Interview mit Sarah Ashton-Cirillo: „Wir werden den ganzen Donbass befreien“.

Ashton-Cirillo kam 2022 als US-Journalistin in die Ukraine. Die Transfrau schloss sich den Streitkräften an und kämpft seitdem für die Befreiung der Ukraine.

Sarah Ashton-Cirillo im Interview mit Anastasia Biefang.
Sarah Ashton-Cirillo im Interview mit Anastasia Biefang.Patrick Enssle

Sarah Ashton-Cirillo, 45, ist US-Amerikanerin, Journalistin, LGBTIQ+-Aktivistin und transgeschlechtlich. Sie berichtete als eine der ersten Journalist:innen bereits im März 2022 aus Kyiv und Charkiw vom Krieg Russlands gegen die Ukraine. Mittlerweile ist sie Angehörige der ukrainischen Streitkräfte und als Kampfsanitäterin im 209. Bataillon an der Front eingesetzt. Sie twittert und postet direkt aus den Schützengräben, gewährt Einblicke in ihr soldatisches Erleben und spricht sich deutlich für eine freie Ukraine und unverminderte Unterstützung durch die Vereinigten Staaten und Europa aus.

In einem Krieg, in dem die ukrainische Seite das Informationsumfeld perfekt bedient, ist sie eine der sichtbarsten und vielleicht ungewöhnlichsten Botschafter:innen im ukrainischen Militär. Am 23. Februar 2023 wurde sie während eines Gefechtes von Schrapnellsplittern im Gesicht und an der rechten Hand verwundet. Auch darüber twitterte sie kurz nach ihrer Verwundung noch aus dem Schützengraben und führte 45 Minuten nach ihrer Verletzung ein Live-Fernsehinterview mit einem amerikanischen Sender. Wir haben Sarah Ashton-Cirillo am 28. Februar 2023 in Charkiw getroffen und mit ihr über Soldat- und Queersein in den ukrainischen Streitkräften gesprochen.

Frau Ashton-Cirillo, wie kommt eine amerikanische Staatsbürgerin dazu, während einer der größten Kriege in Europa in die Ukraine zu gehen und sich zu entscheiden, die Ukraine als Soldatin zu verteidigen?

Die Frage stelle ich mir heute selbst noch sehr oft. Ich bin vor gut einem Jahr am 9. März 2022 hier nach Charkiw gekommen. Ich habe mich bereits früher in Konfliktgebiete begeben, aber niemals während eines Krieges, sondern immer erst danach. Ich habe erlebt und darüber berichtet, wie die Stadt Charkiw und Umgebung durch das ukrainische Militär befreit wurden. Ich bin während dieser Zeit gewachsen, ich habe mich an Artillerieeinschläge und Gefechtslärm gewöhnt.

Ich kam als Journalistin und jetzt bin ich ukrainische Soldatin. Ich hätte nie vorher daran geglaubt, dass ich einmal kämpfen würde. Aber diese Reise Schritt für Schritt – in Charkiw leben, unter russischem Terrorismus leben, russische Kriegsverbrechen mit eigenen Augen sehen, selbst Opfer russischer Propagandanetzwerke zu werden – führte mich bis zu dem Punkt, an dem ich wusste, dass ich mehr tun wollte. Und wie könnte ich mehr tun, als selbst für die Freiheit und Befreiung der Ukraine einzutreten, gegen die Tyrannei und den Faschismus der Russischen Föderation unter Wladimir Putin?

Sarah Ashton-Cirillo mit einer Kanüle in der Hand. Im Krankenhaus erholt sie sich von einem russischen Angriff wobei sie verletzt wurde.
Sarah Ashton-Cirillo mit einer Kanüle in der Hand. Im Krankenhaus erholt sie sich von einem russischen Angriff wobei sie verletzt wurde.Patrick Enssle

Gab es einen entscheidenden Moment, an den Sie sich noch erinnern, als Sie gesagt haben: Das genau ist es jetzt, das muss ich tun?

Es waren zwei Momente. Der erste ereignete sich in einer Stadt, die nur etwa zehn Kilometer von der russischen Grenze entfernt ist. Eine Frau saß auf einem Fahrrad. 42 Jahre alt, Mutter. Sie wurde von einem Mörser getroffen und ihr Körper war zerfetzt. Ich wollte darüber berichten und zugleich ihre Menschlichkeit bewahren. Das Erlebnis hat etwas in mir verändert. Der zweite Moment war nach der ukrainischen Gegenoffensive. Ich habe in Isjum miterlebt, wie die Leichen aus den Massengräbern exhumiert wurden. Verflüssigte menschliche Überreste.

Was viele Leute aber nicht wissen, ist, dass es ein russisches Grabensystem angrenzend an diesen Friedhof gab. Die Russen lebten buchstäblich neben dem Ort, an dem sie die ermordeten Zivilisten aus ihrem Grab begruben. Und da habe ich verstanden, dass die Russische Föderation unter Wladimir Putin der Inbegriff des Bösen ist. Es ist der Inbegriff von staatlich gefördertem Terrorismus. Und dieser Terrorismus muss besiegt werden.

Das heißt, Sie selbst sind Zeugin davon geworden, dass das Begehen von Kriegsverbrechen, das Erschießen und Töten von Zivilisten nicht nur einmalige Vorfälle, sondern tatsächlich Teil der russischen Militärstrategie sind?

Dieses grausame Vorgehen ist ein systemischer Teil russischer Militärstrategie. Wir wissen von diesen Kriegsverbrechen. Und diese Kriegsverbrechen werden weitergehen, bis wir die vollständige Befreiung der Ukraine erreichen, bis wir zu den Grenzen von 1991 zurückkehren und bis wir in der Lage sind, zu diesem Zehn-Punkte-Friedensplan zu gelangen, den Präsident Selenskyj als Fahrplan aufgezeigt hat.

Sie leben offen und sichtbar als transgeschlechtliche Frau. Ist Ihre eigene queere Identität ebenfalls ein Faktor gewesen, sich für den Kampf mit der Waffe zu entscheiden?

Das ist auch einer der Gründe, warum ich kämpfe. Die Russen haben es für mich als queere Person, als trans Frau, persönlich gemacht. Sie haben mich „diese Transgender-Journalistin aus Las Vegas“ genannt, die im Grunde für all das steht, was mit queeren Menschen und den heutigen Medien nicht stimmt. Wenn du siehst, dass es in Städten wie Mariupol Jagdlisten für schwule Männer gab, wird es persönlich. Ob queer oder nicht, es wird persönlich.

Und im ukrainischen Militär? Wie ist dort die Haltung zu queeren Soldat:innen? Welche Erfahrungen haben Sie persönlich gemacht?

Ich glaube, es hat eine Veränderung innerhalb der ukrainischen Gesellschaft gegeben, die die Menschen dazu gebracht hat, sich darauf zu konzentrieren, was individuelle Freiheit ist, und die Menschen dazu gebracht hat, sich auf ihre eigenen persönlichen Werte zu konzentrieren. Jedem das Seine. Das erstreckt sich auch auf das Militär und auf mich. Wir kämpfen zusammen im Schützengraben, wir stehen füreinander ein, mit unserem Leben. Du lebst dein Leben. Und es ist nicht „Don’t ask, don’t tell“. Meine Kameraden haben mich in verschiedenen Zuständen der Entkleidung erlebt. Manchmal stellten sie Fragen. Ich habe noch nie eine negative Erfahrung gemacht. Auch nicht, als ich nach meiner Verwundung ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Sie wussten, dass ich trans bin. Ich wurde genauso behandelt wie jeder andere Soldat.

Ich werde hier als trans Person besser behandelt als in den Vereinigten Staaten. Ich habe mich entschieden, als trans Person in der ukrainischen Armee zu dienen. Ich habe die Wahl getroffen, sichtbar zu sein. Natürlich werde ich als trans Soldat bekannt sein. Vor allem, weil ich hier Amerikaner bin. Daran führt kein Weg vorbei. Was ich nie wollte, war als „die“ trans Soldatin definiert zu werden.

Ich möchte als Kampfsanitäterin gesehen werden. Ich möchte als die Amerikanerin gesehen werden, die bereit ist, Seite an Seite mit Ukrainern und anderen zu stehen, die für Freiheit und Befreiung kämpfen. Jede Person sollte so sein dürfen, wie sie ist, solange es den Dienst nicht behindert. Und transgender und Soldat zu sein, behindert in keiner Weise irgendetwas daran, beim Militär zu dienen. Und das ist der beste Weg, wie ich es richtig machen kann.

Woher nimmt die ukrainische Armee die Stärke und den Willen, seit einem Jahr so erfolgreich gegen die russische Armee zu verteidigen und zu bestehen?

Mein Kommandeur im Feld ist ein promovierter Kernphysiker, der an der Front führt. Ich diene neben Geschäftsleuten, ich diene neben Grafikdesignern. Ich diene Seite an Seite mit Männern und Frauen, die buchstäblich aus allen Lebensbereichen kommen. Es ist dieser Geist, nicht nur das Land zu verteidigen, sondern auch der Wille, Soldat zu werden.

Das hat auch mich inspiriert. Und deshalb überrascht es mich nicht, dass die Ukrainer so erfolgreich kämpfen. Die Russen standen zwei Kilometer außerhalb der Stadt Charkiw. Kyiv ist nie gefallen. Die wichtigsten Städte, die Russland hätte einnehmen müssen, sind weiterhin frei. Und die anderen Städte, die Russland genommen hat, werden wir befreien. Wir werden den ganzen Donbass befreien.

Wir werden auch die Krim befreien. Die Russen scheitern, weil sie die Fähigkeit des ukrainischen Volkes nicht verstanden und unterschätzt haben, von Bürgern zu Soldaten zu werden. Die Waffen, die wir von unseren Verbündeten erhalten, werden wir erfolgreich einsetzen und das auf allen Ebenen und im Verbund, um die Russen abzuwehren. Wir sehen ehrlich professionelle militärische Ergebnisse, weil die Menschen, aus denen die ukrainische Armee besteht, als Individuen und als zusammenhängende Einheiten stark sind.

Sie sind jetzt seit ein paar Tagen nicht mehr an der Front, warten darauf, dass Sie an der Hand operiert werden können. In dieser Zeit der Ruhe oder eher Entlastung, an was denken Sie, was beschäftigt Sie gerade?

Ich denke über Leben und Tod nach. Meine Gedanken an Sterblichkeit im Kriegsgebiet vor meiner Verwundung waren eher theoretisch. Jetzt ist es echt. Ein paar Zentimeter in eine andere Richtung, und ich könnte tot sein. Ich weiß, was es bedeutet. Und das bedeutet, dass es Helden gibt, die vor mir gegangen sind. Ich bin keine Heldin. Aber die Helden, die vor mir gegangen sind, sind auch die, für die ich jetzt kämpfe, nicht nur für die Menschen, um mich herum. Nicht nur für die Lebenden, sondern auch für die, die den ultimativen Preis bezahlt haben. Es ist sehr real. Aber ich verstehe auch, dass es wert ist, dafür zu kämpfen.

Ich habe das Gefühl, dass Sie nicht erwarten können, zu Ihrer Einheit zurückzukehren?

Ja, ich bin bereit, zurückzugehen. Sobald ich für gesund genug erklärt werde, bin ich wieder bei meinen Kameraden. Ich hatte großes Glück. In jedem Fall werde ich in der Lage sein, in den Kampf zurückzukehren, und das habe ich auch vor.

Danke für das Gespräch.

Die Autorin legt Wert auf die Verwendung des Doppelpunkts zur Sichtbarmachung aller Geschlechter.

Anastasia Biefang ist Bundeswehroffizierin und stellvertretende Vorsitzende von QueerBw, ein Berufsverband homosexueller und transsexueller Soldaten und Bundeswehrangehöriger.

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