Femizide in der Nachkriegszeit: „Sie wollte lieber sterben, als Dich zu lassen“

In der Nachkriegszeit lebten viel mehr Frauen als Männer in Berlin. Das machte es Tätern leichter, sich Opfern zu nähern. Brutale Frauenmorde erschütterten die Stadt.

Trümmerfrauen bei Aufräumarbeiten. Die Trümmerfrau: Sie gehört in das Fotoalbum deutscher Geschichte, im Osten wie im Westen. Welche Rolle spielte sie wirklich?
Trümmerfrauen bei Aufräumarbeiten. Die Trümmerfrau: Sie gehört in das Fotoalbum deutscher Geschichte, im Osten wie im Westen. Welche Rolle spielte sie wirklich?dpa

Nach dem Kriegsende herrschte in Deutschland ein massiver Frauenüberschuss. Besonders bei der jungen Generation war der Mangel dramatisch. Auf 160 Frauen kamen nur 100 Männer, denn von den männlichen Geburtsjahrgängen von 1910 bis 1927, die komplett zur Wehrmacht eingezogen worden sind, war ein Drittel gestorben. Männer waren Mangelware und dementsprechend begehrt, mitunter aber durch den Krieg auch sehr verroht. Das hatte Folgen für viele Frauen wie zum Beispiel für die 31-jährige Hildegard Werner und ihre Kinder.

Zwar kam ihr Mann aus dem Krieg zurück – aber nicht zu seiner Ehefrau und den Kindern am Prenzlauer Berg, sondern zu seiner Freundin in Lüneburg, wie sie zufällig erfuhr. Sie reichte kurzentschlossen die Scheidung ein und suchte einen neuen Partner. So kam sie in Kontakt mit einer Heiratsvermittlung. Solche Institute schossen wie Pilze aus dem Boden. Eines davon befand sich in ihrem Nachbarhaus. Dort hing ein viel versprechendes Gesuch, das in etwa folgendermaßen lautete: „Fleischermeister, 35 Jahre, sucht eine nette Frau zwecks baldiger Ehe.“

Sein Name war Hermann Jung, er war 1911 in Rampitz an der Oder geboren und bei dem Altersunterschied offensichtlich im passenden Alter. Hildegard Werner wusste allerdings nicht, dass Herr Jung verheiratet war und zwei Kinder im Alter von fünf und sieben Jahren hatte. Er war seit 1938 verheiratet und hatte seine Frau ebenfalls über eine Heiratsannonce kennengelernt. Heiratsschwindler gab es genug in jener Zeit, aber Hermann Jung war nicht nur das, er war auch ein Mörder.

Seine Tat war unfassbar brutal. Laut Einsatzbericht der Polizei vom 5. Juli 1946 waren es schreckliche Bilder, die die Beamten dort zu sehen bekamen. Jung, der als Schlachter im Betrieb seines Schwagers in Königs Wusterhausen arbeitete, erschlug Hildegard und ihre Kinder mit seinem Schlachtbeil, das er in seiner Aktentasche trug. Hildegard bekam sechs heftige Schläge auf den Kopf und zwei in den Nacken. Die 1936 geborene Heidrun wurde mit vier Schlägen getötet, der fünf Jahre jüngere Klaus bekam einen Hieb in den Nacken.

Man kam Hermann Jung recht schnell auf die Spur, da sich andere Frauen meldeten, bei denen er nach einer Heiratsanzeige vorstellig geworden ist. Er hatte sich jeweils sehr interessiert für deren finanzielle Verhältnisse gezeigt und wollte wissen, ob sie alleine lebten. Zwar hatte er immer falsche Namen benutzt, war aber schnell identifiziert.

Es war der 29. Juni 1946, als Hermann Jung zu Besuch kam. Abends legte Hildegard ihre Kinder ins Bett, und die Erwachsenen gingen in die nächste Kneipe. Hildegard war arg- und wehrlos, als er sie heimtückisch und aus Habgier erschlug. Anschließend tötete er die beiden Kinder, damit sie ihn nicht verraten konnten. Nach seiner Bluttat ruhte sich der Mörder noch etwas aus, um anschließend Geld, Kleidung und Lebensmittelkarten zu stehlen, bevor er um sechs Uhr morgens die Wohnung verließ. Sein anfängliches Leugnen der Tat nutzte wenig, als man die Sachen der Familie Werner später in seinem Besitz vorfand.

Danach ging alles den üblichen Gang, und Jung wäre nach Ablehnung des Gnadengesuchs wohl guillotiniert worden. Doch nachdem der Termin für die Hinrichtung auf den 31. Januar 1948 gelegt und die Überführung ins Hinrichtungsgefängnis angeordnet worden war, kam vom Untersuchungsgefängnis die lapidare Antwort: „Verstorben“.

Warum und wie er gestorben ist, geht aus den Akten nicht hervor. Immerhin wurde vermerkt, dass Jung am 27. September 1947 im Krankenhaus hingeschieden sei. „Eine Sterbeurkunde soll sich bei den Personalakten des Untersuchungsgefängnisses befinden“, notierte der zuständige Beamte, der offenbar ziemlich ungehalten war, denn auch bei anderen Hinrichtungen verwies er immer wieder darauf, dass „Peinlichkeiten“ wie im Falle Jung zu vermeiden seien.

Die Tote vom Wannsee

„Heiratsschwindelei“ war in der unmittelbaren Nachkriegszeit an der Tagesordnung. So wurde Ende März 1946 in der Nähe des Strandbads Wannsee in einem Schützenloch die weitgehend verweste Leiche einer Unbekannten gefunden. Aus diesem Grund lag die Vermutung nahe, dass es sich um ein Opfer aus der Endphase des Krieges handeln könnte. Die Polizei war sich jedenfalls vollkommen sicher. Im Kriminaltagebuch wurde der Fall unter der Überschrift „Tod durch Feindeinwirkung“ beschrieben.

Die Ermittlungsbeamten sollten sich jedoch gewaltig irren, denn bei der Toten handelte es sich um die 28-jährige Liesbeth Hobeck, die ein halbes Jahr zuvor am 3. Oktober 1945 von zwei Männern erschlagen worden war. Ihr Mörder war der im Sudetenland geborene Walter Rampfel, Mittäter ein Österreicher namens Manfred Lentner.

Nach Kriegsende hatten sich Rampfel und Lentner im Kriegsgefangenenlager kennengelernt, am 30. August 1945 waren sie gemeinsam entlassen worden. Rampfel folgte seinem Kumpel nach Berlin, wo Lentner seine Ehefrau suchte, die er während der Kriegsjahre geheiratet hatte. Aber er fand sie in den Nachkriegswirren in einem zerstörten Land voller Flüchtlinge und Heimatloser nicht.

Lentner suchte daher eine frühere Geliebte in derselben Stadt auf. Rampfel wurde im gleichen Haus bei Liesbeth Hobeck untergebracht, mit der er sogleich ein Verhältnis begann. Sie wollte heiraten, er nicht. Lentner wollte in diesem Konflikt vermitteln und ihm soll sie laut dessen späterer Aussage gesagt haben: „Lieber sterben, als von ihm lassen“.

Hobeck hielt ihren Liebhaber jedenfalls finanziell aus und verkaufte dafür ihre gesamten Habseligkeiten. Schließlich ging Rampfel zum Schein auf Hobecks Heiratswunsch ein und erklärte, er wolle mit ihr in ihren Heimatort Datteln in Westfalen ziehen, um sie dort zu ehelichen. In Datteln wohnte ihre Mutter, und Hobeck hatte auch ihre vier Kinder dort untergebracht. Sie träumte wohl von einem trauten Familienleben in der Kleinstadt. In Wahrheit planten Rampfel und sein Kumpel Lentner etwas ganz anderes.

Als sie am Bahnhof Wannsee angekommen waren, mussten sie mehrere Stunden auf den Anschlusszug warten und machten es sich in der Nähe im Wald gemütlich, um ein wenig auszuruhen. Das nutzte Lentner aus, um Liesbeth mit einem Winkeleisen zu erschlagen, während Rampfel ihr den Mund zuhielt.

So zumindest Rampfels schriftliches Geständnis, das natürlich stark beschönigend war: „Sie wollte lieber sterben, als Dich zu lassen, und den Gefallen habe ich ihr getan“, soll Lentner nach der Tat gesagt haben. Danach fuhren beide wieder zurück nach Berlin, wo bereits zwei neue Frauen auf sie warteten. Männer waren – wie bereits erläutert – schließlich Mangelware in der Nachkriegszeit.

Weil die zwei Halunken aber befürchteten, Hobeck sei gefunden worden, erfasste sie nach wenigen Tagen die Panik, und sie flüchteten in die Nähe von Dresden, wo Rampfels Mutter und seine Schwester inzwischen wohnten.

Im Dezember 1945 meldete Hobecks Mutter ihre Tochter als vermisst, kurz nachdem sie eine anonyme Zuschrift bekommen hatte, dass ihre tote Tochter an der Elbe mit aufgeschnittener Pulsader gefunden worden sei. Offensichtlich ein Ablenkungsmanöver. Dieser schockierenden Nachricht wollte sie nachgehen, und die Polizei tat das nun auch. Schon bald waren die letzten Reisebegleiter von Liesbeth Hobeck ausfindig gemacht. Rampfel wurde bei seiner Mutter festgenommen und kam in Untersuchungshaft, Lentner machte sich rechtzeitig aus dem Staub.

Später widerrief Rampfel sein Geständnis und behauptete, Lentner habe die Tat allein verübt, und er selbst sei so dumm gewesen, einen heiligen Eid zu schwören, ihn nicht zu verraten. Dieses erneute mehrseitige schriftliche Geständnis, mit dem er sich vollkommen reinwaschen wollte, war ziemlich durchsichtig, und so glaubte ihm niemand. Mit Urteil vom 20. Februar 1947 wurde Rampfel zum Tod verurteilt und am 6. April 1948 hingerichtet.

Lentner wurde Jahre später doch noch gefasst, als er 1951 in einen mysteriösen Todesfall eines prominenten Jetsetters und Sportlers verwickelt war. Er wurde 1954 in Österreich wegen des Mordes an Liesbeth Hobeck und wegen Bigamie zu 15 Jahren schweren Kerkers verurteilt.

Der „Toyboy“

Nicht alle ermordeten Frauen waren „leichtgläubige“ Opfer von Heiratsschwindlern. Eine schlimme Bluttat ereignete sich im November 1946 in Berlin-Kreuzberg. Diesmal wurde der am 1. Januar 1925 geborene Mörder Gerhard Abendroth nach dem Todesurteil allerdings auch hingerichtet. Auch er hatte eine Frau und zwei ihrer Kinder umgebracht.

Die 32-jährige Margot Bolt hatte ein Verhältnis mit ihrem elf Jahre jüngeren Liebhaber Gerhard Abendroth, der eigentlich noch bei seinen Eltern wohnte. Margots Mann kam zwar aus dem Krieg zurück, aber sie hatte die Scheidung bereits eingereicht. Als er, aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, am 19. Mai 1946 vor dem Ehebett stand, lag Abendroth darin. Da er sich gleichfalls trennen wollte, wurde die Ehe am 24. Juli 1946 geschieden. Er freundete sich sogar mit dem Liebhaber seiner Ex-Frau an und ging mit ihm hamstern.

Abendroth war aber kein Heiratsschwindler, eher das Gegenteil. Er hatte ernsthafte Absichten, während Margot die im postkoitalen Überschwang dargebrachten Avancen ihres „Toyboys“, der damals noch nicht so bezeichnet wurde, offenbar nicht so ganz ernst nahm. Das soll auch der Grund für die Bluttat gewesen sein.

Angeblich hatte sie seinen Antrag abgelehnt, den er ihr am 10. November frühmorgens gemacht hatte, nachdem sie miteinander intim gewesen waren und im Bett gemeinsam frühstückten. Aus Enttäuschung will er sie dann umgebracht haben. Er erschlug Margot Bolt mit einem Beil. Anders als Jung hatte er es aber nicht mitgebracht, sondern es stand zum Holzspalten in der Küche beim Herd. Es war also eher ein spontaner Akt und daher wohl als Totschlag zu werten.

Margot Bolt gab ihrem „Toyboy“ zu verstehen, dass sie eigentlich auf einen früheren Lover warten wolle, aber falls der aus dem Krieg nicht zurückkomme, stünde einer Verlobung nichts im Wege, denn er erinnere sie an ihn. Nicht so ganz, was Abendroth hören wollte. Es war ihr Todesurteil.

Während der Tat hielten sich die Kinder in der Küche auf. Sie bekamen von dem Verbrechen nichts mit. Margot Bolt hatte drei Söhne: Dietrich, zehn Jahre, Jürgen, sechs, und das erst am Tag der Berliner Kapitulation am 2. Mai 1945 geborene Nesthäkchen Peter. Nach der Tat ging Abendroth zu seinen Eltern und schickte die zwei älteren Kinder zu einer Bekannten der Mutter, während er den Jüngsten fütterte und ins Bett legte.

Um 14 Uhr kam er, genauso wie die beiden Kinder, wieder in die Wohnung zurück. Unglücklicherweise entdeckte Dietrich, der seine Mutter suchte, die blutige Leiche im Schlafzimmer. Das veranlasste Gerhard, auch das Kind mit dem dort liegenden Mordwerkzeug zu erschlagen. Danach durchwühlte er sämtliche Schränke und packte die Sachen zusammen, die er auf dem Schwarzmarkt verkaufen wollte.

Abends dann legte der den Jüngsten ins Bett, während er Jürgen auf dem Sofa im Wohnzimmer nächtigen ließ. Er schlief ebenfalls dort auf einem Stuhl. Im Schlafzimmer lagen immer noch die Leichen. Inwieweit Jürgen von den Vorkommnissen im Schlafzimmer Kenntnis hatte, geht aus den Akten nicht hervor. Am Morgen des 11. November fütterte er wieder das Baby und brachte Jürgen zu seinen Eltern, sie sollten auf ihn aufpassen. Jürgen überlebte.

Abendroth selbst schlief auch bei seinen Eltern und ging am Morgen des 12. November allein zurück in die Mordwohnung in der Oranienstraße. Er fütterte den weinenden Peter, und als dieser nicht aufhören wollte zu schluchzen, erwürgte er ihn mit dem Gürtel des Morgenmantels seiner Mutter. Es war die dritte schreckliche Bluttat.

Nach seinen Taten verhökerte er die Sachen von Margot Bolt an eine Hehlerin und bekam 3800 Reichsmark dafür. Als 14 Tage nach der ersten Tat die verwesenden Leichen im Schlafzimmer gefunden wurden, floh er aus der Stadt. Erst am 4. Dezember 1946 schnappte man ihn in Neuzelle im Osten Brandenburgs. Ein Ausbruchsversuch scheiterte. Gerhard Abendroth wurde am 29. Oktober 1948 hingerichtet.

Vom Autor erschien 2022 das Buch „Endzeit und Neubeginn, Berliner Nachkriegsgeschichten“ im Metropol-Verlag.

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