Fast jeder Berliner, der Rad fährt in dieser Stadt, kann die Gefühle der Autorin nachvollziehen. Doch helfen uns der Ärger und die Wut wirklich weiter? Ist das nicht eine sich endlos drehende Spirale von Schuldzuweisungen und Rechthaberei? Die beschriebenen Situationen waren eindeutig die Radfahrerin gefährdend und davon gibt es viel zu viele.

Doch umgekehrt ist es ähnlich. Auch Autofahrer erschrecken sich, wenn Radfahrer bei Rot Kreuzungen überqueren, aus Seitenstraßen preschen, ohne die Hand rauszuhalten oder auf der falschen Seite den Radweg benutzen. Es gibt keine Gruppe, die besser wäre als die andere. Rad- und Rollerfahrer benutzen wie selbstverständlich die Fußwege, Roller werden mitten auf dem Fußweg abgestellt, wütende Rollerhasser stoßen Roller einfach um, und was am gefährlichsten ist, Autofahrer halten fast grundsätzlich den Sicherheitsabstand zu Radfahrern nicht ein.

Die Liste der Verstöße ist endlos. Nur der Fußgänger, als schwächstes Glied in der Kette, hat kaum Möglichkeiten, andere zu gefährden, anderenfalls täte er dies auch, denn auch unter den Fußgängern gibt es nicht mehr bessere Menschen.

Also stellt sich die Frage, woher diese Rücksichtslosigkeit kommt. Jeder Bürger gehört einer bzw. mehrerer Gruppen an. Fußgänger sind wir alle. Radfahrer, Rollerfahrer, Autofahrer, ÖPNV-Nutzer – je nachdem zu welcher Gruppe wir gerade gehören, sehen wir viel zu oft in den anderen den Feind. Wir könnten diesen Zustand nur verbessern, wenn wir zuerst uns selbst die Frage stellen: „Bin ICH rücksichtsvoll?“

Wenn ich das bin, kann ich auch besser die Rücksichtslosigkeiten der anderen aushalten. Es ist eine Frage der Gelassenheit. Ich verzichte auf „mein Recht“ und kümmere mich darum, sicher an mein Ziel zu kommen, die Regeln einzuhalten und dabei möglichst niemanden zu gefährden. Und ich verzichte bewusst auf die Wut, die mich überkommt, wenn ich zum hundertsten Male vorsichtig an radwegparkenden Autos (es sind nicht nur SUVs) vorbeifahre, über Roller auf dem Gehweg steige und als Fußgänger von Radfahrern, hoffentlich, umkurvt werde.

Ich versuche, die Fehler der anderen vorsichtshalber mitzudenken, weil ich kein Hasser sein will und sicher ans Ziel kommen möchte. Brülle oder spucke ich Autofahrer oder andere Rücksichtslose jedes Mal an, haben wir eine Atmosphäre der Aggression in der Stadt, welche neue Ignoranz aus Trotz erzeugt.

Wer rumbrüllt, ist nicht an Toleranz interessiert

Jeder, der in der Stadt herumbrüllt oder Hasskommentare im Internet hinterlässt, ist nicht wirklich an mehr Rücksicht oder Toleranz interessiert. Diese Menschen pflegen ihren Hass. Vielleicht können sie nur so noch etwas fühlen. Gefährdende Fehler der anderen sind nicht entschuldbar, aber die meisten dieser Menschen stehen auch nicht morgens auf und nehmen sich vor, heute mal einen Radfahrer, Fußgänger oder sonstigen Menschen zu töten. Sehr oft werden Fehler auch aus Platzmangel, Zeitnot oder Stress gemacht.

Diese Momente und Situationen kennen wir alle. Ich denke, dass man trainieren kann, seine Wut zu beherrschen. Anders geht es nicht, denn gesellschaftlicher Konsens ist es schon lange nicht mehr, seinen Mitmenschen rücksichtsvoll zu begegnen. Viel zu vielen Kindern wird beigebracht, nur die eigenen Interessen und die sogenannte persönliche Freiheit zu vertreten. Wir leben nun mal in einer individualistischen Gesellschaft und nicht mehr in einer kollektivistischen. Der eigenverantwortliche Kampf um ein gutes Leben und die Sicherung des Erreichten lässt nur wenig Raum für den Blick auf die Mitmenschen, geschweige denn auf deren Ansichten und Probleme. Jeder folgt dem Geld. Oft haben wir auch gar nicht mehr die Kraft dazu. Es wäre schon viel geholfen, auf die Wut zu verzichten. 

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