Hitler kommt aus Münster: Die Geschichte einer absurden Reise

Unser Autor wohnt in Berlin und traute sich, eine Freundin in Münster zu besuchen. Es war ein Ausflug, der ihn fast um den Verstand gebracht hat.

Münster? Eine Stadt in Deutschland.
Münster? Eine Stadt in Deutschland.Berliner Zeitung

Letztes Wochenende habe ich meine gute Freundin Tina in Münster besucht. Sie ist für ein paar Monate beruflich dort und rief mich verzweifelt an: Sie hätte noch nie etwas derart Schreckliches gesehen und ich müsste sie unbedingt besuchen kommen, um ihr beizustehen.

Da ich meine gute Freundin Tina natürlich niemals im Stich lassen würde, buchte ich gleich den nächsten Zug und fand mich wenig später in der westfälischen Kleinstadt ein. Als ich ausstieg, erkannte ich sie schnell zwischen all den blonden Pferdeschwänzen; sie war die einzige Frau mit Lippenstift und trug einen maßgeschneiderten Zweireiher in Yves-Klein-Blau. Traurig starrte sie zu Boden.

„Tina!“, rief ich. „Was ist denn los?“

„Ach …“ Sie umarmte mich halbherzig.

„Wir trinken jetzt erst mal einen Kaffee!“ Ich nahm sie an der Hand und wir schlenderten durch die Stadt, wobei das eigentlich nicht stimmt, da man permanent aufpassen muss, nicht von einem der Radfahrer angefahren zu werden, man also gezwungen ist, einen bizarren Slalom zu laufen. Und vielleicht sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass Tina und ich in Berlin wohnen und normalerweise durchs verdreckte Kreuzberg spazieren, um uns über die Yuppies, die Salafisten und die allgemeine Verwahrlosung zu empören. An besonders schlimmen Tagen wünschen wir uns sogar in deutsche Kleinstädte, weil wir es nicht mehr ertragen, wie die sechzigjährigen tätowierten Väter die pubertären Obdachlosen mit ihren Bugaboo-Kinderwagen rammen.

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Foto: Finn Job
Zum Autor
Finn Job wurde am 8. Mai 1995 in Hannover geboren. Nach seinem Abitur zog er nach Berlin und brach allerlei Studiengänge ab, um in Ruhe lesen zu können. Er arbeitet als Kellner und Lektor. „Hinterher“ ist sein erster Roman und ist im Verlag Klaus Wagenbach erschienen.

„Es ist doch eigentlich recht betulich hier“, sagte ich und zeigte auf den Marktplatz vorm Dom, auf die Blumenverkäuferinnen und den Reibekuchen-Stand. Niemand rauchte. „Die Kirchen sehen so französisch aus. Ist man hier etwa katholisch?“

„Nun ja“, antwortete Tina, „die Katholiken hier sind sehr protestantisch.“

Ich verstand nicht, was sie meinte, und machte mir allmählich Sorgen um meine Freundin. „Wann hast du denn zuletzt mit jemandem geredet?“, fragte ich.

„Ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr, hier gibt es ja nur Münsteraner.“

„Schau, hier streuen sie einem noch Kakaopulver auf den Cappuccino. Und einen Keks gibt es auch!“, rief ich wohl ein wenig zu enthusiastisch, als wir auf der Terrasse des Café Extrablatt saßen.

„Das Café Extrablatt ist auch eine Katastrophe“, gab Tina zurück und zog sich den Lippenstift nach. „So haben sich die Westfalen in den 80er-Jahren ein Wiener Kaffeehaus vorgestellt. Und sie kommen bis heute damit durch!“

Ich blickte derweil gebannt auf die vielen Daunenwesten, Longchamp-Taschen und Filzröcke, die an uns vorbeiliefen. So schlecht, wie alle immer meinen, kann es um den deutschen Mittelstand nicht stehen, dachte ich. Auf einem verblichenen, aber gigantischen Wahlplakat warb Robert Habeck für ein grünes Wirtschaftswunder. Und plötzlich durchfuhr es mich: „Aber Tina, hier gibt es ja gar keine Migranten! Gar keine Salafisten, nicht einmal eine Shisha-Bar!“

„Ja, das stimmt. Hier gibt es auch nichts mehr zu islamisieren.“

Allmählich ging mir meine Freundin Tina mit ihren depressiven, kryptischen Äußerungen auf die Nerven. Normalerweise war nämlich ich der diffus-kulturpessimistische in unserer Beziehung, und ich schätzte sie für ihre differenzierte, humorvolle Art, mit der es ihr immer wieder gelang, mich auf den Boden der Tatsachen zu holen – normalerweise. Wir zahlten und schlenderten weiter durch den sonnigen Septembersamstag.

Ein wenig stutzig wurde ich schließlich doch, als ich die vielen Junggesellinnenabschiede sah: junge Frauen um die 20, oftmals sogar noch jünger, mit blonden Pferdeschwänzen und sehr großen Zähnen; sie zogen Bollerwagen hinter sich her, trugen Jutebeutel mit der Aufschrift „Team Braut“ und tranken Söhnlein Brilliant. Überhaupt schienen die Münsteraner dazu zu neigen, in sehr großen Gruppen durch ihre Stadt zu laufen.

„Aber Tina, hier herrscht ja eine absolute Geschlechterapartheid!“, rief ich plötzlich aus.

„Ach, das fällt dir also doch auf. Ich habe manchmal schon gewisse queertheoretische Anwandlungen ...“

„Aber Tina!“

„Zumindest weiß ich nun, was sie mit dem Begriff Heteronormativität meinen.“

Mir fiel auf, dass ich in den letzten drei Stunden keinen einzigen Schwulen gesehen hatte, und mir wurde allmählich übel. Ich schlug vor, in die gegenüberliegende Brasserie zu gehen. Der Chardonnay besänftigte uns, ja, wir lachten gelegentlich sogar, und erst das vollkommen zerkochte Ratatouille beförderte uns wieder zurück in die Münsteraner Realität.

„So machen sie das hier immer, sie zerkochen alles. Gestern hatte ich eine Lasagne, die zu einem einzigen Brei zusammengeschmolzen war. Selbst die Italiener hier sind Protestanten“, sagte Tina indigniert und steckte sich eine Zigarette an, während ich an einem staubtrockenen Stück Huhn würgte.

„Vielleicht ist das die gelebte Ökumene“, sagte ich, als ich wieder sprechen konnte, doch Tina ignorierte mich und rief nach dem Kellner. Es habe alles fantastisch geschmeckt, sie wolle zahlen. Natürlich gab sie ihm ein gigantisches Trinkgeld.

Wir liefen weiter durch die Altstadt und hielten gelegentlich bei einem Café, um ein weiteres Glas Wein zu trinken.

„Münster wurde übrigens während des Kriegs komplett zerbombt“, sagte Tina. „Aber man hatte offenbar das Geld oder die Vermessenheit, die alten Fassaden wieder aufzubauen. Dahinter verbergen sich moderne Konstruktionen.“

„So wie in Dresden?“

„Ja, das tut einer deutschen Stadt nicht gut. Heilbronn und Hannover sieht man wenigstens an, dass sie einmal komplett zerstört wurden.“

Ich blickte auf die vorbeiziehenden Passanten, sie sahen alle aus, als würden sie Maschinenbau studieren.

„Wie aufrecht sie gehen! Schau doch, wie aufrecht!“, rief ich nun. Vielleicht hatte meine Freundin doch mit allem recht.

„Und gleichzeitig sehen sie so aus, als wäre ihr Leben schon vorbei. Die Kinder sehen aus wie ihre eigenen Eltern, wie ihre Großeltern.“

„Dennoch wirken sie alle recht gemäßigt, recht bieder. Ich habe noch keinen einzigen Rechten gesehen, und auch keinen Linksradikalen. Sie sind alle so wohlgenährt, nicht dick, nein, eher proper.“

Meine Freundin starrte mich misstrauisch an und zog sich erneut ihren Lippenstift nach.

„Aber Tina, hier ist ja niemand betrunken“, sagte ich, denn mir fiel ein Satz von Joseph Roth ein, nach dem die Protestanten vom Wein eher noch nüchterner würden, und ich meinte nun endlich, ihre These vom evangelischen Katholizismus zu verstehen. Ständig sah man Marienfiguren vor Klinkersteinen.

„Wart’s ab“, sagte sie finster und nahm einen gewaltigen Schluck.

Es dämmerte. Wir liefen weiter und immer mehr Menschen waren auf den Straßen zu sehen, immer mehr Junggesellinnenabschiede, aber auch immer mehr Männergruppen. Irgendwo lief ein Fußballspiel und die ersten Sieg-Heil-Rufe hallten durch die Frühlingsluft. Ich hatte noch immer keinen Schwulen gesehen und diese rechnerische Unmöglichkeit erfüllte mich mit einer gewissen Angst.

Meine Freundin blieb stehen. „Findest du es hier noch immer betulich?“, fragte sie mich.

Doch ich antwortete ihr nicht, da eine Gruppe johlender Jungen an uns vorbei- – eher in uns hineinlief. Sie sahen aus, als kämen sie direkt aus Arno Brekers Atelier, nur dass sie Cargo-Hosen und schlecht sitzende Polo-Hemden trugen. Ich verstand nun, warum Tina sich ständig den Lippenstift nachzog; man musste an diesem Ort höllisch aufpassen, nicht die Form zu verlieren.

Schließlich wurde es dunkel und sehr schnell sehr laut. Horden von jungen Menschen liefen in ihren großen geschlechtergetrennten Gruppen an uns vorbei. Die Pferdeschwänze waren das Einzige, das nicht an Festigkeit verloren hatte: Eine torkelnde Masse aus BDM-Mädchen in Bluejeans.

„Das ist der Grund, warum niemand hierherkommt“, rief Tina und breitete die Arme aus. Wir waren auf einem Platz angekommen und standen zwischen klebrigen Bierbänken. „Mir fehlen die Polen, Türken und Touristen, an schlechten Tagen auch die Salafisten!“

„Aber Tina, das reimt sich ja! Das hast du doch einstudiert! Wie oft hast du diese Führung des Grauens schon abgehalten?“ Ich war allmählich wütend auf meine Freundin, weil sie unsere Rollen vertauschte und mich an diesen schrecklichen Ort gelockt hatte.

„Kannst du dich noch an das Ratatouille erinnern?“, schrie sie jetzt. „Erst zerkochen sie alles, essen ihren Brei, und des Nachts verwandeln sie sich selbst in diesen Brei.“

Ich steckte mir eine Zigarette an. Vielleicht war ich eher wütend auf diese schreckliche Stadt, darauf, was sie aus meiner Freundin gemacht hatte.

„Und das ist auch der Grund, warum man hier keine Linken und Rechten sieht und die Konfessionen nicht mehr unterscheiden kann: Es sind alles Nazis“, schrie sie weiter. „Oder kannst du einen signifikanten Unterschied zum Deutschland der Dreißigerjahre erkennen?“

Ich sah mich um und erkannte keinen Unterschied; nicht einmal mehr Mobiltelefone hatten die Leute in ihren Händen. Ein aufgeschwemmter Münsteraner urinierte auf seinen Hund.

„Und ich glaube das auch nicht mehr, mit Braunau am Inn!“

„Bitte, was?“

Das schöne Gesicht meiner Freundin hatte sich in eine hasserfüllte Fratze verwandelt. „Hitler kam aus Münster, es muss einfach so sein!“

Neben mir erbrach sich eine Münsteranerin in ihr eigenes Bierglas, aber sie schien es nicht zu bemerken, ihre Freundinnen auch nicht; sie trank weiter.

„Hitler kommt aus Münster!“, schrie Tina noch einmal, doch ich hörte sie schon kaum mehr, weil ich bereits in großen Sprüngen zum Bahnhof hastete und schließlich aufpassen musste, nicht von einem Fahrrad überfahren zu werden.

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