Meine ganze Wohnung ausgelegt mit Büchern, Unterlagen, Arbeitsblättern, Merkzetteln. Die Aufgabe, Aufgaben zu erstellen, zwingt mich zur Beschäftigung mit meiner eigenen Arbeit der letzten zwei Jahre (Stoffverteilung Oberstufe). Doch, ich bin zufrieden, das ist ein ziemlich seltenes Gefühl. Die Sache hat System, Vollständigkeit ohne Überfrachtung, das ist das Wichtigste. Wenn sie es sich jetzt auch noch alles merken könnten ...

Funktioniert aber nicht. Zumindest nicht, was den „Faust“-Stoff angeht, und das liegt nicht nur am Lockdown. „Faust“ ist für ältere und alte (lebenserfahrene) Menschen und nichts für Achtzehnjährige. Eine von gefühlt tausend didaktischen Fehlentscheidungen sozusagen – Bildungsplan 2021! So muss ich ihnen den Stoff – das literarisch veredelte Jammern auf hohem Niveau eines ewig Unzufriedenen, der schon alles hat – in die Gehirne hämmern, der da nicht rein will. Und auch nicht reingehört, weil er dem Erlebnishorizont nicht angemessen ist. Interessant: Beethoven über Goethe nach ihrem Treffen in Teplitz zu seinem Verleger G.C. Härtel: „Göthe behagt die Hofluft zu sehr – mehr als es einem Dichter ziemt.“ (zitiert nach „Beethoven. Briefe und Gespräche“, hrsg. von Max Hürlimann, Zürich 1944, S. 154)

Man könnte es gar nicht besser formulieren! Abgesehen davon, dass der Dichterfürst heute ganz eindeutig ein Fall für MeToo wäre, profitierte er ab seinem 26. Lebensjahr, seit er sich nämlich in Weimar häuslich eingerichtet hatte, von seiner Rolle als verwöhnter, verhätschelter Hofgünstling. Der pubertäre Herzog Carl August und seine Mama Herzogin Anna Amalia hatten einen Narren an ihm gefressen und taten alles, um ihn in Weimar zu halten. Sie machten ihm großzügige Geschenke, zum Beispiel das berühmte Gartenhaus im Park an der Ilm.

Der Todesstrafe für die echte Kindsmörderin stimmte Goethe zu

Dazu kamen politische Ämter. 1776 ernannte der Herzog seinen Dichterkumpel zum Geheimen Legionatsrat und Mitglied des Geheimen Consiliums, einem dreiköpfigen Beratergremium des Herzogs, mit dem netten Jahressalär von 1200 Talern. Diesem Gremium gehörte der Jurist Goethe bis zu dessen Auflösung im Jahr 1815 an und stimmte da 1783 auch explizit der Todesstrafe für die ledige Johanna Catharina Höhn zu – aus Verzweiflung über drohende Armut und gesellschaftliche Ächtung hatte sie ihr Neugeborenes umgebracht. Ihr Fall, wie auch schon der frühere der Kindsmörderin Susanna Margaretha Brandt, regten Goethes Phantasie an, was sich schließlich in der Konzeption der Gretchentragödie niederschlug. Der literarischen Figur allerdings brachte er sehr viel mehr Verständnis und Mitleid entgegen – aber das war ja auch Dichtung und nicht Wahrheit.

An seinen best Buddy Johann Georg Kestner (in dessen Gattin Charlotte Buff sich Goethe so verliebte, dass er daraufhin den „Werther“ schrieb) vermeldete er am 14. Mai 1780, dass er sein literarisches Schaffen während des Staatsdienstes zurückstellen werde, sich aber „doch erlaube […] nach dem Beispiel des großen Königs, der täglich einige Stunden auf die Flöte wandte (gemeint ist Friedrich der Große), auch manchmal eine Übung in dem Talente, das mir eigen ist“ (zitiert nach Dieter Borchmeyer: „Weimarer Klassik“, Weinheim 1998, S. 66)

Johann Wolfgang Goethe war eben ein ganz Schlauer! Zahlreiche Ämter und Ehrenaufgaben konnte er dank seiner Verbundenheit mit der Herzogsippe einheimsen, was J. G. Herder zu einer ironischen Auflistung aller Goethe'schen Funktionen veranlasste: „Er ist also jetzt Wirklicher Geheimer Rat, Kammerpräsident, Präsident des Kriegscollegii, Aufseher des Bauwesens bis zum Wegebau hinunter, dabei auch Directeur des plaisirs, Hofpoet, Verfasser von schönen Festitivitäten, Hofopern, Balletts, Redoutenaufzügen, Inskriptionen, Kunstwerken usw., Direktor der Zeichenakademie, […] kurz, das Faktotum des Weimarschen und, so Gott will, bald der Major domus sämtlicher Ernestinischer Häuser, bei denen er zur Anbetung umherzieht.“ (zitiert nach Nicholas Boyle: „Goethe. Der Dichter in seiner Zeit“, Band I: 1749–1790, Frankfurt am Main 2004, S. 392)

Beschenkt mit gottgleicher Schrankenlosigkeit

Noch direkter formulierte es der zeitgenössische Journalist und Theaterkritiker Ludwig Börne, der Goethe unumwunden als „Despotendichter“ titulierte (siehe Gero von Wilpert: „Die 101 wichtigsten Fragen: Goethe“,  München 2007, S. 121 f.). Nicht einmal das heute von Touristen viel besuchte Haus am Weimarer Frauenplan hatte Goethe selbst bezahlt: Herzog Carl August überließ es ihm mietfrei, nachdem Goethe von seiner zweijährigen Italienreise zurückgekehrt war und keine Lust mehr auf so viel Staatsdienst hatte.

In Italien war er zu seinen künstlerischen Wurzeln zurückgekehrt und wollte sein Leben wieder dem Schreiben widmen. Noch von dort aus versicherte er sich der finanziellen Unterstützung durch seinen Brotherrn. Der Plan ging auf: Der Herzog gewährte ihm die erbetene Verlängerung seines bezahlten Urlaubs, so dass Goethe bis Ostern 1788 in Rom bleiben konnte. Noch im selben Jahr und wieder zurück in Weimar, lernte er Christiane Vulpius kennen, die bald ein Kind nach dem anderen von ihm bekam. Goethe erhielt das Haus am Frauenplan nun sogar geschenkt, offiziell, weil er den Herzog auf zwei Feldzügen begleitet hatte. Im Gegenzug unterstützte der einflussreiche Dichter seinen herzoglichen Brotgeber bei dessen außerehelichen Eskapaden und kümmerte sich um die Versorgung mehrerer unehelicher Kinder und deren Mütter. 

Dass Goethe sich selbst als Kind des Olymp ansah, beschenkt mit gottgleicher Schrankenlosigkeit und ebensolcher Schaffenskraft, zeigt sich nicht zuletzt im Spiegel seines „Faust“. Wie wäre es wohl ohne die schützende Hand der Mächtigen um ihn bestellt gewesen? Das würde mich sehr interessieren. Die meisten Künstler, von denen ich weiß, hingen und hängen lebenslang in dem Dilemma zwischen Brotberuf und künstlerischer Selbstverwirklichung fest. Schon die Sammlung von Friedrich Schillers Bitt- und Bettelbriefen „Gnädigster Herr, ich habe Familie“ (München, 2009) ist hierfür ein bedrückendes Bespiel.

Und Zeit und Geld ohne Ende 

Goethes Privilegien indessen stehen einem im Park an der Ilm in Weimar bis heute vor Augen: Noch immer zeigt dieses Stück Land am Rand der Altstadt dasselbe Erscheinungsbild, wie es unter des Dichters Anleitung angelegt wurde. Jedem Impuls seiner dichterischen, gärtnerischen oder naturwissenschaftlichen Phantasie konnte er ungehindert nachgeben, Zeit und Geld standen ihm ohne Ende zur Verfügung. Er war ein von der Obrigkeit und den literarischen Salons gehätschelter Zeitgenosse, der immer nur gerade so viel provozierte, wie es die feine Gesellschaft ertrug. Weshalb er die heftigsten Sexstellen aus der Walpurgisnacht-Szene entfernte, ehe ihm ein öffentlicher Shitstorm daraus erwachsen konnte.

Ein Erkunder der dunklen Abgründe menschlicher Existenz war Johann Wolfgang von Goethe nicht, auch sein Faust schreckt vor diesen immer wieder zurück, und am Ende siegt der Konsens, die Aussöhnung mit sich selbst und den Anforderungen der Gesellschaft – soweit die wenig innovative Moral von der Geschicht'. Goethe war ein Staatsmann. Grenzüberschreitungen gab es nur, wenn es um Frauen ging. Gegen die Zwangsrekrutierung von jungen Männern für die preußische Armee, gegen die Fronlasten der Bauern, die Todesstrafe von ledigen Kindsmörderinnen wäre er niemals eingetreten. Schiller ging da viel weiter. Aber die Identifikationsfigur des deutschen Bürgertums bleibt Goethe. Der Beamte.

C. Juliane Vieregge ist Autorin und unterrichtet Kreatives Schreiben. Sie lebt in Tübingen.

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