Als anglophile Berliner Autorin bot sich mir neulich die Möglichkeit an einer Online-Tagung des Centre for the Study of Contemporary Women’s Writing teilzunehmen, zu dem Caragh Wells von der Universität Bristol und Godela Weiß-Sussex vom Institute of Modern Languages Research, Universität London eingeladen hatten. Zentrale Frage war, inwiefern die Pandemie die Möglichkeiten des Schreibens und Publizierens für Frauen beeinflusst (Covid and the Woman Writer).

Dr. Catherine Davies, Linguistik-Professorin aus Leeds stellte in ihrer Untersuchung fest, dass sich die geschlechterspezifischen Ungleichheiten im universitären Bereich durch Corona stark verstärkt haben. „Wir sind alle im selben Sturm, aber wir sitzen in verschiedenen Booten.“ Als Forschungsgrundlage dienten ihr die digitalen Archive der noch unpublizierten wissenschaftlichen Artikel und die Veröffentlichungen in Elsevier Journals. Wissenschaftlerinnen veröffentlichten 2020 signifikant weniger als 2019 (in einzelnen Bereichen bis zu 20 Prozent), während die Anzahl der Veröffentlichungen männlicher Forscher relativ konstant blieb, in einzelnen Bereichen, besonders der Corona-Forschung, sogar um 14 Prozent anstieg. Ähnliches gilt für die Beantragung von Fördergeldern und Förderprojekten.

Wissenschaftlerinnen haben in der Pandemie nur Zeit für das Nötigste

Soweit die Datenerhebung. Erst Interviews der betroffenen Frauen zeigten die Gründe für diese Entwicklung auf. Viele Frauen haben nur noch Zeit für die nötigste universitäre Arbeit, das Tagesgeschäft. Für Veröffentlichungen und die Beantragung von Projekten bleibt keine Zeit, weil sie ihre Kinder betreuen und beschulen. Durch die Verlagerung von Arbeitsplatz und Schule nach Hause muss nicht nur beschult werden, auch das Mittagessen muss selbst gekocht werden. Oft kommt noch die Versorgung älterer Familienmitglieder hinzu. Die Frauen sind überlastet. Ihre Partner, die Familienväter, klagen sie, sind oft in Berufen, wo eine Telefonkonferenz die nächste jagt, eine Arbeit, die weniger flexibel ist, sich nicht in den Abend verschieben lässt.

Diese geschlechtsspezifische Belastung wird noch jahrelang ihre Folgen in der Karriere dieser Wissenschaftlerinnen zeigen, weshalb Catherine Davies die Universitäten dazu auffordert, Corona in den Biografien der Frauen verstärkt zu berücksichtigen. Sie arbeitet an einem detaillierten Vorschlag dazu, wie diese Corona-Nachteile für Frauen durch gezielte Förderung wieder ausgeglichen werden könnten. Wichtig ist die Arbeit in Teams, in denen Alleinstehende und Eltern sich gegenseitig unterstützen. „Derzeit wird noch wenig darüber nachgedacht“, klagt sie, „die Menschen sind im Survival Modus und funktionieren einfach nur noch.“

Ganz anders in Italien. Daria Kozhanova von der Universität Bologna zeigte, dass zumindest italienische Autorinnen sich zusammengeschlossen haben und in gemeinsamen Internetforen Lesungen anbieten, wodurch sie sichtbarer wurden als jemals zuvor. Zusammenarbeit stärkt, vieles wird dadurch erst möglich. Vor allem soziale Medien und Streaming-Kanäle ermöglichen dies, weil das Team von den unterschiedlichsten Standorten aus arbeiten kann. Ein weiteres positives Beispiel für die Zusammenarbeit von Künstlerinnen ist das europäische Künstlerinnenkollektiv Arts Collective PartSuspended. Die fünf Frauen arbeiten an einem gemeinsamen Traumtagebuch und stellen dabei fest, wie stark die Pandemie in ihrem Unbewussten präsent ist.

Was wird im Rückblick auf die Pandemie „normal“ geworden sein?

Warum und was schreiben Autorinnen in der Pandemie? Nach einem kurzen Schock und Writer’s Block haben die meisten Autorinnen weitergeschrieben. Es ging um das Schreiben von Zeitkapseln, das Schaffen eines Corona-Erinnerungsdepots, weil Erfahrungen verblassen. Als ich nach der Wende gefragt wurde, wie meine Jugend hinter der Mauer in West-Berlin  war, antwortete ich: normal.

Natürlich erinnerte ich mich an die Mauer, das lange Anstehen an der Grenze zu Ferienbeginn und die Blicke zum Brandenburger Tor mit den Wachtürmen, Soldaten und Hunden, den geharkten Todesstreifen, aber das war damals „normal“. Wird es mit Corona auch so sein? Werden wir uns so an Pandemien gewöhnen, dass wir vergessen, dass es nicht normal ist, im Lockdown zu leben und uns nicht zu berühren? Die starken Emotionen von Zorn, Wut, Angst, Hilflosigkeit, Schuld und Ohnmacht schreiben sich ungenannt in unsere Biografien ein, vielleicht sogar in unsere Gene.

Fazit des Kongresses war, dass die Teilnehmerinnen froh waren, durch das Online-Format weltweit teilnehmen zu können. Und festgehalten wurde, dass jeder Text eine Zeitkapsel für die Nachwelt darstellt, die helfen wird, die Zeit der Pandemie und ihre Auswirkungen besser zu verstehen. Gemeinsame Frauenprojekte im Internet erreichen eine größere Öffentlichkeit als die einsame Schreiberin in ihrem Zimmer. Es geht um Schreiben, das die Stille und die Maske des Schweigens durchdringt, um das Beschreiben der Folgen für den Körper, den Geist aber auch die Seele, um das veränderte Gefühl von Zeit (mal zu viel, mal zu wenig) und Raum (mal zu eng, mal zu weit). Und es geht darum, dass gelebte Kreativität jetzt lebensnotwendig ist.

Ein Archiv der lebendigen Erfahrungen muss entstehen. Traumata, wie das Leben in der Pandemie definitiv eines ist, kennen nur einen Weg der Erlösung: das Narrativ, die Erfahrungen erzählbar machen. Dafür sind Erzählerinnen wichtig.

Sonka Hecker ist Journalistin, Kulturvermittlerin und  Künstlerin. Zuletzt erschien  „Berlin, Drachenfrauen und das Dorf“ (2021).

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