Die Berliner Mordinspektion 1938: Abgebildet sind (v. l. n. r.): Werner Togotzes, Wilhelm Lüdtke, Bernd Wehner, Ludwig Werneburg, Ernst Gennat, Aloisius Langen, Theo Saevecke.
Foto: Polizeihistorische Sammlung

BerlinKriminalkommissar Ludwig Werneburg war am Ende seiner Kräfte. Tagelang hatte er im September 1921 im Berliner Polizeipräsidium dem Hausierer Carl Großmann gegenübergesessen, einem völlig empathielosen Psychopathen, der eine bis heute unbekannte Anzahl Frauen ermordet, zerstückelt und ihre Leichenteile in der Spree entsorgt hatte. Er ließ sich in den Verhören zunächst nicht aus der Reserve locken: Er leugnete, triumphierte, schwieg. Erst im Gespräch über die jetzt ungewisse Zukunft seines Kanarienvogels „Hänschen“ zeigte der Mörder menschliche Regungen, knickte ein und legte ein Teilgeständnis ab. 

Carl Großmann ging als „Schlächter vom Schlesischen Bahnhof“ in die Geschichte ein - eine Geschichte, die unter anderem der Autor Matthias Blazek in seinem Buch über die Serienmörder Großmann und Friedrich Schumann minutiös aufgeschrieben hat. Der 2009 erschienene Band enthält auch Auszüge aus Verhörprotokollen. Am Schlesischen Bahnhof hatte Großmann alleinstehende Frauen aus der Provinz abgefangen, mit einer reich gefüllten Brieftasche geködert, sie als „Wirtschafterin“ (für eine Einzimmerwohnung!) eingestellt, um sie dort auf bestialische Art und Weise zu ermorden. Am 5. Juli 1922 erhängte sich Großmann in seiner Gefängniszelle.

Zu diesem Zeitpunkt war Kommissar Werneburg schon drei Jahre im Dienst der Berliner Mordkommission und glaubte zu kennen, „was es im Sumpf der Großstadt an Schlechtigkeit und Entartung“ gibt, wie der Rechtsanwalt Erich Frey 1959 über ihn in seinen Erinnerungen schrieb, die 2019 im Berliner Elsengold-Verlag neu aufgelegt wurden. Werneburg war prädestiniert für die Arbeit als Kriminalbeamter, er hatte nicht nur das, was man einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn nennt, sondern lebte regelrecht dafür. 

Werneburgs Grundausbildung fand in der Wilhelmstraße statt

Der am 5. August 1883 in Frankfurt am Main als Sohn eines Regierungsbaumeisters geborene Ludwig Werneburg stammte aus einer Familie voller Amts- und Würdenträger. Er strebte zunächst eine Karriere als Richter an, doch seine angeschlagene Gesundheit (eine „Knochenbindehautentzündung“ am Fuß) wurde zum Hindernis, wie aus dem Personalbogen seiner Zeit im Ersten Weltkrieg hervorgeht. Stattdessen hatte er schon vor dem Krieg eine Ausbildung bei der Berliner Kriminalpolizei begonnen, und am 1. Oktober 1919 übernahm man ihn als Polizeileutnant fest in den Dienst des Berliner Polizeipräsidiums. Seine Grundausbildung hatte er auf dem Polizeirevier Nr. 35 in der Wilhelmstraße 9 in Kreuzberg absolviert.

Schon lange war Berlin eine Millionenstadt und als „Chicago Europas“, wie Mark Twain die Stadt einmal bezeichnete, in der ganzen Welt gefürchtet. Das Image der Berliner Polizei modernisierte sich jedoch erst nach der Zäsur des Ersten Weltkriegs. Vorher oft als „treue Dienerin des Königtums und des Feudaladels“ misstrauisch beäugt, wie es der Berliner Kriminalbeamte Hans von Tresckow in seinen 1922 veröffentlichten „Erinnerungen“ beschrieb, rekrutierte sich das Personal in der Weimarer Republik verstärkt aus Akademikern, die froh waren, in den Staatsdienst treten zu können, und die von dem legendären Ernst Gennat aufgebaute Mordkommission geriet auch unter Unterhaltungsaspekten zunehmend in den Fokus des öffentlichen Interesses.

Ludwig Werneburg erwarb sich unter anderem als Gennats Vertreter in der Inspektion A (Mord und Körperverletzung) einen hervorragenden Ruf. In Sachen Raubmord konnte dem klugen Kommissar keiner etwas vormachen, er löste fast alle Fälle, mit denen er zu tun hatte: Angriffe auf Bankfilialen, Automobilisten oder Kassenboten, aber über die Jahre auch ungezählte Leichenfunde. Das Potpourri von teilweise entsetzlichen Straftaten war in den 1920er-Jahren unermesslich groß. Am 29. Juni 1930, einem Sonntag, wurde die Berliner Mordkommission binnen 24 Stunden mit gleich fünf Mordfällen konfrontiert.

Vierzehn Tage vor der Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933 trat Ludwig Werneburg aus seiner Berliner Freimaurerloge „Friedrich der Große“ aus, wie die entsprechende Akte im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz verrät, und am 1. Mai 1933 wurde er Mitglied der NSDAP. Am 8. August 1935 wurden alle Freimaurer-Logen in Deutschland staatlicherseits geschlossen und kurz darauf aufgelöst. Aufgrund Werneburgs Herkunft aus einer traditionsreichen, humanistisch gebildeten Familie mutet es unverständlich an, dass er sich für das neue Regime und gegen die hohen ethische Werte der Freimaurer entschied. Karrieregründe mögen dabei eine große Rolle gespielt haben, unter dem „Beförderungsstau“ hatten damals viele Beamte zu leiden.

Tatsächlich wurde Kommissar Werneburg laut „Dienstaltersliste der Höheren Beamten“, die im Bundesarchiv aufbewahrt wird, Anfang 1934 zum Kriminalpolizeirat befördert. Zudem versetzte man ihn als Leiter der dortigen Kriminalpolizei nach Potsdam. Polizeipräsident war dort zu dieser Zeit Graf von Helldorf, der auch die Geheime Staatspolizeistelle in der Potsdamer Priesterstraße leitete. Über diese Verbindung geriet Werneburg recht schnell recht tief in das NS-System und wurde vom Polizeipräsidenten auch für seine nationalsozialistische Einstellung sehr geschätzt. Dennoch blieb er ein Geselle, auf den sich die Machthaber nicht vollständig verlassen wollten.

Als Freimaurer blieb Werneburg den Nazis auch als Nazi verdächtig

Zum Stein des Anstoßes wurde der Umstand, dass Werneburg als Leiter der Potsdamer Kriminalpolizei auch die Personalangelegenheiten der Beamten zu bearbeiten hatte, dies als ehemaliger Freimaurer jedoch laut Runderlass des Preußischen Innenministeriums nur mit Zustimmung des Stellvertreters des „Führers“ tun durfte. Von Helldorf stellte seinem Protegé ein ausgezeichnetes Zeugnis aus: „Hat die ihm gestellten Aufgaben restlos zu meiner vollsten Zufriedenheit im Sinne der nationalsozialistischen Gesetzgebung […] durchgeführt“, schrieb er am 22. September 1936 an den Potsdamer Regierungspräsidenten. Doch umsonst: „Aus dienstlichen Rücksichten“ wurde Werneburg wieder zurück nach Berlin beordert und seine Stelle mit einem Nationalsozialisten mit fleckenloser Vita besetzt.

Nach Ernst Gennats Tod im Jahr 1939 wurde Werneburg dessen Nachfolger als Leiter der 1936 neu gegründeten Kriminalgruppe M, eine weitere Beförderung blieb ihm aber dauerhaft versagt und 1941 wurde er aus der NSDAP schließlich ausgeschlossen. Im Mai 1945 lebte Ludwig Werneburg mit seiner Familie in einem Behelfsheim in Falkensee, weil ihre Wohnung ausgebombt worden war. Dokumente aus der Akte Werneburg im Bestand des Deutschen Roten Kreuzes besagen, dass er nach Kriegsende von russischen Militärangehörigen „zum Registrieren“ mitgenommen wurde, in einem russischen Speziallager interniert war, eine Verurteilung zum Tode jedoch in eine lebenslange Freiheitsstrafe umgewandelt wurde. An keiner Stelle geht der Wortlaut einer genaueren Anklage gegen ihn hervor, nur, dass es sich um „Kriegsverbrechen“ handelte.

Berichten zufolge wurde Werneburg in einem Stasi-Gefängnis gesehen

Ludwig Werneburg kehrte nicht mehr zurück und wurde 1952 vom Schöneberger Amtsgericht schließlich für tot erklärt, als Sterbetag gilt der 13. November 1945. Seine Ehefrau Eva Werneburg geb. Felgner lebte bis zu ihrem Tod 1965 mit der Ungewissheit über das Schicksal ihres Mannes. Berichte, nach denen mindestens zwei Personen Werneburg in einem Stasi-Gefängnis in Einzelhaft gesehen haben wollen, ließen sich nie verifizieren, weder vom Deutschen Roten Kreuz noch vom Roten Kreuz Moskau. Auch eine Anfrage an den Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen blieb nach heutigem Erkenntnisstand ohne Ergebnis.

In den Kriminalromanen der Autorin Susanne Goga lebt Ludwig Werneburg seit 2005 weiter. Als „Dr. Werneburg“, der er nachweislich nie war, ist er darin der geschätzte Kollege des Kriminalkommissars Leo Wechsler. Dieser klärt in mittlerweile sieben Bänden zuverlässig die schwersten Mordfälle im Berlin der 1920er-Jahre auf, stets fürsorglich geleitet vom legendären Kriminalrat Ernst Gennat und dessen Vertreter Ludwig Werneburg. Im Reich der Fiktion hat Letzterer nur einen Fehler: eine Schwäche für Torten. Und so geht sogar Gennat in „Mord am Askanischen Platz“ einmal leer aus, weil Werneburg das allerletzte Stück Schwarzwälder Torte verschlungen hat.

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