Ich bin 19 Jahre alt, depressiv – und habe gelernt, damit umzugehen

Seit Jahren kämpft unser Autor mit einer Depression. Die hoffnungsvolle Botschaft: Man kann lernen, mit der Krankheit zu leben.

Marlon Mommert im Garten des Jugendclubs Cafe Köpenick in Berlin.
Marlon Mommert im Garten des Jugendclubs Cafe Köpenick in Berlin.Emmanuele Contini

Ich habe das Bedürfnis, mich zu entschuldigen. Ich weiß nicht, ob ich es loswerde oder nicht, ich weiß nur, dass es gerade so groß ist, dass ich es aufschreiben muss. Vielleicht ist auch jeder dieser Texte ein Versuch der Entschuldigung. Ich weiß, es ist von außen oft nicht verständlich, warum mein Handy an manchen Tagen aus sein muss, warum ich alten Freunden und Freundinnen nicht antworte, warum ich in der einen Sekunde still und in der anderen völlig aufgedreht bin. Dieser Text hier ist wohl der schwierigste, den ich geschrieben habe, und auf der anderen Seite der, der bisher am wichtigsten ist. Ich spreche, bevor ich ins Thema einsteige, zum ersten Mal eine Triggerwarnung aus. Wenn Sie von den Themen Suizidalität oder selbstverletzendem Verhalten getriggert werden, dann lesen Sie diesen Text auf Ihre eigene Verantwortung, am besten nicht allein, sondern mit jemandem, mit dem Sie sich sicher fühlen und der Sie auffangen kann.

Die Hausärztin meiner Großmutter antwortete auf die Frage, was Depressionen sind, Mitte der 90er-Jahre: „Ein starkes Gefühl der Traurigkeit. Unendliche Traurigkeit.“ Seit ein paar Jahren denke ich nun schon darüber nach, ob sie recht hat. Ja, zum einen. Auf der anderen Seite gehört zum Krankheitsbild noch so viel mehr. Ich möchte in diesem Text von meiner Symptomatik berichten. Das ist wichtig zu wissen, denn auf einer Seite erlebt vielleicht nicht jeder und jede Betroffene alle Symptome, und auf einer anderen gibt es viele weitere, die ich dankenswerterweise nicht erlebe.

Was viele Depressive als Traurigkeit beschreiben, stellt sich manchmal im Gespräch eher als „Gefühl der Gefühllosigkeit“ heraus. Durch die dicke, graue Decke kann nichts mehr dringen. Die Gefühle sterben gewissermaßen ab, sind nicht mehr empfindbar, man ist im Kopf die ganze Zeit bei allem anderen, kontrolliert sich selbst und entfernt sich immer weiter von der Realität. Dieser Zustand war für mich die Wurzel allen Übels. Ich hatte dieses Kernsymptom schon sehr früh. Wachte mit dem vermeintlichen Alles-ist-eh-scheißegal-Gefühl auf und legte mich damit auch wieder hin.

Doch wie erklärt ein 11-Jähriger das seinen Mitmenschen? Klassenkameraden, Eltern, Lehrer, niemand sollte das mitbekommen, niemand bekam es mit. Ich wollte nicht beunruhigen, war eh schon ein Kind, das aufgrund von physischen Voraussetzungen nicht unbedingt hoch im Kurs stand. So erlebte ich meine erste depressive Episode am Ende der Grundschule, ohne auch nur auf die Idee zu kommen, jemanden teilhaben zu lassen.

„Aber irgendjemand muss doch etwas gemerkt haben!“ Nein. Depressionen und Sucht haben miteinander gemein, dass der Betroffene ein Meister im Selbstbelügen wird, sich Glaubenssätze schafft. „Ist heute einfach nicht so mein Tag“, „Das hat doch bestimmt jeder, die anderen sprechen auch nicht darüber“ und „Ich will niemandem zusätzliche Sorgen bereiten“ waren meine Einstiegssätze. Die Pinguine von Madagaskar haben als Diktum „Lächeln und winken. Stur lächeln und winken, Männer“, und so machte auch ich es mir zur Aufgabe.

Marlon Mommert 
Marlon Mommert Emmanuele Contini

„Alles beginnt mit Antriebsschwäche“

Eine depressive Episode bedarf manchmal eines klar zu definierenden Auslösers, manchmal kommt sie auch einfach so. In der Oberschule erlebte ich insgesamt drei depressive Episoden. Wie bei einer physischen Krankheit lassen sich bei mir die einzelnen Phasen ziemlich gut voneinander abgrenzen. Alles beginnt mit Antriebsschwäche. Ich war eigentlich immer ein motivierter, vielseitig interessierter junger Mann. In den Phasen, in denen die depressive Episode beginnt, über mich herzufallen, wandelt sich diese Facette meines Charakters schnell.

Projekte, die ich begann, erschienen mir sinnlos. Immer häufiger hatte ich das Gefühl, kein Beitrag zu etwas zu sein, nichts hinzuzufügen zu haben, nicht sprechen zu sollen, ich fühlte mich unerwünscht. Ich spürte keine Selbstwirksamkeit mehr, war nicht in der Lage, etwas an mir zu verändern, an meiner Umgebung, an dem, was mir wichtig ist und an dem, was mich beschäftigte. Dieser Prozess war ein schleichender, erstreckte sich über Monate, ohne dass mein Umfeld etwas davon mitbekam.

Ich hatte den Eindruck, dass die Menschen, die mich umgaben, und vor allem jene, die ich neu kennenlernte, mich ablehnten, ich nicht gebraucht werde, obwohl sich weder an meiner Situation noch an meinen Handlungen oder meinen Leistungen irgendetwas verändert hatte. Erst an einem sehr späten Punkt begann dieser Zustand, sich in meinen Handlungen zu manifestieren, allerdings nicht als etwas sichtbar Krankhaftes.

Parallel zu diesem Prozess wurde ich immer erschöpfter. Eine Erschöpfung, die körperlich spürbar war. Ich bekam Migräne-Attacken, wenn ich mir keine Zeit zum Ausruhen gab, doch das Bedürfnis, mir selbst Ruhe zuzugestehen, fühlte sich unverdient an, der Impuls verschwand. Es war der innere Kampf zwischen zwei, in ihrer Intensität krankhaften, Mechanismen: dem, allen anderen und mir selbst zu beweisen, dass ich in der Lage sei, alles zu schaffen, und dem, sich eine Höhle zu bauen und sich zu verkriechen, sich der Welt nicht mehr zu zeigen, praktisch unsichtbar zu werden.

Das erste Symptom nennt man in der Schematherapie einen Mechanismus der Überkompensation, das zweite ist ein Vermeidungsmodus. Schaffte ich es nicht, diesen inneren Konflikt jeden Tag aufs Neue zu lösen, rutschte ich in das tiefe Loch der Depression. Dort sind die Dinge, die ich oben bereits beschrieben habe, auf einhundert Prozent gedreht. Aus einer Abneigung zu dem eigenen Unvermögen, einfach weiterzumachen, wird der Selbsthass. Ich verwechselte meinen Zustand mit mir selbst.

Ich lag im Bett und konnte nicht aufstehen, Gedankenkarusselle drehten sich um die kleinsten Sachen. Die wenigen sozialen Interaktionen, die in diesem Zustand noch möglich waren, etwa mit sehr engen Freunden, die ich noch nicht vergrault hatte, oder mit der Familie, mit der ich zusammenwohnte, fühlten sich an wie ein Dauersprint. Jedes Verhalten von mir wurde im Kopf negativ bewertet, jede Reaktion, und war sie noch so positiv, verdrehte mein Projektor in etwas Ablehnendes, in etwas Zweifelndes, in etwas Bösartiges.

HILFE-NUMMERN
Ihre Gedanken hören nicht auf zu kreisen? Sie befinden sich in einer scheinbar ausweglosen Situation und spielen mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen? Wenn Sie sich nicht im Familien- oder Freundeskreis Hilfe suchen können oder möchten – hier finden Sie anonyme Beratungs- und Seelsorgeangebote:

Telefonseelsorge: Unter 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 erreichen Sie rund um die Uhr Mitarbeiter, mit denen Sie Ihre Sorgen und Ängste teilen können. Auch ein Gespräch via Chat ist möglich. telefonseelsorge.de

Kinder- und Jugendtelefon: Das Angebot des Vereins „Nummer gegen Kummer“ richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche, die in einer schwierigen Situation stecken. Erreichbar montags bis sonnabends von 14 bis 20 Uhr unter 11 6 111 oder 0800 – 111 0 333. Am Sonnabend nehmen die jungen Berater des Teams „Jugendliche beraten Jugendliche“ die Gespräche an. nummergegenkummer.de.

Muslimisches Seelsorge-Telefon: Die Mitarbeiter von MuTeS sind 24 Stunden unter 030 – 44 35 09 821 zu erreichen. Ein Teil von ihnen spricht auch Türkisch. mutes.de

Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention: Eine Übersicht aller telefonischen, regionalen, Online- und Mail-Beratungsangebote in Deutschland gibt es unter suizidprophylaxe.de.

Und wenn da nichts zum Interagieren war? Dann wurden Gespräche rekapituliert, schambesetzte Situationen aufgewärmt, eigene Misserfolge bis zum Erbrechen wieder abgespielt. Tarek K.I.Z. sagt in einem seiner Songs: „Ich bin in schlechter Gesellschaft, wenn ich alleine bin.“ All diese Dinge liefen dauerhaft, meist nachts, wenn niemand da ist und die Decke zurückstarrt. Sie liefen, während man nach draußen gezwungen ist, eine andere Version seiner selbst zu produzieren. Das Perfide daran ist, dass niemand einen dazu zwingt, außer einem selbst natürlich.

Marlon Mommert
Marlon MommertEmmanuele Contini

Die wohl eindrücklichsten und vielleicht auch bekanntesten Symptome der Depression sind Selbstverletzung und Suizidalität. Ich habe lange gehadert, ob ich diese Themen in der Öffentlichkeit ansprechen möchte. Wie man merkt, habe ich mich dafür entschieden. Mir ist allerdings wichtig zu betonen, dass diese Beschreibung keinen Schaut-wie-schlecht-es-mir-geht-Charakter haben soll. Reaktionen auf den letzten Artikel haben mir klar gemacht, dass ich das Thema schlicht nicht besprechen kann, ohne eines deutlich zu machen: Eine Depression ist kein Zustand, mit dem man lange leben kann. Eine nicht- oder nicht genügend therapierte schwere Depression stellt einen lebensgefährlichen Zustand dar.

„Selbstverletzung kann verschiedene Ursachen haben“

Selbstverletzung kann verschiedene Ursachen haben, zwei davon möchte ich zum Verständnis genauer aufzeigen. Wie oben beschrieben ist das Gefühl der Gefühllosigkeit eines, das sehr schwer aufzubrechen ist. Ich habe mich selbst verletzt, um etwas zu spüren, um dem Gedankenkarussell zu entkommen. Physischer Schmerz versetzt meinen Körper in eine Alarmbereitschaft, die für einen kurzen Moment alles andere vergessen macht. Die zweite Ursache für mich ist der Selbsthass. Selbstverletzung also als Selbstbestrafung.

Ähnlich ist es bei der Suizidalität. Der Todeswunsch versprach Ruhe, auf der einen Seite Ruhe vor dem, was sich im eigenen Kopf abspielt, auf der anderen Seite Ruhe für die anderen vor einem selbst. Dass dieses Versprechen nur zu einem übergroßen, völlig unverhältnismäßigen Preis einzulösen ist, war mir in diesen Situationen nicht bewusst. Wer sich in dieser Situation befindet, für den gibt es nur eine richtige Richtung: in die Notaufnahme.

Ich habe diesen Artikel bewusst nach dem Text über meinen Klinikaufenthalt veröffentlicht. Es soll klar werden, dass Hilfe näher ist, als man es sich in diesem Zustand auch nur im Entferntesten vorstellen kann. Es ist möglich, aus diesem Loch wieder herauszukommen. Man kann mit einer Depression sehr gut leben, auch wenn es Zeit braucht. Der Schritt aus der Klinik heraus war schwerer als der Schritt in die Klinik hinein.

Im Alltag ist man, auch wenn man ein gutes soziales Umfeld hat, auch wenn man, wie ich, die besten Freunde der Welt und eine unterstützende Familie hat, mit seinen Symptomen die meiste Zeit allein. Auch sechs Monate nach dem Verlassen der Klinik gibt es Tage, an denen ich nicht weiß, wie ich sie schaffen soll. Depressive und suizidale Gedankenpfade sind noch so ausgetreten, dass es manchmal Kurzschlüsse im Kopf gibt. Dann bin ich gedanklich plötzlich an einem völlig anderen Ort.

Doch genau hier setzt das ein, was man in der Therapie lernt. Diese Symptome sind große, schwarze Hunde. Hunde, die schneller wachsen, als man es mitbekommt. In der Therapie bekommen sie ein Halsband, und der Halter wird ins Fitnessstudio geschickt, bis man den Hund an der Leine hat und er sich nicht mehr eigenmächtig losreißen kann.

Meine Erkrankung hat viele Menschen sehr traurig gemacht. Entweder, weil sie gesehen haben, wie schlecht es mir geht, oder weil ich mich nicht treffen konnte, mich nicht unterhalten konnte, ich schlicht ‚nicht konnte‘, sie Angst hatten oder nicht sicher waren, wie sie mit mir umgehen sollen. Als ich in Therapie ging, wurde mir klar, dass ich es nicht ausschließlich für mich mache. Ich kann nichts für meine Erkrankung. Aber ich kann etwas dafür, wenn ich mich nicht gegen sie zur Wehr setze. Vielen Dank an alle, die mir dabei helfen. Und ein herzliches „Leck mich!“ an alle, die mich Weichei oder übersensibel nennen oder sagen, es sei alles gut. Es war nichts gut. Doch es wird besser.

Marlon Mommert ist 19 Jahre alt, lebt in Berlin-Köpenick und ist derzeit Praktikant im Jugendclub „CAFE Köpenick“. Unter dem Künstlernamen Hutmacher und mit der Band CÖPE veröffentlicht er Musik.

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