Berlin - Neurochirurgische Wachstation Neuköllner Krankenhaus Berlin, es ist abends, kurz nach acht, Schichtwechsel. Der Student, das bin ich, macht Extrawache, soll heute wegen akutem Personalmangel früher anfangen als sonst.

Draußen vor der Klinik beginnender Herbst, sonnig die vergangenen Tage, kein bisschen Regen, es ist fast warm. Mit dem Rad unterwegs zum Job. Start von der Laube aus, Kolonie zur Windmühle gleich am Britzer Garten, von hier sind es nur ein paar Minuten zum „Neuköllner“; vorbei fliegt Südberliner Abendlandschaft, seit wenigen Tagen die Stadt wie rasch mal eben umgefärbt, wirbeln jetzt gelbe Blätter den Britzer Damm rauf und runter, dasselbe Bild in der Gutschmidtstraße, die es jetzt rechts abgeht, tosender Verkehr immer noch, immer hupt irgendjemand gegen irgendjemanden, weil es nie schnell genug geht, irgendjemanden immer irgendetwas stört, oder hat schon vorher gestört, oder droht nachher noch zu stören.

Die Luft wie immer auch hier im Süden mit dem weniger an Verkehr brenzlig, streng stinkt es über die bunten Blätter hinweg, die jetzt das Bild der Straße (fast der Stadt) dominieren - Mensch und Natur- sowohl an ihren Bäumen so kurz vor Abflug hängend als auch in der Luft spielend, um dann ganz einfach nach der Landung platt getreten zu werden, Abziehbilder, kannst auch mitnehmen, immer neue nachtrudelnd, wie bestellt für die Zeit, diese Vorstellung. Dann die Schallmauer, nach ein paar Metern wird es auf einmal ganz still: Gelange nach Nebenstraßen mit Einfamilienhäusern durch das „Pförtchen“ an der Rückseite, Hintertür des Klinikgeländes vorbei an langgestreckten Pavillons zum Ziel, Wachstation, Parterre.

Es geht los. Fünf Patientenbetten

Es ist jetzt dunkel. Ein lässt mich ein großes Maul, die grau-metallene Flügeltür. Dahinter die „Station“. Ich bin da, wenn gleißendes Licht den Gang erhellt. Flüchtiges Bescheidsagen den Schwestern, umkleiden, fertig. Schwestern residieren in einem Vorraum zum eigentlichen Behandlungsraum, besprechen grad leise, was anliegt, wer kommt, wer geht, wer kritisch ist, wer vielleicht nicht durchkommt diese Nacht. Erklären dann auch mir, worauf besonders geachtet werden muss. Die Atmosphäre routinedurchdrungen, wenig reden, alles tun, vorbereiten, machen, die einen kommen, andere gehen. Stimmen immer unaufgeregt, zimmerlaut.

Gleich werden die ersten mit mir in den Raum nebenan gehen. Es geht los. Fünf Patientenbetten, jede Menge gleichartiger Gerätegruppen am Kopfende wie kleine Türme gedrängt, jedermann sein eigenes Raumschiff, destination unknown von Erde bis Mars, geerdet jetzt Bodenstation Berlin-Neukölln, ein feste Burg, Personal steht bereit. Alle Frauen an Bord. Immer Frauen, pflegen die Männer. In jeder Ecke des Raumes ein Patientenbett, an der breitesten Wand noch eines dazwischen geschoben, gleich daneben Durchgang zum Schwesternraum. Der Behandlungsraum erleuchtet, kalthell durch lange Deckenlampen, Lichtleisten. Neonlicht, blaulastig im Grundton, darüber schwingen etwas Weiß und Chrom. Auf Bettenhöhe funken diverse Quellen dazwischen: Flimmernd und stur durchlaufende Armee von Anzeigelämpchen, gelbe, rote, grüne, blaue Leuchtpunkte, Sterne in der Nacht.

Wände halbhoch durchgefliest, jeder Platz an der Wand durch Kabel, Stöpsel, Gasanschlüsse lückenlos genutzt. Permanentes Summtonkonzert der ubiquitären Trafos, Umspanner und Wandler, Ton und Stimmen der allgegenwärtigen Ströme (ohne Strom läuft nüscht), ständig durch verschiedenste, meist hoch-, alarmfrequente Signalgeräusche aller Art unterbrochen, Fiepen, Piepen, Summen. Bis eine Schwester das abstellt, meist dann ein anderes Gerät an-, ab- oder umstellt. Bis zum nächsten Alarm. Tonstörung, wenn sie den Raum betreten, lautlos ihren Job zu verrichten, immer die Akustik des Raumes verändern, lebende Schallschatten. Sprechen die Patienten an, laut und deutlich, kurz und knapp, sachlich bis auch mal energischer, wenn erforderlich, dabei immer freundlich wie bestimmt, jedes Wort, jeder Ton sitzt. Wenn sie zu zweit kommen, was selten vorkommt, sprechen sie miteinander stets gedämpft wie bei einer Vorstellung, die sie nicht stören wollen, manchmal wie Flüsterprobe, Regieanweisungen im Halbhörmodus.

Schädel-Hirn-Trauma trifft Hirnblutung

Dann geht es mit den Stimmen und dem Schweigen normal weiter im Regieraum nebenan, die Stimmen ziehen sich um. Dabei eine stets dominierend. Bewegt sich auch so. Jeder Schicht sieht und hört man die führende Person an. Inmitten dieser gleitenden Abläufe ein zweiter Film, eine Konversation, bahnt sich ein Gespräch zwischen drei Patienten an. Unter unbekannter Regie ohne erkennbaren Aufbau.

Wirkt zufällig, ein Wort gibt und bestimmt das nächste, wenn es denn so ist. Inhalte wechseln ständig, gebremst oder verstärkt je nachdem. Nach was wohl!? Irgendjemand wirft den Ball, ein anderer nimmt ihn auf oder auch nicht, lässt ihn in Ruhe oder in der Luft mal kurz, mal sehr lange schweben, manchmal minutenlang. Keiner scheint etwas zu lenken. Was wissen wir schon vom Hintergrund dessen, was wir hören, hier sehen. Denken uns trotzdem immer vermeintlich deren, sicher unseren Teil. Das Gespräch scheint sich selber zu lenken.

Ein Kommentar unterbricht das Schweigen der Patienten, das Geräusch der Geräte. Neue Bälle am Tanzen, Schweben. In dieser Nacht sprechen drei der fünf Patienten miteinander, die beiden übrigen kommunizieren, wenn sie kommunizieren, nicht durch Worte, Töne, Laute. Niemand weiß, ob sie die Stimmen hören, Worte, Laute, Töne verstehen. Die Szene wird durchbrochen von unregelmäßig zwischenzeitlichem Kommen und Gehen der Schwestern, Frauen der Bodenstation in immer weißen Uniformen, halten Erdung aufrecht, verhindern Schlimmeres.

Alle Patienten mit Schädel-Hirntrauma, alle instabil, überwachungspflichtig, alle lebensbedrohlich erkrankt. Patient A liegt hier nach Sturz mit dem Moped im Süden Berlins, da lag noch kein Laub. Vor ein paar Tagen frisch operiert. Im Vollrausch ungebremst gegen Straßenlaterne.

Patient B (sehr großer, kräftiger Mann): Folgezustand nach letztem mehrerer Suizidversuche, von dem er sich nicht erholt hatte. Hatte sich aus dem Fenster gestürzt und überlebte, weil im Geäst eines Baumes, dessen Blätter noch grün waren (er hatte ihn dennoch nicht wahrgenommen) hängen geblieben. Unter anderem schweres Schädelhirntrauma, stuhl- und urininkontinent. Überleben immer auf der Kippe.

Patient C mit Alkoholenzephalopathie und Hirnblutung, x Stürze, immer wieder als „hilflose Person“ auf Berliner Straßen hier im Süden eingesammelt, rund um den Kiez, wo seine Kneipen stehen. Ständig in Lebensgefahr. Die anderen mit Zustand nach Schädel-OP, verschiedene schwere Hirnschäden, Massenblutungen, Tumore.

Es beginnt die Konversation.

Patient A: Ick will weg. Wegfahrn. Mutter, ick wär doch gekommen, jetzt muss ick sehn dass ick nochn Fenster kriege. Patient B: vierunzwanzich Mark. Pause, dann  A: Egal, sind achtunachzick. Schwester: Jetzt seid ma zufriedn, guten Morgen! (es ist nach 12 Uhr). A: seid ma zufriedn! Ick hätte jern ne Soda gehabt.

Wat haste jeträumt?

Nach dreißig Sekunden, Patient C: Macht Schluss! A: Mit dem Werkzeuch komm doch zurück, wo de herkommst! Schwester setzt sich zu A ans Bett, A sagt (ganz entspannt und mit Betonung zu ihr): Habe jeträumt. C mischt sich ein: Wat haste jeträumt? A (Kopf wieder Richtung Schwester): Juten Morjn! Nach kurzer Pause erklärend: Von Ihnen!

Nach kleiner Pause wieder Patient A: Werd ich mal zum Tüff jehn – und solche Türe – nee – keene Türe drin. Kurze Pause, laut Richtung Raummitte: Hallo? So muss der Spind aussehen! So blank! Hab Zeit. B reagiert mit: Kommste vor morgen aber ja nich nach Hause! A: Willick ooch nich. B schreit: Kannste ooch nich!

So geht es weiter. Irgendwann Patient A: Du bist Eierkopp! Daraufhin B: Ick bin keen Idjot! A: Das is ne wissnschaftlich historische Tatsache, du blödes Schwein! Deswegen kommste auch nach Tegel in Wildpark! B braucht 25 Minuten für die Antwort: Halbzehn? A: Brauchste nich zu zeeln, um halb neun biste schon tot.

Ein Telefon klingelt im Schwesternraum mehrfach, harter, schriller, fordernder Ton. B: Wo bleibtn bloß der Komponist? A: Na du bist doch da. Nach drei Minuten laut: Kann ma eina ans Telefon?! Telefon!  B sagt sachlich: Ick bin keen Komponist! A: Na du bist Eierkopp! Man hört die Schwester im Nebenraum telefonieren, ohne sie zu verstehen. B (laut): Wer issn da? A: Du quatschst blöd.  Mehrere Minuten Pause, dann C: Hättst ma meine Schränke sehn solln, die ick jebaut hab. C guckt fragend in die wortlose Runde.

6 Uhr früh. Ende der Vorstellung

Es ist um vier in der Früh. Der Stationsalltag läuft weiter seine einstudierten Rhythmen. Alle werden jetzt im Bett „gewaschen“, d.h. die Schwester benetzt und bestreicht mit Einmalwaschlappen alle Körperstellen, die verschmutzten etwas intensiver, immer von oben nach unten, bis optisch alles sauber, Extrawäsche bekommen Augen und Mund. Gucken, ob alle Kabel und Schläuche richtig liegen und alles läuft. Frühstück gibt’s flüssig per Sonde. Dann irgendwann alles ok, bei allen läuft alles. Der Student hat dabei hier und da mitgeholfen, vor allem beim Drehen der Patienten, das ist anstrengend, die Rücken stark belastet.

A spricht in Richtung Raummitte, freundlich bestimmt: So – ick möchte gerne uffstehn, drei Tage und drei Nächte reicht in dem Jefängnis. B: Ach Quatsch. A: Ick kann dir die Luken dichte kloppen! Unvermittelt packt A mit beiden Händen die um ihn blinkende und tickende Technik an seinem Kopfende mitsamt anhängender Kabelage, hält alles triumphierend in die Höhe und holt aus, als wolle er es gegen das sofort erschienene Personal in Weiß schleudern. Die erste Schwester verzieht erschrocken das Gesicht, die zweite taucht auf, nimmt angedeutet Deckung.

Er bricht jedoch den Vorgang unvermittelt ab, bevor die Ankömmlinge etwas sagen können. Das Ganze dauert nur ein paar Sekunden. A lässt die Gerätschaft hörbar in Richtung ihres Platzes auf die oberste Maschine knallen, lässt sich nach getaner Arbeit zurück in seine alte Lage fallen. Männer machen mobil, die Frauen in Uniform richten rasch alles wieder her. 

Pause von etwa drei Minuten, dann B: Ja? Hoffe, du hast Erfolg! Längere Pause, A, auf einmal wie völlig losgelöst, singend: Zicke, wir faahn nach Ha-hau-seee!

Bis Dienstende keine weiteren Verlautbarungen. 6 Uhr früh: Ende der Vorstellung. Der Student geht kurz zu den Schwestern, tschüss sagen, war alles soweit ok, bis auf den Fast-Wurf keine besonderen Vorfälle, bis zum nächsten Mal. Umziehen im Nebenraum, über den kurzen Flur hinaus in die erste kühle Morgenluft, das Rad lehnt um die Ecke, der Himmel inzwischen von schwarzblau graublau, dann tiefblau geworden, von ferne brummt der erste Verkehr, niemand draußen zu sehen, außer den an- und abhuschenden Schichtwechsel, kurze Grüße, man kennt sich. Jemand schleppt blaue Müllsäcke raus, die Stadt erwacht, beginnt zu atmen, nimmt ihren ersten tiefen Zug.

Der Autor arbeitete 1982, während seines Medizinstudiums an der Freien Universität Berlin, auf der Station und stenografierte mit. Heute ist er Professor an der Hautklinik der medizinischen Hochschule Brandenburg.

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