„Gibt es so was überhaupt?“: Wenn Frauen Kinder missbrauchen

Viele Kinder erfahren sexuellen Missbrauch. Unsere Autorin hat ihre Dissertation zu dem Thema verfasst und weiß: Auch Frauen können Täter sein.

Sexuelle Gewalt an Kindern wird auch von Frauen begangen.
Sexuelle Gewalt an Kindern wird auch von Frauen begangen.imago/Cavan Images

Sexuelle Gewalt an Kindern ist häufig, alltäglich, bleibt in vielen Fällen unentdeckt und wird oft zu Recht mit männlichen Tätern in Verbindung gebracht. Es gibt jedoch immer mehr Forschungsbefunde, die zeigen, dass auch Frauen sexuellen Kindesmissbrauch begehen und eine potenzielle Gefahr für Kinder darstellen können. Hierzulande erscheint das Phänomen der pädokriminellen Frauen dennoch in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend tabuisiert und bleibt auch in der Wissenschaft nahezu unerforscht.

Im Jahr 2021 wurden an der Goethe-Universität Frankfurt am Main die Ergebnisse einer aktuellen Studie veröffentlicht: Erstmalig wurden 465 Fälle aus ganz Deutschland untersucht, bei denen Frauen sexuelle Gewalt an Kindern entweder ausgeübt oder geduldet haben. Es wurde folgendes Täterinnenprofil herausgearbeitet: Eine pädokriminelle Frau in Deutschland ist Anfang 30, entstammt einer „broken home“-Familie und machte in ihrer Biografie selbst sowohl Erfahrungen mit emotionaler Vernachlässigung als auch Opfererfahrungen hinsichtlich körperlicher oder sexueller Gewalt.

Sie missbraucht am häufigsten ihre 12- bis 13-jährige leibliche Tochter, meist mit einem männlichen Mittäter, der zugleich ihr Intimpartner ist. Sie ist entweder am Tatort dabei und hilft, die sexuelle Gewalt auszuführen, oder sie bleibt passiv und schaut zu. Ein Teil von ihnen war nicht zugegen, jedoch in Kenntnis und hat den Missbrauch durch Passivität, durch Nichtstun geduldet. Dabei handeln sie meist aus einer emotionalen Abhängigkeit von ihren männlichen Mittätern heraus. Dennoch sind sie schuldfähig und somit für ihre Tat(en) juristisch voll verantwortlich.

Knapp ein Drittel der Frauen der Studie waren Alleintäterinnen und wählten männliche Kinder als Opfer. Das häufigste Motiv unter ihnen war emotionale Unreife, ein Reifungsdefizit. So fühlten sich diese pädokriminellen Frauen zu Jüngeren hingezogen und besaßen keine altersadäquaten Beziehungsmuster. Sie gingen mit Regeleinhaltung, gesellschaftlichen Normen und Werten sowie Gesetzgebung sehr flexibel um, zeichneten sich durch Unbedarftheit, mangelnde Reflektion und Fehlen von vorausschauendem Denken aus. Zudem fühlten sie sich minderwertig, enttäuscht und unglücklich und entwickelten „wahre, romantische Gefühle“ zum Opfer.

Opfer erleiden oft langfristige Folgen

Insgesamt hinterließen die 465 untersuchten Frauen 653 Opfer durch ihre Straftaten. Mädchen waren von sexuellem Missbrauch fast doppelt so häufig betroffen wie Jungen. Ein Sechstel aller Opfer war jünger als sieben Jahre alt, davon fünf unter einem Jahr; das jüngste Kind war ein fünf Monate alter Junge und wurde von seiner Mutter missbraucht.

Folgen für die Kinder sind gravierend: Sie machen häufig über Jahre Ohnmachtserfahrungen, die sie noch im Erwachsenenalter stark beeinträchtigen und die zur Entwicklung verschiedener psychischer Erkrankungen beitragen können. Je enger die Beziehung zu den Tätern oder Täterinnen, desto vernichtender ist der Vertrauensbruch und desto größer sind die seelischen Narben, Verwirrung, Schuld, Ängste und Scham. Die langfristigen Folgen des Missbrauchs stellen nicht nur für die Kinder, sondern auch für unsere Gesellschaft als Ganzes eine große Belastung dar, denn viele Opfer leiden ihr ganzes Leben unter der Tat.

Im Zuge der Vorbereitung für meine Studie sprach ich im Jahre 2017 mit einer Lehrerin, die kurz vor der Pensionierung stand. Als sie erfuhr, über welches Thema ich forsche, fragte sie: „Gibt es so was überhaupt?“ Diese Sicht ist keine Einzelheit, denn der sexuelle Missbrauch durch Frauen ist für viele von uns undenkbar, unvorstellbar und unbegreiflich. Dies untergräbt unsere Ansichten, wie wir uns den Kindern gegenüber verhalten: „So was Schlimmes kann eine Frau nicht tun!“, denken viele.

Zu tun hat es mit der Tabuisierung der Gewalt durch Frauen sowie mit unseren Rollenbildern. Einer Frau werden allgemein menschenfreundliche Eigenschaften wie „sozial“ und „empathisch“ zugeschrieben. Sie ist Mutter und Beschützerin und kümmert sich fürsorglich um andere Menschen und arbeitet häufig in helfenden Berufen. Außerdem wird hierzulande häufig die Meinung vertreten, dass Frauen Kinder gar nicht missbrauchen können, da sie keinen Penis haben. Sie erscheinen demnach in erster Linie selbst als Opfer sexueller Gewalt.

Weibliche Täterschaft: Umgeben von Mythen und Stereotypen

Man könnte auch in Deutschland von einer „Kultur des Verleugnens“, von einer „Wahrnehmungsblockade“, auch von einem blinden Fleck bis hin in die wissenschaftlichen Kreise sprechen. Solange für uns sexuelle Gewalt an Kindern durch Frauen und Mütter unvorstellbar bleibt, werden wir, Nachbarn, Freunde, Erzieher, Lehrer und Sozialarbeiter, wegschauen statt hinschauen.

Studien aus dem anglo-amerikanischen Raum zeigen, dass weibliche Missbrauchstäterinnen zu milderen Strafen verurteilt werden als männliche. Zudem hat eine Studie 2020 gezeigt, dass Männer den sexuellen Missbrauch an Jungen durch Frauen als weniger schädigend wahrnahmen als bei Mädchen. Bei weiblichen Befragten konnte dieser Zusammenhang nicht nachgewiesen werden. Durch diese gesellschaftliche Bagatellisierung von sexueller Gewalt an Kindern werden Straftaten möglicherweise gar nicht anzeigt, da sich die Beteiligten in ihrer Rolle als Täterin und Betroffene erst gar nicht erkennen.

Mythen, Stereotype und falsche Vorstellungen über weibliche Pädokriminelle beeinflussen unsere Wahrnehmung. Weibliche Täterschaft muss wirksam enttabuisiert werden: Auch Frauen haben aggressive und gefährliche Potenziale, sie sind nicht automatisch zur selbstlosen Fürsorge veranlagt. Zusätzlich ist es notwendig, einem Mann auch die Rolle eines Opfers zuzugestehen, denn solange man als Mann nur Täter sein kann, bleiben Frauen weiterhin nur auf ihre indirekt zugeschriebene Opferrolle beschränkt.

Frau Dr. Monika Knauer ist Rechtspsychologin und ist an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und der Klinik Nette-Gut für Forensische Psychiatrie Weißenthurm tätig.

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