Der „beste Schauspieler überhaupt“: Das Geheimnis des Oskar Werner

Am 13. November jährt sich der Geburtstag des Ausnahmedarstellers Oskar Werner zum 100. Mal. Eine Liebeserklärung.

Oskar Werner in „Fahrenheit 451 “(1966) 
Oskar Werner in „Fahrenheit 451 “(1966) imago/ Cinema Publishers Collect

Bis heute ist Oskar Werner der letzte deutschsprachige Akteur, der als „Bester Hauptdarsteller“ für den Oscar nominiert wurde. Als Bordarzt in Stanley Kramers Literaturadaption „Das Narrenschiff“ schrieb er 1965 Filmgeschichte. Seine Sterbeszene, in der er in Eigenregie einen Myokardinfarkt mit allen klinischen Symptomen spielte, obwohl im Drehbuch lediglich die Anweisung „vom Stuhl kippen“ stand, veranlasste Spencer Tracy, ihn als „besten Schauspieler überhaupt“ zu bezeichnen.

Doch diese in jeder Hinsicht herzergreifende Performance in dem Ensemblefilm, in dem er als primus inter pares an der Seite von Simone Signoret, Vivien Leigh, Lee Marvin, José Ferrer, George Segal, Michael Dunn und Heinz Rühmann agierte, macht sein Faszinosum allein noch nicht aus. Es ist der unvergleichliche Klang seiner Stimme, gepaart mit einem geradezu bestrickenden Charme und einem bei aller Sensibilität stets entschlossenen Auftreten.

Adel des Geistes

Königlich war Werners Spiel, aber  auch privat waren ihm der „Adel des Geistes“ und die „Qualität des Gefühls“ wichtig. Sein Credo lautete: „Zwei Luxusartikel habe ich mir immer geleistet: Zeit und Charakter“, und das hatte er so verinnerlicht, dass er unbeirrbar seinen Weg ging – sogar bis in den eigenen Untergang. Kaum ein anderer Schauspieler lehnte derart viele Rollen aus „Verrat am künstlerischen Geschmack“ ab. Die Zahl von 300 ist verbürgt, darunter befinden sich allein 80 Angebote aus Hollywood in Werners Glanzzeit zwischen 1965 und 1969.

Der Unbestechliche, der am 13. November 1922 in Wien-Gumpendorf als Oskar Josef Bschließmayer geboren wurde, benötigte nur sieben Stunden Schauspielunterricht bei Helmuth Krauss, um mit 18 Jahren zum jüngsten Burgtheater-Mitglied zu avancieren. Doch der Theatergott, der wie kein anderer Don Karlos (1955 an der „Burg“) oder Hamlet und den Prinzen von Homburg (beide 1953 an den Städtischen Bühnen in Frankfurt am Main) zu geben verstand, wechselte bald zum Film.

„Entscheidung vor Morgengrauen“ (1951) von Anatole Litvak ist der bis heute einzige neorealistische Hollywood-Film. Gedreht im zerbombten Nachkriegsdeutschland an Originalschauplätzen ging Oskar Werner physisch wie psychisch an seine Grenzen. An sich sollte der überzeugte Pazifist, der sich in den letzten Kriegsmonaten „fahnenflüchtig“ mit seiner ersten Frau, der „Burg“-Aktrice Elisabeth Kallina, und der gemeinsamen Tochter Eleonore im Wienerwald versteckte, bereits hierfür für den Oscar nominiert werden, doch kurz nach dem Krieg schreckte die erzkonservative Academy davor zurück, deutschsprachige Künstler offiziell zu würdigen.

Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze“, befand einst Friedrich Schiller. Im Fall von Oskar Werner Superstar macht sie eine Ausnahme.

Stanley Kubrick war noch Jahre später voll des Lobes: „Ich beeile mich hinzuzufügen, dass ich ein großer Bewunderer Ihrer Arbeit bin – und dass ‚Entscheidung vor Morgengrauen‘ der am meisten unterschätzte Film aller Zeiten sein muss. Ich habe ihn fünfmal gesehen, und die Subtilität, der Geschmack und die Intelligenz Ihrer Darbietung sind bei jeder Sichtung auffälliger.“ Er bot ihm dann im Jahr 1968 die Titelrolle in seinem „Napoleon“-Projekt an. Diesen Part hätte Oskar Werner, der seinen seit 1946 auch im Pass stehenden Künstlernamen nicht, wie es oft heißt, aus Bewunderung für seinen väterlichen Freund Werner Krauß angenommenen hatte, sondern weil „Werner“ wienerisch ausgesprochen eben wie „Weaner“ (also „Wiener“) klingt, gern gespielt. Als Sergei Bondartschuks Historienepos „Waterloo“ (1970, mit Rod Steiger als Napoleon) selbiges an den Kinokassen erlebte, drehte MGM Stanley Kubrick allerdings den Geldhahn zu.

„Das andere Deutschland“ verkörperte er erneut eindrucksvoll in G.W. Pabsts Endzeit-Drama „Der letzte Akt“ (1955): Als Ritterkreuzträger Hauptmann Wüst versucht er, Adolf Hitler (Albin Skoda) davon abzubringen, die mit der schutzsuchenden Zivilbevölkerung überfüllten Berliner U-Bahn-Tunnel wegen der heranrückenden Russen zu überfluten. Marlon Brando ließ sich Oskar Werners Todesszene mit den aus den sterbenden Lippen gehauchten Worten „Sag nie wieder ‚jawohl‘, denn damit hat der ganze Mist angefangen. Seid wachsam!“ zur Vorbereitung für seine Rolle des Christian Diestl in Edward Dmytryks Kriegsdrama „Die jungen Löwen“ (1958) 24 Mal hintereinander vorführen!

Zerwürfnis mit Truffaut

Der Womanizer (hinreißend sein „Mozart“ 1955) war in François Truffauts „Jules und Jim“ (1962), einer Reflexion über eine „reine Liebe zu dritt“ mit den Co-Partnern Jeanne Moreau und Henri Serre, eine Art duldsame Jesus-Figur. „Das Narrenschiff“, einer der wenigen Filme der Traumfabrik, der bis heute auch in den Ex-Ostblock-Staaten hohes Ansehen genießt, wurde dann zu seinem größten Erfolg. 1966 gewann er für den zwischen Melancholie und Rage befindlichen Dr. Wilhelm Schumann den New Yorks Critics Circle Award und den französischen Étoile de Cristal, wurde zudem für den Oscar und den Golden Globe nominiert. Diesen errang der ewig Wahrheitssuchende dann im selben Jahr für die Rolle des jüdischen DDR-Abwehrchefs Fiedler in Martin Ritts Anti-James-Bond-Drama „Der Spion, der aus der Kälte kam“ (1965).

Während der erneuten Zusammenarbeit mit François Truffaut bei der Dystopie „Fahrenheit 451“ (1966) kam es zum Bruch zwischen den beiden. Oskar Werner fand die Bücherverbrennungsszenen zu „kunstgewerblich“ inszeniert. Der Regisseur denunzierte ihn daraufhin in seinem Drehtagebuch für die „Cahiers du cinéma“. Dennoch kam es zu einer Versöhnung in den 70er-Jahren in Paris, wie Werners große Liebe, die Schauspielerkollegin Antje Weisgerber (1922–2004) berichten konnte. Es war noch ein gemeinsamer dritter Film geplant. Der frühe Tod der beiden verhinderte dies. François Truffaut starb am 21. Oktober 1984, Oskar Werner nur zwei Tage darauf in Marburg an der Lahn – kurz vor einer Rezitationstournee.

Nach der visionären Vatikan-Geschichte „In den Schuhen des Fischers“ (1968) mit den drei größten Hamlets des letzten Jahrhunderts – John Gielgud, Laurence Olivier und Oskar Werner – in einem Film plus Anthony Quinn als erstem russischen Papst drehte der alkoholkranke Ausnahmedarsteller nur noch einmal fürs Kino: Für Stuart Rosenbergs bewegendes All-Star-Movie „Reise der Verdammten“ (1976) über die historisch verbürgte Irrfahrt von 937 Juden auf der St. Louis im Jahr 1939 erhielt er als resignierter Professor Egon Kreisler seine dritte Golden-Globe-Nominierung.

Fast alle Größen der Filmbranche wollten noch mit ihm drehen, darunter Alfred Hitchcock, Federico Fellini, Michelangelo Antonioni, Sydney Pollack oder sein enger Freund Stanley Kramer, doch Oskar Werner missfielen die Drehbücher. Wer kann ihm nach dem Ableben von Marlon Brando und Peter O‘Toole heutzutage schauspielerisch das Wasser reichen? „Wer trägt die Fackel weiter?“, wie es in einem von Klausjürgen Wussow, der mit ihm 1953 als Horatio im „Hamlet“ in Frankfurt am Main auf der Bühne stand, zu seinem Tod verfassten Gedicht heißt.

Egozentriker mit goldenem Herzen

Antje Weisgerber sagte über den Kinder- und Hundefreund: „Er war kein Egoist, sondern der größte Egozentriker, den ich kannte. Denn er bezog das ganze Leid der Welt auf sich.“ Er habe „wirklich ein goldenes Herz“ gehabt. Sein Sohn Felix Florian Werner, der gerade eine Doku über seinen charismatischen Vater dreht, weiß: „Er spürte als Künstler eine große Verantwortung für sein Publikum.“

Zu seinem 100. Geburtstag würdigt man Oskar Werner, der mit seiner zeitlosen Kunst von anderen Größen wie Jack Nicholson, Quentin Tarantino, Christoph Walz und Iris Berben immer noch und von einer jungen Generation wieder leidenschaftlich verehrt wird, nicht nur in Wien, wo seit März eine große Ausstellung im Metro-Kulturhaus läuft. Auch in Deutschland, seiner Wahlheimat Liechtenstein, in Frankreich und den USA finden Gedenkveranstaltungen statt. „Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze“, befand einst Friedrich Schiller in seinem berühmten Wallenstein-Prolog. Im Fall von Oskar Werner Superstar macht sie eine Ausnahme.

Marc Hairapetian ist Mitautor von „Oskar Werner – Das Filmbuch“ (Wien 2002). Er zeigt am 13. November um 10 Uhr in der  Astor Filmlounge am Kurfürstendamm den Film „Das Narrenschiff“ und hält dazu eine Einführung.

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