Bei kaum einem anderen Thema kochen die Emotionen so hoch wie beim Posten von Kinderfotos im Netz, auch bekannt als „Sharenting“. Der Ausdruck setzt sich aus den Worten „Parenting“, englisch für Elternschaft oder Erziehung, und „Sharing“, dem Teilen von Fotos und Informationen online, zusammen. Gemeint ist, dass Eltern ihre Kinder im Internet präsentieren. Geprägt wurde das Wort vom „Wall Street Journal“ bereits vor einigen Jahren, aber jetzt steigt die Sensibilität für das Thema.

Dabei liegen Theorie und Praxis sehr weit auseinander. Während die theoretische Meinung in den allermeisten Fällen lautet: „Kinderfotos gehören nicht ins Internet“, ist das Netz praktisch voll von Kinderfotos. Hinter dem rigorosen Nein gibt es eine Behauptung, die alle Gegner eint: Jedes gepostete Foto kann von Pädophilen missbraucht werden. Wer also Fotos seiner Kinder postet, der vergrößert damit lediglich deren Datenbank.

Jahr für Jahr gibt es deswegen Kampagnen wie #DeinKindAuchNicht, die auf dieses Risiko aufmerksam machen und mahnen: „Wissen wir, wer sich die Bilder ansieht? Und wenn nicht, warum wollen wir es nicht wissen? Dieser leichtsinnige Umgang mit sensiblen Daten und veröffentlichten Identitäten von Schutzbedürftigen ist nicht nur naiv, sondern fahrlässig.“

In den Kommentarspalten dieser Kampagnen geht es heiß her und nicht selten kommt es zu Beschimpfungen. Doch schaut man sich in Elternkreisen um, so sind Kinderfotos ganz sicher keine Seltenheit. Unter Influencern ist sogar bekannt: Je mehr niedliche Kinderfotos, desto mehr Likes, desto mehr Geld lässt sich verdienen. Eine ziemlich hässliche Angelegenheit, wenn man näher darüber nachdenkt.

Wenn Kinder kein Mitspracherecht haben

Auch mich lässt die lückenlose Dokumentation mancher Kindheit erschaudern. Kürzlich erst habe ich die Geburt eines Influencerkindes miterlebt. Das letzte Foto vor der Geburt wurde wenige Minuten vor dem tatsächlichen Ereignis gepostet, das nächste wenige Stunden nach selbigem. Danach wurden Fotos der Geburt an sich gepostet, und ich bekomme als Zuschauerin genaue Daten zu der kinderärztlichen U2-Vorsorgeuntersuchung mitgeteilt. Ich weiß den genauen Geburtstag, die Geburtsstunde, den Kopfumfang, das Gewicht und viele andere Details. Ich weiß, wer die Nabelschnur durchgeschnitten hat, was der Vater während der Geburt tat oder nicht tat und wo die Geschwister zum Zeitpunkt der Geburt waren.

Und da sind wir auch schon beim größeren Kontext: Mit den Fotos kommen im beschreibenden Text weitere Details, die viele private Daten preisgeben. So gibt es in der Zwischenzeit dokumentierte Fälle von Jugendlichen, die von ihren eigenen Eltern bis zur Pubertät aus dem Netz ferngehalten wurden, um dann zu entdecken, dass ihre komplette Kindheit bereits öffentlich dokumentiert wurde – und zwar von ihren eigenen Eltern.

Große Aufmerksamkeit erfuhr 2019 der Fall der 14-jährigen Sonia Bokhari. Als ihr endlich erlaubt wird, eigene Social-Media-Accounts anzulegen, entdeckt sie, dass bereits viele intime Momente ihres Lebens öffentlich zur Schau gestellt wurden. Darüber schreibt sie im Onlinemedium Fast Company. Der Artikel schließt mit folgendem Gedanken: Für ihre Generation ist es teilweise gar keine Option mehr, sich anonym durchs Netz zu bewegen, denn die Entscheidung, ob man im Netz öffentlich präsent ist, wird nicht mehr von den Kindern und Jugendlichen selbst, sondern von deren Eltern getroffen.

Eine Feststellung, die zumindest bei mir ein sehr ungutes Gefühl entstehen lässt. Denn ich kann mich an viele Fotos erinnern, die meine Eltern in den 1980ern für süß hielten und mir unendlich peinlich waren. Zu meinem Glück gab es zu dieser Zeit noch keine sozialen Medien, wo meine Eltern diese Fotos hätten posten können.

Aber lässt sich daraus insgesamt schließen, dass das Netz tatsächlich frei von Kinderfotos sein sollte und dass Eltern Kinderfotos letztlich nur posten, weil sie eitel sind und Likes generieren wollen? Die Lebenserfahrung sollte mittlerweile gezeigt haben: Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen Schwarz und Weiß.

Dos and Don'ts beim Posten von Kinderfotos

Vielleicht reicht es schon, das Posten von Kinderfotos nicht allgemein zu verteufeln, sondern für einen bewussten Umgang mit dem Posten von Fotos zu plädieren.

Ich denke, zunächst können wir uns darauf einigen, dass Fotos, die Kinder nackt, halbnackt oder in entwürdigenden Posen zeigen, tatsächlich nichts im Netz verloren haben – auch nicht im „privaten“ Facebook-Account oder einer WhatsApp-Gruppe. Meinen Partner würde ich auch fragen, ob er noch alle beisammen hat, wenn er mich beim Pinkeln fotografierte und das postete. Egal, wie lustig ich seiner Meinung nach dabei aussehe.

Foto: privat
Die Autorin:

Patricia Cammarata hat Psychologie studiert und arbeitet seit vielen Jahren als IT-Projektentwicklerin. Ihre Karriere als Autorin begann sie als Bloggerin. Seit 2004 schreibt sie den preisgekrönten Blog „dasnuf“. Ihre Podcasts „Mit Kindern leben“ und „Nur 30 Minuten“ werden von Tausenden Menschen gehört. In diesem Jahr hat sie zwei hochinteressante Ratgeber veröffentlicht, die beide zu Bestsellern wurden: „30 Minuten, dann ist aber Schluss“ und „Raus aus der Mental-Load-Falle“. Cammarata hat drei Kinder und lebt mit ihrer Patchwork-Familie in Berlin.

Aber aus dieser Grundvoraussetzung folgt nicht, dass das Netz kinderfrei sein muss. Denn stellen wir uns vor, dass tatsächlich keine Kinderfotos im Netz zu finden wären. Es gäbe weder private Fotos von Kindern, noch dürften Kinder als Werbemotiv irgendwo auftauchen – denn es gibt ja keinen Grund, warum die Werbeindustrie von dem Verbot ausgeschlossen werden sollte.

Ich fände so ein Internet gruselig und glaube, dass es für Eltern ein großer Verlust wäre, wenn Kinder(-fotos) komplett aus dem Netz verschwänden. Das Internet ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Und zur Gesellschaft gehören Kinder dazu. Wenn Kinder präsent sind, müssen sie mitgedacht werden. Das trägt zur Kinder- und Familienfreundlichkeit bei. Auch im Internet.

Familien in der Gesellschaft sichtbar machen

Aktuell haben vielleicht sogar einige Eltern in der Corona-Zeit einen ähnlichen Effekt erleben können: Wo Kinder im Homeoffice während einer Videokonferenz sichtbar sind, weil sie mal durchs Bild laufen oder die unaufschiebbare Frage loswerden müssen, ob sie sich jetzt sofort Maiswaffeln nehmen dürfen, können sie mitgedacht werden.

Sie können helfen, dass Unternehmen familienfreundlicher werden, dass Kolleginnen und Kollegen kurz innehalten und verstehen, dass Eltern in dieser Zeit einer besonderen Herausforderung gegenüberstehen, und sie können auch unter Eltern Solidarität und ein Gefühl von Gemeinschaft erzeugen, weil allen klar wird: Wir sind nicht alleine, wir sind keine Einzelkämpfer.

Sichtbare Kinder sind eine Chance. Bei den allermeisten Eltern geht es nämlich nicht um Eitelkeit und Sucht nach Likes. Kinderfotos sind moderner Familienalltag im Netz, und als solcher bieten sie Orientierung und Abgleich.

Wir als Eltern können durch Kinderfotos im Netz einen Familienalltag jenseits der polierten Werbebotschaften der Windelindustrie und immer glücklichen Fake-Familien der Vorabendfernsehprogramme sehen. Wir können die Höhen und Tiefen des Familienlebens teilen, Zuspruch erhalten, Mut machende Worte empfangen oder einfach das Gefühl bekommen, dass wir mit unseren Sorgen, Nöten und Herausforderungen nicht bedauerliche Einzelfälle sind. Nur so können wir zum Beispiel erkennen, dass einigen Themen systemische Probleme zugrunde liegen, die wir als Eltern und damit auch Wahlberechtigte durch politische Forderungen adressieren müssen.

In der zurückliegenden Zeit der Kontaktbeschränkungen und der Kita- und Schulschließungen waren Kinder- und Familienfotos im Netz sogar das einzige Schmerzpflaster, was Eltern blieb.

Und dass Eltern Solidarität erfahren, dass sie sich politisch engagieren, dass sie unübersehbar werden, ist am Ende auch gut für Kinder, denn Kinder sind kein Privatspaß. So helfen Eltern, die mit ihren Kindern im Netz präsent sind, auf die desolaten Rahmenbedingungen von Geburten und Hebammenmangel aufmerksam zu machen, sie helfen, ins Bewusstsein zu rufen, dass Kitaplätze fehlen, dass Homeoffice ohne Kinderbetreuungsmöglichkeit keine Vereinbarkeit schafft, dass Digitalisierung im Schulkontext nicht bedeutet, dass man PDF-Dokumente ausdruckt … Die Liste der Themen lässt sich nahezu beliebig erweitern.

Natürlich hat nicht jedes Kinderfoto eine politische Dimension. Muss es auch nicht. Es kann auch einfach einen besonders schönen Moment festhalten, den Eltern gerne erinnern und teilen wollen. Daran ist nichts Verwerfliches.

Welche Kinderfotos gehören ins Netz?

Aus meiner Sicht lautet die Frage am Ende also nicht, ob Kinderfotos ins Netz gehören, sondern welche. Dabei gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten, wie Kinderleben im Netz stattfinden kann, ohne dass dies problematisch ist: So kann man Detailaufnahmen posten, auf denen Kinder nicht direkt zu erkennen sind, zum Beispiel Hände oder Kinder von hinten. Außerdem ist es möglich, Fotos zu verfremden, indem man die Kindergesichter unkenntlich macht.

Sind die Kinder irgendwann alt genug, das selbst zu entscheiden, kann man sie auch schlichtweg fragen, ob die Veröffentlichung okay ist. Schließlich haben Kinder eine eigene Einschätzung darüber, was privat oder möglicherweise privat ist und was nicht. Bei Babyfotos kann man in Erwägung ziehen, ob diese nicht generell publiziert werden können, da die meisten Babys keine extremen Alleinstellungsmerkmale besitzen, die ein Wiedererkennen einfach machen.

Es gibt also viele Facetten, die man durchdenken kann, bevor man jegliches Posten von Kinderfotos im Netz als problematisch abstempelt. Entscheidend sind ein respektvoller Umgang und der ständige Austausch mit den Kindern. Nur so lernen auch die Kinder, dass man nicht einfach ungefragt Fotos von Menschen postet.

Bleibt am Ende das Argument, dass jedes Kinderfoto in einer Pädophilendatenbank landen kann. Das bleibt tatsächlich. Das Digitale erleichtert das Sammeln entsprechender Fotos. Das Nicht-Posten verhindert den Missbrauch allerdings nicht. Täter können sich auch ohne Soziale Medien Fotos verschaffen, indem sie sich an Spielplätze oder Planschen stellen, dort Fotos machen und die dann mit anderen Tätern austauschen. Deswegen handelt es sich bei der Argumentation von Kampagnen wie #DeinKindAuchNicht für mich in erster Linie um eine Täter-Opfer-Umkehr. Denn Eltern sind nicht schuld, wenn Täter Fotos missbrauchen.

Deswegen lautet mein Fazit: Jedes Elternteil, das verantwortungsvoll mit dem Thema Kinderfotos im Netz umgeht, ist eine Bereicherung für unsere Welt.

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