminister Choiseul mit dem Versprechen auf Auswanderung nach Kanada geködert hatte, das dann im Siebenjährigen Krieg an England fiel. Die Elsässer hatten Schlittschuhe im Gepäck, aber statt fruchtbarer Erde sahen sie eine staubtrockene Savanne vor sich. Der Passatwind regnet sich jenseits der Berge ab, der Nordwesten Haitis gleicht einer Wüste, und die Auswanderer gingen in nur einer Generation an Hunger und Krankheiten zugrunde.

Damit nicht genug. Im April 1961 landete ein aus Kuba kommendes Motorboot in Môle St. Nicolas. An Bord befanden sich fünf bewaffnete Partisanen, angeführt von dem Dichter Jacques Stéphen Alexis, dem Nikita Chruschtschow einen Koffer voll Dollars überreichte, als er beim Moskauer Kongress von 81 kommunistischen Parteien die durch den Auszug der Chinesen geschockten Delegierten mit bewegenden Worten zur Einheit aufrief.

Ziel der Invasoren war der Sturz der Diktatur von „Papa Doc“ Duvalier, aber statt sich zum bewaffneten Kampf in die Berge zurückzuziehen, verteilten sie Geld an die Bevölkerung und betranken sich mit Barbancourt-Rum. Als ein von Papa Doc entsandtes Vorauskommando der Tontons Macoutes – so hieß die Terrormiliz – eintraf, war es zu spät: Jacques Stéphen Alexis, in Paris als schwarzer Orpheus, in Peking als Vorkämpfer der Dritten Welt gefeiert, wurde nach Port-au-Prince gebracht, viehisch gefoltert und ermordet. Anderen Berichten zufolge mussten die Bewohner von Môle St. Nicolas ihre selbsternannten Befreier im Graben eines aus dem 18. Jahrhundert stammenden Forts zu Tode steinigen.

So weit dieses Kalenderblatt aus Haitis tragischer Geschichte – ein schleichender Genozid, der sich, unbeachtet von der Weltöffentlichkeit, vor aller Augen vollzieht. Ich könnte noch mehr Beispiele anführen, doch ich lasse es bei der Drohung bewenden.

Hans Christoph Buch lebt in Berlin und veröffentlichte zuletzt „Nächtliche Geräusche im Dschungel: Postkoloniale Notizen“.

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