Straßenszene im nordsyrischen Idlib Ende Juli 2020.
Foto:  Imago Images/Moawia Atrash

Berlin  Von Krieg, Zerstörung und Sanktionen gebeutelt, erinnert sich heute kaum mehr jemand daran, wie Syrien eigentlich einmal war oder im Herzen noch ist. Vor zwei Jahren war ich nach langer Zeit wieder zu Familienbesuchen dort und fuhr durch die ausnahmslos zerstörten Vororte in die Hauptstadt Damaskus ein, die mich zu meinem Erstaunen aber noch an eben diese alten Zeiten erinnerte. Das Leben blühte, zumindest scheinbar. Die Minarette der gut eintausend Moscheen leuchteten am Abend immer noch in Neongrün, und meine Lieblingsfalafel gibt es auch noch. 

Die meisten größeren Orte und Städte in Syrien sind noch wiederzuerkennen. Trotzdem denken viele Menschen in Deutschland, dass Syrien vollständig in Flammen steht. Nein, es gibt dort noch Menschen, die versuchen, ihr Leben weiter wie bisher zu führen, und die man keinesfalls aufgeben sollte. Ich könnte mich an dieser Stelle über die Informationspolitik der Medien zum Thema Syrien aufregen oder über die völkerrechtswidrige Einmischung diverser Staaten. Aber der Ärger wird inzwischen von dem Wunsch nach Besserung und der Sehnsucht nach früher übertönt.

Vor zehn Jahren war Syrien touristisch im Kommen

Früher ist dabei gerade einmal zehn Jahre her. Denn vor zehn Jahren erlebte Syrien einen Aufschwung in der Tourismusbranche. Dem lag keine besondere Strategie zugrunde, sondern vor allem das Hörensagen: die Berichte von anderen Touristen, Abenteurern und Geschichtsfans, die begeistert aus Syrien wiederkamen. Syrien war einfach im Kommen. Als Wiege der Zivilisation ging das Land einst in die Reiseführer ein, mit Tempeln und Zitadellen, die die Akropolis doch eher klein aussehen lassen. Kaum ein anderes Land ist so weitgehend durch erstaunlich gut erhaltene Kreuzritterburgen vernetzt, und von der Oasenstadt Damaskus erzählt man sich, dass sie seit über 5000 Jahren durchgängig bewohnt sei.

Besucherinnen des historischen Seifenmarkts Khan Al-Sabun im nordsyrischen Aleppo, der nach den Verwüstungen der letzten Jahre renoviert und Anfang Oktober  2020 wieder eröffnet wurde. 
Foto: AFP

Es gibt Dörfer in Syrien, die Jahrtausende so isoliert waren, dass man dort immer noch Aramäisch spricht, die Sprache, die einst Jesus sprach. Es gibt Strände, grüne Wälder und belebte Berglandschaften in der Küstenregion und die Wüste auf der anderen Seite. Kaum irgendwo leben so viele Konfessionen und Ethnien zusammen auf einem Fleck. Unterschiedlichste Richtungen des Christentums, Sunniten, Schiiten, Alawiten, Drusen - und ich entschuldige mich für alle die, die ich nicht einmal auf dem Schirm habe. Wie schön war die Zeit, als niemanden die Religion oder Zugehörigkeit des anderen interessierte. Und nun? Nach der endgültigen Verwerfung des Regimes mit dem Westen wurde diese Vielfalt zum Pulverfass.

Zudem ist die Idee einer westlichen Demokratie vorsichtig herübergeschwappt oder zumindest in einer bestimmten Form in der arabischen Welt angekommen. Verwirrenderweise mischt sich ausgerechnet dies mit dem allgemeinen Konservatismus in der arabischen Welt, mit dem Trend zurück zur Religion. Aber wie immer  hat die Medaille auch im Fall des Arabischen Frühlings zwei Seiten, und beide lassen sich kritisieren. Wobei sich kaum einer traut, Kritik an der Bevölkerung zu äußern. So stark verankert ist die demokratische Idee dann doch noch nicht. Hier sind noch die Rebellen am Werk, die Demokratie mit Waffengewalt durchsetzen wollen.

Das demokratische Verwaltungssystem erscheint undurchsichtig

Und die Erfahrung demokratischer Praxis fehlt auch noch. Das demokratische Verwaltungssystem, in dem alles nach gesetzlichen Voraussetzungen objektiv geprüft wird, erscheint ja schon jenen, die die Vorgaben kennen, zuweilen undurchsichtig. Um wieviel mehr also jenen, denen schon das Konzept als solches fremd ist. Ein Syrer in Deutschland fragt sich, warum das alles so kompliziert ist und warum alle Welt gegen ihn zu sein scheint, obwohl er doch gerade vor der Korruption in seiner Heimat geflüchtet ist. Manchmal sind es ganz einfache Dinge, die einen Systemwandel, der vom Volke ausgehen könnte, schwierig machen. Zum Beispiel das ewige Streben nach akademischen statt handwerklichen Berufen. Dazu kommen latenter Rassismus, Homophobie und allgemein der hohe gesellschaftliche Druck auf das Individuum, der es schwer macht, sich unabhängig zu entfalten. Dies gilt auch für Frauen, obwohl Syrien in dieser Hinsicht noch ein Vorreiter in der arabischen Welt ist.

Das Bildungssystem ist starr. Der Respekt vor dem Lehrer ist heilig, Hinterfragen tabu. Syrer, die nach Deutschland kommen, um zu lernen, müssen erst verstehen, dass sie nicht alles in Lehrbüchern finden können und es erwünscht ist, selbständig Meinungen und Informationen zu erarbeiten. Im Übrigen wandern Fachkräfte und junge Leute in Ermangelung von Perspektiven ab. Manches sind spezifisch syrische Probleme, andere Probleme haben andere auch. In allen aber drückt sich eine Frustration und Identitätskrise aus, aus der die Syrer so schnell nicht mehr herauskommen werden. Die kurzsichtigen Sanktionen des Westens sind auch ein Grund dafür. Und in Verbindung mit ausbleibenden politischen Reformen oder gar einem vollständigen politischen Wandel seitens des Regimes wird sich der Frust bald zur Explosion steigern.

Abschlusszeremonie der Universität in Idlib Ende August 2020. 
Foto: Imago Images

Und dann sind da noch die Armut und die Isolation. Eine Lehrerin verdient in Syrien kaum mehr als 50 Euro im Monat, wobei die Preise für die Lebenshaltungskosten, abgesehen von den Grundnahrungsmitteln, mittlerweile den europäischen gleichen. Auch die Familie aus dem Ausland kann wegen der Sanktionen kein Geld mehr schicken. Im Zweifel hat die Lehrerin in Syrien also fast kein Auskommen, gäbe es die große Hilfsbereitschaft innerhalb der Bevölkerung nicht.

Google-Maps, Elektro-Autos und Fridays for Future sind für die Einwohner meist große Fragezeichen. Politische Meinungsbildung wird nicht betrieben, weder in den Schulen noch innerhalb der Familien. Oft nicht einmal aus Angst, sondern einfach, weil man andere Probleme hat. Denn wie soll man mit weniger als 50 Euro durchkommen? Man sehnt sich ganz einfach wieder nach einem Leben. Der Ärger gilt dabei nicht nur abstrakt dem Regime, sondern ganz konkret dem einfachen Beamten und Polizisten, der seine kleine Machtstellung ausnutzt, um für sich selbst und seine Verwandten abzugreifen, was abzugreifen geht. 

Was aber will ich nun vom Westen? Wie wäre es denn mit einer Überprüfung der EU-Sanktionspolitik in Syrien? Es ist doch wieder nur ein weiters Beispiel dafür, dass damit nicht das unliebsame Regime, sondern die Bevölkerung in die Knie gezwungen wird. Als Maßnahme, einen politischen Wandel zu erzwingen, ist sie nutzlos. Das drohende Machtvakuum macht es nur noch schwieriger. Und wie wäre es, die Syrer, statt ihnen die eigene Vorstellung von Demokratie aufzuzwingen, zu ermutigen, ihr eigenes System zu finden und dies durch Dialog und Bildung zu fördern? In einem Land, in dem bis kurz nach dem Krieg das Regime noch so viel Rückhalt genoss, scheint es mir fast fahrlässig, den Dialog an die Bedingung des Rücktritts des Machthabers zu knüpfen.

Ohne Sanktionen wäre der Teufelskreis besser zu ertragen

In Ermangelung politischer Alternativen wird ein Wandel keine leichte Sache. Dazu kommt die Angst der Bevölkerung, dass dem säkularen Regime, das stets die Vielfalt sichergestellt und Religionsgrenzen beseitigt hat, ein konservativ-religiöses folgt, welches all diese Errungenschaften wieder rückgängig macht. Deshalb ist wohl zu erwarten, dass das Pulverfass noch nicht leer ist.

Ja, ich sehe den Teufelskreis. Aber worauf konzentriere ich nun meine Wut? Am besten doch erst einmal auf den Haufen vor meiner eigenen Haustür: Ohne Sanktionen wäre dieser Teufelskreis für die Syrer leichter zu ertragen. Hätte die Lehrerin mehr als 50 Euro im Monat, könnte sie sich vielleicht auch wieder Gedanken über Politik machen. Wenn wir uns dann noch einen gemeinsamen Dialog zutrauen, in dem Regime und Opposition gleichwertige Verhandlungspartner sind, scheint ein neues System mit der Chance auf Besserung gar nicht mehr so fern. Und als Extra obendrauf würden wir gleichzeitig Fluchtursachen bekämpfen. Denn das wollten wir doch, oder?

Die Autorin arbeitet als Rechtsanwältin in Berlin.

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