Klimakatastrophe, Corona-Pandemie, Krieg. Große Krisen bestimmen die Gegenwart. Ein Blick in die Zukunft ist für viele deshalb mehr mit Bauchschmerzen als mit Freude und Hoffnung verbunden. Vor allem für junge Menschen ist das alles andere als einfach. Ich selbst bin 20 Jahre alt, ich lebe in Berlin. Und das hier ist mein Weckruf, mitten aus der sogenannten Generation Z.

Im Podcast „Hotel Matze“ vom 11. Mai 2022 führt der Host Matze Hielscher ein Gespräch mit der Grünen-Politikerin Claudia Roth. Eine Aussage von Roth traf mich sehr. Sie führte mir vor Augen, in welcher Lage wir uns befinden. Sie sagte, es käme nicht eine Krise nach der anderen, sondern sie würden sich so wie tektonische Scheiben übereinanderschieben. Diese Ausgangslage würde verhindern, dass wir zurück zu einer Normalität kommen. Mir kam das paradox vor.

Hatten wir uns diese „Normalität“ nicht gerade erst sehnlichst zurückgewünscht und daran geglaubt, dass wir diesen Zustand „nach Corona“ wieder erreichen werden? Immer, wenn die Infektionszahlen sinken, hört man schließlich ein leichtes Aufatmen. Doch mit dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine rückte diese ersehnte Normalität ein Stück weiter weg. Von der Klimakrise ganz zu schweigen.

Noch vor drei Jahren die Klimakrise nicht ernst genommen

Denn die gibt es ja auch noch und sie zeigt ihre Ausmaße härter als zuvor. Das muss Claudia Roth meinen, wenn sie sagt, wir werden diese „Normalität“ nicht mehr erreichen. Die Frage ist nur: Gab es sie jemals? Oder waren wir Menschen vor allem in Deutschland einfach nur sehr gut darin, die Probleme der Welt zu ignorieren?

Aber immer der Reihe nach …

Mein Verständnis für die Klimakrise hätte noch vor drei Jahren nicht anders sein können. Ehrlich gesagt, wirklich beschäftigt hat mich dieses Problem nicht. Für mich ein Thema von Freaks. Klassische Vorurteile. Heute frage ich mich: Wie konnte ich eine so offensichtlich lebensbedrohende Krise, erstens, nicht sehen und ihr, zweitens, keine Beachtung schenken?

Mein Eindruck ist: Das Thema fand nirgendwo so wirklich statt. Klar, es gab die Bewegung Fridays for Future, aber in der Schule sprachen wir nicht darüber und in der „Tagesschau“ oder im „heute-Journal“ sprach da auch kaum jemand drüber. Es konnte also gar nicht so gefährlich sein, dachte ich. Rückblickend ist mir meine damalige Einstellung unangenehm.

Gleichzeitig wünsche ich mir manchmal, ich hätte nie angefangen, mich mit der Klimakrise zu beschäftigen. Irgendwie war ich ohne dieses Wissen sorgenloser. Ich hatte einfach keine Ahnung. Was ein irrsinniger Gedanke eigentlich.

Während die Klimakrise wenigstens meinem Gefühl nach medial in den vergangenen Jahren wenig Aufmerksamkeit bekam, lese ich heute öfter Überschriften wie: „Größte Gefahr in diesem Jahrhundert“ („Tagesschau“), „Hitzewelle in Indien – so schlimm war es noch nie!“ (Deutschlandfunk) und „Klimakrise: Meteorologen melden Rekordwerte in vier Bereichen“ (Süddeutsche Zeitung).

Dabei warnen viele Wissenschaftler*innen doch schon seit Jahren vor den Folgen der Klimakrise. Der Weltklimarat (IPCC) veröffentlicht Zusammenfassungen über den Kenntnisstand der Wissenschaft. Anfang April dieses Jahres erschien ein neuer IPCC-Report mit Handlungsempfehlungen, was zu tun ist, um die Krise einzudämmen. Verhindern können wir sie eh nicht mehr.

Doch selbst in der „Tagesschau“, Haupt-Nachrichtenmedium der Deutschen, fand dieses Thema aus meiner Sicht zu wenig Beachtung. Es ist schwer zu begreifen, wie etwas, das so klar benannt wird, so wenige Leute interessiert. Medial und vor allem politisch. Und selbst, wenn es den politischen Willen gibt: Es kommt bei vielen offenbar nicht an.

Weist man auf das Thema hin, fordert, dass sich die Regierung an ihre eigenen Vereinbarungen (Pariser Klimaschutzabkommen) hält, gilt man nicht selten sofort als Aktivist*in oder als Alarmist*in. Gerade im Journalismus ist das ein Problem. Die Frage ist nur, wieso bin ich eine Alarmistin, wenn ich darüber spreche, dass die Menschheit durch ihr eigenes Handeln massiv bedroht ist? Es stimmt doch.

Das 1,5-Grad-Ziel schaffen wir nicht mehr

Dass die Erde auch sehr gut ohne uns zurechtkommt, ist bekannt. Extremwetter, Waldbrände, Artensterben, Hungerkrisen – all das wird häufiger und schreitet schneller voran. (Hier zwei Buchempfehlungen: „Klartext Klima“ von Sara Schurmann und „Deutschland 2050“ von Nick Reimer und Toralf Staud). Für uns als junge Menschen ist das eine enorme Belastung. Immerhin geht es um unsere Zukunft, und die sieht nicht so rosig aus, um es mal platt auszudrücken.

Bei mir entsteht da ein Ohnmachtsgefühl. Als wäre ich völlig handlungsunfähig. Zwar wird tagtäglich an der Zukunft gebastelt und geschraubt, aber an den falschen Stellen.

Ich erinnere an die Rohöl-Pipeline von Total in Uganda, deren Bau vor allem mit regionalen Enteignungen zusammenhängt. Die Zerstörung von Dörfern wie Lüzerath in NRW durch RWE zum Kohleabbau. Beides sind Beispiele, die zeigen, weshalb die angestrebte 1,5-Grad-Grenze nicht eingehalten werden wird. Und dann die Wasserknappheit in Deutschland, während Coca-Cola in der Lüneburger Heide das Vio-Wasser abfüllt und den Einwohner*innen vor Ort in der gleichen Zeit im Hochsommer der Zugang zum Grundwasser abgestellt wird.

Entschuldigung, aber da läuft doch – ganz objektiv gesagt – was falsch, oder?

Als am 3. Mai 2022 die Ergebnisse der Studie „Jugend in Deutschland“ veröffentlicht wurden, wurde mir klar, dass ich mit meinem Gefühl der Krisen-Müdigkeit nicht allein bin. Befragt wurden 1000 Personen, nur 14- bis 29-Jährige in Deutschland. Das Ergebnis: Die psychische Gesundheit der Jugendlichen hat sich seit dem Jahr 2010 verschlechtert.

Neben der Klimakrise war es dieses Jahr der Krieg in der Ukraine, der die Befragten beschäftigte. Dabei setzt die Erholung von der Corona-Pandemie gerade erst ein. Die Studie zeigt, die Jugend hat erhebliche Probleme mit ihren eigenen Zukunftsaussichten und auch mit Kontrollverlust. Kein Wunder, wie soll sie all die Krisen auch aushalten?

Doch während ich mich anfangs freute, mit meinen Gefühlen nicht allein zu sein, wurde mir klar, wie traurig diese Ergebnisse sind. Wie passend sagte es der Physiker Harald Lesch bei einem Treffen der Scientists for Future: „Freunde, es tut mir leid, ich muss mich entschuldigen, meine Generation hat’s verkackt.“

Während die Generationen vor uns also größtenteils verschlafen haben zu handeln, streiken Kinder freitags auf den Straßen, weil es keinen Planeten B gibt. Während sie eigentlich mit ihren Freunden Verstecken spielen und sich nicht mit den Problemen der Welt beschäftigen sollten. Und schon gar nicht: das Gefühl haben müssten, Lösungen dafür zu finden.

Pandemien wie Covid-19 werden häufiger werden

Unmittelbar mit der Klimakrise verbunden: Gesundheitskrisen. Peter Daszak ist ein britisch-amerikanischer Zoologe und warnt bereits seit Jahren vor Pandemien, die durch die Zerstörung des Ökosystems immer wahrscheinlicher werden. Die Ursache dafür ist der durch Menschen initiierte Raubbau an der Natur. Während in einigen Teilen Asiens Fledermäuse und Schuppentiere als Delikatesse gelten und sich Krankheitserreger auf den Menschen übertragen, werden die Regenwälder Brasiliens gerodet und Malaria verbreitet sich weiter.

Auch der internationale Wildtierhandel, besonders von stark gefährdeten Tierarten, trägt seinen Teil dazu bei. Wer jetzt denkt, Menschen in Deutschland würden davon nichts mitbekommen (was eh eine der größten Fehlinterpretationen ist), der irrt. Viren machen keinen Halt vor Landesgrenzen.

Was wir in den vergangenen zweieinhalb Jahren mit Covid-19 erlebt haben, werden wir in den nächsten Jahrzehnten aller Wahrscheinlichkeit nach häufiger erleben. Das macht mir Angst.

Gerade im Hinblick auf das Krisenmanagement der deutschen Bundesregierung während der Corona-Pandemie. Das Gesundheitssystem stand kurz vor dem Kollaps, die soziale Ungerechtigkeit wurde spürbarer, längst überwunden geglaubte Rollenbilder etablierten sich wieder und zu guter Letzt radikalisierten sich einige Bürger*innen und glaubten immer mehr an Verschwörungsmythen.

Auch hier war es wieder die junge Generation, die viel einstecken musste. Ich erinnere an die Kindergärten, Schulen, Hochschulen, Universitäten, die fehlenden Nebenjobs, die finanziellen Sorgen. Ich wiederhole mich, aber was die Zukunft betrifft, ist das alles nicht so ansprechend, wenn man mich fragt.

Wie gesagt, die Angst vor dem Krieg in der Ukraine beschäftigt die jungen Menschen laut der Jugendstudie 2022 derzeit am meisten. Ein Thema, das für viele sehr viel greifbarer ist als die Klimakrise, die auf dem Ranking auf Platz zwei folgt. Viele haben Angst, der Krieg könne sich durch einen Nato-Einsatz auf weitere Länder ausbreiten.

Dabei dürfen wir wieder nicht vergessen: Der Ukraine-Krieg ist nicht der einzige Konflikt, der derzeit gewaltsam ausgetragen wird. Die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan und die gefährlichen Folgen für Frauenrechte vor Ort. Das Krisengebiet im Nahen Osten. Der anhaltende Bürgerkrieg in Syrien und die bewaffneten Kämpfe der FARC-Rebellen gegen die Armee in Kolumbien. Die Liste ist lang und die außenpolitische Lage besorgniserregend.

Nehmt unsere Sorgen ernst!

Und nun erscheint es doch, als würde sich die Lage immer weiter zuspitzen. Nicht allein deshalb, weil ständig eine weitere Krise „zu warten“ scheint. Sondern auch dann, wenn man das große Ganze in den Blick nimmt. Auch politische Unruhen sind Folgen der Klimakatastrophe, der Zerstörung des Ökosystems.

Besonders hohes Konfliktpotenzial hat die Ressourcenknappheit, wie die Wasserknappheit. Vor allem der globale Süden ist schon jetzt stark von Dürren und Extremwetter betroffen.

Ich habe in den vergangenen Monaten festgestellt, dass ich mit meinen Ängsten nicht allein bin. Das hat mich traurig, aber auch hoffnungsvoll gestimmt. So komisch das zum Abschluss klingen mag: Ich finde es gut, dass wir uns diesen Problemen bewusst sind. Wir werden, aller Voraussicht nach, unser Leben daran anpassen. Aber wir dürfen uns dafür nicht zu viel Zeit lassen.

Enden möchte ich deshalb mit einem Appell an die ältere(n) Generation(en): Bitte nehmt die Ängste und Sorgen der jungen Generation ernst. Sprecht mit uns, steht uns zur Seite. Wir wollen die gegenwärtige Situation verändern. Ich denke: Es lohnt sich, für unsere Welt zu kämpfen.

Pia Pentzlin ist 20 Jahre alt und gehört selbst der genannten „Generation Z“ an. Sie studiert Journalismus und Unternehmenskommunikation an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft (HMKW) Berlin.

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