Während sich der scheinbar endlose Strom von Nachrichten in der Telegram-Gruppe staut, erscheint immer wieder dieselbe Nachricht: „Wir sind zwei junge Studierende, die aus der Ukraine geflohen sind. Wir brauchen dringend eine Unterkunft. Kann jemand helfen?“. Nach einigen Stunden erscheint eine Folgemeldung: „Bitte, wir versuchen es seit drei Tagen.“ Irgendwann teilt ihnen jemand ganz nüchtern mit: „Berlin ist voll.“

Die Telegram-Gruppe „Housing Ukrainian Refugees Berlin“ hat Tausende von Mitgliedern und wurde in der lokalen Presse stark beworben. Und zweifellos konnte auf diesem Weg vielen Flüchtlingen bei der Suche nach einer Unterkunft geholfen werden, in Berlin und in ganz Deutschland. Doch womöglich weist dieses großzügige Freiwilligensystem auch ein paar Tücken auf.

Geflüchtete aus Drittstaaten finden keine Unterkunft

„Es gibt keine langfristigen Bestimmungen für BIPoC-Geflüchtete, das ist einfach eine Tatsache“, sagt Glory „Duwa“ Attaochu von „Black Foreigners“ in der Ukraine. „Black Foreigners Ukraine“, oder kurz „BFU“, ist eine Gruppe globaler Freiwilliger, die Hunderten von BIPoC (Abkürzung für Black, Indigenous, People of Color) und anderen marginalisierten Gruppen, aber auch Studierenden erfolgreich bei der Flucht aus der Ukraine geholfen haben.

Attaochu erläutert einige der Schwierigkeiten, mit denen sich im Besonderen Geflüchtete ohne ukrainischen Pass in der Fremde konfrontiert sehen. „Man könnte meinen, dass die Dinge besser werden, sobald man die Menschen aus dem Krieg geholt hat“, sagt Attaochu, „doch nun haben diese Menschen mit neuen Problemen zu kämpfen: Sie sind obdachlos, haben kein Essen, kein Geld. Und sie haben keinen Zugang zu Geldautomaten, ihre aus der Ukraine mitgebrachten Bankkarten funktionieren in Deutschland nämlich nicht.“

Doch es gibt noch weitaus schwerwiegendere Probleme. „Wir haben sogar erlebt, dass Menschen in den neuen Ländern diskriminiert wurden“, fährt Attachou fort, „Studierende, die aus der Ukraine im Zug nach Deutschland flohen, wurden in der Nähe von Leipzig angehalten, ohne Grund festgenommen.

Alle ihre Dokumente wurden beschlagnahmt. Schließlich wurden sie in ein Flüchtlingslager gebracht, das einem Gefängnis ähnelte. Die Jüngsten waren siebzehn, achtzehn, die Ältesten einundzwanzig, zweiundzwanzig. Sie sind verwirrt, fühlen sich verloren und haben Angst um ihr Leben. Sie wissen nicht, was passieren wird. Sie rufen uns an und fragen, was soll ich tun?“

Menschen, die aufgrund des Krieges aus der Ukraine fliehen müssen, erhalten eine vorläufige Aufenthaltserlaubnis zum vorübergehenden Schutz nach § 24 des Aufenthaltsgesetzes. Voraussetzung dafür ist allerdings der Nachweis eines dauerhaften Wohnsitzes oder eine vom Landesamt für Einwanderung (LEA) zugewiesene Aufenthaltsbestätigung.

Die Regeln sind allerdings unflexibel. Laut Berichten aus erster Hand von „Housing Ukrainian Refugees Berlin“ wurde ukrainischen Staatsangehörigen der EU-Schutz in Berlin verweigert, weil sie sich vor dem 24. Februar in Deutschland aufgehalten haben. Außerdem nützen die bestehenden Regeln vielen Nichtukrainern nur wenig, da der Schutz nicht für Drittstaatsangehörige gilt. Es sei denn, sie können nachweisen, dass sie nicht sicher in ihr Herkunftsland zurückkehren können.

Das Dilemma der Studierenden

Jewel Addy, eine Expertin für Öffentlichkeitsarbeit, die ihren Hintergrund in Kommunikation und Medien für die BFU einsetzt, erläutert das Dilemma, in das diese Studierenden geraten sind. „Wir sehen viele Studierende, die ihr Studium an sich sogleich fortsetzen müssten. In jungen Jahren sind sie weit von zu Hause weggezogen, mit der Absicht, eines Tages dahin zurückzukehren, schließlich eine Karriere in der Medizin oder Ingenieurwesen zu starten, sich dann auch um ihre Familie zu kümmern. Aber nun ist das alles, was sie sich vorgenommen haben, infrage gestellt.“

Addy ergänzt: „Eine Sache, die mich inspiriert und die es wert ist, hervorgehoben zu werden, ist, dass diese Studierenden, die gerade dem Krieg entkommen sind und über Nacht nur Bombenexplosionen hörten, immer noch so fokussiert darauf sind, ihr Studium zu beenden. Wenn das nicht die Art von Person ist, die man an einer Universität haben will, dann weiß ich nicht, welche Studierenden man sucht.“

Die Humboldt-Universität rät internationalen Studierenden, die aus der Ukraine geflohen sind, hinsichtlich der Frage, ob sie nun tatsächlich legal in Deutschland bleiben und studieren dürfen, auf eine anstehende Entscheidung der Regierung zu warten. Immerhin ist es den in Not geratenen Hochschülern nach der Verlängerung einer „grace period“ aber schon mal erlaubt, nicht nur bis zum 23. Mai sondern mindestens bis zum 31. August hier verharren zu dürfen.

Die Zulassung zur Universität ist nicht leicht

Herbert Grieshop, Leiter der Abteilung Internationales und des Centers for International Cooperation (CIC) an der Freien Universität Berlin, bietet indes einen etwas hoffnungsvolleren Ausblick. Die Politik des Verzichts auf eine Bewerbungsfrist für das kommende Semester gelte für alle Studierenden. Bewerbungen werden von Fall zu Fall geprüft.

Für ausländische Studierende wird es allerdings weiterhin nicht so einfach sein, sich zu immatrikulieren, da sich die von Grieshop bestätigten Zulassungsvoraussetzungen für Vorlesungen und Seminare nicht geändert haben. Was bedeutet, dass hohe Anforderungen an das Sprachniveau erfüllt werden müssen. So verlangt die Charité – Universitätsmedizin Berlin beispielsweise Deutschkenntnisse auf C2-Niveau, was deutlich über der B2-Anforderung für die deutsche Staatsbürgerschaft liegt.

Die Humboldt-Universität wiederum geht flexibler mit den Sprachanforderungen um. Sie bestätigte vor Kurzem, dass für ukrainische Studierende mit B1-Deutschkenntnissen oder mit B2- Englischkenntnissen Ausnahmen gemacht werden können.

In Anbetracht der bürokratischen Hürden und der Richtlinien für Sprachkenntnisse kommt Addy für den Moment allerdings zu einem düsteren Schluss: „Generationen von Ärztinnen, Wissenschaftlerinnen und Medizinerinnen werden auf diese Weise daran gehindert, ihre beruflichen Träume zu verwirklichen.“

Diese Studierenden wieder auf Kurs zu bringen, ist nun eine der Prioritäten der BFU. „Wir fangen auch an, unsere Bemühungen auf die Unterstützung von Bildungsergebnissen zu verlagern“, sagt Addy. Und: „Wir arbeiten mit anderen Gruppierungen zusammen, die in diesem Bereich tätig sind, wollen Wege schaffen, damit diese jungen Menschen ihr Studium fortsetzen und ihre Schulbildung abschließen können.“

Deutsch-Sprachkurse sind teuer

Die Erfüllung der hohen Sprachanforderungen ist allerdings nicht nur zeitaufwändig, sondern auch teuer. Attaochu liefert ein typisches Beispiel für einige der spezifischen Anfragen von Geflüchteten, sie zitiert: „Damit ich meine Ausbildung in Deutschland fortsetzen kann, muss ich die Sprache ein Jahr lang lernen, und die Kosten für das Erlernen einer Sprache betragen 1800 US-Dollar. Könnt ihr mir helfen, meinen Sprachkurs zu bezahlen?“

Die Technische Universität Berlin hat dahingehend zumindest einen Anfang gemacht, den Hilfsfonds „Berlin-Ukraine“ eingerichtet, um ukrainische Forscherinnen und Studierende direkt finanziell zu unterstützen.

Doch die erste und zugleich größte Hürde der Geflüchteten ohne ukrainische Nationalität stellt die Suche nach einer dauerhaften Unterkunft dar. „Einige Studierende, mit denen ich in der letzten Woche gesprochen habe, sind alle in Deutschland, ein paar von ihnen in Berlin“, sagt Attaochu, „es geht für sie nur darum, eine Langzeitunterkunft zu finden. Einige von ihnen konnten in Berlin GastgeberInnen finden, für ein oder zwei Wochen. Aber danach mussten sie wieder gehen.“

Geschlechterdiskriminierung im Hilfesystem

Das Geschlecht kann auch ein Problem bei der Wohnungssuche sein, wie die Telegram-Gruppe zeigt. Ein Entwicklungshelfer, der Minderheitengruppen bei der Wohnungssuche hilft, erzählte erst neulich, dass sie viele Männer afrikanischer Abstammung haben, die Hilfe brauchen. Und obwohl ein Mitglied der Telegram-Gruppe Betten anbot, mischte sich ein anderes ein: „Können die Männer nicht nach Tegel gehen? Wir brauchen diese Betten für Frauen und Kinder.“ Nicht bedacht wurde dabei, dass das Flüchtlingszentrum Tegel zu diesem Zeitpunkt noch nicht geöffnet war.

„Wir können auch eine Menge geschlechtsspezifischer Ungleichheiten beobachten, insbesondere bei unseren männlichen BIPoC“, sagt Attaochu. „Viele unserer BIPoC wurden aus den Zügen nach Deutschland rausgeholt“, sagt sie. „Sie haben wirklich die Hauptlast abbekommen. Mussten zwei bis drei Tage bei eisigen Temperaturen übernachten. Sie hatten Erfrierungen, sowohl Jungs als auch Mädchen.“

Das Ankunftszentrum Tegel ist geöffnet

Addy weist auch darauf hin, dass es auch Formen der Geschlechterdiskriminierung gegeben habe. „Wir haben auch viele Berichte von Menschen bekommen, die Transgender oder Teil der LGBTQ+-Community sind und/oder sich in ähnlichen Situationen wie BIPoC und andere marginalisierte Gruppen befinden, die versuchen zu fliehen. Sie brauchten zusätzliche Unterstützung, da sie aufgrund ihrer Identität diskriminiert wurden.“

Es mag den verzweifelten Studierenden auf Telegram, die keine Unterkunft finden, wenig Trost sein, aber das Flüchtlingszentrum Tegel ist inzwischen geöffnet. Außerdem finanziert das LEA Aufenthalte in Heimen für einige Flüchtlinge aus der Ukraine. Es ist jedoch noch unklar, ob die betroffenen Studierenden tatsächlich ihr Studium fortsetzen können. Attaochu sagt: „Da sind einige der brillantesten Köpfe dabei.“

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