Gilbert Furian (links) und Wolfgang Mascher.
Foto: privat

BerlinAn einem Novembertag im Jahr 1990 zieht eine Rolltreppe monoton ihre Bahnen. Anzeigen, schrille Farben und Bananenhaufen haben das ehemalige DDR-Kaufhaus am Alexanderplatz in kurzer Zeit sehr verwandelt. Gilbert Furian steht auf der Rolltreppe nach oben und hängt seinen Gedanken nach, als er plötzlich den Mann erkennt, der auf dem Weg nach unten direkt an ihm vorbeikommt. Oben angekommen, steigt er sofort um und fährt wieder nach unten, Wolfgang Mascher hinterher.

Gilbert Furian wurde 1945 in Görlitz geboren. Er war ein Andersdenkender und Dissident in der ehemaligen DDR. Wegen der Mitgliedschaft in der Jungen Gemeinde wurde er 1961 aus der FDJ ausgeschlossen. 1967 wurde er zum Philosophiestudium an der Universität Leipzig zugelassen, flog jedoch von der Uni, weil er den Einmarsch der Warschauer-Vertrags-Staaten in die CSSR öffentlich im Seminar kritisierte. Dann zog er nach Berlin, wo er unter anderem Ost-Berliner Punks interviewte. Die Textsammlung gab er Freunden für den privaten Gebrauch weiter, auch solchen aus dem Westen. 1985 wurde Furian verhaftet und wegen wegen „Anfertigens von Aufzeichnungen, die geeignet sind, den Interessen der DDR zu schaden“ zu 26 Monaten Gefängnis verurteilt. 1989 gründete er die „Projektgruppe Politische Justiz“, eine Menschenrechtsbewegung. 1990 vertrat er die Bürgerbewegung Neues Forum am Runden Tisch in Berlin-Pankow. Seit 1995 macht er Führungen in der  Gedenkstätte Hohenschönhausen in Berlin.

Ich bin ein dänischer Journalist aus Kopenhagen. Ich habe mich oft gefragt, wie Menschen vergeben können. Ein Opfer der DDR-Zeit kann seinen Peiniger bis heute auf den Straßen Berlins treffen. Das weckte meine Neugier. Die Gedenkstätte Hohenschönhausen hat mir einen Kontakt zu Gilbert Furian hergestellt, der sich auch in mehreren Büchern mit seiner Vergangenheit auseinandergesetzt hat, etwa in „Der Richter und sein Lenker“ (1992). Mehr als zwei Monate lang korrespondierten wir täglich. Ehrlich und anschaulich berichtete Furian von den Verletzungen durch den DDR-Staat. Von der Kunst der Selbstbeherrschung. Von Vergebung und Hass.

Wie haben Sie Wolfgang Mascher damals angesprochen?

Gilbert Furian: Er blieb an einem Wühltisch stehen, und da sagte ich seinen Namen.

Wie hat er reagiert?

Er war erschrocken und rief „Gilbert“! Nach vier Jahren wusste er sofort, wer ich war. Mein Herz schlug, aber nicht aus Angst. Ich wusste, dass ich der Gewinner war, weil seine ganze Welt gerade zusammengebrochen war.

Was haben Sie zuerst empfunden?

Neugier. Ich fühlte keine Wut. Ich wollte ihn nur für mein Buch interviewen. Und er gab mir gleich bei der ersten Begegnung im Kaufhaus bereitwillig seine Adresse und bot einen Interview-Termin an.

Mit dem Buch meint er „Mehl aus Mielkes Mühlen – Politische Häftlinge und ihre Verfolger”, das dann 1991 erschien. Es handelt von Gilbert Furians persönlichen Erfahrungen, enthält Interviews mit anderen politisch Verurteilten in der DDR und Dokumente seines eigenen Falls. Er wurde bereits ab 1966 überwacht, als er einigen Kollegen mitteilte, dass die bevorstehende Wahl weder frei noch legal war. Seine laute und offene Kritik an der Invasion in der Tschechoslowakei veranlasst die Stasi, die Überwachung zu verstärken.

Wolfgang Mascher wurde nie verurteilt. Wie empfinden Sie das?

Nur wenige Stasi-Mitarbeiter wurden nach 1990 verurteilt. Der Prozess war schwierig.

Erzeugt das Bitterkeit in Ihnen?

Es war die Entscheidung des Rechtsstaates, die Arbeit meines Vernehmungsbeamten nicht zu kriminalisieren. Ich respektiere das.

Das klingt zu pragmatisch, um glaubhaft zu sein.

Meine Haltung war immer die gleiche. Ich weiß jedoch, dass viele meiner Kollegen, die ebenfalls inhaftiert waren, die Dinge ganz anders sehen.

Wie denn: voller Rachegedanken?

Man muss sich daran erinnern, dass die Atmosphäre 1989 durch die Tatsache geprägt war, dass Menschen mit Kerzen in der Hand aus den Kirchen kamen und „keine Gewalt“ riefen. Die Tatsache, dass die Zeit nach 1990 in Deutschland zivilisiert blieb und nicht wie in Rumänien endete, ist nicht zu unterschätzen.

Warum wurden Sie verhaftet?

1985 arbeitete ich in einem Planungsbüro, aber in meiner Freizeit habe ich Artikel über das Punk-Umfeld in der DDR geschrieben. Meine Mutter hatte als Rentnerin die Erlaubnis, die Grenze zu überqueren und schaffte zuweilen Gegenstände nach West-Berlin - auch meine Artikel. Leider wurde der Schmuggel entdeckt. Eines Morgens tauchten vier zivil gekleidete Männer bei meiner Arbeit auf. Sie baten mich, mitzukommen, „zur Klärung eines Sachverhalts“. Ich dachte, sie würden mich wegen meiner Mutter anschreien und wieder nach Hause schicken. Aber es kam alles anders.

Gilbert Furian landete in einem Lieferwagen mit fünf Zellen und ohne Fenster. Das Auto raste durch Berlin und hielt im Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen. Hier wartete der Vernehmungsbeamter Major Wolfgang Mascher in Raum 385.

Wie lief die Vernehmung ab?

Er fragte, ich antwortete, und er schrieb die Antworten auf. Die Vernehmung dauerte von morgens bis abends. Die einzige Unterbrechung war das Mittagessen in der Zelle. Wir trafen uns fünf Monate lang jeden Tag, und er fragte mich immer, ob ich jemanden namens Bauerschmidt kennen würde. Ich war sehr überrascht, aber ich antwortete ganz ehrlich, dass ich nur die Bildhauerin Marie-Luise Bauerschmidt kannte. Er schrieb das dann immer wieder auf, obwohl es nicht die Antwort war, die er suchte.

Wer war dieser Bauerschmidt?

Wolfgang Mascher sagte, er hoffe, eine Verbindung zwischen mir und einem Jürgen Bauerschmidt, der in die Bürgerbewegung involviert war, zu beweisen, da dies meine Situation verschlimmert hätte.

Wie sah der Verhörraum aus?

Dünne Vorhänge hingen vor dem einzigen Fenster des Zimmers. An einer Wand befand sich ein Kleiderschrank auf Rädern und ein Aktenschrank. Auf dem Schreibtisch stand ein Telefon, eine kleine Kiste mit Alarmknöpfen und Wolfgang Maschers eigenen Papieren. Eines Tages ließ er mich irrtümlich ein Dokument sehen, auf dem sein Name stand. Ich behielt dieses Wissen für mich. Ich wusste nun etwas, von dem er nicht wusste, dass ich es wusste, und das war sehr befriedigend.

Wie war Wolfgang Mascher als Vernehmungsbeamter?

Seine Verhörstrategie war eindeutig freundlich. Natürlich mit Hintergedanken. Wolfgang Mascher konnte mir zum Beispiel erzählen, dass eine Meise in seinem Balkonkasten nistete oder was seine Söhne studieren wollten. Er hat mich nicht bedroht oder zum Weinen gebracht. Damit hatte er sicher mehr Erfolg als diejenigen, die brüllten und drohten. Nach jeder Vernehmung bekam ich seine Notizen zum Lesen. Sie waren stets in einer schweren bürokratischen Sprache verfasst, aber ich habe nie einen einzigen Tippfehler entdeckt.

Sie wurden für schuldig befunden.

Ich wurde aufgrund seiner Arbeit zu 26 Monaten Gefängnis verurteilt. Als ich schließlich rausgelassen wurde, war es aus einem Gefängnis in Karl-Marx-Stadt. Allein fuhr ich zurück nach Berlin. Schloss die Tür zu meiner Wohnung auf und sah mich um. Abgesehen von all dem Staub, sah alles aus wie an dem Morgen vor mehr als zwei Jahren, an dem ich zur Arbeit gegangen war.

Was machten Sie zuerst?

Ich habe Brahms gehört. Ich habe Johannes Brahms' erste Symphonie aufgelegt und wollte mit niemandem reden.

Anfang 1991 klingelte Gilbert Furian an der Tür eines typisch abgenutzten kommunistischen Wohnblocks. Ironischerweise lag dieser direkt gegenüber der ehemaligen Stasi-Zentrale in Berlin. 

Warum haben Sie sich entschlossen, Wolfgang Mascher zu besuchen?

Weil ich ihn kennenlernen wollte. Ich wollte mehr über die Person wissen, die mich verhört hatte. Meine Frau hielt das für verrückt, aber ich wollte einfach mehr über ihn wissen. Seine Frau war nervös, als ich kam, aber freundlich. Die Wohnung sah nicht privilegiert aus, sondern wie jeder andere in der DDR, was mich ein wenig überraschte.

Als was arbeitete Wolfgang Mascher zu der Zeit?

Eine Vergangenheit in der Stasi war nach dem Fall der Mauer nicht karrierefördernd und nach einem kurzen Intermezzo als Wachmann in einem Hotel endete er im Vorruhestand. Er brach jeden Kontakt zu seinem früheren Leben ab und zog weg von dem Wohnblock, in dem viele andere ehemalige Stasi-Mitarbeiter lebten. Er sagte mir, dass er es nicht mehr ertragen könne, den jammernden und selbstmitleidigen Generälen zuzuhören, die er jeden Tag im Aufzug traf. 2011 ist er gestorben.

Wie haben Sie Ihre Gefühle während Ihres Treffens unter Kontrolle gehalten?

Indem ich mich darauf konzentrierte, ihn zu interviewen. Ich schob meine Gefühle und meine Verachtung für seine Arbeit beiseite, als wir uns trafen. Ich wusste ja auch, dass seine Macht gebrochen war, dass ich jetzt zu den Gewinnern gehörte.

Wie konnten Sie über die Verletzung hinwegkommen?

Indem ich den Menschen hinter der Funktion gesehen habe.

War Wolfgang Mascher als Mensch besser als das, was er gearbeitet hat?

Das ist eine gute Frage. Ich kannte ihn nicht als Vater, Ehemann oder Kollegen, aber unsere Treffen vermittelten mir den Eindruck eines Mannes, dessen Person und Arbeit eins waren. Am Ende hat er einen schmutzigen Job gemacht, um Menschen zu verurteilen, die im rechtlichen Sinne unschuldig waren.

Das klingt so, als ob Sie ihm vergeben haben?

Für ihn spricht, dass er alle meine Fragen beantwortet und sein Wissen den Historikern zur Verfügung gestellt hat. Zum Beispiel erzählte er, welche Räume in Hohenschönhausen für die Verhöre vorgesehen waren und welche nicht. Die Tatsache, dass er sich wie jemand verhielt, der Wiedergutmachung leisten wollte, machte es mir möglich, ihm zu vergeben.

Sie finden es einfach, über Ihre Erfahrungen zu sprechen?

Ich habe immer offen über meine Erfahrungen gesprochen, weil etwas in mir sagte, dass es mich ersticken würde, wenn ich es nicht täte.

Rachegefühle wären verständlich gewesen.

Wichtiger war mir, ein komplexes Bild einer nahen Vergangenheit mit vielen Informationen, wenig Wertung und ohne einseitige Urteile zu geben. Ich hoffe, dass meine Touren durch die Gedenkstätte mehr als ein Touristenmagnet sind, nämlich Bildungsmaßnahmen. Dass dabei genügend Einsicht gewonnen wird, um die Demokratie trotz aller Fehler schätzen zu können. Heute wissen wir kaum noch, was Freiheit ist, weil wir sie jeden Tag haben.

Sie waren alte Feinde, die in einem gegenseitigen Verständnis der Notwendigkeit des Redens zusammenkamen?

Wir haben uns nicht regelmäßig, aber doch mehrere Male getroffen. Einmal hab ich ihn gebeten, incognito an einer Führung durch die Gedenkstätte, also seinen alten Arbeitsplatz, teilzunehmen - er war bereit und hat hinterher alles bestätigt, was ich den Besuchern erzählt hatte. Ein zivilisiertes Abkommen ermöglichte eine Aussöhnung zwischen Wolfgang Mascher und mir. Und Versöhnung ist immer ein gutes Geschäft für beide Seiten.

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