Klimaschutz: Ich brauche mein Auto – Kritik daran ist oft anmaßend

Für den Klimaschutz sollen mehr Menschen auf ihr eigenes Fahrzeug verzichten. Unsere Autorin wirbt für Verständnis für jene, die keine Alternative haben.

Strasse im Rapsfeld Nauen, Brandenburg.
Strasse im Rapsfeld Nauen, Brandenburg.imago/Jochen Eckel

Dieses eine Netzwerktreffen interessierte mich wirklich. Nur deshalb war ich bereit, die mindestens einstündige Anfahrt auf mich zu nehmen. Der Ort des Events lag in einer Großstadt, die mir fremd war – mein letzter Umzug hatte mich just ins benachbarte Bundesland verschlagen. Als ehemaliger Stadtmensch kenne ich die gefühlt stundenlangen Kurvereien auf der Suche nach einem Parkplatz nur zu gut. Ich begebe mich deshalb nicht blauäugig mit dem Pkw in eine fremde Stadt.

Also fragte ich bei dem angegebenen Ansprechpartner nach, ob er denn wohl einen Tipp hätte, wo ich gut parken könnte. Ein kleiner Fußmarsch zum Veranstaltungsort, so fügte ich noch an, sei kein Problem. Ohne weitere Einleitung und Umschweife erhielt ich folgende Rückmeldung: „Noch immer bin ich nicht im Besitz eines Kfz und entsprechender Informationen! Tipp: Park and Ride.“

Davon abgesehen, dass ich die Schroffheit als unprofessionell empfand, verwunderte mich der dogmatische Unterton. Da ist also jemand, der mir nicht nur die erbetene Information verweigert, sondern auch sich selbst als gutes Beispiel anführt und mich implizit auffordert, es ihm gleichzutun? Ich beschloss, einigermaßen diplomatisch zu bleiben, und antwortete: „Hm, klingt ein bisschen wie ‚Schaffen Sie doch Ihr Auto ab‘. Okay, danke trotzdem, ich werde eine Lösung finden.“ Damit, so dachte ich, wäre die Konversation abgeschlossen. Doch mein virtuelles Gegenüber interpretierte meine Worte als Steilvorlage. Ich erhielt folgende Antwort: „Bitte nehmen Sie das als ernstzunehmenden Tipp! Ich habe bei Fahrten mit Mietwagen im In- und Ausland gute Erfahrungen gemacht, so auch am letzten Wochenende in Holland.“

Ich lag mit meinem Verdacht also richtig. Fassen wir kurz zusammen: Ich hatte um einen Parktipp gebeten. Den bekam ich nicht. Mein Gesprächspartner bemühte sich gar nicht, mir eine brauchbare Auskunft zu verschaffen. Stattdessen erhielt ich eine als Tipp maskierte Aufforderung zur Änderung meiner Lebensführung: Ich sollte mich doch meines Autos entledigen. Alles klar. Was war das? Themaverfehlung in jedem Fall. Auch ziemlich dreist? Anmaßend? Übergriffig?

Nicht immer kann man sich auf die Bahn verlassen.
Nicht immer kann man sich auf die Bahn verlassen.imago/BildFunkMV

Grenzen des ÖPNV: Im Notfall braucht es dann doch ein Auto

Ich kann nur vermuten, dass mein Korrespondenzpartner engagierter Klimaschützer ist, überzeugt davon, den eigenen ökologischen Fußabdruck im Griff zu haben, und immer darauf bedacht, all jene, die den Ernst der Lage noch nicht so gut verstanden hatten wie er, mit gut gemeinten Hinweisen zur Minimierung ihrer eigenen Schuld an der fortschreitenden Umweltzerstörung zu versorgen. Gut-gemeint und Schlecht-gemacht wohnen seit jeher Tür an Tür. So auch heute noch.

Ich habe die Städte schweren Herzens, aber aus guten Gründen verlassen. Ich kenne beides: Sowohl in der Stadt zu leben und wegen dem Job zu einem Auto verpflichtet zu sein als auch in der Stadt zu leben und auf ein Auto verzichten zu können. Die Jahre ohne Auto waren angenehm. Meine Autolosigkeit in der Stadt hat eine Menge Geld und Zeit gespart. Und sie war kein Problem, solange ich alleinstehend war, keine Sorgepflichten hatte und nicht beruflich reisen musste. Jedes in dieser Zeit für mich persönlich notwendige Ziel war entweder zu Fuß, mit dem Fahrrad oder den zur Verfügung stehenden, eng getakteten öffentlichen Verkehrsverbindungen gut zu erreichen.

Die Grenzen dieser Vorteilhaftigkeit erfuhr ich jäh, als ich einen Hund adoptiert hatte und dieser eines Tages wegen Krankheit in den städtischen Auen kollabierte. Meine Versuche, einen Taxifahrer dazu zu bringen, mich und meinen Hund zum nächsten Tierarzt zu fahren, scheiterten. Er weigerte sich, einen großen Hund zu transportieren, Notfall hin oder her. Ein Anruf bei der Taxizentrale führte zum gleichen Ergebnis. Ein Telefonat mit dem Tiernotruf war ebenso ernüchternd: Es war kein Wagen frei. Nur dank eines freundlichen Lkw-Fahrers, der zufällig vorbeifuhr und meine Not erkannte, konnte mein Hund rechtzeitig behandelt werden. An diesem Tag verfluchte ich meine Autolosigkeit zum ersten Mal.

Inzwischen wohne ich auf dem Land. So richtig. Hier fährt kein Bus. Niemals. Kein Arzt, kein Supermarkt, keine Schule, einfach gar nichts ist ohne Auto zu erreichen. Ich höre bereits die Widerreden: „Natürlich, man kann alles zu Fuß machen, das ist sogar gesund!“ Selbstverständlich, man kann eine Stunde zum Supermarkt laufen und den Einkauf im Rucksack nach Hause tragen. Wenn man gerade gesund ist und sich die Auszeit eines Spaziergangs leisten kann. Die Betonung liegt immer auf kann, denn nicht jede Person verfügt über das Privileg der nötigen Wahlfreiheit.

Genau daran mangelte es mir auch bei erwähnter Netzwerkveranstaltung: Nicht nur, dass ich heute wirklich abgelegen wohne. Ich bin zudem sowohl chronisch krank als auch schwerbehindert und benötige daher die Zuverlässigkeit des eigenen Fahrzeugs. Ich habe familiäre Sorgepflichten und bin deshalb auf die Flexibilität des eigenen Fahrzeugs angewiesen. Ich bin Frau und bevorzuge damit die nächtliche Sicherheit des eigenen Fahrzeugs. Ich verfüge nicht über die zeitliche Flexibilität, mich mit einem fremden ÖPNV vertraut zu machen, und darf auch keine Anschlussprobleme riskieren, weil mein Leben den nötigen organisatorischen Spielraum nicht zur Verfügung stellt.

Und es kann vielerlei weitere Gründe geben, warum irgendeine andere Person ein eigenes Auto benötigt und weiterhin versucht, damit zu jedem nur erdenklichen Ereignis zu fahren. Bei den steigenden Spritpreisen und Unterhaltskosten ist ohnehin zu vermuten, dass viele, die weiterhin ein Kfz halten, das tun, weil sie es müssen – oder weil es das letzte bisschen Freiheit darstellt.

Eine Bushaltestelle in der Uckermark.
Eine Bushaltestelle in der Uckermark.imago/serienlicht

Landleben und Krankheit: Autobesitz ist oft alternativlos

Wer auf dem Land Kinder hat und sie liebt, überlegt sich gut, ob er sie mit dem Fahrrad über die berufsverkehrlastigen Straßen unserer verkehrspolitischen Monokultur zur Schule schickt. Wer mit dem pflegebedürftigen Angehörigen zu einer Untersuchung in eine entfernte Fachklinik muss, wird vielleicht ein Taxi finden, das ihn hinfährt, aber kaum eines, das ihn zurückfährt – denn der Taxifahrer wird fürchten, für seine eigene Rückfahrt keinen Fahrgast zu finden. Wer Tiere hat, muss stets für einen Notfall gewappnet sein.

Wer selbst alt, krank oder behindert ist, kann seinen Einkauf nicht über Feldwege transportieren. Wer von einem Job zum nächsten hastet, um die monatliche Hochpreismiete bezahlen zu können, wird mit öffentlichen Verkehrsmitteln auch in städtischen Gebieten nicht immer die nötige zeiteffiziente Anbindung finden. Gar nicht zu reden von denen, die beruflich reisen müssen oder Dienstleistungen direkt beim Kunden erbringen. Für manchen ist das eigene Auto auch schlicht die günstigere Wahl – so widersinnig das zunächst klingen mag. Und wenn das Leben keine andere als monetäre Entscheidung zulässt, wird der nachhaltige Umgang mit ökologischen Ressourcen gezwungenermaßen zum Nice-to-have.

All diese Optionen hat mein Konversationspartner vermutlich nicht bedacht. Weil er die vielleicht sehr komplexen Lebensrealitäten anderer Menschen nicht kennt und nicht versteht. Er unterstellt seinen Mitmenschen, über dieselbe Wahlfreiheit zu verfügen, die er selbst hat. Er weiß nicht, wie wenig Spannkraft, wie wenig Gestaltungsspielraum in anderen Leben stecken können. Er ist sich des Privilegs, auf dem sein freiwilliger Verzicht basiert, möglicherweise gar nicht bewusst.

Davon abgesehen, dass vor dem Hintergrund der bestehenden und drohenden Klimaschäden in aller Konsequenz jede Fahrt, also auch die mit einem Leihwagen oder öffentlichen Verkehrsmittel, infrage gestellt werden muss, und Klimaschutz auch auf völlig andere Weise stattfinden kann, sind ganz sicher nicht jene Menschen zum Verzicht anzuregen, deren Leben ohnehin von Verzicht geprägt sind. Damit sind auch, aber bei weitem nicht nur die klischeegeplagten Hartz-IV-Empfänger und Alleinerziehenden gemeint. Aufklärung ist sinnvoll, die richtigen politischen Entscheidungen sind nötig, und wer kann, ist aufgerufen, auf sein Fahrzeug zu verzichten. Aber, eben: wer kann.

Ilka Baral ist Betriebswirtin, Ex-Krankenschwester sowie freie Autorin und Lektorin. Als Expertin für das Leben mit chronischer Krankheit arbeitet sie derzeit an einem kritischen Buch über Missstände in Medizin, Politik und Gesellschaft.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.