Lange vor Tesla: Die „Hochschule der Polizeihunde“ in Grünheide

Anfang des letzten Jahrhunderts wurden in Grünheide Hunderte Polizei- und Rettungshunde ausgebildet. Der Einsatz der Vierbeiner war nicht immer unproblematisch.

Das Gebäude der ehemaligen Ausbildungsstätte für Polizeihunde. 1947. Das Präsidium der Polizei Berlin begann 1910 in einem großen Waldgelände an der Großen Wallbrücke (heutiges Schulgelände) mit dem Aufbau einer Ausbildungsstätte für Polizeihunde, die später auch internationale Bedeutung gewann.
Das Gebäude der ehemaligen Ausbildungsstätte für Polizeihunde. 1947. Das Präsidium der Polizei Berlin begann 1910 in einem großen Waldgelände an der Großen Wallbrücke (heutiges Schulgelände) mit dem Aufbau einer Ausbildungsstätte für Polizeihunde, die später auch internationale Bedeutung gewann.Archiv der Gerhard-Hauptmann Grundschule Grünheide

Nachdem der Verein für Deutsche Schäferhunde dem Berliner Polizeipräsidium zwei Hunde zu Probeversuchen übergeben hatte, wurden sie Anfang 1907 in Berlin und zehn anderen deutschen Großstädten eingesetzt. Aber schon Ende des Jahres sorgten die Hunde für Ärger in Pankow. Der Vorwärts schrieb dazu am 29. August 1907: „(…), daß die sogenannten Polizeihunde auch ‚außerdienstlich‘ mit den Polizeibeamten in Zivil ohne Maulkorb im Park herumlaufen; da diese Köter nicht die gewünschte Disziplin haben, so werden die Kinder in Angst versetzt …“.

Dieselbe Zeitung schreibt dann aber am 12. Dezember: „Polizeihunde sind bisher im Tiergarten verwendet worden, um die Anlagen von dort nächtigenden Personen zu befreien. Diese Hunde sollen sich so gut bewährt haben, daß sie auch in anderen Stadtgegenden Verwendung finden sollen, insbesondere sollen sie sowohl im Friedrichshain als auch im Humboldthain in Kürze benutzt werden.“ Am 15. Januar 1910 heißt es wieder kritisch im Vorwärts: „Es vergeht kaum ein Tag, ohne daß in der polizeibeflissenen Presse ein Loblied auf den Polizeihund gesungen wird. Offenbar sieht man das am Alexanderplatz sehr gern und spielt gewisse Register mit entsprechend gefärbten Nachrichten, die auf das leichtgläubige Publikum losgelassen werden sollen.“

Der sozialdemokratische Vorwärts war nicht zuletzt deshalb so schlecht auf die „Polizeiköter“ zu sprechen, da sie auch bei politischen Veranstaltungen der SPD zum Einsatz kamen. Einer ihrer Abgeordneten ersuchte im Februar 1911 den Minister in einer Sitzung des Abgeordnetenhauses, „eine Instruktion zu erlassen, in welchen Fällen und wie die Polizeihunde zu verwenden sind. Allerdings muß er sie so abfassen, daß die Intelligenz der Polizeibeamten sie auch begreifen kann“.

Die Polizei war offenbar so zufrieden mit den Schutzhunden, dass das Preußische Innenministerium im Jahre 1909 den Bau einer Dressuranstalt für Polizeihunde anordnete. Die Budgetkommission des Abgeordnetenhauses bewilligte dafür im Etat des Ministeriums des Innern im „Extraordinarium“ 27.000 Mark. Dieser Ausgabe wurden Einnahmen von 8000 Mark gegenübergestellt, die aus der Verwendung der Hunde erzielt werden sollten. Die Staatsforstverwaltung stellte dann dem Preußischen Innenministerium dafür ein Gelände von ca. 90 Morgen (22,5 Hektar) zwischen Grünheide und Fangschleuse an der alten Löcknitz zur Verfügung. Gebaut wurden zunächst ein Wirtschaftsgebäude und fünf Zwinger für je fünf Hunde auf einem umzäunten Gelände mit Kiefernbestand.

Polizeihund mit umgeschnallten Blaulicht  - hier Polizeidiensthunde-Landesmeister Danny von der Zarge in Dessau
Polizeihund mit umgeschnallten Blaulicht - hier Polizeidiensthunde-Landesmeister Danny von der Zarge in Dessauimago/Steffen Schellhorn

„Rücksichtslos scharf“ sollten die Hunde sein

Der Polizeimajor Klein aus Berlin wurde Leiter der Staatlichen Zucht- und Abrichteanstalt. Der erste Lehrgang in Verantwortung des Polizeipräsidiums Berlin begann am 6. Juni und dauerte bis zum 31. Juli 1911. Der Kriminalsekretär Paul Böttger, Leiter der Ausbildungsstelle für Kriminaldiensthunde, führte den Lehrgang mit weiteren Beamten des Polizeipräsidiums durch.

Im Jahre 1912 übernahm dann der von der Polizeidirektion Saarbrücken kommende königliche Kriminalkommissar Polizeileutnant Konrad Most die Leitung der Einrichtung. Er galt aufgrund seiner Erfahrungen als Kapazität, war Sachverständiger in vielen Gerichtsprozessen und hatte einen „Leitfaden für die Abrichtung des Polizei- und Schutzhundes mit psychologischen Begründungen“ (1910) veröffentlicht.

Nunmehr fanden jährlich 3 bis 4 Lehrgänge zur Ausbildung zum Polizeihundeführer mit zehn bis 20 Beamten statt. Die Unterrichtskurse dauerten jeweils ein Vierteljahr. Ausgebildet wurden zum einen Schutz- und Begleithunde der uniformierten Polizeibeamten für Streifen in gefährdeten Gegenden und zum anderen Spürhunde für den Dienst bei der Kriminalpolizei. Letztere wurden als „kriminaltechnisches Hilfsmittel“ bei der Sucharbeit genutzt.

Die Schutz- und Begleithunde – Deutsche Schäferhunde, Dobermann-Pinscher, Airedale-Terrier, Rottweiler, Riesenschnauzer, Deutsche Boxer – sollten „rücksichtslos scharf“ sein und keinerlei Reaktion auf Schüsse zeigen. Sie kamen auch in den Gefängnissen zur Bewachung der Höfe, dem Aufspüren von Gefangenen in der Anstalt beziehungsweise nach der Flucht als auch zum Schutz der Wachhabenden zum Einsatz. Um Hunde im Polizeidienst überall und jederzeit einsetzen zu können, wurden sie sogar in Flugzeugen der Deutschen Lufthansa mitgenommen, um ihre Flugfähigkeit zu testen.

In der Zeit des Ersten Weltkrieges unterstand die Schule der Heeresleitung und wurde von dem inzwischen zum Major beförderten Most geleitet. Bedarfsgerecht bildete man nun vor allem Sanitäts- und Meldehunde aus. Nach dem Krieg übernahm das Preußische Innenministerium wieder die Schule. Leiter der Einrichtung wurde Oberleutnant Schönherr. Er erhöhte die Zahl der Lehrgänge auf vier pro Jahr, wobei jeweils etwa 100 Hunde ausgebildet wurden. Dafür war im Jahre 1924 ein Ausbau der Schule notwendig, sodass weitere Zwinger, Unterrichts- und Freizeitgebäude hinzukamen. Dadurch konnten später über 200 Hunde jährlich ausgebildet werden.

Im Jahre 1936 erhielt die Anstalt den Namen „Polizeischule für Hundewesen“. Leiter der Einrichtung wurde Major Bellwill, vor Ort war der Polizeihauptmann Hannebauer verantwortlich. Nunmehr bildete man Hundeführer und Diensthunde sowohl für Polizisten als auch für Grenz- und Zollbeamte aus. Drei Jahre später wurde auf dem Schulgelände eine Kaserne mit Kantine, Wirtschafts- und Gesellschaftsräumen für zehn Offiziere und 100 Mitarbeiter gebaut.

Die „Universität Grünheide“ war international bekannt

Die Grünheider Einrichtung war so erfolgreich, dass sie sich auch international einen Namen machte. Nicht nur aus ganz Deutschland, sondern auch aus dem Ausland kamen Polizisten nach Grünheide zur Ausbildung. Zudem wurden Hunde ans Ausland verkauft. So zum Beispiel im März 1922 der zweijährige Deutsche Schäferhund „Facky“ und die dreijährige Deutsche Schäferhündin „Wanda“ vom chinesischen Innenministerium „für einen angemessenen Preis“. Um ein Vertauschen der Hunde bei der Ausreise zu verhindern, wurden die wertvollen Tiere „an verborgenen Stellen tätowiert“ und fotografiert. Eine chinesische Studienkommission aus hohen Beamten zeigte schon im Juli 1910 bei einem Berlin-Besuch großes Interesse an den deutschen Polizeihunden. Wahrscheinlich hat China noch mehr Hunde für den Polizeidienst erworben.

Im September 1926 bekam die Hundeschule sogar ein eigenes Krankenhaus mit vier gesonderten Flügeln zur Behandlung und Heilung erkrankter Hunde. Es verfügte über eine chirurgische Abteilung, ein Laboratorium und einen Seziersaal. Die Presse schrieb, dass manches Lazarett für „Menschenkinder“ schlechter ausgestattet sei als dieses Krankenhaus. Geleitet wurde das Krankenhaus vom Veterinärrat Dr. Heinze. Bemerkenswert, dass er wohl auch Einfluss auf die Ausbildung nahm und die „sanfte Unterrichtsmethode“ eingeführt haben soll, sodass keine Peitsche und kein Stachelhalsband (mehr) zum Einsatz kamen. Er setzte auf Güte, mit der der Verstand und der Ehrgeiz der Hunde geweckt werden sollten.

Neben der Krankenbehandlung forschte man unter anderem an der Verbesserung der benötigten Anlagen der Hunde für den jeweiligen Polizeidienst. Dazu gehörten Zuchtexperimente wie etwa die Kreuzung zwischen einer Schäferhündin und einem Abruzzenwolf, um dann die besondere Eignung der „Zuchtprodukte“ für die Spurensuche oder den Personenschutz zu testen. Spätestens jetzt war die Grünheider Ausbildungsstätte eine einzigartige Einrichtung. Die Presse sprach deshalb sogar von der „Universität Grünheide“ oder der „Hochschule der Polizeihunde“.

Obwohl die Ausbildung der Polizeihunde in Grünheide auf hohem Niveau stattfand, waren sie keineswegs immer so erfolgreich wie angenommen und erhofft. Das betraf vor allem die Spürhunde. Schon 1913 räumte Most bei einer Mordverhandlung vor dem Schwurgericht Ravensburg ein, dass Polizeihunde zwar imstande seien, eine menschliche Spur aufzunehmen und festzuhalten, sich aber unsicher wären, sobald es sich darum handle, Spuren verschiedener Menschen auseinanderzuhalten. Diese Aussage hatte zur Folge, dass die Geschworenen ihr Todesurteil korrigierten.

Am 19. März 1913 erbrachten Versuche im Treskowschen Schlosspark zu Friedrichsfelde in Anwesenheit hoher Polizeibeamter und Polizeihundeführer sowie eines Berliner Tierpsychologen enttäuschende Spürleistungen der getesteten Hunde. Der Vorwärts nahm das zum Anlass, um am 10. Dezember 1913 zu fragen: „Wird es nun aufhören, daß Kriminalbeamte mit ihren Renommierkötern provozierend durch die Berliner Straßen ziehen?“

Most. Abrichtung des Polizeihundes. Zeitschrift Polizeihundedressur, 1935
Most. Abrichtung des Polizeihundes. Zeitschrift Polizeihundedressur, 1935imago/Archiv

Fehlerquote von 95 Prozent: „Der unvollkommene Kriminalhund“

Mitte der Zwanzigerjahre gerieten die Polizeihunde dann massiv in die Kritik. Die Deutsche Allgemeine Zeitung vom 4. Januar 1926 veröffentlichte einen längeren Beitrag mit der Überschrift: „Der unvollkommene Kriminalhund“. Darin heißt es: „Nun scheint sich herauszustellen, daß die viel bewunderten Leistungen der Kriminalhunde häufig auf Täuschung beruhen und daß die Hunde die ihnen nachgerühmten Fähigkeiten nicht immer besitzen.“

Die Graudenzer Polizeiverwaltung und die Kriminalpolizei Berlin veranlassten „amtliche Versuche mit Diensthunden“. Das Ergebnis war verheerend. „Ausarbeiten einer älteren Spur: 9 Versuche, 0 Treffer; Spurenreinheit auf frischer Spur: 8 Versuche, 0 Treffer; Heraussuchen eines Gegenstandes auf Grund der Witterung des Besitzers: 6 Versuche, 1 (hinfälliger) Treffer; Heraussuchen eines Menschen auf Grund von dessen Spur: 1 Versuch, 1 (hinfälliger) Treffer; Heraussuchen eines Menschen auf Grund der Witterung eines ihm gehörenden Gegenstandes: 3 Versuche, 0 Treffer. Zusammen 27 Versuche, 2 Treffer.“ Ein weiterer Versuch ergab ein ähnliches Ergebnis: 41 Versuche, 2 Treffer. Die „besten und berühmtesten Kriminalhunde“ hatten zu 95 Prozent versagt. Eine große Blamage.

Die Öffentlichkeit forderte ein sofortiges Verbot der Verwendung von Hunden im Kriminaldienst. Warum die Hunde hier so kläglich versagten, bleibt rätselhaft, zumal auch immer wieder „Spürerfolge“ im Polizeidienst gemeldet wurden. Die Kritik änderte letztlich auch nichts am Bestand der Schule und dem Einsatz der Hunde im Polizeidienst. Anfang der Dreißigerjahre arbeitete Grünheide auch mit der Diensthund-Versuchsabteilung der Polizeidirektion München arbeitsteilig bzgl. der Steigerung der Spürfähigkeit der Hunde zusammen.

Wenn Tesla heute in Grünheide nicht nur Befürworter hat, so war das „gestern“ mit der Hundeschule nicht anders. Der Verschönerungsverein des Ortes protestierte im Jahre 1925 massiv gegen deren weiteren Ausbau wegen Verschandlung der Umgebung, Sperrung eines öffentlichen Weges, Lärm- und Geruchsbelästigung. Außerdem gab es Beschwerden über ausgebrochene Hunde, die Schaden anrichten würden. Gegen den Protest standen Arbeitsplätze und Einkommen für die Bevölkerung. Handwerker, Gastronomen und Vermieter profitierten von der Einrichtung. So blieb die Staatliche Zucht- und Abrichteanstalt bestehen und wurde ausgebaut. Erst das Ende des Zweiten Weltkrieges besiegelte auch ihr Ende.

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