Die EU müsste mich toll finden. Vor EU-Wahlen poste ich Fotos mit der Europa-Flagge und den Wörtern „Wählen gehen!“. Ich bin Italiener, der in Deutschland geboren ist und in beiden Ländern studiert hat. Also eine Art Muster-EU-Bürger. Aber die EU wirft mir Steine an die Beine. Das kam so: Vor einiger Zeit war ich länger als sonst in Italien, bei meiner Mutter, zwei Monate vielleicht. Auf Rai Uno begann eine TV-Serie. Ich sah die erste Folge, die zweite, und die Serie packte mich. Mich, der ich fast nie fernsehe. Es ging um vier erwachsene Geschwister und um ihre Kinder, um Liebeskummer, Freundschaft und Familienfrust. Nix Spektakuläres, aber toll gespielt. Irgendwann zog der Rentner-Vater von der Mutter weg, Kinder und Enkel waren entsetzt – und ich ging nach Deutschland zurück.

Dort wollte ich natürlich wissen, wie es weitergeht und surfte auf die Rai-Mediathek. Aber immer wenn ich auf das Play-Dreieck einer Folge klickte, kam ein weißer Bildschirm, auf dem sich die RAI entschuldigte. Dafür dass das Video nicht außerhalb von Italien zu sehen sei. Ich informierte mich und lernte ein neues Wort: Geoblocking. Was klingt wie ein Nato-Manöver, besagt, dass Multimedia-Inhalte im Internet nur innerhalb eines Landes zu sehen sind. Wer gerade in Portugal ist, kann deshalb die schwedische Koch-Sendung nicht weitersehen, in Österreich nicht die Serie aus Bulgarien.

Ausgerechnet im Internet ist die Einreise verboten

Früher gab es Schlagbäume auf den Straßen zwischen Deutschland und Dänemark, und wer am Brenner nach Italien wollte, wurde kontrolliert. Das ist längst vorbei – abgesehen von Sondersituationen wegen der Pandemie. Im Internet aber, diesem revolutionären Welt-Begegnungsraum, gibt es nicht nur Kontrollen, sondern man wird sogar zurückgeschickt. Einreise verboten. Ich wollte mich mit den Grenzen im Netz nicht abfinden, probierte Tricks und Tipps von Computer-Nerds, um dem Geoblocking ein Schnippchen zu schlagen. Ich kam nicht weiter. Aber mein Ehrgeiz war geweckt.

Mittlerweile wollte ich nicht mehr nur die Serie sehen. Ich wollte verstehen: Warum tut mir die EU das an? Ich recherchierte und entdeckte, dass es viele Leute gibt, die sich durch Geoblocking eingeschränkt sehen. Leute, die eine Sprache lernen. Oder Migrantinnen und Migranten, die Fernsehen aus der Heimat sehen wollen. Und ich entdeckte eine mir bislang unbekannte Welt von Gruppen, für die Geoblocking eine ständige Frust-Quelle ist: Die autochthonen Minderheiten in Europa. Damit sind Menschen gemeint, die zwar nicht eingewandert sind, aber dennoch eine andere Sprache sprechen als die Mehrheit der Bewohner eines Landes. Der Kontinent ist übersät davon.

Bisher waren mir die bunten Landkarten vertraut, die man in EU-Infozentren in die Hand gedrückt bekommt. Tschechien lila, Irland grün, Estland gelb. Aber jetzt stieß ich auf das Language-Diversity-Projekt: eine interaktive Landkarte im Internet, gesponsert vom Bundesinnenministerium und der EU-Kommission. Auf dieser Europakarte sind sprachliche Minderheiten als Farbflecken zu sehen. Man kann sie anklicken und vergrößern. Und etwas über Pomaken in Griechenland erfahren, über Tornedalfinnen in Schweden oder Waliser in Großbritannien. Man erfährt sogar etwas über die Minderheit der Iren in Irland – die kein Englisch sprechen sondern eben Irisch. Auf der Internetseite ist zu lesen: „Jeder siebte von uns gehört einer Minderheit an. In Europa gibt es mehr als 400 Minderheiten, Volksgruppen und Nationalitäten. Wir sprechen mehr als 125 Sprachen.“

Kampagnenvideo des Dachverbands europäischer Verbraucherschützer BEUC

Quelle: YouTube

Etliche Daten bekam das Karten-Projekt von der FUEN – eine europäische Dachorganisation für sprachliche Minderheiten. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma in Deutschland gehört ebenso dazu wie der Nationalrat der Serben in Kroatien. Die FUEN arbeitet mit der UNO und der EU zusammen, organisiert Konferenzen und eine „Fußballeuropameisterschaft der autochthonen nationalen Minderheiten“. Und sie kämpft gegen das Geoblocking. So hat die FUEN über eine Million Unterschriften gesammelt, um sprachliche Minderheiten in der EU besser zu schützen. Zu ihren Forderungen zählt, dass das Internet frei wird.

„Minority Safe Pack Inititiative“ hieß diese Aktion, die vom EU-Parlament mit großer Mehrheit begrüßt wurde. Es kam im Januar zu einer Anhörung in der EU-Kommission. Ergebnis: Muss irgendwann mal überprüft werden. Anders die europäische Verbraucherschutz-Organisation namens BEUC. Auf ihrer Internetseite zeigt sie ein Video, aufgenommen in einer hippen Bäckerei in einem Touristen-Hotspot – mit einer für Kunden versteckten Kamera. Bevor der junge bärtige Bäcker das Kardamon-Brötchen über die Ladentheke reicht, fragt er die Kundin nach dem Ausweis. Er will wissen, aus welchem Land sie sei. Auf die verdutzte Antwort hin – aus Frankreich – muss sie rund 50 Prozent mehr zahlen. Und der Kunde, der keinen Ausweis zeigt, muss ohne Ware wieder gehen.

Nur ein Nachrichten-Format muss zugänglich sein

Das Video soll zeigen, wie ungerecht Geoblocking in einem geeinten Europa wirkt. Denn durch Geoblocking verlaufen Warenflüsse immer noch entlang von Landesgrenzen. Für einen Onlinekauf gelten Sonderregeln und -preise, sobald eine Landesgrenze zwischen Kunde und Laden liegt. Einige dieser Regeln hat die EU 2018 verbraucherfreundlicher gemacht: Jetzt können zum Beispiel Bürger ihr Netflix-Abo weiternutzen, wenn sie ins EU-Ausland gehen. Aber die Mediatheken der TV-Anstalten sind nach wie vor nicht hinter der Grenze empfangbar. Oder nur zum Teil, und oft ist nicht klar, nach welchen Kriterien. Nachrichten sind eine Ausnahme, mindestens ein Nachrichten-Format muss auch hinter der Grenze empfangbar sein.

So kann ich in der Tat den 24-Stunden-Nachrichten-Kanal der Rai in Deutschland empfangen. Aber bei den meisten Sendungen im Gemischtprogramm ist der Schlagbaum unten: kein Durchkommen. Anruf bei Herbert Dorfmann. Er ist im EU-Parlament der einzige Abgeordnete der Südtiroler Volkspartei (SVP), eine kleine Mitte-Partei in Italien und Vertreterin der deutschsprachigen Minderheit. Das sind rund 300.000 Menschen im Norden des Landes, zu denen auch Reinhold Messner gehört.

Die SVP ist nicht revisionistisch und will Südtirol nicht abspalten, sie gehört zur EVP-Fraktion im EU-Parlament, zu der auch die CDU gehört. Aber auf viele EU-Politiker ist Dorfmann nicht gut zu sprechen, was das Thema Geoblocking betrifft. Er kämpft schon lange für dessen Abschaffung und ist enttäuscht von den meisten Kollegen, die nicht mitkämpfen: „Sie fühlen sich nicht in die Millionen von Menschen hinein, die massive Nachteile durch das Geoblocking haben.“ Aber warum schaffen die Politiker das Geoblocking in der EU nicht ab? Dorfmann meint, dass es um viel Geld geht. Denn bestimmte Interessensgruppen verdienen am Geoblocking.

Zum Beispiel Filmproduzierende und Rechtevermarkter. „Die Filmlobby tut so, als käme ohne Geoblocking das Ende der Filmindustrie“, sagt Dorfmann. Am meisten aber schimpft er auf die großen Sportverbände, die eh schon viel Geld verdienen würden. Durch das Geoblocking könnten sie Übertragungsrechte Land für Land verkaufen. Dieses Prinzip nennt sich Territorialitätsprinzip, und Filmproduzierende wollen nicht darauf verzichten. Das erfuhr ich in Gesprächen mit Fachleuten der Medienbranche. Ihre Sicht: Je weniger Länder, an die ein Produzent einen Film oder eine Serie verkaufen kann, umso weniger Lizenzeinnahmen. Es würden dann weniger Nischenfilme entstehen, mehr Filme nach Massengeschmack, weil das finanzielle Risiko zu groß wäre. Schließlich müssen europäische Arthouse-Filme konkurrieren mit High-Tech-Produktionen von US-Riesen wie Netflix, Disney, Amazon.

Gäbe es ohne Geoblocking weniger Filmkunst?

Sebastian Lambeck ist Pressesprecher bei der Produzentenallianz, einer Interessengruppe für Filmproduzierende. Er drückt es so aus: „Europäische Film- und Fernsehproduktionen genießen in Europa eine hohe Nachfrage. Wenn sie aber nicht mehr finanzierbar sind, sinkt auch die Zahl dieser Produktionen im Markt und andere, nichteuropäische Marktteilnehmer werden versuchen, die entstehende Lücke zu schließen. Zum Leidwesen des Publikums würden dann landesspezifische und damit Vielfalt sichernde Produktionen immer mehr zur Ausnahme werden“.  Also weniger Filmkunst ohne Geoblocking?

Zumindest für Sportevents greift dieses Argument nicht. So schrieb ich Mails an die Presseabteilungen von Uefa und DFB, und fragte nach ihrer Sicht auf Sportübertragungsrechte und Geoblocking. Aber es kam keine Antwort. Die Alternative zum Territorialitätsprinzip wäre ein einheitliches EU-Copyright – das Ziel von Verbrauchergruppen wie BEUC oder FUEN. Aber auch von einzelnen EU-Abgeordneten wie Dorfmann oder Patrick Breyer. Letzterer ist Richter aus Kiel und einziger deutscher Piraten-Vertreter im EU-Parlament. Er meint: „Es gab sehr starkes Lobbying von bestimmten Unternehmen innerhalb der Kulturindustrie gegen die Einbeziehung der urheberrechtlich geschützten Inhalte“.

In Breyers Bundesland Schleswig-Holstein gibt es eine der größten sprachlichen Minderheiten Deutschlands, die Dänen mit deutscher Staatsbürgerschaft. Zwischen 15.000 und 50.000 schwanken die Schätzungen über ihre Zahl. Es gibt eine eigene Kulturvereinigung namens SSF. Deren Pressesprecher, Rasmus Meyer, zweifelt, dass es nur Lobby-Interessen sind, die das Geoblocking am Leben erhalten. Er sieht auch eine Art Zuständigkeitswirrwarr: „Politiker verweisen auf TV-Sender, TV-Sender verweisen auf Politiker. Man kommt nicht weiter.“ Meyer würde sogar dafür bezahlen, dänische Programme sehen zu können – nur: „Die Möglichkeit besteht nicht mal.“

Er rät mir, bei einem deutsch-dänischen Paar anzurufen, das er kennt. Bei dem Anruf erfahre ich diese Geschichte: Das Ehepaar schaute mit dem Töchterchen eine Sendung aus Dänemark an – ein Kinderlieder-Festival, das in der dänischen Bevölkerung ein Medienereignis ist, mit Popcorn, Party, Freunden. Die Familie aber wohnt in Deutschland, etwa drei Kilometer von der dänischen Grenze entfernt. Die Live-Sendung war zwar empfangbar, ohne Blocking. Aber vor den letzten zehn Minuten brach sie ab. Grund: sie hatte überzogen, war länger als geplant. Da die Folgesendung aber unter das Geoblocking fiel, waren die überzogenen Minuten der Kindersendung auch schon geblockt. Das große Finale war verpatzt.

Um die Serie zu Ende zu gucken, müsste ich nach Italien ziehen

Dorfmann ist sicher: Geoblocking kann sich nicht halten. Zu sehr widerspricht es den Zielen und dem Geist der EU. Aber er befürchtet, dass es noch etliche Jahre dauert bis zur Abschaffung. Wie damals beim Roaming: Wer früher mit dem Handy hinter der Grenze telefonierte, musste kräftig draufzahlen, dank der Lobby-Arbeit der Telekommunikationsunternehmen. Rund zehn Jahre dauerte es bis zur – weitgehenden – Abschaffung der Spezialtarife in der EU. Das EU-Parlament mag zwischen konkurrierenden Interessen in der Klemme stecken. Aber ich frage mich, ob es so schwer ist, mit gutem Willen Lösungen zu finden. Zum Beispiel einen Fonds, um wegbrechende Einnahmen von Filmkunstmachern zu kompensieren. Oder was ist mit den Rundfunkgebühren, könnte man die nicht ausgleichend einsetzen? 

Meine persönliche Geschichte mit dem Geoblocking steckt in der Sackgasse. Selbst als ich erneut in Italien war, zeigte mein Laptop den weißen Sorry-Bildschirm. Vermutlich, weil Laptop oder W-Lan aus Deutschland eingereist waren. Es scheint eine DVD zu geben mit der Serie. Ich rief bei der Produktionsfirma an, ob ich die DVD dort bekommen könne. Sie verwies mich auf den Handel. Aber dort war die DVD nicht zu kaufen. Sollte ich nach Italien ziehen, mir dort einen Computer kaufen und eine Internet-Verbindung bestellen, mit italienischer Adresse? 

Ich werde oft gefragt, ob ich mich mehr als Italiener oder als Deutscher fühle. Ich antworte dann: Als Europäer. Aber ich weiß bis heute nicht, was aus den vier Geschwistern und ihren Eltern aus der Rai-Serie geworden ist. 

Weiterführende Links: Language Diversity Map der EU:  http://www.map.language-diversity.eu/,  Jahresbericht der FUEN: https://www.fuen.org/,  Minority Safepacke Initiative: http://www.minority-safepack.eu/, BEUC, Dachverband europäischer Konsumenten: https://www.beuc.eu/geoblocking

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