Seit 1980 führt das GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften in Mannheim alle zwei Jahre eine sorgfältige repräsentative Befragung der Bevölkerung durch. Die Daten dieser allgemeinen Bevölkerungs-Umfrage (ALLBUS) stellt GESIS den Sozialwissenschaften kostenlos zur Verfügung. Seit der Wiedervereinigung werden die Umfragen auch in den neuen Bundesländern durchgeführt und liefern wertvolle Zeitreihen, ein Schatz für die Sozialwissenschaften.

Bis 2016 wurde jedoch nur nach dem Erhebungsgebiet Ost/West unterschieden. Ostdeutsche in Westdeutschland und Westdeutsche in Ostdeutschland gingen dabei unter. Seit 2016 hat GESIS eine neue Variable eingeführt. Es wurde erfragt, wo man aufgewachsen ist, im Osten oder im Westen. Zugleich wurde erfragt, wo das Interview stattgefunden hat, im Osten oder im Westen. So konnte man erstmals die im Osten bzw. im Westen Aufgewachsenen und dort Gebliebenen erfassen, sozusagen die echten Ossis und die echten Wessis.

Die Daten von 2018 bringen Erstaunliches zutage

Wegen der Pandemie fiel die Befragung 2020 erstmals aus. Die letzten Ergebnisse stammen also aus dem Jahr 2018. Darum muss ich hier mit diesen scheinbar veralteten Daten arbeiten. Sie bringen aber Erstaunliches zutage. 30 Jahre nach der Wiedervereinigung stellt sich heraus, dass sich in den östlichen Bundesländern das Gehaltssystem der DDR erhalten hat. Die 2018 angegebenen Netto-Monatseinkommen der Frauen und Männer im Osten sind annähernd gleich. Im Westen dagegen sind die angegebenen Fraueneinkommen die Niedrigeinkommen und die der Männer die hohen Einkommen.

Das wird eindrucksvoll deutlich, wenn die Einkommen nach ihrer Höhe aufsteigend schrittweise in Kategorien zusammengefasst werden und für jede Kategorie angegeben wird, wie viele Prozent der Befragten ein Netto-Monatseinkommen dieser Höhe bezogen haben.

Infografik: Wolf Wagner
Abbildung 1 

In Abbildung 1 zeigt sich: Bei den niedrigen Netto-Monatseinkommen zwischen 500 und 999 Euro, also bei drei Kategorien, liegt der Prozentanteil bei den ostdeutschen Frauen deutlich über dem der ostdeutschen Männer. Bei den hohen Einkommen liegt der Prozentanteil der ostdeutschen Männer bei der Kategorie 2000 bis 2249 Euro und bei den drei höchsten Kategorien deutlich über dem der ostdeutschen Frauen. Bei 15 der 22 Einkommenskategorien liegen die Prozentanteile der ostdeutschen Frauen und Männer jedoch sehr nahe beieinander. Vergleicht man dieses ostdeutsche Ergebnis mit der Einkommensverteilung der Frauen und Männer, die im Westen aufgewachsen und dort geblieben sind (Abbildung 2), so zeigt sich ein eklatanter Unterschied, ja Gegensatz.

Infografik: Wolf Wagner
Abbildung 2

Nur bei drei der 22 Kategorien (bei denen zwischen 1375 und 1999 Euro) liegen die Prozentanteile der befragten westdeutschen Frauen und Männer nahe beieinander. Bei zehn der elf niedrigen Einkommenskategorien ist der Prozentanteil bei den westdeutschen Frauen zum Teil um ein Mehrfaches höher als der Prozentanteil der westdeutschen Männer. Bei sieben der hohen Einkommenskategorien über 1999 Euro liegt der Prozentanteil der westdeutschen Männer durchweg höher als der Prozentanteil der westdeutschen Frauen, außer in der Kategorie 2750 bis 2999 Euro sogar um ein Mehrfaches des Frauenanteils. Kurz gesagt: In Westdeutschland sind die Fraueneinkommen die niedrigen, die Männereinkommen die hohen Einkommen.

Mit der Wiedervereinigung per Beitritt hätte nach 1990 eigentlich im Osten alles so werden sollen wie im Westen. Da die hier dargestellten Daten im Jahr 2018 erhoben worden sind, erweist sich, dass diese Angleichung nicht erfolgt ist. Wie ist das zu erklären? Das Entlohnungssystem im Westen setzte die deutsche Tradition fort, den Männerlohn als Familienlohn zu definieren. Die westlichen, männerdominierten Gewerkschaften kämpften um dieses Vorrecht für ihre überwiegend männlichen Mitglieder.

Bis 1977 hatten im Westen die Männer ein Einspruchsrecht gegen eine Berufstätigkeit ihrer Ehefrauen. Seit 1958 gab es im Westen das Ehegattensplitting bei der Einkommensteuer. Die Steuerlast des Ehemanns konnte sich grob gerechnet halbieren, wenn seine Frau möglichst wenig verdiente. Das Ideal der Mutter, die sich um die Kinder kümmert, wurde so zum ökonomisch rationalen Modell. In der Folge lag die Erwerbsquote von Frauen in Westdeutschland seit 1970 etwa bei der Hälfte der Erwerbsquote der Frauen in der DDR.

In der DDR macht der Ehestatus sozial keinen Unterschied

Die DDR war schon durch eine lange sozialistische Tradition auf die Gleichstellung der Geschlechter festgelegt. August Bebel hat sie in seinem 1879 erstmals erschienen Buch „Die Frau im Sozialismus“ als Selbstverständlichkeit gefordert. Daher war es nur folgerichtig, dass es in Artikel 7 der Verfassung der DDR von 1949 hieß: „Alle Gesetze und Bestimmungen, die der Gleichberechtigung der Frau entgegenstehen sind aufgehoben.“ Das Familieneinkommen sollte die Summe des etwa gleichen Einkommens der Frau und des Mannes bilden.

1965 folgte dann eine grundsätzliche Abkehr vom BGB durch ein neues Familiengesetz. Die Unehelichkeit wurde abgeschafft. Das Sorgerecht hatte die Mutter. Das Scheidungsrecht wurde umgestellt auf eine Scheidung ohne Schuldzuspruch und mit extrem reduzierten Unterhaltsansprüchen. Das Resultat war, dass immer mehr Frauen für sich selbst sorgten und Kinder ohne eine Ehe bekamen. Die Nichtehelichenquote bei Geburten stieg in der DDR in den 1980er-Jahren auf das Dreifache Westdeutschlands und blieb nach der Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern bis heute doppelt so hoch.

Bis zur Wiedervereinigung lag die Scheidungsziffer in der DDR weit über der in Westdeutschland, weil Scheidung praktisch nichts kostete und keine Nachteile einbrachte. Wenn man unter Modernität die Auflösung traditionaler Bindungen versteht, dann war die DDR im Geschlechterverhältnis weit moderner als die BRD.

Im Osten sind Frauen auch heute noch unabhängiger als im Westen

Doch in der Produktion hatte die Zentralverwaltungswirtschaft der DDR die Moderne verschlafen. Der größte Teil der Industrie konnte nach der Wiedervereinigung im internationalen Markt nicht mithalten und musste aus Sicht der Treuhand abgewickelt werden, was dann auch geschah. Übrig blieben Kleinbetriebe. Eine Untersuchung aus dem Jahr 1996 von Fabian Steil über Unternehmensgründungen in Ostdeutschland zeigt, dass es schon vor dem Ende der DDR 1990 über 70.000 kleine Privatbetriebe gegeben hatte. Viele der entlassenen Facharbeiter aus der Industrie der DDR gründeten eigene kleine Betriebe. Bis 1990 waren es 412.970 Betriebe.

Heute haben etwa 90 Prozent aller Betriebe in den neuen Bundesländern weniger als zehn Beschäftigte. Das erklärt vor allem anderem das insgesamt niedrigere Lohnniveau. Großbetriebe zahlen besser. Doch die kleinen Betriebe, die von ehemals in der DDR-Industrie Beschäftigten gegründet worden waren, behielten ihr gewohntes Lohnsystem der DDR mit annähernd gleichen Einkommen für Frauen und Männer bis heute bei. Es ermöglicht den Frauen im Osten auch heute noch ein unabhängigeres und eigenständigeres Leben als im Westen.

Wolf Wagner war von 1992 bis 2009 Professor und Rektor an der Fachhochschule Erfurt. Er forscht vor allem zum Verhältnis von Ost- und Westdeutschland.

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