Als dem Schauspieler, Filmemacher und Drehbuchautor Jurij Kramer 1990 die Wende widerfährt, ist er 50 Jahre alt. Über ein Dutzend Literaturverfilmungen von ihm hat das Fernsehen der DDR ausgestrahlt. Für „Cyankali“ holt er erstmals Renate Krößner, bekannt vom Kult-Klassiker „Solo Sunny“, mit ins Boot. Auch andere namenhafte Schauspieler wie Christine Schorn und Hermann Beyer, die 2020 in Julis Zehs „Unterleuten“ spielen, zieht er in seinen Bann. Darüber hinaus sind Andreas Schmidt-Schaller, der „Schimanski des Ostens“, Ursula Werner aus „Wolke 9“ sowie Jaecki Schwarz und Hansjürgen Hürrig frühe Wegbegleiter Jurij Kramers. All jene haben den Sprung geschafft. Kramer nicht.

Jurij Kramer hat eine Biografie des 20. Jahrhunderts, deren Dynamik durch die Willkür von „was heute richtig ist, kann morgen falsch sein“ bestimmt wird. Seine Eltern begegnen sich im Berlin der 1920er Jahre. Die Mutter ist Tänzerin. Seinem Vater, dem links gesonnenen Eisenbahningenieur Erwin Kramer, droht in Berlin ein Hochverratsprozess. Deswegen emigrieren die Eltern 1932 in die UdSSR. In Moskau werden Jurij und seine zwei älteren Brüder geboren. Die Familie leidet Hunger, lebt in Unsicherheit und Angst. Es sind seine prägendsten Jahre, auch wenn sich Kramer nicht an Einzelheiten erinnert.

Nach Kriegsende zieht die Familie zurück nach Deutschland, wo sie in Kaulsdorf, im Osten Berlins, ein stattliches Haus bezieht. Der Wandel ist drastisch; von einem Keller in eine Villa mit Personal. Den Wohlstand verdankt die Familie dem Umstand, dass Erwin Kramer, nun SED- Mitglied, prestigeträchtige Ämter bekleidet. Vom Abteilungsleiter zum Vizepräsidenten über die Position des Generaldirektors der Deutschen Reichsbahn bis schließlich zum Minister für Verkehrswesen der DDR.

In der UdSSR ist er der „Fritz “, in der DDR der „Ivan“

Der sechsjährige Jurij tut sich schwer mit der deutschen Sprache. Alles ist neu für ihn. In der UdSSR ist er ein „Fritz“, in der DDR gehört er zu den „Ivans“. Das sensible Kind reagiert mit Einnässen und Stottern. Noch heute weiß er nicht, wo er hingehört. Mit leiser Stimme, aber sehr deutlich sagt er: „Meine Mutter hatte es nicht leicht mit mir. Ich war kein einfaches Kind. Absolut nicht einfach.“ Doch trotz dieser Peinlichkeiten ist ihm eines früh klar: er möchte gesehen werden. Leichtathletik ist seine Stärke, Literatur seine große Liebe.

Im dramatischen Zirkel der Oberschule entdeckt er sein Talent für die darstellende Kunst. Von 1960 bis 1963 studiert er an der Staatlichen Schauspielschule in Berlin Niederschöneweide. In Greifswald findet er eine Anstellung als Theaterdarsteller und in Adolf Dresen (Vater von Regisseur Andreas Dresen, „Gundermann“ 2018) einen Verbündeten. Es geht ihnen darum, das Theater zu revolutionieren. Der konspirative Austausch wird 1965 hart geahndet. Dresen soll in Mecklenburg auf einem Bohrturm im Erdölkombinat Grimmen arbeitend zur Einsicht kommen, Jurij Kramer darf zur Armee. Anderthalb Jahre Grenzschutz.

Die Strafe trifft ihn hart. Ist er doch im engsten Auswahlkreis für die Hauptrolle im Stück „Die Abenteuer des Werner Holt“. Anstatt Holt zu spielen, wird er nun zum realen Dienst an der Waffe verpflichtet. Er bittet seinen Vater um Hilfe. Der ist auf der Seite der Partei. Die Enttäuschung darüber merkt man Kramer noch immer an. Also steht er bei Salzwedel an der Grenze. Schießen muss er nicht. Die Erfahrungen beim Militär bestätigen ihn jedoch in seiner Haltung, dass Gleichschritt und Hierarchien nichts für ihn sind. Als er 1965 die Armee verlässt, händigt er seinem Vorgesetzten zum Abschied ein Schriftstück zur Verbesserung der militärischen Ausbildung aus.

Er schreibt Literatur zu Drehbüchern um

Nach dieser unwillkommenen Schaffenspause spielt Kramer in Halle. Hier trifft er auf den derzeit erfolgreichen Fernsehregisseur Ulrich Thein, der ihn zur Regie und letzten Endes zum Fernsehen bringt. Ab 1970 arbeitet Jurij Kramer beim Deutschen Fernsehfunk (DFF). Sein besonderes Interesse gilt Literaturverfilmungen. Inspiriert vom sowjetischen Kino inszeniert er unter anderem Werke von Friedrich Wolf, Leonhard Frank, Günter Görlich und Lion Feuchtwanger. Vielfach schreibt er die literarischen Vorlagen zu Drehbüchern um.

Mit der Verfilmung von „Eine Anzeige in der Zeitung“ begibt er sich zunächst auf Glatteis. Der Roman von Günter Görlich sorgt bereits vor seiner Veröffentlichung für Unruhe. Thema ist der Suizid eines Lehrers an einer Polytechnischen Oberschule. Wenngleich juristisch gesehen Suizide in der DDR keine Ächtung oder Ahndung erfahren, ist das freiwillige Aus-dem-Leben-scheiden doch ein Zeugnis fehlenden Glückes. Das Bild der sozialistischen Gesellschaft soll ein konfliktarmes und freudvolles sein. Suizid gilt daher als „Ausdruck bürgerlicher Dekadenz“. Für den kontrovers diskutierten Film erhält Kramer 1981 dennoch den renommierten Heinrich-Greif-Preis.

Doch nicht immer sind seine Drehbucharbeiten von Erfolg gekrönt. Sobald sich seine Auslegungen zu sehr von der Literaturvorlage entfernen, wird das Filmvorhaben von den zuständigen SED-Funktionären unterbunden. Mitte der 1980er Jahre will Kramer endlich ein Defa-Projekt realisieren – „Der Mann von außerhalb“. Das Projekt scheitert im letzten Moment.

Können Sie sich nicht kürzer fassen?

Ähnlich ergeht es Kramer mit der Drehbuchvorlage für „Der Soldat und die Frau“ von Max Walter Schulz, einer außergewöhnlichen Geschichte über einen deutschen Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg jenseits aller gängigen Klischees. Das Projekt wird abgelehnt. Das sind Tiefschläge. Sie sind aber überwindbar, denn schließlich kann er weiterarbeiten. „Heute haben die Produzenten das Sagen, damals war der Regisseur der Chef.“ Und Jurij Kramer war gern Chef. „Aber die Schauspieler mochten mich, weil ich den Chef nicht habe raushängen lassen.“ Das bestätigt auch sein Kollege aus frühen Tagen, Hermann Beyer, der die männliche Hauptrolle in „Cyankali“ spielt. Ihm gefiel Kramers Arbeitsweise: „Klare Anweisungen. Unmissverständlich und machbar.“

Eine andere Wegbegleiterin aus jenen Tagen ist Rosemarie Wintgen, die bis 2013 Leiterin der Filmredaktion beim RBB war. Seit 1970 Dramaturgin beim Fernsehen der DDR, nimmt sie Jurij Kramer erst während eines Filmkongresses 1982 wahr. In einer Diskussionsrunde fällt er ihr durch seine direkte Art auf. „Können Sie sich nicht kürzer fassen?“ Das sei typisch für ihn.

Aus der Sicht Kramers erwischt ihn der Mauerfall gänzlich unvorbereitet. Er verzweifelt an der Oberflächlichkeit, dem Desinteresse an seinen Themen, dem schnellen, gewinnorientierten Filmbusiness. Für seine Literaturverfilmungen interessiert sich 1990 keiner. Die Filmproduktion im Westen ist deutlich komplizierter. Man braucht Geld, Kontakte, muss sich einschleimen können und trotz allem die Hoffnung nicht verlieren. Jurij ist entmutigt. Ein befreundeter Kollege aus alten Zeiten ruft ihn an und fragt ihn, ober er nicht die Regie bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ übernehmen möchte. „Die brauchen keinen Regisseur“, antwortet Kramer.

Seine Gegenüber bei den Vorstellungsgesprächen bemerken, dass er kein einfacher Kandidat ist. Er hat seine eigene Idee von filmischer Umsetzung. Eine Zusammenarbeit mit diesem Mann wird anstrengend. In den offerierten Formaten geht es um leicht Verdauliches, und die Nischen für Nischenfilmregisseure sind bereits besetzt. Als Schauspieler ist er bei einer Agentur gelistet. Die Chefin der Agentur ist vom früheren Besetzungsbüro des Fernsehens der DDR. Die in Aussicht gestellten Möglichkeiten sind übersichtlich.

Während er Arbeitslosenhilfe bezieht, spielt er ab und zu kleine Rollen, meist russische Schurken. Rosemarie Wintgen wundert es, dass Jurij Kramer nach der Wende nicht weitergekommen ist. In ihrer Wahrnehmung hat er einiges dafür getan. Viele DDR-Regisseure hätten bei Serien in den Öffentlich-Rechtlichen unterkommen können. ARD, ZDF, ORB. „Ich hoffe, dass mir Jurij nicht übelnimmt, dass ich ihn nicht irgendwo mit hineingeholt habe.“ Das tut er aber. Zumindest nahm er an, sie könne etwas für ihn tun. „Rosi“, wie Kramer seine alte Freundin nennt, hat allerdings gut reden. Sie ist eine, die 1990 den Übergang geschafft hat. Die beiden sind nach wie vor befreundet. Sein Schauspielkollege Hermann Beyer meint, dass es vielen DDR-Regisseuren ähnlich erging wie Jurij Kramer. „Mir hat es sehr weh getan, dass sie keinen Fuß mehr in die Tür gekriegt haben.“

Politisch bleibt er sich treu. Er kandidiert für die PDS bei der Bezirksversammlung Prenzlauer Berg und wird für eine Legislaturperiode gewählt. Die demokratische Debattenführung ernüchtert ihn. Es wird viel geredet, aber wenig getan. So kann er auch hier keine Verantwortung übernehmen.

Sport, Natur und Literatur bleiben ihm

Seine Familie habe ihn letztendlich am Leben gehalten, so Katrin Kramer. Sport, Natur und Literatur bleiben ihm. Jurij Kramer und seine Frau Katrin wohnen seit 35 Jahren im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg. Dort sieht man ihn im Jahn-Sportpark seine Runden drehen, im Fitness-Center, hie und da ein Schwätzchen haltend. Das Haar hat sich von Kramers Kopf verabschiedet. Der Kleidungsstil ist sportlich. Olivgrüner Parka und Jeans. Er geht auf Menschen zu, sucht den Dialog, fragt und erzählt.

Im „Kaffe Kino“ in der Immanuelkirchstraße 6 werden jeden Donnerstag DDR-Filme gezeigt. Uwe Noske kuratiert das Filmprogramm und lädt ein. Vor drei Jahren läuft „Cyankali“. Jurij Kramer als Regisseur und die Hauptdarsteller Renate Krößner und Hermann Beyer sind geladen. „Es tat gut, die beiden zu sehen.“ Noske versteht Jurij Kramer. Was ihn am ostdeutschen Film so fasziniert, ist einerseits das breite Spektrum an Themen und andererseits die Formgebung. Er sieht es als kunstvollen Rahmen, in dem eine Geschichte erzählt wird. „Man hat sich Zeit für die Geschichten genommen und die Schauspieler wissen, was sie sagen.“

Nun ist Kramer 81 Jahre alt und wirkt aufgeräumt. Hat er seinen Frieden mit seiner Entwicklung gemacht? „Nein, es beschäftigt ihn weiter,“ sagt Katrin Kramer. Er sieht es als verschenkte Lebensmöglichkeiten.

 Die Tür zu weiteren Plänen hat er zugemacht. Es gibt nur noch wenig alte Kontakte. Ab und zu gehen sie zu Einladungen, meist sind es Geburtstage. Jurij erzählt von einer flüchtigen Bekanntschaft auf dem Falkplatz. Durch seine kommunikative Art kommen sie ins Gespräch, und als sie sich verabschieden, sagt die junge Frau „Ich glaube, Sie sind ein guter Mensch.“ Jurij nickt versonnen. „Ja, ich glaube, ich war ein guter Mensch.“

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