Als mein Vater im Alter von 90 Jahren starb, hinterließ er uns ein beige und blassrosa kariertes Fotoalbum, das wir noch nie zuvor gesehen hatten. Nur auf wenigen Fotos erkannte ich meine Großeltern, Tanten und Onkel in jungen Jahren und meinen Vater als Kind. Ich entschied, das Album seinen beiden Schwestern zu übergeben, die sich sicher freuen und mit den Gesichtern Erinnerungen und Namen verbinden würden.

Die Trauerfeier auf dem Friedhof in Karlshorst war zahlreich besucht. Familie, Kinder, Enkel, Kollegen und Freunde waren da. Wir hatten einen Tisch im Restaurant des Friedhofs bestellt und wie oft bei solchen Gelegenheiten löste sich die Stimmung allmählich.

Ich hatte das Fotoalbum bei mir. Die Schwester meines Vaters saß neben mir, von ihrer Trauer merklich mitgenommen. Wir blätterten etwas unkonzentriert durch die Seiten, als sie auf das Porträt eines jungen Mannes deutete und beiläufig sagte: „… und der wurde 1942 im KZ umgebracht.“

Das Schweigen in der Familie nach dem Krieg

So erfuhr ich zum ersten Mal vom Schicksal meines Großonkels Gustav Herzberg.

Was niemand von uns an diesem Tag im Juli 2017 wusste: Wir waren kaum 300 Meter von Gustavs erster Leidensstation, dem sogenannten Arbeitserziehungslager Wuhlheide entfernt. Nur durch eine Bahnschneise vom Friedhof getrennt befand sich von 1940 bis 1945 ein berüchtigtes Gestapo-Lager auf dem Gelände des heutigen Tierparks in Berlin-Friedrichsfelde.

Im Juli 1941 war Gustav dort inhaftiert gewesen, nachdem er im Juni verhaftet und zu drei Monaten Haft verurteilt worden war.

Es dauerte zwei Jahre, seine Geschichte in Erfahrung zu bringen. Ich wusste vage, dass meine Großmutter zwei Brüder gehabt hatte, einen hatten wir in der Kleinstadt im Unterharz manchmal besucht, wo die Familie lebte.

Privat
Gustav Fritz Herzberg in den 1930er-Jahren.

„Die Oma hatte noch einen anderen Bruder, der im Krieg umgekommen ist“, hieß es manchmal. Eine Sache, über die nicht gesprochen werden sollte, das schwang mit.

Meine Tante, 1934 geboren, gab zögerlich knappe Erinnerungen preis. An einen „sehr lieben Mann“, von dem sie als Kind zwei Schildkröt-Puppen geschenkt bekam, der „als Chauffeur bei einem jüdischen Arzt gearbeitet“ hatte und  „wohl irgendwie aufgeflogen“ war. Das Wort „aufgeflogen“ machte mich stutzig, ich ahnte, dass das nicht die ganze Wahrheit sein konnte, ihr vielleicht nicht einmal nahekam.

„Alle haben gewusst, dass er homosexuell war“

Der Anblick des Fotos auf der Trauerfeier hatte sie an einen alten Verlust erinnert und ausgelöst, dass sie das Schweigen kurz brach. Hätte es diesen Moment nicht gegeben, wäre die Erinnerung an Gustav Herzberg nie wieder zur Sprache gekommen.

Die zweite Schwester meines Vaters, Jahre jünger und zu spät geboren, um sich an ihren Onkel erinnern zu können, sagte mir schließlich die Wahrheit: „Alle bei uns im Ort haben es gewusst und er selbst hat immer dazu gestanden, dass er homosexuell war.“

Mein Vater, der den Namen Gustav als zweiten Vornamen trug, hat nie darüber gesprochen, was seinem Onkel widerfahren war. Auch nicht, als erst ich und dann meine Schwester die bedrückenden Klassenfahrten zur Gedenkstätte Buchenwald machten, die in der DDR obligatorisch waren.

Sein ganzes Leben lang war er an Geschichte und politischen Zusammenhängen interessiert gewesen. Er betrachtete die Geschehnisse stets von einem gut informierten Standpunkt aus, aber ohne sich selbst darin verwickeln zu lassen. Analysierte mit passivem oder sogar distanziertem Blick – vielleicht dem des Kunsthistorikers, der er war – und mied politische Organisationen.

Er war 17 Jahre alt, als er 1945 von Hitler an die Front beordert wurde und seine Heimatstadt im Harz verlassen musste. Er entzog sich von Anfang an, wo er konnte. Es gelang ihm, der bis ins hohe Alter ein gesundes Herz hatte, den Wehrmachtsarzt von einem Herzproblem zu überzeugen und dem Fronteinsatz zu entgehen. Während er bei einem General als Faktotum eingesetzt war, konnte er Mahlzeiten unbemerkt auslassen und magerte durch heimliches Hungern so stark ab, dass er noch vor Kriegsende aus gesundheitlichen Gründen nach Hause entlassen wurde.

Sein leidvoller Weg durch die Lager

Zu diesem Zeitpunkt war sein Onkel Gustav bereits seit zwei Jahren tot, ermordet im Konzentrationslager Ravensbrück. Die Familie wusste von seinem leidvollen Weg durch die Lager. Offenbar war sie sogar informiert über den Fluchtversuch aus dem Lager Wuhlheide durch einen Sprung von einer Brücke in Friedrichsfelde, denn später entwickelte seine Mutter Frieda daraus für die Nachbarn die Geschichte, dass der Sturz seine Todesursache gewesen war.

Die Eltern schickten Gustav im Jahr 1942, nach seiner Einlieferung ins Konzentrationslager Buchenwald, Geld. Sein Vater versuchte verzweifelt, ihn dort zu besuchen. Ungeheuer die Vorstellung, dass der Vater die Asche seines Sohnes nach dessen Tod im KZ Ravensbrück selbst abholte und nach Hause brachte.

Die Welt will strenge nur die Pflicht. Die wahre Liebe kennt sie nicht

Aus einem Gedicht für Gustav Herzberg

Als die Urne auf dem Friedhof seines Heimatortes beigesetzt wurde, war mein Vater 15 Jahre alt. Das alles war dem Bruder seiner Mutter geschehen. Auch wenn damals mit Kindern nicht alles besprochen wurde, müssen die Ereignisse traumatisch gewesen sein.

Meine Recherche begann im Internet. Das Arolsen-Archiv zeigte mir bereits beim ersten Versuch schwer verdauliche Ergebnisse an: sieben Karteikarten aus dem KZ Buchenwald, versehen mit Gustav Herzbergs Unterschrift. Ich nahm Kontakt mit Initiativen und einem Historiker auf, der über homosexuelle Opfer der Naziverfolgung forscht. Den Namen hatte er dokumentiert und mit dem Zusatz versehen: „Wir wissen leider nur sehr wenig über ihn.“

Gustavs Wanderstock und sein Poesiealbum tauchten auf

Ich schrieb an Bundes- und Landesarchive und setzte nach und nach ein Bild zusammen. Fragte immer wieder bei meinen Tanten nach. Gustavs Wanderstock und sein Poesiealbum tauchten auf. Darin ganz hinten ein Gedicht, gewidmet „in treuem Gedenken“ von seinem besten Freund:

„Bezwing’ Dein Herz damit es nicht/ Was es bewegt, den Menschen zeige./ Die Welt will strenge nur die Pflicht./ Die wahre Liebe kennt sie nicht./ Drum was Dein Herz bewegt/– verschweige.“

Privat
Gedicht aus dem Poesiealbum Gustav Herzbergs, 30er-Jahre.

Fotos, die seit mehr als 70 Jahren in Familienalben klebten, erwiesen sich als die besten Spuren, denn alle waren auf der Rückseite mit Datum, Ort und Erläuterungen beschriftet. Gewissenhaft hatte Gustav in seiner holperigen Handschrift seine Lebensstationen dokumentiert. Spuren, von ihm selbst ausgelegt wie Brotkrumen, denen ich folgen konnte. Immer mit einem „von Euerm Gustav“ versehen wie einem Winken aus der Ferne.

1936 war Gustav nach Berlin gezogen. Er stammte aus einer Gastwirtsfamilie und arbeitete im Gastgewerbe als Kellner, Hausmeister, Hoteldiener und Chauffeur. Die Kreuzstraße zwischen Spittelmarkt und Jungfernbrücke, in der er wohnte, existiert heute nicht mehr. Eine Arbeiterwohngegend, die an die Sophienstraße erinnerte mit den typischen Alt-Berliner Souterrainläden, einer „Besohlwerkstatt“ und „Schlafstellen“. Seine Nachbarn in der Kreuzstraße 16 waren Schneider, Maler, Kellner, Diener, Verkäuferinnen und Küchengehilfen.

Im Juni 1941 wurde Gustav verhaftet und zu drei Monaten „Arbeitserziehung“ verurteilt.

Gab es tatsächlich einen Zusammenhang mit seiner Anstellung bei einem jüdischen Arzt? Als Grund konnte die Verweigerung des „deutschen Grußes“ oder Zuspätkommen bei der Arbeit ausreichen. Oder war er „renitent“, wie es damals hieß, indem er zu seiner Homosexualität stand und sollte als unter Paragraf 175 Verhafteter in dem sogenannten Arbeitserziehungslager „umerzogen“ werden?

Die Flucht aus dem Arbeitslager gelang

Dort forderten die unmenschlichen Bedingungen im Sommer 1941 fast tagtäglich Todesopfer. Die harte Zwangsarbeit im Gleisbau, bei Brücken- und Bahnarbeiten in Lichtenberg, Karlshorst und Friedrichsfelde verursachte häufige Arbeitsunfälle. Alle Häftlinge waren unterernährt, viele krank oder verletzt. Exekutionen, Selbstmorde und grausame Bestrafungen standen auf der Tagesordnung.

Im August wurden zwei Polen, deren Fluchtversuch fehlgeschlagen war, acht Tage lang täglich von vier Uhr morgens bis 23 Uhr abends in der sengenden Sonne an einen Pfahl gefesselt. Am 5. August beging ein 25-jähriger Häftling im Lager Selbstmord durch Erhängen. Am 27. August nahm sich ein 34-jähriger Belgier das Leben, indem er sich am Bahnhof Friedrichsfelde vor einen fahrenden Zug stürzte. Zwei Wochen später, am 10. September, starb ein 58-jähriger Häftling auf die gleiche Weise.

Gustav wurde Zeuge dieser grausamen Ereignisse. Drei Monate waren seit seiner Verhaftung vergangen. Er war auf 50 Kilo abgemagert. In ihm reifte offenbar der Entschluss, zu versuchen, sein Leben zu retten. Am Vormittag des 17. September 1941, neun Tage vor seinem 34. und letzten Geburtstag, entschied er sich zu einem Sprung von einer fünf Meter hohen Brücke.

Dass er diesen äußerst riskanten Schritt wagte, zeigt die ganze Aussichtslosigkeit seiner Lage. Fluchtversuche während der Arbeitseinsätze wurden durch gezielte Schüsse der bewaffneten Wachleute beendet. Geflohene und wieder aufgegriffene Häftlinge wurden erschossen, ihre Leichen im Lager als Exempel ausgestellt. Oder sie wurden lebend ins Lager zurückgebracht und waren dort der Willkür des sadistischen Lagerkommandanten ausgeliefert.

Gustavs Flucht scheiterte, aber er überlebte. Vermutlich heißt das, dass er nicht während des Arbeitsdienstes floh. Möglicherweise war er auf dem Weg in ein anderes Lager, sodass er nicht direkt dem Schießbefehl der unbarmherzigen Lageraufseher ausgesetzt war.

„… steht im Verdacht, sich gegen Paragraf 175 vergangen zu haben“

Er wurde mit dem Verdacht auf Schädel- und Beckenbruch in das Polizeikrankenhauses in der Scharnhorststraße 13 in Berlin-Mitte eingeliefert, wo sich eine Krankenstation mit Zellen für Gefangene der Polizei befand. Obwohl keine Knochenbrüche festgestellt wurden, blieb er zwei Monate im Krankenhaus. Seine Blutwerte waren schlecht, ein Husten kam hinzu, Röntgenbestrahlungen wurden verordnet.

Aber für Gustav gab es kein Entrinnen. Ende November wurde er „zur Dienststelle hin“ entlassen, in das berüchtigte Polizeigefängnis am Alexanderplatz, das auf dem Areal des heutigen Alexa stand – zurück in die Fänge seiner Verfolger.

Die nächste Spur, die ich von Gustav fand, war die Karteikarte seiner Registrierung im KZ Buchenwald vom 12. Februar 1942.

Was in den elf Wochen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus geschah, ist unbekannt. Es gab keinen juristischen Vorgang wie Anklage, Prozess oder Verurteilung. Er kam, wie es ganz auf einer Karteikarte steht, wegen eines „Verdachts“ ins Konzentrationslager. Im Feld „Grund“ liest man: „… steht im Verdacht, sich gegen Paragraf 175 vergangen zu haben“.

Endlich ehrt ihn ein Stolperstein

Bei seiner Ankunft in Buchenwald hatte er nur noch sehr wenig bei sich, kaum Kleidung und nur 39 Pfennig Bargeld. Er wurde einer Strafkompanie für Häftlinge zugeteilt, die als „Kriegssaboteure“ bezeichnet wurden, und musste unter härtesten Bedingungen im Steinbruch als Steinträger arbeiten.

Nach vier qualvollen Wochen wurde er am 13. März 1942 mit 800 anderen Häftlingen in das Männerlager des Konzentrationslagers Ravensbrück in Brandenburg überführt. Aus Ravensbrück sind keine Dokumente überliefert, bis auf der Zeile in einem Nummernbuch, in dem seine Häftlingsnummer und sein Todesdatum verzeichnet sind.

Gustav Herzberg starb am 26. Juni 1942 im Alter von 34 Jahren im Konzentrationslager Ravensbrück.

Seit dem Februar 2020 liegt ein Stolperstein dort, wo die Kreuzstraße einmal von der Kurstraße abbog. In der Gedenkstätte Ravensbrück wird dieses Jahr eine Ausstellung an das Schicksal der dort zu Tode gequälten Homosexuellen und auch an Gustav Herzberg erinnern. „Er steht jetzt beispielhaft für die vielen anderen“, sagte mir einer der engagierten Berliner, die ich im Laufe meiner Recherche kennengelernt habe. Das hat mich sehr bewegt.

Gustav ist mir nah und vertraut geworden, während ich im Fast-Vergessen nach seinen Spuren gesucht habe. Sein Todestag jährt sich in diesem Jahr zum achtzigsten Mal.

Ich hätte ihn wirklich gern kennengelernt.


Am 26. Juni um 14 Uhr wird es am Stolperstein Kurstraße 22, 10117 Berlin, ein Treffen zum Gedenken an Gustav Herzberg geben.

Xenia Trost, geboren 1963 in Ost-Berlin, ist gelernte Buchbindermeisterin und produziert handgemachte Seifen in Karlshorst. Als ein Stolperstein für ihren Onkel verlegt werden sollte, hat sie seine Biografie aufgeschrieben, daraus entstand dieser Text.


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