Warschau„Der Patient steht im Mittelpunkt.“ Eine Rede dieses Titels hielt mein Vater auf einer Konferenz in Polen, die vom Gesundheitsamt Olsztyn (Allenstein) organisiert wurde. Sie fand im November 2019 statt. Etwa ein Jahr später starb mein Vater am Coronavirus. Kein Arzt war in der Lage, ihm zu helfen.

Stimmt der Satz überhaupt, den ich hier schreibe? Mein Vater starb an Covid-19? Ja, ich glaube, er stimmt. Mein Vater konnte nicht atmen, er hatte Fieber und seine Lungen waren schwach. Es klingt fast ironisch, wenn ich das jetzt sage, denn mein Vater arbeitete als Spezialist für Infektionen, Entkeimungen und epidemiologische Gefahren in Krankenhäusern. Er wusste also, was mit ihm geschah, als sich sein Zustand zu verschlechtern begann. Aber für den polnischen Staat ist mein Vater nicht an Covid-19 gestorben. Die Todesursache hieß stattdessen: „schweres Atemversagen“. In polnischen Krankenhäusern lautet der Code dafür „J 80“.

Mein Vater wurde in kein Krankenhaus eingeliefert; er wurde nicht getestet. Obwohl am Tag seines Todes 132 Menschen am Coronavirus starben, ist er nicht Teil dieser Statistik geworden. Ich würde gerne wissen, wie viele Menschen am 15. Oktober 2020 in Polen tatsächlich wegen Covid-19 gestorben sind. Ich werde es vermutlich niemals erfahren.

Die Ambulanz ist gar nicht losgefahren

Der Krankenwagen stand drei Stunden vor seinem Haus. Irgendwann ist mein Vater aus eigener Kraft in den Krankenwagen gestiegen, obwohl er so schlecht atmen konnte. Er hatte seine Tasche in der Hand. Nach seinem Tod wurde die Tasche an meine Schwester übergeben. Den Krankenwagen verließ mein Vater nicht mehr lebendig, sondern tot, in einem Plastiksack. Die Ambulanz ist nie losgefahren. Bis heute weiß ich nicht, warum. Gab es keinen Ort, wo die Sanitäter hätten hinfahren können? Waren alle Krankenhäuser voll? Waren zu wenige Ärzte im Einsatz?

Foto: Albert Zawada
Der Autor

Witold Mrozek, 1986 geboren, arbeitet als Journalist für das Feuilleton der liberalen Tageszeitung Gazeta Wyborcza. Er ist auch Theaterkritiker und Dramaturg und Autor der Krytyka Polityczna. Witold Mrozek lebt in Warschau.

Meine Familie und ich haben darüber nachgedacht, einen Brief an die Staatsanwaltschaft zu schreiben. Aber würde der polnische Staat den Fall überhaupt untersuchen? Schließlich gibt es Tausende Fälle, die dem Fall meines Vaters ähneln. Überall hört und liest man von vollen Notfallaufnahmen, von manipulierten Statistiken, von überfordertem medizinischem Personal. Viele Ärzte arbeiten an der Grenze ihrer Belastbarkeit – und die polnische Regierung tut so, als wäre alles nicht so schlimm. Als hätten sie die Situation unter Kontrolle. Die Geschichte meines Vaters legt nahe, dass die Version der Regierung nicht der Wirklichkeit entspricht.

Nach dem Tod eines Menschen bekommt die Familie in Polen erst eine Sterbekarte und dann eine Sterbeurkunde ausgehändigt. Die Sterbeurkunde erhält man von der polnischen Verwaltung, indem man die Sterbekarte vorzeigt, die wiederum ein Arzt ausstellen muss. Ein bürokratischer Kraftakt, der schon ohne Pandemie schlecht funktioniert.

Mein Vater war sonst immer Patient in einer Privatklinik gewesen. Er hat für eine medizinische Firma im Ausland gearbeitet und konnte sich dieses Privileg leisten. Da Sterbekarten in Polen in der Regel von demjenigen Arzt ausgestellt werden müssen, der den Patienten regelmäßig behandelt hat, wäre dieses Krankenhaus dafür zuständig gewesen. Aber keiner der Mitarbeiter hatte es eilig, den Tod meines Vaters offiziell zu beglaubigen. Auch das städtische Krankenhaus, das den dringend benötigten Arzt erst zur Leiche meines Vaters geschickt hatte, fühlte sich nicht dazu berufen und verwies auf die – akut ja gar nicht involvierte – Privatklinik. Der ganze Vorfall fand in Schlesien statt, in einer Region Polens, in der sich das dichteste Krankenhausnetz des Landes befindet.

Die Brieftasche wollten die Mitarbeiter des Krankenhauses nicht anfassen

Es ist uns dann doch gelungen, dem städtischen Krankenhaus (das in Wahrheit von einem outgesourcten Subunternehmer geleitet wird) die Sterbekarte abzuringen. So konnten wir den Tod meines Vaters nach vier Tagen offiziell melden. Wenn der Tod durch eine hochansteckende Krankheit verursacht wird, sind die Hinterbliebenen eigentlich gesetzlich verpflichtet, den Tod 24 Stunden nach dem Ableben anzugeben. Im Durchschnitt dauert es aber drei Tage, bis man die Sterbekarte erhält.

In der Zwischenzeit haben meine Schwestern versucht, die Brieftasche meines Vaters zurückzubekommen. Schließlich muss mit dem Antrag auf Sterbeurkunde beim Amt ebenso der Personalausweis des Verstorbenen eingereicht werden. Der Mitarbeiter eines Bestattungsunternehmens, ein lokaler Tycoon, hat sich jedoch geweigert, die Leiche anzufassen – aus Angst vor einer Ansteckung mit Covid-19, womit mein Vater aber ja angeblich gar nicht infiziert gewesen sein soll. Zugleich wurde uns mitgeteilt, dass wir die Brieftasche meines Vaters nicht zurückbekommen würden. Die Mitarbeiter des Krankenhauses hatten Angst, sie anzufassen. Ein Angestellter des Bezirksamts in Świerklańcu, der schlesischen Kleinstadt, in der mein Vater gestorben ist, sagte uns, dass man die Sterbeurkunde auch ohne Personalausweis beantragen könnte. Man müsste die Brieftasche einfach als gestohlen melden.

Quelle Witold Mrozek/privat
Marek Mrozek (1958–2020).

Mein Vater hat einen Sauerstoffkonzentrator auf dem freien Markt angemietet, als er merkte, dass es ihm schlechter ging. Er hat sich um seine Gesundheit als Privatpatient gekümmert, weil er dem polnischen Gesundheitssystem nicht vertraute. Er dachte, dass er nur so überleben würde. Nach dem Tod habe ich einen Scan all seiner Quittungen erhalten. Dort steht: „Perfecto-Sauerstoff-Konzentrator“, 99 Zloty im Monat, „XL-Inhalationsmaske“, 12 Zloty, und „entmineralisiertes Wasser“, 3 Zloty. Im Vertrag zu den Geräten steht: „Der Mieter ist verpflichtet, die geliehene Ausrüstung gewaschen und geputzt zurückzugeben. Es entfallen Gebühren für die Rückgabe ungereinigter Geräte.“

Mein Vater hatte viele Arztfreunde. Einer von ihnen, so scheint es, hat ihm ein Medikament verordnet, nach dessen Einnahme es ihm besser ging. Sechs Stunden lang fiel es ihm leichter zu atmen. „Regelmäßig und sinusförmig“, sagte er mir in unserem letzten, kurzen Gespräch um 9 Uhr am Tag seines Todes. Erst hinterher habe ich herausfinden können, dass er mindestens zwei Tage lang versucht hat, auf normalem Wege medizinische Hilfe zu bekommen. Er hat mich nicht angerufen und nicht nach Hilfe gefragt. Ich glaube, lange Zeit fühlte er sich nicht krank genug, um die Notfallsanitäter zu rufen.

Mein Vater behandelte sich zwei Tage lang selbst

Ein Freund brachte ihm die Medikamente, die er wollte, ins Haus. Mein Vater behandelte sich zwei Tage lang selbst. Um 13 Uhr am Tag seines Todes schickte er seiner Partnerin ein Selfie, auf dem er seine selbst organisierte Inhalationsmaske trug. Das ist das letzte Foto, das ich von ihm habe. Man sieht sein rundes, bärtiges Gesicht und die Plastikmaske, die in der Mitte des Bildes wie ein Klecks wirkt. Mein Vater sieht so aus, als wäre er in einem Krankenhaus, auch wenn das nicht der Fall war. Er war zu Hause. Ein schmerzhaftes, ironisches Lächeln zeichnet sein Gesicht, ein kleiner Ausdruck von Müdigkeit.

Im Februar verbrachte ich eine Woche in einem Krankenhaus in Warschau. Am Vorabend der Pandemie hatte ich mir mein Sprunggelenk verletzt. Was folgte, war eine Operation, Knöchelschrauben, Narben und eine Reha. In den Gängen des Krankenhauses wurde bereits über die kommende Epidemie gesprochen, aber man durfte noch besucht werden. Die anderen Patienten aus dem Zimmer schauten eher skeptisch auf mein Desinfektionsmittel, das ich immer bei mir trug und auch regelmäßig benutzte.

Kurz nach meiner Rückkehr Anfang März besuchte mich mein Vater in Warschau. Ich fuhr in einem Rollstuhl durch den Raum. Das war die Zeit, als man noch Angst hatte, dass es an Masken fehlen würde. Er ahnte die Gefahr und fürchtete, dass es zu einem Mangel an Schutzanzügen für Pfleger und Ärzte kommen könnte. Wie gesagt, mein Vater traute dem polnischen Gesundheitssystem nicht. Er ging davon aus, dass das polnische Militär den Krankenhäusern helfen müsste; dass das Militär über eigene Ressourcen verfügte und jetzt bereitstellen könnte, Ressourcen also, zu denen die Krankenhäuser normalerweise keinen Zugang haben.

Mein Vater kümmerte sich beruflich um Krankenhaushygiene

Natürlich unterstützte er den Lockdown, noch bevor die Zeitungen darüber schrieben – nicht, weil der Lockdown Menschenleben rettet, sondern weil er das System davor schützt, in sich zusammenzufallen. Mein Vater wusste, wovon er sprach. Anfang der 90er-Jahre war er wissenschaftlicher Mitarbeiter für Mikrobiologie an der Schlesischen Universität. Später war er fast 30 Jahre lang in polnischen und ausländischen Firmen als Medizinexperte tätig. Er kümmerte sich um Krankenhaushygiene. Er hatte seine eigene private Rangliste von „schmutzigen“ und „sauberen“ Krankenhäusern in Polen, die er wegen seiner vielen Dienstreisen überblickte und regelmäßig besuchte. Er beriet, verkaufte, baute und reparierte Sterilisationssysteme in Krankenhäusern und bildete Krankenschwestern aus.

Über Krankenhaus- und Gesundheitsthemen sprach er eher distanziert und mit einer Portion schwarzem Humor. Mein Vater hat mich mehr geprägt, als ich früher zugeben wollte. Seinetwegen weiß ich so viel über Technikgeschichte und die Grundlagen der Elektronik. Außerdem habe ich sein Interesse für Science-Fiction-Literatur und die Liebe zur Musik der Band Kraftwerk geerbt.

Wie viele andere Menschen hatte ich immer Angst davor, so zu werden wie mein Vater und seine Fehler und Irrtümer zu wiederholen. Diese Angst, tief und banal zugleich, scheint mir nach seinem Tod merkwürdig fremd. Ich glaube nicht, dass wir nach der Pandemie in eine neue Ära eintreten werden; und wahrscheinlich wird die Angst, so zu werden wie die eigenen Eltern, nach der Aufgabe der Kontaktbeschränkungen wieder zurückkehren, zu allen polnischen und nicht-polnischen Männern und Frauen. Aktuell gibt es wichtigere Sorgen. Das Gesundheitssystem in dem Land, in dem ich lebe, ist in einem derart schlechten Zustand, dass es selbst privilegierten Risikopatienten nicht gelingt, Hilfe zu bekommen. Das Schicksal meines Vaters kann jeden Menschen in Polen ereilen.

Jetzt frage ich mich nur: Wie beendet man einen solchen Text? Mit einem Satz des Journalisten Zygmunt Miloszewski vielleicht? „Tragen Sie diese verdammte Maske“?

Übersetzung aus dem Polnischen von Tomasz Kurianowicz.

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