Auf einer Mauer an der Straße, die von der italienisch-französischen Grenze in die Kleinstadt Ventimiglia führt, sind liebevoll Brot, Aufstriche, geschnittenes Obst arrangiert. Das meiste davon haben meine Tochter und ihre Mitstreiterinnen nachts aus Supermarkt-Containern gefischt. Meine Tochter ist seit Anfang Oktober in Ventimiglia und unterstützt mit der Organisation Kesha Niya geflüchtete Menschen. Sie kommen zu Fuß von der Grenze gelaufen auf der Straße, an der meine Tochter in einer Parkbucht mit dem Essen steht.

Die Menschen sind oft außer sich. Man hat sie in Zügen oder auf dem Fußweg durch die Berge in Frankreich festgenommen und an der Grenze eingesperrt. Manche haben auch schon in Frankreich gewohnt und gejobbt, sie werden trotzdem zurück nach Italien geschickt. Im Dublin-Raum gilt, dass das Land für Geflüchtete zuständig ist, in dem die Erstaufnahme stattfand.

Geschlagen von Grenzpolizisten

Am Telefon erzählt meine Tochter mir, was sie erlebt: zum Beispiel von der Frau aus dem Sudan, die einen verletzten Fuß hat und zu ihrer Schwester will, die schon in den Niederlanden lebt. Sie wurde aus dem Zug geholt, über Nacht in einen heillos überfüllten Container gesteckt, von den Grenzpolizisten geschlagen. Es gab weder Wasser noch Essen.

Alle, die man nach 18 Uhr erwischt, werden über Nacht, manchmal auch bis zu 48 Stunden – illegal – eingesperrt. Davor kommen die Flüchtenden meist nach zwei bis vier Stunden wieder frei und werden mit dem Ablehnungsdokument „refus d’entrée“ zurück nach Italien geschickt.

Eigentlich gilt das Schengener Abkommen, Frankreich beruft sich allerdings auf bilaterale Abkommen, an einzelnen Grenzübergängen auf beiden Seiten der Grenze kontrollieren zu können.

Am Morgen danach steht die Frau also weinend in der Parkbucht. Meine Tochter bietet ihr an, sie zum Medi-Bus zu fahren und ihr eine Übernachtungsmöglichkeit zu organisieren. Der Medi-Bus, das sind Freiwillige mit Krankenpflegeausbildung und Ärzte. Sie bleiben einige Wochen, dann fahren sie zu einer anderen Grenze. Es gibt nur einige wenige Unterkünfte für Frauen, Familien mit Kindern oder Minderjährige von der Caritas, doch oft ist dort nichts mehr zu bekommen. Alle anderen schlafen draußen, am Strand, unter Brücken, irgendwo.

Es gibt kein offizielles Auffanglager in Ventimiglia. Nur zwei kleine Freiwilligenorganisationen kämpfen gegen das Elend an. Die Menschen hier kommen und gehen. Manche schaffen es auf Anhieb, andere brauchen viele Anläufe, irgendwann sind die meisten fort.

Die sudanesische Frau will nicht übernachten und ausruhen, sondern es gleich wieder versuchen. Nach einer weiteren Nacht in den Containern wird sie es mit Schleppern versuchen und in einen Lastwagen steigen. Am nächsten Morgen schreibt die Frau: „Ich bin jetzt in Marseille.“

Selbst kleine Gesten sind entscheidend

An diesem Tag sitzt in der Parkbucht eine Mutter mit einer kleinen Tochter. Nachdem sie gegessen haben, weint das Kind hemmungslos, eine halbe Stunde lang. Die Mutter sitzt lethargisch daneben, erzählt mir meine Tochter später am Telefon. Ich kann mitfühlen, wie sich ihr Herz dabei zusammengezogen hat, als sie mir in beinahe wütendem Ton berichtet.

Sie bietet Süßigkeiten an, eine gespendete Barbie. Hin und wieder bringen einige wenige Menschen Spenden vorbei. Viele aber hupen und schreien im Vorbeifahren Beschimpfungen zu den Helfenden hinüber. Nach einer Weile hat sich die Mutter soweit gefasst, dass sie wieder Kraft aufbringt, ihr Kind zu trösten.

Meine Tochter sagt, dass es ja nur so wenig ist, was sie tun können. Den Flüchtenden erklären, welche Optionen sie haben: Zug, Fußweg, Schlepper. Sie davor warnen, sich von letzteren abzocken zu lassen; die Mafia macht mit Menschen auf der Flucht ein gutes Geschäft. Ihnen ein Busticket geben und sie zur Bushaltestelle begleiten, wo tagsüber alle zwei bis drei Stunden ein Bus nach Ventimiglia fährt. Den Bus als weiße Europäer stoppen, weil viele Fahrer nicht für die Geflüchteten anhalten, doch auch das klappt nicht immer.

Ich sage ihr: Selbst diese kleinen Gesten sind entscheidend. Es ist so wichtig, dass diese traumatisierten Menschen in all der Ablehnung wenigstens hin und wieder Güte und Menschlichkeit erfahren. Jede kleine Geste ist entscheidend, nichts könnte wichtiger sein. „Ich bin wahnsinnig stolz auf dich, mein Herz.“

Die Menschen wussten fast alle nicht, was sie in Europa erwartet, erzählt meine Tochter. Sie sind geschockt davon, dass sie hier so ablehnend behandelt werden. Sie haben das von ihrer Familie zusammengekratzte Geld dabei, aber es wird ihnen abgenommen – wenn nicht von den Schleppern, dann von der Grenzpolizei. Die nimmt ihnen auch ihre Ausweise weg. Gewalt und Beleidigungen sind an der Tagesordnung, fast alle Flüchtenden berichten davon.

Es gibt aus Italien keinen Weg zurück

Manche wollen zurück nach Hause, aber es gibt aus Italien keinen Weg zurück. Die Menschen verstehen auch nicht, warum meine Tochter sie nicht einfach schnell über die Grenze fahren will, immer wieder fragen sie und bitten. Vor einiger Zeit sei ein Aktivist zu drei Jahren Haft verurteilt worden, weil er Leute über die Grenze gefahren hat, sagt meine Tochter.

Die Verständigung ist oft schwierig, viele sprechen nur Arabisch, dann versuchen die Helfenden ihr Glück mit Übersetzungs-Apps.

Meine Tochter wohnt jetzt seit über einem Monat im Zelt, auf einem bergigen Gelände, dreißig Autominuten von Ventimiglia entfernt. Von der alten Unterkunft, einem besetzten Bauernhof, musste ihre Organisation kürzlich weg.

Die Aktivistinnen und Aktivisten, die fast alle zwischen zwanzig und dreißig sind, haben sich als Erstes ein Bioklohäuschen gebaut. Mit viel Geschick und Elan entstanden weitere Strukturen wie eine Küche und ein Lager für Werkzeug und Material. Manchmal sind sie nur zu fünft, manchmal sind sie zwanzig. Immer wieder kommen Leute, die schon vor einigen Monaten oder Jahren dort geholfen haben, und neue Freiwillige. Sie leben als Kollektiv, treffen Entscheidungen als Kollektiv.

E. Hoffmann
Das Camp, in dem die Tochter unserer Autorin lebt

Meine Tochter isst gerne leckeres Essen, sie hat es gern gemütlich, sie liebt es, im Bett zu liegen, Netflix zu gucken, zu zeichnen. Sie ist Künstlerin. Gerade hat sie ihren zwanzigsten Geburtstag gefeiert. Meine Tochter ist Feministin, sie ist links, sie ist klug, sie hat das Herz am rechten Fleck, sie ist der wundervollste Mensch, den ich kenne.

Jetzt steht sie mit anderen morgens um sechs im Dunkeln auf, sie brühen sich einen Kaffee, dann kraxeln sie den Berg runter zu den Autos, fahren zu ihrem „Spot“.

Neulich war es schier unmöglich, sie zu erreichen, ich wurde unruhig. Sonntags fährt der Bus von der Grenze nach Ventimiglia nicht, zu Fuß sind es gut zwei Stunden. Montag war Feiertag. An den beiden Tagen hat sie an die zweihundert Leute von der Grenze in den Ort gefahren, von morgens bis spät, ohne Pause, erzählt meine Tochter, als ich sie endlich erreiche. Auf einer Fuhre waren neun junge Männer im Auto, sie haben zusammen laut arabischen Pop gehört, mitgesungen, gelacht. Das war ein guter Augenblick.

Später wird es hart an der Parkbucht mit der schönen Aussicht. Drei junge, geflüchtete Männer kommen von der Grenze, eine Verständigung ist kaum möglich. Besonders einer wirkt vollkommen durchgedreht. Er schafft es nicht, etwas zu essen, obwohl es sichtlich nötig wäre.

Ein Pärchen kommt hinzu, die Frau hochschwanger, fünf Tage vor Geburtstermin. An der Grenze haben die Polizisten sie geschlagen und ihre Hände hinterm Rücken gefesselt, erzählt ihr Mann und bittet: Sie muss ins Krankenhaus gebracht werden.

Früher habe ich nie darüber nachgedacht, woher die ganzen Dealer bei uns im Görlitzer Park kommen. Was für eine Geschichte sie haben.

Die Tochter unserer Autorin

Die jungen Männer wollen in die Berge gefahren werden, um es zu Fuß über die Grenze zu versuchen. Alle reden durcheinander. Mitten im Trubel hebt der verstörte junge Mann sein T-Shirt und zeigt meiner Tochter die vielen Narben auf seinem Oberkörper, die aussehen „als hätte ein Kind wild darauf herumgekritzelt“. Sieht sie flehend an und ruft immer wieder ihren Namen. Seine Freunde sagen: „Syria, Police, this is why he loco.“

Die drei Jungs schenken meiner Tochter ein kleines Schokoladenherz, dann fährt sie das verzweifelte Paar ins Krankenhaus. Dort sind leider gerade keine Gynäkologen, sie müssen weiter nach Imperia. Später gibt es keine Notunterkunft für die beiden. Sie haben aber ausnahmsweise noch ihre Reisepässe. Deshalb bucht meine Tochter ihnen online ein Hotel und bezahlt gleich die 70 Euro, von ihrem eigenen Geld.

Mein Kind kann in dieser Nacht kaum schlafen, träumt schlecht. Sie sagt zu mir: „Früher habe ich nie darüber nachgedacht, woher die ganzen Dealer bei uns im Görlitzer Park kommen. Was für eine Geschichte sie haben. Und ich habe den verzweifelten Typen nicht sehr freundlich behandelt, weil ich nicht darüber nachgedacht habe. Später hab ich auch noch das Herz in meiner Tasche gefunden, es war geschmolzen und alles voller Schokolade.“ Sie klingt so abgeklärt und gefasst.

In der Nacht nach diesem Gespräch kann wiederum ich nicht schlafen. Wie kann das alles sein? Meine Tochter ist manchmal körperlich am Rande ihrer Kraft, ebenso wie die anderen Freiwilligen. Im Camp reden sie über die klassischen Probleme im Aktivismus: Wie man sich selbst schützen kann vor dem ungefilterten Leid der Flüchtenden. Wie man auf sich achtet, wenn es mal wieder zu wenige Helfende und zu viel zu helfen gibt. Sie versuchen immer, wenn es nicht mehr geht, einen Tag Auszeit zu nehmen.

E. Hoffmann
Zeichnung der Tochter unserer Autorin

Lange war ihnen das Wetter hold. Jetzt gibt es viel Regen, nachts wird es kalt, die Sachen trocknen gar nicht mehr. Meine Tochter sagt, sie fühlt sich zum ersten Mal wirklich so, als würde sie etwas Sinnvolles tun in ihrem Leben. Sie klingt lebendig am Telefon und mit sich im Reinen.

Jetzt hat die Kommune Ventimiglia neue Regeln erlassen, gegen Herumlungern auf Parkbänken mit Gepäck, längeres Aufhalten auf öffentlichen Flächen, auch gegen Übernachten am Strand. Immer wieder kommen Jugendliche an der Parkbucht vorbei, die französischen Grenzer schreiben aber einfach ein höheres Alter auf die Ablehnung. Minderjährige haben das Recht, ungehindert in ein anderes Land zu reisen, um dort Asyl zu beantragen. Einige haben dort schon Familie oder Freunde.

Das Recht wird jeden Tag gebrochen an der Grenze zwischen Italien und Frankreich. Die Charta der Grundrechte der Europäischen Union sieht das Recht auf Asyl vor, aber Europa hat sich für die Barbarei entschieden.

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