Auch wenn es so aussieht: Nino ist nicht auf Krawall gebürstet, wenn er mit seinen Kumpels durch das Leipzig der 1990er-Jahre streift. Seine Freunde sind Punks und mindestens einer von ihnen wird tatsächlich immer wieder als Störenfried auffällig; Alkohol, Drogen, Diebstähle. Es ist das Extrembeispiel einer Jugendkultur, die Johannes Herwig vor seinem Leser ausbreitet – und ein Extrembeispiel von Zusammenhalt. Nino fühlt sich aufgehoben. Einen anderen Halt, im Elternhaus etwa, hat der 15-Jährige nicht.

„Scherbenhelden“ heißt Herwigs Buch, das den Charakter einer Generation wie unter einem Brennglas analysiert. „Dass sich Jugendliche abgrenzen, ist normal. In den Neunzigerjahren kam im Osten hinzu, dass die Eltern gedanklich weg waren. Die Wende hatte die Erwachsenen absorbiert, zumindest einige Jahre lang“, beschreibt es der Leipziger Autor. Der Prozess, sich selbst neu zu erfinden und im vereinten Deutschland einen Platz zu finden, hat den Ostdeutschen viel abverlangt – und stellte wiederum deren Kinder vor die Herausforderung, einen Freiheitsbegriff anzuwenden, den ihre Eltern nicht kannten. „Den Kindern wurden die Eltern fremd“, sagt Herwig. Das Nachwendejahrzehnt war für die einen ein Experiment, für die anderen eine Erfahrung von Sprachlosigkeit.

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