„Für die Homosexuellen ist das Dritte Reich noch nicht zu Ende.“ So bilanzierte der Historiker Hans-Joachim Schoeps 1963 die Situation schwuler Männer in der Bundesrepublik. Das war zwar übertrieben, hatte aber einen wahren Kern: Der 1935 erheblich verschärfte Paragraf 175 war 1945 nicht als NS-Unrecht abgeschafft worden, vielmehr verurteilten bundesdeutsche Gerichte bis 1969 noch etwa 50.000 Männer nach diesem „Homosexuellenparagrafen“ zu Gefängnisstrafen – ebenso viele wie in der NS-Zeit. An eine historische Aufarbeitung war nicht zu denken. Die Homosexuellen zählten vielmehr zu den „vergessenen“ Opfergruppen, denen lange Zeit weder Entschädigung noch Anerkennung zuteilwurde.

Im Ergebnis blieb die Aufarbeitung der seit den 70er-Jahren entstehenden Schwulen- und Lesbenbewegung überlassen, die damit begann, die eigene Geschichte, als die man nun als Homosexuellenverfolgung verstand, zu erforschen. Es ist unschwer zu erkennen, dass dies meist ganz gegenwärtigen Zwecken diente, insbesondere der Konstruktion kollektiver Identität. Es war kein Zufall, dass mit dem Rosa Winkel ausgerechnet die Kennzeichnung Homosexueller in den NS-Konzentrationslagern zu einem Symbol positiver Identifikation avancierte.

Lesen Sie doch weiter

Erhalten Sie unbegrenzt Zugang zu allen Online-Artikeln der Berliner Zeitung für nur 9,99 € im Monatsabo.

Jetzt abonnieren

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Oder das E-Paper? Hier geht’s zum Abo Shop.