Berlin - Berlin-Neukölln, ein verrückter Stadtteil, meine erste Liebe. Ich komme aus Kreuzberg, als Jugendliche streifte ich mit lässigem Schritt durch die Straßen im Kiez, schwamm im Sommer im Prinzenbad, lag im Görli rum, kaufte unerlaubterweise Bier an der Tanke und rauchte heimlich Zigaretten.

Kreuzberg war toll, doch die wahre Leidenschaft für meine Heimatstadt entdeckte ich erst, als ich in den Körnerkiez nach Neukölln zog. Etwas Wildes und Leidenschaftliches lag in der Luft, die Straßen laut, ja auch damals schon verdreckt, aber noch empfand ich die Hinweisschilder am Sperrmüll, die mich augenzwinkernd dazu aufforderten, das „Bauholz“ „kreativ“ zu nutzen als liebenswürdig, noch drohten wir nicht in dem Mist zu versinken.

Ich genoss die Berliner Freiheit und das Neuköllner Lebensgefühl, das für mich einzigartig war. Klar, manchmal hasste ich auch diese niemals schlafende Stadt, deren Lichter und Abgase den Sternhimmel zu einem grauen undefinierbaren Dunst verkommen ließen. Dennoch behielt sie ihre innere Schönheit bei, die häufig erst auf den zweiten Blick ersichtlich wird.

Doch meine Liebe bekommt Risse, wenn ich allmorgendlich durch die wunderschöne Okerstraße laufe, sie bröckelt ganz gehörig, wenn ich den Arbeiter:innen, die zugegebenermaßen nichts dafür können, dabei zusehe, wie sie bezahlbaren Wohnraum entkernen, um mitten in unser Drecksloch neue Luxuswohnungen zu bauen. Der ganze alte Ramsch landet dabei auf der Straße, die Firmen, die für die Entkernung verantwortlich sind, scheren sich kaum um die Müllberge, die sie in unserem geliebten Kiez hinterlassen.

Der Schillerkiez stirbt vor sich hin

Zu Recht, kennen sie doch meistens gar nicht die nebulösen Vermieter:innen, denen der Großteil unserer Wohnungen gehört. Eine komplette Entfremdung der Arbeiter:innen vom Objekt hat stattgefunden, eine Entfremdung, die selbst Marx sich so nie hätte erträumen lassen. 

Und so stapelt sich Heizkörper auf Heizkörper auf den Bürgersteigen, blockieren Stühle die Straßen, verzieren weggeworfene Essensreste die Gehwege. Und da alles so egal ist, niemandem von uns in diesem Kiez auch nur ein Bruchteil gehört, uns gar nicht die Möglichkeit gegeben wird, uns mit ihm zu identifizieren, stirbt er langsam vor sich hin.

Zurück bleiben leer stehende ehemalige Kneipen, hochgefahrene Rollläden, jahrelanger Stillstand – und ein Haufen Dreck, der den Schnee überdauert, sich klanglos vermehrt, langsam zu Humus wird, wenn er nur könnte. Allein die Betondecke lässt ihn nicht. Ich bin wütend auf diese Berliner Arglosigkeit, in der sich niemand verantwortlich fühlt. 

„Auftrag erledigt“ erscheint jedes Mal, wenn ich eine neue Nachricht an das zuständige Ordnungsamt schreibe, endlich den Sperrmüll beseitigen zu lassen. Ein Blick auf die Straße belehrt mich eines Besseren. „Wir kümmern uns darum“, sagt freundlich eine Dame am Telefonhörer, wenn ich wieder einmal die BSR kontaktiere. Ein Blick auf die Straße belehrt mich eines Besseren.

Ich bin traurig, weil ich so entfremdet bin, dass mir meine Handlungsmacht genommen wurde. Milliardenschwere Konzerne entscheiden über meinen Kiez, städtische Behörden über meine psychische Gesundheit. Wann wird dieser Albtraum nur endlich vorbei sein?

Und ich bin nicht allein. Doch wir werden nicht gehört, wenn wir auf Mieter:innenversammlungen gegenseitig unserem Frust Ausdruck verleihen, wenn wir uns gegenseitig von Fäkalien in Hinterhöfen berichten, wenn wir uns über Spritzen in Hauseingängen beschweren. Dabei verspricht Martin Hikel, der alte und neue Bezirksbürgermeister von Neukölln, doch auch nach der Wahl alles zu tun „dass die Neuköllnerinnen und Neuköllner sich im Bezirk wohlfühlen und hier gut und sicher leben.“ Dabei sollen doch laut BSR gerade besonders verdreckte Straßen im Innenstadtbezirk „10-mal pro Woche“ gereinigt werden.

Doch der Schillerkiez scheint leider nicht gemeint zu sein, eigentlich schade, es war eine schöne erste Liebe.

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