„In Deutschland musste bis 1977 der Ehemann den Arbeitsvertrag seiner Frau unterschreiben, es gab kaum Kindergärten und Frauen mit Kindern waren gezwungen, zu Hause zu bleiben.“ Diese Sätze regen mich jedes Mal so auf, dass ich schreien könnte. Nicht weil es so ungerecht zuging, sondern weil es einfach nicht stimmt! Denn so war es nicht in Deutschland. So war es in Westdeutschland, so war es in der BRD. Aber die DDR war auch Deutschland und da war es vollkommen anders.

Ich war fast 15 zur Wende. Bei einer Berliner Kulturveranstaltung, in der es um die Rolle der Frauen, mit und ohne Beziehungen, mit und ohne Kinder geht, bin ich heute so alt, wie alle anderen Frauen, die sich im selben Maße verstanden fühlen, wie ich mich hier unverstanden und ignoriert fühle. Ich würde gerne türenknallend den Saal verlassen, aber verstehen würde das niemand. Was hilft gegen eine solche Wut? Die Einsicht, dass sie auch nur auf Unverständnis basiert?

Sogar Ostfrauen haben den Osten verdrängt

„Wir Frauen sind heute doppelt belastet, müssen uns immer noch mehr um Kinder kümmern, als Männer und wollen trotzdem arbeiten gehen. Unsere Mütter konnten uns ja darin keine Vorbilder sein, die mussten ja zu Hause bleiben.“

Bei diesen ständig wiederholten Sätzen, ist offenbar nicht nur Westfrauen gar nicht mehr klar, dass es hier auch ganz andere Mütter gibt, die inzwischen eher Großmütter und Urgroßmütter sind. Sogar Ostfrauen scheinen das verdrängt und vergessen zu haben, als sei es damals eben der Preis für andere Freiheiten gewesen. Als hätten wir nun mal dafür bezahlen müssen, dass wir jetzt reisen und unsere Lebenswege individueller gestalten dürfen, ohne dass immerzu jemand reinredet. Wir haben uns blitzdingsen lassen, um uns unbedingt an den Westen anzupassen. Wir haben unsere ganze Ostvergangenheit freiwillig abgelehnt, um in der neuen Gesellschaft klarzukommen, über die uns in der Schule blöderweise nur Schlechtes beigebracht wurde.

So kam es, dass das Frauenbild der DDR nach der Wende offenbar sofort von einem Raumzeit-Loch eingesaugt wurde. Dazu kommt, dass alles Fortschrittliche und Positive, was der Sozialismus und die Mangelwirtschaft so mit sich gebracht hat, für die Öffentlichkeit nicht so interessant ist, wie die Gruselgeschichten. Übriggeblieben ist nur die Stasi.

Das grausame Frauenbild der Nazizeit wird auch immer noch hin- und hergewälzt. Verständlich. Denn das ist die Geschichte, die in uns allen steckt, die uns vereint. Die Ost-West-Geschichte dagegen ist eine, die uns offenbar immer noch trennt.

Aber wir haben eben den Kapitalismus gewollt, getauscht, gegen den Sozialismus. Und im Kapitalismus, den wir dann bekommen haben, waren Frauen nun mal wieder abhängig vom Gehalt des Ehemannes. Alleinerziehende sind heute größtenteils immer noch arm dran und die Kinderbetreuung muss man sich auch erkämpfen. Vergessen sind die stolzen, selbstbestimmten Ostfrauen, die gefördert und gefordert wurden und das Gefühl hatten, von ihrem Staat gebraucht zu werden und auch geistig trainiert und auf wichtige Posten gehoben wurden, ob sie wollten oder nicht.

Eingefügt haben sie sich nach dem Mauerfall in das neue West-Frauenbild, das eigentlich ein Altes war. Ein Veraltetes. Eins, das in der DDR längst überholt war. Gleichberechtigung war das zwar auch noch lange nicht, die Ostpolitik war genauso männlich, wie die Westpolitik, aber ein paar große Schritte weiter war die Emanzipation im Osten schon mal. Nicht weil Ostfrauen stärker waren als Westfrauen, sondern weil die Gleichberechtigung staatlich gefördert wurde.

Aber nach der Wende hat die bislang unabhängige Ostfrau verstanden, dass Ehe und Festanstellung jetzt die obersten Ziele sind. Dann erst Kinder. Bloß nicht vorher!

Unsere Mütter waren ja Hausfrauen? Eure!

Jetzt leben in Prenzlauer Berg Frauen, die in Westdeutschland aufgewachsen sind und beschweren sich darüber, dass man es alleinerziehend so schwer hat. „Unsere Mütter waren ja Hausfrauen“, sagen sie und kommen nicht auf die Idee, dass es nicht unsere Mütter waren, sondern nur ihre. Sie leben in Ost-Berlin, ohne zu wissen, dass das Frauenbild, das sie heute anstreben, hier in ihren eigenen Zimmern, vor gar nicht so langer Zeit schon mal real gelebt wurde. Sie halten ihre feministischen Forderungen für eine lange überfällige Veränderung der Gesellschaft, ohne zu wissen, dass es nur die überfällige Weiterentwicklung ihrer eigenen westlichen Geschichte ist.

Wenn ich versuche, zu erzählen, dass das Leben einer alleinerziehenden Frau in der DDR völlig anders war, dann nicken sie und haben es vielleicht schon mal geahnt. Aber was sie kennen, ist wieder nur das mit der Stasi und der Indoktrinierung. Was sie nicht kennen, ist das allgemeine, allen Frauen zugestandene und wahrgenommene Mitbestimmungsrecht, nicht nur als eine Karriere der Frauen in Männerberufen oder die den Schein wahrende Quotenfrau.

Wo ist dieses Frauenbild hin? Welches Loch hat diesen Fortschritt verschluckt? Welche Ignoranz hat diese Erinnerung verdrängt?

Eine Freundin meiner Mutter, die in Berlin lebte und 1984 vorübergehend einen Job in einer anderen Stadt hatte, rief dort im Betrieb an, um mitzuteilen, dass sie zwei Kinder mitbringe. Der Betrieb kümmerte sich selbstverständlich und unkompliziert um die Kitaplätze. In unserem gesamten Freundeskreis gab es genau eine Hausfrau und die wurde von den anderen betrachtet, als hätte sie einen seltsamen Spleen. Was soll das sein, Hausfrau? Von Geld des Mannes leben? Wieso das denn?

Klar fing man an, Kinder zu bekommen, wenn die Beziehung stimmte. Es war abwegig, das von einer beruflichen Lage abhängig zu machen. Und klar musste sich trennen, wer sich nicht mehr liebte. Ein prügelnder oder trinkender Mann musste verlassen werden. Emotionale Abhängigkeit war ein Hindernis, aber keine wirtschaftliche. Klar, hatten Frauen mit Mitte 30 Kinder. Dass alle vom selben Mann waren, war in unserem Berliner Freundeskreis eher eine Ausnahme. Klar, musste jedes Fremdgehen sofort auf den Tisch. Alles andere wäre in so einem kleinen Land, in dem man zusammengesperrt war, womöglich echt dumm gewesen.

Mit jedem mitgenommen Tramper fand man nach fünf Minuten mindestens eine Handvoll gemeinsamer Bekannter oder Verwandter. Die ständigen Beziehungsdramen fand ich als Kind manchmal abstoßend. So wollte ich es später nicht machen. Mir schien das einen zu großen Teil des Erwachsenseins zu bestimmen. Sicher lag es auch daran, dass man schon ab 18 anfing mit dem Kinderkriegen und die Kinder dann mitkriegten, dass die Beziehung ihrer Eltern so instabil waren, wie Beziehungen in dem Alter es eben sind.

DDR-Mütter können Vorbilder sein

Klar waren Frauenleben in ihren Zwängen und Freiheiten so vielschichtig wie überall. Aber dass eine alleinlebende Frau ungewöhnlicher war als ein alleinlebender Mann oder bemitleidet wurde, das habe ich nie erlebt. Zumindest erscheint mir unvorstellbar, was während einer Frauen-Veranstaltung als gegeben angesehen wird. Alleinlebende Frauen versuchen sich ein neues Selbstbild beizubringen. Eins das nicht bemitleidet werden muss. „Unsere Mütter konnten uns in dieser Hinsicht ja keine Vorbilder sein“, sagen sie. Doch! Will ich rufen. Die DDR-Mütter könnten euch heute noch Vorbilder sein!

Was mache ich also gegen meine Ohnmacht? Ein paar Schritte zurückdenken und versuchen zu verstehen, könnte helfen.

Ein alter Arzt erzählte mir mal von seinem Vater, der Landarzt war und seine Aufgabe darin erkannt hatte, Bauernfamilien den Kopf zu waschen und ihnen beizubringen, ihre Frauen nicht wie Nutztiere schuften zu lassen, weil sie dann nämlich keine Kinder bekommen konnten und unter ständigen Fehlgeburten litten und eher starben als Männer. Frauen, die das harte Leben nicht aushielten, taugten nichts, solche, die nach der Entbindung gleich wieder im Stall standen, waren gute Frauen.

Der Arzt musste auf den Tisch hauen, wenn man Mütter nach Entbindungen nicht ruhen ließ, ihnen die Arbeit nicht ausreichend abnahm, sondern sie sofort wieder aufs Feld schickte. Die Höfe erbten die Söhne, deren Gesundheit und Körperkraft stabiler war als die der Töchter. Dass Frauen unter der schweren Arbeit viel stärker litten, sahen die Männer auch und mit dem wachsenden Wohlstand änderte sich das. Frauen wurden geschont und irgendwann ist der Wohlstand übergeschnappt. Wenn die Gesellschaft sich nach dem Pendelprinzip entwickelt, dann war dieses Pendel in den 50er-Jahren zu weit ausgeschlagen, als die westliche Wohlstandsfrau zur Hausdienerin ihres Ehemannes gemacht wurde.

Wenn es in der Grundschule jahrelang keinen Deutschunterricht gab, weil die Deutschlehrerin keinen Kitaplatz bekam, fing es an, komplett absurd zu werden. Damit kämpfen die Töchter dieser Mütter offenbar heute noch. Im Osten hat es diesen Wohlstand nicht gegeben, so konnte der auch nicht überschnappen. Ostfrauen wurden als Arbeitskräfte gebraucht. Man griff ihnen dabei unter die Arme, in einem Maße, das wir uns heute wünschen würden.

Die fürsorglichen Wohlstandsväter

Mir tut es ehrlich leid, wenn Frauen im Westen, nur um nicht an den Herd gefesselt zu werden, keine Kinder bekommen haben, obwohl sie gerne gewollte hätten. Ich bewundere Westeltern, die alternative Ideen hatten, Gemeinschaften und Kinderläden gründeten. Ich schätze die fürsorglichen Wohlstandsväter, deren Betreuungseinsatz unabhängig ist vom Stand der Beziehung und ich schätze auch die Mühe, die es den Westtöchtern heute noch bereitet, eine gleichberechtigte Form für die Partnerschaft zu finden.

Wütend zu werden, über die scheinbar ausgestorbene Spezies der Ostfrau, hilft uns allen nicht. Aber vielleicht ist sie ja doch nicht komplett verschwunden und vielleicht hilft es, daran zu erinnern, dass dieser Kampf lohnt.

Franziska Hauser ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Ihr vierter Roman „Keine von ihnen“ erscheint am 29. April im Eichborn-Verlag.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.