„Und du wirst 21, 22, 23. Du kannst noch gar nicht wissen, was du willst. Und du wirst 24, 25, 26. Und du tanzt nicht mehr wie früher.“ Naja lieber Hennig May, tanzen geht gerade schon mal gar nicht, und nicht zu wissen, wohin der Weg führt, ist auch nicht die optimale Antwort, die die Eltern eines 20-jährigen Sprösslings hören wollen. Zwanzig ist sowieso ein komisches Alter: die einen heiraten, die anderen arbeiten an den ersten Gen-Alpha-Kindern und wieder andere wohnen zuhause bei Mama und lassen sich die Zahnpastaflecken aus der Jeans bürsten.

Wo sind sie geblieben, die goldenen Zwanziger? Merk ich grad nix von. Die Lücke im Lebenslauf? „Naja, da war Corona, ich konnte nicht … Sie verstehen?“ – „Natürlich, Corona, harte Zeit für uns alle“. Oder vielleicht doch eher: „Corona! Sie haben doch so viele Möglichkeiten mit dem abgeschlossenen Studium! Die Firmen brauchen doch immer Praktikant*innen!“ Schauen wir da mal genauer hin: Viele Möglichkeiten? Ja! Ohne Frage gibt es in unserer Zeit so viele Möglichkeiten, wie wohl kaum jemals in dieser Erdgeschichte. Über 20.000 Studiengänge in der eigenen Stadt, in der Nebenstadt, in Österreich oder Berlin. Vier Google-Tabs, vier Ideen und eine Menge Suchanfragen nach Seiten wie „was-studiere-ich.de“. 16.100.000 Ergebnisse unter der Suchanfrage „Was soll ich studieren“ – wird wohl ein bisschen dauern, die Seiten durchzuklicken. Woher soll ein*e 18- oder 19-Jährige*r wissen, was er oder sie später einmal arbeiten will?

Ich kann nicht ohne Austausch, ich muss etwas erleben

„Erstmal ein Grundlagenstudium, da lernst du interessante Bereiche kennen und Menschen, die dich zu neuen Dingen inspirieren.“ Worte meines Vaters zu meiner Studienwahl vor ein paar Jahren. Gute Idee, wenn dann nicht Corona gekommen wäre. Ich kann nicht ohne Austausch, ich muss etwas erleben, um zu wissen, welche Möglichkeiten es gibt. Ich bin nicht Google, keine Fachzeitschrift und auch nicht 50 Jahre alt und welterfahren. Ich bin 22, frisch akademisiert, jedoch gerade ideen- und somit auch motivationslos. Ich gehe schlafen statt tanzen, ich spiele Brettspiele statt Bierpong, ich höre Podcasts, sobald ich die leere Wohnung betrete, um mich nicht einsam zu fühlen.

Ich bin 22, seit vier Jahren erwachsen und habe ein abgeschlossenes Studium in der Tasche. Ich liebe meine Familie, aber wohne seit Jahren nicht mehr zuhause. Mein Lebensmittelpunkt hat sich verschoben, meine Freunde von damals sind eben Leute von früher, mein Kinderzimmer ist ein Büro und mein alter Cityroller bei Kolping. Ich will nicht mehr nach Hause und muss trotzdem meine Berliner Wohnung kündigen, weil weder Google noch meine branchenfremden Eltern mir sagen können, was der nächste Schritt sein wird. Und das sollen sie auch nicht. Ich bin selbstständig, ich wohne, wasche und koche alleine und solange ich mein Bett noch selbst beziehen kann, will ich auch entscheiden, wo die Reise hingeht.

Trotzdem fehlt mir die Inspiration, der Austausch mit anderen, das Jungsein, die Leichtigkeit. Das Leben geht so schnell vorbei, bald bin ich 30 und nicht mehr Single, sondern alleinstehend. Diejenigen, die sich zu einem Fachstudium entschieden haben, können jetzt getrost einen Halbtrockenen kippen, während ich mir vor dem Laptop die Finger wund tippe, um im Internet nach dem passenden Masterstudiengang zu suchen. Aber was wirklich fehlt, sind Abende mit Wein oder Bier, die man in einer großen Freundesrunde im Park ausklingen lässt. Es sind Nächte, die man unter freiem Himmel genießt, ein sanftes Meeresrauschen im Hintergrund. Es sind Mittagspausen auf dem Campus und ja auch Vorlesungen von schrecklich langweiligen Gastdozenten in grauen Anzügen, die ungeahnt belebend von ihrer früheren Arbeit als Krisenhelfer in Uganda erzählen.

Ist ja eh alles egal, denke ich, und lege mich aufs Ohr

Ich sitze vor einem Anschreiben und versuche, mich selbst zu motivieren. Dieses weiße Blatt starrt mich an und will Ergebnisse sehen. Ein neues Anschreiben, eins von hunderttausend, wobei ich noch nicht einmal weiß, was dieses spezielle Unternehmen von den anderen unterscheidet. Auf der Webseite werde ich nicht fündig, meine Augen brennen vom googeln. Ich schmeiße das Blatt weg. Ich fühle mich schwach, bin motivationslos und lustlos. Ist ja eh alles egal, denke ich, und lege mich aufs Ohr. Wo sind Mut und Tatkraft hin? Ich will meine Zwanziger genießen. Ich will mein Leben wieder leben, Dinge organisieren und selbstbewusst in den Tag starten. Ich will, ich will, ich will. Ich will jung sein!

Also liebe Politiker*innen, vergesst uns nicht! Und liebe Arbeitgeber*innen: Wenn mir noch irgendjemand erzählt, ich solle es mit meinem abgeschlossenen Hochschulstudium mal mit einem Praktikum versuchen, der kann meine 450 Euro Monatslohn getrost in neue Wandfarbe investieren. Sie können sich vorstellen warum. 

Sarah Wartzack ist aus Bamberg nach Berlin gekommen und hat hier Medien- und Kommunikationswissenschaften studiert.

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