Erzählsalons: Wie wir lernen können, einander wieder zuzuhören

Wie kann man Menschen zusammenbringen? Ein Berliner Unternehmen führt dazu Erzählsalons durch, etwa in der Lausitz. Im Februar erscheinen erste Ergebnisse.

Erzählen und einander zuhören in Erzählsalons.
Erzählen und einander zuhören in Erzählsalons.ingimage/imago

Ein Bündel lebensbedrohlicher Krisen hält die Welt in Atem und setzt Zentrifugalkräfte frei, die unsere Gesellschaft besorgniserregend auseinanderdriften lassen. Dieses dringliche Dauerthema scheint vor allem Hilflosigkeit zu erzeugen. In einer ARD-Themenwoche wird ratlos das „WIR gesucht“ und in Kommunen und Politikerbüros landauf, landab nach Veranstaltungsformaten, die Menschen überhaupt erst einmal zusammenbringen, anstatt sie zu entzweien.

Wer einmal bei einem Erzählsalon dabei war, weiß: Es gibt so ein Format. Es ist ebenso fruchtbar wie unter dem Radar einer breiteren Öffentlichkeit geblieben. Seit über zwanzig Jahren organisiert und konzipiert Katrin Rohnstock solche Zusammenkünfte. Ihre Firma Rohnstock Biografien erhielt dafür Fördergelder und Auszeichnungen. Die Erzählsalons seien „besonders geeignet, gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken“, so der frühere Ost-Beauftragte der Bundesregierung, Marco Wanderwitz, der in seiner Amtszeit zwei große Erzählprojekte förderte: ein analoges mit Handwerkerinnen und Handwerkern aus Thüringen und Sachsen sowie während der Corona-Pandemie ein digitales zu „30 Jahre Deutsche Einheit“.

Nun erhält das Konzept sogar wissenschaftliche Weihen. In Kooperation mit der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) wurde Rohnstock Biografien für das Projekt Altersinnovationen ins Boot geholt, das den massiven Strukturwandel in der Lausitz gestalten soll. Es konzentriert sich auf die Städte Guben und Spremberg, in denen die Verwerfungen dieses Strukturwandels – der mit einem haarsträubenden Kahlschlag nach der Wende begann – viele Menschen hart trafen.

Für die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der BTU erwiesen sich die Salons als unersetzliche Quelle empirischer Datenerhebung. Sie „vertiefen das Wissen über die Bedeutung der Erfahrungen aus der Bewältigung des Strukturbruchs als Ressource oder als Hindernis für die Auseinandersetzung mit den aktuellen Fragen“, schreibt BTU-Professorin Heike Jacobsen. „Entstanden ist ein beeindruckendes Panorama nebeneinander verlaufender und teils sich kreuzender Lebenswege, die das Zusammenleben in einer Stadt widerspiegeln und einen Eindruck von ihren künftigen Möglichkeiten vermitteln.“

Erzählsalon: Zuhören ohne Streit, Kommentar oder Auswertung

Jeweils drei Erzählsalons boten die Möglichkeit, den Erfahrungsschatz zu heben, der sich im Zuge einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Transformation vor Ort gebildet hat. Die Geschichten sämtlicher Erzähler wurden aufgezeichnet, um später verschriftlicht und publiziert zu werden – für diese Aufgabe kam ich als Autor mit ins Boot. Die vor Ort zu Gehör gebrachten Vor- und Nachwendeerzählungen gingen ans Eingemachte. Ob es nun um die hanebüchene Industriedemontage, die massive Abwanderung aus der Region nach der Wiedervereinigung oder das Abdriften von der Wende traumatisierter Menschen in den Alkoholismus ging – niemand nahm ein Blatt vor den Mund.

So offen sein zu können, ist ein spezifisches Potenzial von Erzählsalons, das in deren einfacher und strenger Struktur begründet liegt: Sie geben jedem Erzähler Raum für seine Geschichte, die weder diskutiert noch kommentiert wird. Was sich unspektakulär anhört, hebt sich dennoch deutlich von zeitgenössischer „Debattenkultur“ und dem üblichen streitsüchtigen Mediengeschrei ab. Besonders wichtig ist im Erzählsalon nämlich das Pendant zum Erzähler – der Zuhörer. Das Format verlangt von ihm, eine Geschichte vollständig anzuhören und anschließend stehen zu lassen. Ohne Streit, ohne Kommentar, ohne Auswertung.

„Hier kommen Menschen zusammen, um im Erzählen ihre Erlebnisse und Erfahrungen auszutauschen – frei und selbstbestimmt, ermutigt und inspiriert durch den Augenkontakt mit den anderen, durch deren Erwiderungen, deren Lachen und Aufmerksamkeit und durch eine kluge und empathische Moderation“, fasst es die renommierte Theaterpädagogin und Erzählforscherin Kristin Wardetzky zusammen. Obwohl Erzählungen in Medien und digitalen Netzwerken allgegenwärtig seien, so Wardetzky, böten Erzählsalons einzigartige Vorteile. Denn die leibliche Präsenz eines Gegenüber sei allen anderen Vermittlungsformen versagt. „Es fehlt der unmittelbare, spontane Dialog mit einem leibhaftig anwesenden Menschen.“

Die im Niedergang befindliche Tugend des Zuhörenkönnens wird im Erzählsalon bewusst praktiziert. Den Erzählenden verschafft dies die Gewissheit, sich frei äußern zu dürfen. „Erzählen beruht auf Vertrauen und Empathie, das ist völlig anders als in einer Diskussionsrunde“, erläutert Katrin Rohnstock das Salonkonzept. „Beim Erzählen suchen wir Gemeinsamkeiten, in einem Erzählsalon kann man hautnah erleben, wie Brücken zwischen Menschen gebaut werden.“

Diethelm Pagel, Kreistagsabgeordneter und Fraktionsvorsitzender der Linken, sah seine Erwartungen an die erwähnten Gubener Erzählsalons tatsächlich weit übertroffen. „Ein Großteil der beeindruckenden Persönlichkeiten hat über Erlebnisse aus der Wendezeit berichtet, die zutiefst persönlich waren und bis ins Mark gingen“, so Pagel in seinem Fazit. „Man hätte bei jedem Beitrag eine Stecknadel fallen hören können.“

Ergebnis der Lausitzer Erzählsalons sind hochinteressante Berichte, in denen die häufig überhörten Erfahrungen Ostdeutscher während der Wende im Zentrum stehen. Drei Jahrzehnte dauerte es, bis die damals erlangten Kompetenzen der Ostdeutschen nicht mehr als irrelevant, sondern im Gegenteil als wichtige Ressource einer Gesellschaft wahrgenommen werden, der weitere Transformationsprozesse bevorstehen. Diese Erfahrungen sind so wertvoll, dass sie von Rohnstock Biografien verschriftlicht und in Broschüren und Büchern publiziert werden. Die Buchpremieren für die aus den erwähnten Salons entstandenen Publikationen finden am 2. Februar in Guben (17 Uhr, Alte Färberei) und am 16. Februar in Spremberg (17 Uhr, Kino am Markt) statt.

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