Zur gleichen Zeit, als vor dreißig Jahren die Zwei-plus-Vier-Verhandlungen in Moskau das Ende der DDR besiegelten, wurde auf einer anderen internationalen Konferenz im Ostseebad Kühlungsborn – sozusagen posthum – der letzte Beschluss des verblichenen Zentralkomitees der SED umgesetzt: Diplomaten, Militärs und Wissenschaftler aus 13 Staaten berieten darüber, wie man den militärischen Missbrauch der Biowissenschaften verhindern könne.

Ich war damals noch Leiter des „Basiskollektivs Friedensforschung“ des Forschungszentrums für Molekularbiologie und Medizin der Akademie der Wissenschaften der DDR und hatte diese Konferenz zwei Jahre zuvor vorgeschlagen. Gezielt sollten Experten (Biowissenschaftler, Ethiker, Juristen, Militärs, Politiker) aus den Staaten des Warschauer Vertrages, der NATO sowie nicht paktgebundener Staaten als Referenten eingeladen werden, „die nach Möglichkeit zu gemeinsam getragenen Empfehlungen für die bevorstehende Überprüfungskonferenz [zur Biowaffenkonvention] kommen sollen“, wie es in meinem Antrag dazu geheißen hatte. Auf der dann für 1991 geplanten (und dann auch durchgeführten) Überprüfungskonferenz sollte die Wirksamkeit der Konvention über das Verbot der Entwicklung und Herstellung biologischer und Toxin-Waffen eingeschätzt und über Maßnahmen zu ihrer Stärkung beraten werden. 

In der Akademie-Leitung war man zwar zunächst sehr irritiert darüber, dass ich auch explizit Repräsentanten von NATO-Staaten einladen wollte, reichte aber meinen Vorschlag trotzdem nach oben ins „Hohe Haus“, das Zentralkomitee der SED, weiter. Ohne dessen Zustimmung konnte in der DDR keine Tagung mit internationaler Beteiligung durchgeführt werden. Dort traf mein Vorschlag aber auf offene Ohren: am 22. Mai 1989 fasste das Sekretariat des ZK den „Beschluss Nummer 03 1./843 56/89 über das XII. Kühlungsborner Kolloquium Biologische Waffen und die Verantwortung des Wissenschaftlers“. Daraufhin beauftragte mich der Akademie-Präsident, „die Durchführung dieses Beschlusses zu sichern“ und wies mich an: „Die Konzeption f. d. Kolloquium ist bis zum 31.8.89 dem GS [Generalsekretär der Akademie] vorzulegen, der bis 15.9.89 diese dem Ltr. d. Abt. Wiss. des ZK vorzulegen hat“ – zu einem Zeitpunkt also, da die Fundamente des ZK bereits erheblich zu bröckeln begannen. Doch die Konzeption wurde bestätigt.

Ausnahmegenehmigung für die Nutzung des Heims von Harry Tisch

Das Außenministerium erklärte sich bereit, 200 Exemplare des ebenfalls geplanten Tagungsbandes zu erwerben, um ihn als Beitrag der DDR zur bevorstehenden Überprüfungskonferenz zu verteilen. Gleichzeitig unterrichtete es alle Partnerstaaten der Konvention vorab über die geplante Tagung. Die stieß von Anfang an auf großes Interesse, selbst im Hauptquartier der Vereinten Nationen. Allerdings ergab sich in der Zwischenzeit ein Problem dadurch, dass uns der Zugang zum Ernst-Grube-Heim in Kühlungsborn, das als Tagungsort ausgewählt worden war, versperrt blieb.

Es war ein Gewerkschaftsheim, und auch im Gewerkschaftsbund der DDR, dem FDGB, spürte man inzwischen den Druck der Basis. Immer mehr Mitglieder beschwerten sich in den 1980er-Jahren über die Zweckentfremdung der Gewerkschaftsheime und viele traten deshalb sogar aus dem FDGB aus. Aus diesem Grund durften in Gewerkschaftsheimen grundsätzlich keine Tagungen mehr stattfinden.

Eine Intervention des Akademiepräsidenten Werner Scheler beim Vorsitzenden des FDGB, Politbüromitglied Harry Tisch am 1. August 1989 verhalf uns zwar zu einer „ausnahmsweisen“ Nutzung des Heims. Aber dann kollabierte der sogenannte Arbeiter- und Bauernstaat. Nun gab es nicht nur Reisefreiheit, sondern auch Informations- und Wissenschaftsfreiheit. Man konnte unkontrolliert telefonieren und faxen. Die Planung einer internationalen Konferenz könnte nun ein Kinderspiel sein.  

Nach dem Mauerfall hatten viele keine Zeit mehr, für den Frieden zu kämpfen

Allerdings konnte die Veranstaltung jetzt nicht mehr von der Akademie finanziert werden, während sich die Preise für Unterkunft, Verpflegung und lokalen Transport gleichzeitig drastisch erhöhten. Auch die meisten DDR-Institute sagten aus finanziellen Gründen die Teilnahme ihrer Mitarbeiter am Kolloquium ab, und es schwand dort auch das Interesse: Man musste nicht mehr zu einem Kühlungsborner Kolloquium fahren, um Leute „aus dem Westen“ zu treffen. Zudem war es angesichts der zu erwartenden wissenschaftspolitischen und ökonomischen Entwicklungen praktischer, sich auf die eigentliche Instituts- und Laborarbeit zu konzentrieren als, wie es etwas makaber hieß, „für den Frieden zu kämpfen“.

Daraus resultierte im Frühjahr 1990 eine Situation, die beinahe dazu geführt hätte, das Tagungsprojekt zu streichen. Die Peinlichkeit, die ausländischen Referenten und anderen Gäste wieder ausladen zu müssen, wäre noch das geringste Problem gewesen. Aber wie sollten wir die vom Ernst-Grube-Heim zu erwartenden Stornierungskosten begleichen? Ich wandte mich an an alle möglichen potentiellen Geldgeber, von denen die  meisten überhaupt nicht reagierten. Nur die Volkswagen-Stiftung verband ihre Ablehnung mit einer Begründung: die vorgesehene Teilnehmerzahl sei viel zu hoch und entspreche nicht den Förderbedingungen.

Im Sommer informierte das Ernst-Grube-Heim, dass zu den ursprünglich vereinbarten Kosten noch 14 Prozent Mehrwertsteuer hinzukämen. Mehrere Referenten teilten mit, dass sie nur teilnehmen könnten, wenn wir die Kosten übernehmen würden. Und aus der DDR hatten sich anstelle der ursprünglich erwarteten 70 Teilnehmer nur 10 angemeldet, darunter fünf „Offizielle“ aus Ministerien, also keine Wissenschaftler. Auch das Buchprojekt drohte zu scheitern: Das Außenministerium teilte mit, es müsse wegen der veränderten Finanzsituation von seiner Zusage zurücktreten, 200 Exemplare abzunehmen. Aber der Akademie-Verlag wollte die Publikation nur übernehmen, wenn wir eine Mindestabnahme garantieren könnten. Ich bekam einen Kreislaufkollaps und lag drei Wochen flach.

Ein Telegramm der Volkswagen-Stiftung ins Krankenhaus

Aus dem Krankenhaus schrieb ich noch einmal an die Volkswagen-Stiftung, wir müssten uns definitiv am 30. Juli 1990 entscheiden, ob wir die Konferenz vielleicht ganz absagen. Aber unsere zwangsläufig weitaus geringere Teilnehmerzahl entspreche nun vielleicht den Förderbedingungen? Drei Tage vor der Krisensitzung des Vorbereitungskomitees kam ein Telegramm in die Klinik: „50.000 dm fuer btw-tagung in kuehlungsborn heute bewilligt beste genesungswuensche und gruesse schmidt volkswagen-stiftung“. Das Kolloquium war gerettet, es fand am 14. bis 19. September 1990 statt und wurde ein voller Erfolg.

61 Teilnehmer waren nach Kühlungsborn gekommen, darunter eine Delegierte der Abrüstungsabteilung des Hauptquartiers der Vereinten Nationen. Je acht Teilnehmer kamen aus der Bundesrepublik und aus den USA, weitere aus Australien, der DDR, Großbritannien, Indien, Kanada, Japan, Schweden und der Tschechoslowakei. Aus der Sowjetunion kam wenigstens einer. Eine Grußbotschaft des Stellvertretenden UN-Generalsekretärs Yasushi Akashi gab der Tagung besonderes Gewicht. Auch von der Regierung der gerade noch existierenden DDR wurde das Kolloquium gewürdigt: Der Minister für Abrüstung und Verteidigung, Rainer Eppelmann und der Minister für Auswärtige Angelegenheiten, Markus Meckel, übermittelten Grußadressen. Aus Bonn kam keine Reaktion.

Guter Ausgang – und sogar mit Perspektive 

Das bei der Planung anvisierte Ziel wurde erreicht: Die Teilnehmer erarbeiteten eine Reihe von Vorschlägen für die kommende Überprüfungskonferenz. Zum Erfolg der Konferenz trug nicht zuletzt die hervorragende Atmosphäre bei, die wir im Ernst-Grube-Heim vorfanden. Der Mann, dem wir den Tagungsort verdankten, Harry Tisch, saß währenddessen bereits in Moabit im Gefängnis. Drei Wochen später verschwand die DDR von der politischen Landkarte. Fünf Monate später konnte das mehr als 500 Seiten umfassende Konferenzprotokoll vom Akademie-Verlag herausgegeben und an alle UN-Mitgliedsstaaten versandt werden – allerdings nicht vom Auswärtigen Amt, sondern von uns. Die Volkswagen-Stiftung hatte zugestimmt, dass wir nicht verbrauchte Fördermittel dafür verwenden dürften. Die meisten Pakete brachte ich persönlich zur Post.

P.S.: Die Kühlungsborner Kolloquien über philosophische und ethische Probleme der Biowissenschaften überlebten übrigens die DDR: Bis 1995 konnten vier weitere Konferenzen veranstaltetet werden, wieder vor allem zur biologischen Rüstungskontrolle. Drei davon auf der Ostseeinsel Vilm, organisiert von meiner neuen Arbeitsstelle, dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin und finanziert von der Volkswagen-Stiftung.

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