Es ist der 23. Februar 2022. Bei strahlendem Sonnenschein stehe ich in meiner Heimat am Grab meines geliebten Onkels. Mein Vater, also sein Schwager, hält die Grabrede. So wie meine Mutter stammte mein Onkel aus Vietnam. In den frühen 1970er-Jahren studierte er zusammen mit meinem Vater in Deutschland Maschinenbau. Über ihn lernten sich auch meine Eltern kennen.

Nach dem Begräbnis kommen verschiedene Besucher:innen auf meinen Vater zu und loben ihn für die gelungene Rede. Vielen war gar nicht klar, dass mein Onkel bereits in einem anderen Land ein Leben geführt hat. Über diese Bemerkungen muss ich noch länger nachdenken. Einige Menschen können es sich gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn man wegen eines Krieges seine Heimat verlassen muss, welche Irrungen und Wirrungen meine Mutter und mein Onkel erleiden mussten, damit ihre Ausreise klappte.

Bis zu dieser Grabrede habe ich das auch nicht gewusst. Meine Mutter spricht nicht gerne mit mir über ihre Zeit in Vietnam oder über das, was der Krieg in ihr und in ihrer Familie ausgelöst haben. Es ist ein Tabuthema. Das Einzige, das ich weiß, ist, dass meine Mutter während ihrer ersten Jahre in Deutschland nachts häufig von ihren Albträumen aufgewacht ist. Und dass sie weiß, wie sich Hunger, permanente Angst vor sexuellen Übergriffen durch Soldaten und finanzielle Not anfühlen.

Sie hat noch einen weiteren Bruder, der damals eingezogen wurde und bis heute als vermisst gilt. Meine Mutter weiß also auch, wie es ist, irgendwo noch einen verschollenen Bruder zu haben. Sie erlebte in Vietnam eine Welt, die sie nicht mit mir teilen möchte – vermutlich, um sich selbst zu schützen. Aber meine offenen Fragen über meine asiatischen Wurzeln bleiben.

Nach der Trauerfreier meines Onkels reise ich wieder zu meinem Mann und meinen beiden Kindern. Im Zug denke ich die ganze Zeit über die Grabrede meines Vaters nach. Viel zu spät begreife ich, dass ich selbst aus einer Flüchtlingsfamilie stamme.

Wie geht es den Kindern der Kriegskinder?

Am drauffolgenden Morgen, also am Morgen des 24. Februar 2022, beginnt Putin seinen militärischen Angriff auf die Ukraine. Mein Atem steht still. Ich kann es nicht fassen. Krieg. Schon wieder? Mein Herz wird schwer. Ich befinde mich in einer Schockstarre, bis ich mit meiner ukrainischen Freundin aus Kiew sprechen kann.

Kiew, eine Stadt, die kilometermäßig so viel näher an uns liegt als beispielsweise Rom oder Barcelona. Der Austausch mit meiner Freundin hilft mir aus meiner Starre. Über den politischen Konflikt an sich erlaube ich mir kein Urteil. Dafür weiß ich zu wenig. Ich spüre aber, dass das Problem komplex ist. Deswegen ist es meines Erachtens zu kurz gedacht, Putin als verrückt abzutun, und gewiss auch nicht zielführend.

Vor kurzem habe ich ein Buch gelesen. Es heißt „Wir Kinder der Kriegskinder“ und stammt aus der Feder von Anne-Ev Ustorf. Sie erörtert, wie sich die Kriegserfahrungen der Elterngeneration auf das Leben ihrer Kinder auswirken. Es geht um die Folgen des Zweiten Weltkriegs. Als ich das Buch las, blieb mir die Spucke weg, weil so vieles von dem auf meine Herkunftsfamilie zutraf. Denn auch mein deutschstämmiger Vater fällt mit seinem Geburtsjahrgang in die Generation der Kriegskinder, also all diejenigen, die zwischen 1927 und 1947 geboren wurden.

Den Kindern wurde damals häufig gesagt: „Ihr seid so klein, ihr habt nichts mitbekommen, alle anderen haben es viel schwerer gehabt.“ Also denkt man als Kind: Nimm dich nicht so wichtig, streng dich an! Seelische Verstimmungen hatten keinen Platz und keine Daseinsberechtigung. Tränen und Ängste wurden als Schwäche gedeutet. Viele Verhaltensmuster, über die dieses Buch Aufschluss gibt, treffen auf meine Eltern zu: Die vorhandene emotionale Sprachlosigkeit, das Zu-funktionieren-Haben, dass man für positive Gefühle und eine positive Ausstrahlung gewertschätzt wird und all die negativen Gefühle bitte außen vorlässt. Die eingeimpfte Sparsamkeit. Das Sich-rechtfertigen-Müssen, wenn man sich was gönnt. Das ganze Leben nach finanzieller Sicherheit auszurichten und nicht nach Glückseligkeit.

Eine Anleitung zum glücklichen Leben und zur freien Entfaltung war durch meine Eltern nur begrenzt möglich. Woher sollten sie auch wissen, wie das geht? Sie konnten ja nur das weitergeben, was sie als Kinder selbst gelernt hatten. Aufgrund der Kriegs- und Nachkriegsjahre war ihr Leben zu sehr von Angst und Mangelerfahrungen geprägt.

Das, was im Krieg passiert, hallt nach, und zwar über Generationen hinweg. Dies gilt nicht nur für die alten Kriege, sondern auch für die jüngeren: Jugoslawien, Afghanistan, Irak, Kosovo, Syrien. Was Putin in der Ukraine anrichtet, wird noch lange Auswirkungen auf die Familien haben. Das setzt mir am meisten zu.

Seit diesem furchtbaren Krieg gegen die Ukraine habe ich das Gefühl, dass Anne-Ev Ustorfs Buch aktueller denn je ist. Mir bereitet das große Sorgen. Die gesellschaftliche Grundstimmung ist ohnehin aggressiv. Als ich im Dezember auf einem Marktplatz in einer langen Schlange stand, um vom Roten Kreuz meine Booster-Impfung zu empfangen, kam es zu verbalen Attacken zwischen Geimpften und Ungeimpften. Gefühle, die manche aus den Zeiten des Kalten Krieges kennen, kommen wieder hoch, scheint es mir. Über Dokumentationen versuche ich mir den Aufstieg und Fall des Kommunismus zu erschließen, um das, was gerade geschieht, besser einordnen zu können. Gewiss habe ich noch nicht alles verstanden. Das Einzige, was ich weiß, ist: Dieser Krieg muss aufhören.

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