Berlin - Die deutsche Gedenkkultur steht am Scheideweg. Der späte Konsens über die Singularität des Holocaust und dessen zentrale Bedeutung für die deutsche Nationalidentität ist im 21. Jahrhundert durch eine Reihe sozialer und kultureller Veränderungen erschüttert worden. Mehr als 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz und der Niederlage des Nationalsozialismus ist die Generation der Zeitzeugen bedrückend klein geworden – eine unvermeidbare Entwicklung, die zwar bereits seit Jahrzehnten diskutiert wird, aber mit jedem Tag aktueller wird. 

Derweil haben mehrere Migrationswellen die Demografie der Bundesrepublik verändert. Ein großer Teil der Bevölkerung hat heute nichtdeutsche Wurzeln. Menschen aus Einwandererfamilien tragen mitunter kontroverse Erinnerungen an Akte politischer Gewalt und an Genozide mit sich, die sich außerhalb Deutschlands zugetragen haben. Viele Migranten bringen etwa traumatische Erfahrungen extremer Gewalt in ihren Heimatländern mit. Die Migration der letzten Jahre – und auch die Corona-Pandemie – verdeutlichen noch dem letzten Zweifler, dass die globalen Kommunikationsnetze uns mittlerweile mit den entlegensten Winkeln der Erde verbinden. Es gibt keine isolierte deutsche Kultur mehr, schon gar keine isolierte deutsche Erinnerungskultur – wobei fraglich ist, ob Letztere überhaupt je existiert hat.

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